Verantwortung

Seit längerer Zeit hab ich nichts mehr auf BlogAgrar geschrieben. Mal auf die Schnelle ein Video auf Instagram, mehr nicht. Die Gründe waren einerseits, dass ich nicht die Zeit und die Muße hatte, mich abends an den Computer zu setzen. Desweiteren stellt sich auch die Frage, ob “heutzutage” lange Texte, die ausschließlich in einem Blog veröffentlicht werden, noch zeitgemäß sind und gelesen werden. Aber ein Vorsatz für dieses neue Jahr war, hier wieder mehr zu veröffentlichen, und nach 17 Tagen ist es nun endlich soweit!

Denn es schärft bei mir auch meine Gedanken, wenn ich an einem längeren Text feile. Viel zu viel war ich die letzten Wochen auf Social Media unterwegs und hab viele Beiträge und Videos von Agrarinfluencern gesehen und kommentiert. Und kommentiert. Und nochmals kommentiert. Facebook, Instagram und Co schaffen es, mich durch andere Meinungen, die ich meine, nicht so stehen lassen zu können, anzufixen.

Der Drang zum Kommentieren

Warum mach ich das? Erstens, weil ich immer mal wieder die Hoffnung habe, jemanden zu überzeugen. Zweitens, weil ich, wenn ich auch das nicht schaffe, in den Kommentaren einen Gegenpol hinterlassen will. Damit auch andere Meinungen repräsentiert werden.

Das führt dazu, dass ich durchaus Gegenwind erhalte und das oft nicht zu knapp. Auf Twitter sind es, wenn man die Profile anklickt, immer rechtsextreme oder linksextreme Spinner, auf Facebook und Instagram sind es Leute aus der landwirtschaftlichen Bubble, die nicht meiner Meinung sind. Und das ist auch gut so. Meine Meinung ist erstens nicht der Weisheit letzter Schluss und zweitens wäre das Leben ja auch extrem langweilig, wenn niemand widersprechen würde.

Nur andere Meinung oder “Schmarrn”?

Was mich aber zunehmend stört und auch ein Grund meiner vielen Kommentare ist, sind Unwahrheiten, die verbreitet werden. Videos und Texte, wo bewusst oder unbewusst “Schmarrn” erzählt wird. Als Beispiel will ich hier Mercosur nennen. Hier ging – und geht es immer noch – in der landwirtschaftlichen Bubble rund. Ich glaube, dass mittlerweile alle AgrarinfluencerInnen dazu ein Statement abgegeben haben, neben den Akteuren der Bauernverbände, LsV und Co.

Beispiel Mercosur

Das Freihandelsabkommen Mercosur ist nun unterzeichnet, das EU-Parlament muss noch zustimmen, aber dort dürfte es eine sichere Mehrheit haben. Es gibt viele Pro und Contras bei diesen Abkommen. Heute hat zum Beispiel die Tagesschau darüber berichtet, dass man in Argentinien um seine Autoindustrie Angst hat. In Europa sieht man vor allem in den Verhandlungen zur Landwirtschaft viele Nachteile für die europäischen LandwirtInnen. Vor allem beim Rindfleisch und beim Zucker befürchtet man sinkende Preise durch das Mercosur-Abkommen. Diese Befürchtungen sind durchaus berechtigt, aber wie stark diese Auswirkungen sind, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Und genau hier ist das Problem. Wenn zum Beispiel Milchviehhalter ein Video drehen, wo sie behaupten, ihre Existenz wäre durch Mercosur gefährdet, ist das einfach Blödsinn. Im Gegenteil: Die Mercosurstaaten nehmen sogar 50000 Tonnen Milchprodukte, vor allem Käse, zollfrei auf. Ich habe bei vielen dieser Videos das Gefühl, dass man sich wenig damit befasst hat, was letztlich ausgehandelt wurde. Aber geschimpft ist gleich. Ist ja auch viel einfacher, als ausgewogen darüber zu sprechen.

Natürlich wird dann auch über den Bauernverband geschimpft, der nichts getan hat. Auch hier haben diese Kritiker 20 Jahre keine einzige Mitteilung des Bauernverbandes über die Verhandlungsfortschritte gelesen. Sie waren auf keiner Versammlung und keiner Sitzung, in der dieses Thema diskutiert wurde.

