Weihnachtspredigt von Peter Kossen

Weihnachten trotz(t) moderner Sklaverei

Eine Caritas-Mitarbeiterin im Landkreis Cloppenburg berichtete in diesen Tagen Folgendes: Ein Familienvater arbeitet im Oldenburgischen in der Landwirtschaft. Sein Lohn für mehr als 40 Stunden Arbeit pro Woche wird ihm nicht ausgezahlt. Er muss ihm immer wieder hinterherlaufen. Seine Miete aber läuft weiter. Mit seiner Frau und den beiden Kindern (4 und 2 Jahre) muss er zur Tafel gehen. – Im November kommt die Familie wieder einmal zur Tafel und erhält die Menge an Lebensmitteln, die ihr zusteht. Darauf fragt eine Ehrenamtliche das 4-jährige Mädchen: „Möchtest du noch etwas Süßes?“ Darauf das Mädchen: „Brot wäre mir lieber.“ Die Ehrenamtliche bespricht sich mit Kolleginnen und gibt dem Mädchen einen zusätzlichen Laib Brot. Die Ehrenamtliche: „Möchtest du jetzt noch was Süßes?“ Das Mädchen: „Brötchen wären mir lieber.“

Der katholische Sozialpfarrer Peter Kossen fordert zu Weihnachten mehr Einsatz für eine gerechtere Wirtschaftsordnung.
Der katholische Sozialpfarrer Peter Kossen fordert zu Weihnachten mehr Einsatz für eine gerechtere Wirtschaftsordnung.

Bethlehem heißt übersetzt „Brothaus“. Mit Bethlehem verbinden wir die Menschwerdung Gottes, Weihnachten. „Brothaus“, so sagt es die Bibel, ist der Geburtsort Jesu. Wie kann man Weihnachten feiern, wenn Kinder in einem reichen Land, wenn Kinder in irgendeinem Land der Welt, um Brot betteln? Was hat die Weihnachtsgeschichte und all die Feierlichkeit mit dieser Wirklichkeit zu tun? Was wollen wir feiern und warum? Wenn der Himmel auf die Erde kommt, dann stürzen die Mächtigen vom Thron und die Kleinen kommen groß heraus, dann reicht es nicht aus, festliche Weihnachtslieder zu singen! Im 8. Jahrhundert vor Christus ruft der Prophet Amos als Stimme Gottes in den feierlichen Tempelgottesdienst hinein: „Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben, und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!“ Amos sagt deutlich: Ohne das Ringen um Gerechtigkeit ist jeder Gottesdienst, ist auch Weihnachten, wertlos! Es gibt kein Weihnachten ohne Bezug zur Wirklichkeit, so bitter, wie diese sein mag.

Jeden Tag kaufen in Deutschland eine Million Männer den Körper einer Frau. Fast der ganze deutsche Straßenstrich wird bedient durch Mädchen und Frauen aus Rumänien und Bulgarien. So an der B 68 zwischen Bersenbrück und Bramsche. Oft sind es Roma, oft Analphabetinnen, nicht selten sind es Minderjährige. Die wenigsten von ihnen kommen nach Deutschland, um hier auf den Strich zugehen. Sie werden vielmehr hierher gelockt mit dem Versprechen einer Arbeit in der Gastronomie oder im Frisörhandwerk. Einmal in Deutschland angekommen, werden sie jedoch in großer Zahl zur Prostitution gezwungen und gefügig gemacht mit Drogen und angedrohter und mit ausgeführter körperlicher und psychischer Gewalt; und dies nicht selten von den gleichen Leuten, die im Hauptgeschäft Männer und  Frauen als Billiglöhner in die Fleischfabriken schleusen. International agierende Rockerbanden zum Beispiel nutzen die Arbeitnehmer-Entsendung zum Menschenhandel. Zynisch formuliert kann man sagen: „Fleisch ist Fleisch“ und das eine wird so verächtlich behandelt und gehandelt, wie das andere – mit dem Unterschied, dass Tierhandel und Tierhaltung stärker reguliert ist…

Ist unsere westliche Welt, sind wir, träge geworden, wohlstandssatt, dass solches passieren kann, mitten unter uns? „Weihnachten offenbart die Temperaturen im Umgang der Menschen untereinander“, sagt Kardinal Karl Lehmann. Es beginnt mit der Denke und zeigt sich in der Sprache. Ein kleiner Junge sagte einer Bekannten in Westerbakum bei Vechta: „Ich wünsche mir zu Weihnachten einen Trecker und einen Polen dazu!“ Von wem hat er das?

