Agrarkriminalität

ein neuer Kampfbegriff?

In der Berichterstattung rund um den Rücktritt von Christina Schulze Föcking als NRW-Umwelt-& Landwirtschaftsministerin schuf Jürgen Döschner vom WDR ein neues Wort: Agrarkriminalität
Ist damit ein neuer Kampfbegriff nach Massentierhaltung, Ackergift oder Merkelgift kreiert worden?

Affäre #SchulzeFöcking mit #Rücktritt längst nicht ausgestanden. Es geht darum, wie diese Regierung, wie unsere Gesellschaft mit den Problemen der Umwelt- und #Agrarkriminalität umgeht." (M)Ein Kommentar:
Jürgen Döschner auf Twitter

Kreuzug gegen konventionelle Landwirtschaft?

Analog zur Umweltkriminalität kombinierte Döschner die Wörter Kriminalität und Agrar zu einem neuen Wort, das auch bei Google bisher kaum Treffer findet. Warum er dieses im Zusammenhang mit Christina Schulze Föcking tat, kann ich nicht logisch nachvollziehen. Aber der Journalist Döschner ist schon länger mit einem erheblichen Sendungsbewusstsein unterwegs. Vielleicht passt ihm eine Landwirtin als Ministerin nicht? Oder befindet er sich generell im Kreuzzug gegen die konventionelle Landwirtschaft?

Methode wie bei AfD: Framing

Das Verfahren gegen Schulze Föcking ist schon länger eingestellt worden. Trotzdem spricht Döschner von Agrarkriminalität. Das nennt man Framing, man benutzt Wörter im selben Zusammenhang ohne direktem Bezug. Die AfD und CSU machen dieses gerne bei Ausländern und Migranten indem sie dabei auffällig häufig die Begriffe wie „straffällig“, „illegal“ und „Unsicherheit“ verwenden- ohne dabei zu sagen, dass alle oder viele Migranten straffällig seien, sich hier illegal aufhalten und für Unsicherheit sorgen.

Tiefpunkt medialer Berichterstattung

Nun also Agrarkriminalität. Diese Wortkombination stellt eine ganze Branche unter ständigem Generalverdacht. Von daher empfinde ich den Kommentar Döschners als eine riesige Zumutung auf niedrigstem Niveau. Na klar, es ist ein Kommentar und kein Bericht, aber trotzdem sollte es einem öffentlich-rechtlichem Journalisten möglich sein, zu werten ohne einen Generalverdacht auszusprechen. Für mich hat Jürgen Döschner mit seinem Kommentar einen neuen Tiefpunkt medialer Berichterstattung gesetzt.

heute Journal macht es besser

Wie gute Berichterstattung funktioniert, hat übrigens das ZDF gestern Abend im Heute-Journal gezeigt. Dort wurde vom Rücktritt wohltuend sachlich berichtet:

 

9 Gedanken zu „Agrarkriminalität

  1. Interessant. Mit der von Döschner angeführten „organisierten Agrarkriminalität“ können doch gerade NICHT einzelne Personen gemeint sein. Es gibt eben KEINE „tausendfache Tierquälerei“, das ist lediglich die subjektive, gesetzlich nicht verankerte Ansicht eines Laien (in diesem Fall des Herrn Juraprofessors).

    Es können deswegen auch nicht „alle Landwirte“ gemeint sein, denn die verhalten sich legal.

    Wenn also irgendjemandem irgendetwas nicht paßt an der legalen Tierhaltung, dann sollte er sich mit #Juristenkriminalität und mit #Journalistenkriminalität befassen. Die Juristen sind es, die die angeblich untauglichen Gesetze ausarbeiten, und die Journalisten sind die mit den Fake-News (nettes Wort für Verleumdung): weder sind Landwirte Tierquäler noch Kriminelle, und „subventioniert“ wird die Tierhaltung erst recht nicht. Sowas bekommt man mit seriöser Recherche sogar mit google bestätigt.

  2. Der Artikel des Herrn Strafrechts-Professor J. Bülte scheint sehr interessant zu sein, zumindest nach dem abstract nach. Kommt man da irgendwie ran??

  3. Goltdammer’s Archiv –> Archiv –> Jahrgang 2018

    Zur faktischen Straflosigkeit institutionalisierter Agrarkriminalität
    Von Professor Dr. Jens Bülte, Mannheim, S. 35-56

  4. Die Organisation der Massentierhaltung ist nicht nur globalisiert und weitgehend industrialisiert, sondern sie verläuft an vielen Stellen unkontrolliert. Dadurch entstehen Gelegenheitsstrukturen, die in einer Kultur des Wegsehens in organisierter Form genutzt werden. Die besorgten wie in den Konsumgewohnheiten zu selten reagierenden Verbraucher machen dies ebenso möglich wie das Personal im Umfeld der Massentierhaltung. Auch hier gilt: Die Regeln werden zum Nutzen der Massentierhaltung umgangen. Es sind nicht wenige, welche die Tierschutzgesetze umgehen. Dadurch entsteht ein devianzförderliches Umfeld. Das Tierleid wird rationalisiert, indem auf die geringe Bereitschaft der Verbraucher verwiesen wird, mehr zu bezahlen. Eine industrielle Nutztierhaltung erscheint de facto als nur unter Bedingungen rentabel, welche das Wohlergehen der Tiere erheblich beeinträchtigen. „Um wirtschaftlich produzieren zu können, wird die Nutzung der Tiere perfektioniert, in dem sie zu reinen Kennzahlen in einem industriellen Produktionsprozess geworden sind. Dass es auch anders geht, ist ein offenes Geheimnis.
    Zwar listet das deutsche Tierschutzgesetz diverse Straftatbestände auf, die mit Freiheitsstrafe, Geldstrafe (beides nach § 17) oder Geldbuße (bei Ordnungswidrigkeiten nach § 18) bestraft werden können. Das Problem ist die Umsetzung: In vielen Fällen kommt es gar nicht erst zu einem Verfahren, weil die Staatsanwaltschaft nicht ermittelt oder nichts beweisen kann. Und im Falle einer Verurteilung fallen die Strafen in der Regel sehr gering aus.“

    https://heigos.hypotheses.org/4329

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