Influencer sind nicht am Stammtisch

Das ist alles grundsätzlich kein Problem. Gerne kann jemand am Stammtisch oder in den Drukos so einen raushauen, provozieren, seine Meinung äußern, ohne Bescheid zu wissen. Aber hat man nicht als jemand, der zehntausende von Followern hat, eine gewisse Verantwortung? Muss man sich da nicht die Zeit nehmen, sich erst einmal einzulesen? Sollte man sich nicht auch die Zeit nehmen, Kommentare zu löschen, die unter die Gürtellinie gehen? Und wenn man diese Zeit nicht hat – sollte man dann vielleicht einfach kein Video hochladen?

Unsere Gesellschaft triftet immer mehr auseinander. Unter anderem dadurch, weil sich viele Menschen durch Social Media wahnsinnig machen lassen. Vor 20 Jahren haben wir Mercosur nur im Fachausschuss diskutiert. Haben damals schon kritisiert, dass 1 % mehr Rindfleisch auf dem europäischen Markt, wenn dieses Rindfleisch zu 100 % aus Edelteilen besteht, den Preis bei uns sinken lässt. Heute wird so was – ohne die Details – auf Social Media diskutiert. Teils völlig faktenfrei, nur die Überschriften lesend und zugespitzt formuliert.

Klicks, Reichweite und Fame

Sind es die Klickzahlen, die einige dazu verführen, so populistisch zu agieren? Hier bin ich echt ratlos, denn ich verstehe es nicht. Wenn man Werbung schaltet, würde ich es ja sogar noch verstehen. Aber einfach so?

Im aktuellen Fall mit Daniel Günther bei Lanz und die Art und Weise, wie Nius die Aussagen von ihm verwurstet hat, zeigt sich ja ganz deutlich, dass die gesamte Medienlandschaft so funktioniert, wie unsere Agrarblase im Kleinen. Jeder springt auf diesen Zug auf, um Klicks zu generieren, die dem Medienhaus Einnahmen sichern. Egal, ob sie Pro oder Contra Nius sind. Alle spielen dieses Spiel mit. Das Karussell dreht sich immer schneller und irgendwann fliegt jemand aus der Kurve. Aber schon ein paar Tage später beginnt das Spiel mit einem neuen Thema von vorne.

Der tägliche Wahnsinn…

Dass man hier über kurz oder lang unsere Demokratie aufs Spiel setzt, ist anscheinend niemanden klar. Dass hier Medienkonsumierende maximal verunsichert und aus der Kurve geworfen werden, stört nicht.

So ist es im Kleinen auch in unser landwirtschaftlichen Gemeinschaft. Am Beispiel Mercosur wünsche ich mir mehr Fakten und weniger Meinung. Auch von den Bauernverbänden. Man kann uns LandwirtInnen doch zutrauen, sich in solche Themen einzuarbeiten! Man kann uns doch zutrauen, mehr als die Überschrift zu lesen.

Und ein weiterer wichtiger Punkt: Egal ob Günther oder Mercosur – wir lassen uns mit solchen Themen ewig beschäftigen, wobei doch andere Themen auch besprochen und diskutiert werden müssten. Diese schaffen es aber nicht in unseren Fokus. Es gäbe dutzende politische Themen, die wichtiger sind als das, was Günther gesagt oder nicht gesagt hat. Und es gibt hunderte landwirtschaftliche Themen, die uns aktuell als landwirtschaftliche Betriebe stärker betreffen. Wir müssen die Reglierungs- und Aufzeichnungswut, die sich jährlich gefühlt potenziert, stärker bekämpfen und hier auch das Rad zurück drehen. Wir brauchen innerhalb Europas faire Bedingungen. Und wir brauchen Konzepte, wie wir unsere landwirtschaftliche Struktur ohne Bruch in die nächste Generation führen.

Populismus oder Differenzierung?

Doch das ist wohl zu kompliziert und zu anstrengend, und darum geht man nur noch oberflächlich drüber. Das empfinde ich als sehr schade und das ermüdet mich zunehmends.