Wenn der Papst von den „Weggeworfenen“ der Gesellschaft spricht, dann meint er auch die Opfer solcher Wirtschafts-Systeme. Er sagt: „Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.“ Evangelii gaudium 53

Arbeitsmigranten aus Polen, Litauen, Ungarn, Tschechien, Rumänien und Bulgarien hausen – zum Teil mit Kindern – in slumartigen Verhältnissen auf Campingplätzen oder in verwohnten und verschimmelten Bruchbuden, manchmal in alten Fabriken oder Kasernen und sogar in Viehställen. Hausärzte wie mein Bruder behandeln das Phänomen der „Totalerschöpfung“ bei Menschen, die gezwungen werden, über Monate hinweg sechs Tag in der Woche und bis zu 15 Stunden täglich zu arbeiten. Sind sie krank, lassen sie sich nicht krankschreiben aus Angst, dann ihren Job und ihre Wohnung und alles zu verlieren. Vor ein paar Tagen hat eine Patientin, eine polnische Arbeiterin in einer Großschlachterei, mit einer Schnittwunde in der Hand zu meinem Bruder gesagt, sie könne sich auf keinen Fall krankschreiben lassen. Die Vorarbeiterin habe ihr gedroht: „Wenn du mit einer Krankschreibung kommst, zerreiße ich den Schein und du kannst gehen!“  So schuften und leiden sie und viele andere Frauen und Männer still als moderne Sklaven.

Weihnachten geschieht in Bethlehem, in „Brothaus“. Alle 10 Sekunden stirbt auf der Welt ein Kind unter fünf Jahren an Hunger: das sind mehr als 8500 Kleinkinder am Tag, mehr als 3,1 Millionen Kleinkinder im Jahr! Dabei werden schon seit 20 Jahren so viele Lebensmittel produziert, dass jeder Mensch auf der Welt jeden Tag satt werden könnte. Könnte! „Verteilungsgerechtigkeit“ ist das Stichwort. Wir haben kein Knappheitsproblem. Wir haben ein Verteilungsproblem! Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt mehr als die Hälfte des globalen Reichtums. Eigentum ist jedoch immer geliehen; ungeschmälert schulden wir es der nachfolgenden Generation. Als Leihgabe verpflichtet Eigentum zur Solidarität. Eine zukunftsfähige Weltwirtschaftsordnung geht von einem Menschenbild aus, das ein Recht auf Teilhabe an den Gütern der Erde allen zuspricht. Hunger ist das größte lösbare Problem der Welt! Wenn Menschen hungern oder unter unwürdigen Umständen arbeiten und leben, egal, wo, dann dürfen wir uns nicht damit abfinden!

Wenn Gott in einem Stall Mensch wird, dann zeigt er, auf wessen Seite er steht und auf wessen Seite auch wir stehen sollten. Weihnachten hat deshalb mit dem Einsatz für Flüchtlinge und Wanderarbeiter, für faire Löhne und menschenwürdiges Leben und gegen den Hunger zu tun. „Frieden auf Erden“ gibt es nicht ohne Gerechtigkeit für alle.

Weihnachten: Gott wird Kind in Bethlehem, in „Brothaus“, und er will die Welt verwandeln. Jesus zeigt uns: Die Revolution der Liebe ist lautlos, unscheinbar, zum Scheitern verurteilt und doch im letzten siegreich. Er ist in seiner Liebe wehrlos; aber gerade diese Liebe wird alles verändern und jede andere Macht überwinden. Gott hat etwas in Gang gesetzt, das ist nicht mehr aufzuhalten. Und überall, wo Menschenwürde und Kinderrechte geachtet und geschützt werden, da blitzt etwas auf von dieser neuen Wirklichkeit. Lassen wir uns anstecken und begeistern! Lasst uns Botschafter der guten Nachricht und Bauleute einer neuen Welt sein! Wo kein Kind mehr um Brot betteln muss, da ist „Frieden auf Erden“.

8 Gedanken zu „Weihnachtspredigt von Peter Kossen

  1. Ich finde es sehr gut und mutig, dass die Weihnachtspredigt von Pfarrer Kossen hier auf BlogAgrar veröffentlicht wird. Die Ausbeutung vor allem südosteuropäischer ArbeiterInnen in der Fleischindustrie ist eine der Bedingungen für die Weltmarktfähigkeit der deutschen Fleischindustrie. Nur mit extremem Kostendruck und Dumping entlang der gesamten Produktionskette, angfangen bei den Bauern, sind die Exporterfolge unserer Fleischkonzerne überhaupt möglich. Wer zu Preisen von Drittweltländern produzieren will, muss auch Arbeitsbedingungen wie in Drittweltländern in Kauf nehmen. Wie nachhaltig kann eine Branche sein, deren Konzept auf Ausbeutung basiert? Es sind unsere „Partner in der Wertschöpfungskette“, die von diesen Zuständen profitieren! Dagegen sollten wir uns gemeinsam mit Gruppen in der Gesellschaft wie Gewerkschaften, kirchlichen Hilfswerken und NGOs aus den Bereichen Umwelt- und Tierschutz wehren. Dann haben wir Bäuerinnen und Bauern auch gute Argumente für bessere Wertschätzung und Wertschöpfung!

  2. Mich stört sehr, wie locker verallgemeinert wird.
    Folgender Satz beispielsweise (und was anekdotisch hinterher kommt ist noch viel schlimmer)
    „Arbeitsmigranten aus Polen, Litauen, Ungarn, Tschechien, Rumänien und Bulgarien hausen – zum Teil mit Kindern – in slumartigen Verhältnissen auf Campingplätzen oder in verwohnten und verschimmelten Bruchbuden, manchmal in alten Fabriken oder Kasernen und sogar in Viehställen.“

    Meine Erntehelfer kommen gern. Bekommen Mindestlohn. Haben von dem Geld das sie hier verdienen zuhause eine Existenz aufgebaut, Häuser gebaut, ihre Kinder studieren lassen.

    Ich sehe hier absolut keine Veranlassung ein schlechtes Gewissen zu haben. Und lasse mir das auch nicht einreden.

    Aber solche wie ich seien ja gar nicht gemeint?
    Ja. Genausowenig wie die der einzelne Bauer wohl von den aktuellen medialen und gesellschaftlichen Debatten gänzlich unberührt ist.

    1. Ich würde mir auch eine differenzierte, faire Betrachtung sehr wünschen. Es stimmt, nicht wenige Menschen aus Osteuropa bauen sich und ihren Familien hier eine neue Zukunft fern der Heimat auf.

      Ich muss da jetzt vom Hörensagen erzählen, aber die meisten Landwirte, die von den Unterkünften bzw. dem Umgang ihrer Berufskollegen mit den Arbeitsmigranten erzählen, sagen, das läuft gut. Ausnahmen bestätigen die Regel. Von einigen Bauern hört man, sie würden den Suffköppen nie das ganze Gehalt auszahlen. Damit am Ende was für eine vernünftige Heimreise und möglichst auch für die Familien übrig bleibt.

      „Der Pole“ – klar hört sich das blöde an. Was aber nicht selten dahintersteckt, sind für beide Seiten zufriedenstellende Arbeitsverhältnisse, wo die Leute ihre Familien nachholen und mit Unterstützung der Landwirte sich eine neue Existenz aufbauen.

  3. „Suffköppe“, Frau Annelies? Haben sie niemanden, der Ihre Kommentare mal überliest, bevor Sie sie in die Welt hinausposaunen? Finden Sie Ihre Reaktion auf die Predigt von Peter Kossen angemessen? Peinlich!

    1. Woran stören Sie sich konkret, Herr Ilchmann? ? Vlt. habe ich mich missverständlich ausgedrückt? Will sagen: Suffköppe = die schweren Alkoholiker unter den Angestellten. Damit sind die gemeint, die ihren Lohn komplett in den nächsten Supermarkt tragen und in Fusel investieren. Da hat es in den letzten Jahren ein paar Vorfälle gegeben, woraufhin einige Bauern (wenige) nicht sofort das ganze Geld ausgezahlt haben. Ist aber bloß ein sehr geringer Prozentsatz der Angestellten. Und ob ich diese eigenmächtige Handlung der Landwirte gutheiße, weiß ich nicht. Ist zwar gut gemeint, aber nicht sooooo astrein.

      Aber nett von Ihnen, dass Sie mich stets so aufmerksam im Blick haben und mit aufbauender Kritik begleiten. Danke!

      1. Niemand kann sich heute auf einem modernen landwirtschaftlichen Betrieb leisten wissentlich schwere Alkoholiker zu beschäftigen. Wie soll so jemand verlässlich gute landwirtschaftliche Praxis umsetzen? Sehr merkwürdiges Beispiel Frau Annelies.

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