Ich hoffe, dass ich nicht so ermüdet bin, dass diesem Blogeintrag nicht schnell wieder der nächste folgt. Schaumamal 🙂

4 comments Add yours
  1. Es könnte sogar noch schlimmer sein, als von dir skizziert. “Dass man hier über kurz oder lang unsere Demokratie aufs Spiel setzt….”, ist bei manchen Beiträgen wohl durchaus eingepreist. Manchmal als Kollateralschaden, oft gewollt. Zumindest von den Erstellern solcher Clips. Bevor man auf “Teilen auf…” oder “Weiterleiten” klickt, sollte man sich wirklich die Frage nach der Motivation des Beitragserstellers stellen und ob man diese wirklich teilt.

    Die traurige Ironie an der Geschichte ist, dass wir als landwirschaftliche Bubble ja zurecht sehr sensibel sind, was Falschinformationen, verkürzte Darstellungen und Verallgemeinerungen von absoluten Ausnahmefällen betrifft. Man denke beispielweise an ausgewählte Szenen von Stalleinbruchvideos, an eingegrabene Babyköpfe, die mit einem Glyphosatflieger besprüht werden oder auch, weniger spektakulär, aber gerade jetzt wieder häufig zu sehen, die vielen, oft fachlich sehr flachen Beiträgchen im Vorfeld der “Wir haben es satt”-Demo.
    Aber wenn einer was erzählt von Urwaldroden und Hormonen im Amazonas im Zusammenhang von Mercosur, dann geht uns schnell der Daumen hoch.
    Und wenn es um den Mindestlohn geht, dann haben wir oft wenig Skrupel zu glauben, dass alle, wirklich alle, Arbeiter in den Gemüseregionen Spaniens illegale Migranten seien, die notdürftig bekleidet, wie Sklaven durch den Spritznebel getrieben werden und sich des Nachts hustend und erschöpft in eine alte Gewächshausfolie wickeln…

    Medienkompetenz, so man sie denn hat, sollte man nicht beliebig an- und ausknipsen, sondern möglichst auf allen Augen sehend bleiben. Wenn das alle machen, dann klappt’s auch mit der Demokratie.

    1. Danke Martin für diesen zusätzlichen Aspekt! Denn das begegnet mir auch ständig. Über den Blödsinn, der über Glyphosat gesagt wird, schimpfen und auf Wissenschaft pochen, und gleichzeitig bei wissenschaftlich erwiesenen Punkten wie Klimawandel eine Weltverschwörung vermuten. Spanien ist bei uns Schweinehaltern gerade aktuell. Aber auch hier werden schwarze Schafe gezeigt und bei uns sind alle gleich auf 180. Wenn die Soko Tierschutz dagegen in Bayern schwarze Schafe widerrechtlich filmt und das dann von der Presse ausgeweidet wird, schimpfen wir über die Art der Berichterstattung. Ähnlich ist es mit den Feedlots in Südamerika. Mag sein, dass es die gibt. Aber wir preisen immer die Qualität, die wir erzeugen, und dass man die beim Essen schmeckt. Die Feinschmeckersteaks in unseren Edelrestaurants aus Argentininen würden nicht mehr gegessen werden, wenn die von Rindern stammen würden, die jede Wiederkäueraktivität eingestellt haben. Letztlich schüttet uns Argentinien und Co ja nicht mit Rindfleisch zu, sondern es muss ja eine konkrete Nachfrage eines europäischen Großhändlers geben, der konkret eine bestimmte Ware anfrägt. Und dann geliefert bekommt. Ich habe oft den Eindruck, viele gehen davon aus, dass da ein paar Schiffe voll mit Rindfleisch ankommen und dann geht da jeder rein und holt sich ein paar Fleischstücke raus, die er gerade braucht…
      All diese Pauschalisierung, Populisierung und Vereinfachung spart zwar das Denken, aber schadet uns allen langfristig enorm. Und eine Demokratie, wo niemand mehr Hintergründe wissen will, wo niemand mehr sich für Details interessiert, wo jeder nur auf sich schaut, funktioniert halt nicht. Demokratie ist anstrengend und beruht auf gegenseitiges Verständnis, Kompromissfähigkeit und Aufeinanderzugehen. Wer das nicht versteht, ist (leider) in einer Diktatur besser aufgehoben…

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