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Quo Vadis Landwirtschaft

Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident, arbeitet anscheinend schon an seinem deutschlandweitem Profil als Kanzlerkandidat und hat dafür die Landwirtschaft ausgewählt. In einer Videobotschaft zur Fleischerzeugung stellt er dar, was sich in Deutschland verändern muss und dass Bayern hier ein gutes Beispiel für den Rest Deutschlands ist. Doch ist das wirklich so? Dirk Andresen, Sprecher von LandSchafftVerbindung, sieht es auf alle Fälle in diesem Video anders! Auch Professor Alfons Balmann von der Universität Halle widerspricht Söder auf Twitter.

Nun will auch ich noch meinen Senf dazu geben. Ausschlaggebend für diesen Beitrag ist eigentlich nicht das Video von Markus Söder, sondern die Pressekonferenz vom 7. Juli nach der Sitzung des bayerischen Kabinetts. Die Informationen zu Corona könnt ihr dabei überspringen. Ab Minute 13 redet Landwirtschaftsministerin Kaniber und danach Umweltminister Glauber. Es folgen später noch weitere Statements der beiden und da wurde mir klar: Wieder einmal sind es nur leere Worthülsen, die der bayerische Ministerpräsident hier von sich gegeben hat. Was soll das auch heißen: „Agrarökologie statt Agrarkapitalismus“?

Groß oder klein?

Grundsätzlich bin ich ein Fan von kleinen Höfen und den Strukturen, die man in meiner Region noch vorfindet, dass könnt ihr hier nachlesen. Aber eins ist auch klar. Die Größe sagt nichts darüber aus, wie „umweltfreundlich“ ein Betrieb arbeitet. Ich zum Beispiel habe nur sehr wenig Fläche und kann es mir deshalb viel weniger leisten, hier Agrarumweltmaßnahmen durchzuführen. Natürlich, das bayerische Kulturlandschaftsprogramm, dass über die 2. Säule der GAP mitfinanziert wird, ist ein Erfolgsmodell, auf das viele grüne Agrarminister aus anderen Bundesländern neidisch schauen und ja, wir haben in Bayern noch viele Höfe, über die Hälfte im Nebenerwerb. Jeder 3. deutsche Bauernhof steht in Bayern. Und da bin ich auch ein Stück Stolz auf unser Bundesland.

Schon interessant, wie sich Bayern auch von Baden-Würtemberg in Sachen Fremdarbeitskräfte und Fremdkapitalanteil unterscheidet! (Quelle DLG-Mitteilungen 11/09 Danke @ Mirjam Lechner für diesen Input)

Aber mein Eindruck ist, dass sich diese Struktur schnell ändern wird. Erstens ist es nicht unbedingt ein politischer Verdienst, sondern den Bauern und vor allem den Bäuerinnen geschuldet, die „nebenbei“ Kühe gemelkt haben oder Schweine gefüttert. Diese Generation, die das gerne gemacht hat, und Wochenenden und Urlaub für den Hof daheim geopfert hat, da die Männer oft unter der Woche Vollzeit zur Arbeit gingen, kommt langsam ins Rentenalter und die nachfolgende Generation ist oft nicht mehr bereit, diese hohe Arbeitsbelastung zu tragen. Ich erlebe es, dass oftmals der Ackerbau dann noch weiter gemacht wird, die Tiere verlassen aber immer mehr die Höfe. Hier kann man zum Beispiel feststellen, dass es Bayern nicht geschafft hat, durch Beratung und eine gezielte Investitionsförderung, Anbindeställe in Laufställe umzubauen. Knapp 50 % der Milchviehhalter haben noch einen Anbindestall und die letzten Fördermaßnahmen haben eher dazu geführt, dass von 60 auf 120 oder 180 Kühen aufgestockt wurde, statt dass Anbindeställe umgebaut wurden. Bei den Schweinen nicht anders. Erst gab es gar keine Förderung (so wie bei meinem Stallbau 2001/2002). Dann wurde alles mit 25 % gefördert, was aber dazu geführt hat, dass nur Schweinemastställe gebaut wurden, weil die Fördervorgaben leichter umzusetzen waren. Erst in der letzten Förderperiode hat man dann ein Punktesystem eingeführt, was Zuchtsauenhalter und den Umbau von Anbindeställen bevorzugt hat. Aber die Resonanz war auch nicht so gewaltig, weil man zum Beispiel für einen Laufstall unter 60 Kühen oft keine Wirtschaftlichkeit nachweisen konnte, wodurch keine Förderung möglich war. Und in Zuchtsauen eh niemand mehr investiert hat.

DLG-Mitteilung 11/09 – Die fehlende Wirtschaftlichkeit wird hier gut aufgezeigt.

Was will ich damit ausdrücken? Die heeren Ziele, die die Politik in Sonntagsreden formuliert, werden schon bei der nächsten Kabinettssitzung wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Die beiden Minister konnten nicht wirklich darlegen, was sich ändern soll. War alles alter Kaffee. Das führt zu Politikverdrossenheit und das finde ich schade!

Vor allem, weil ich im Gegensatz zu Alfons Balmann und Dirk Andresen überzeugt bin, dass es es wert wäre, unsere bayerische Struktur zu erhalten. Ob die Politik hier aber die Gestaltungsmöglichkeiten hat, oder ob es nicht an jeden/r HofnachfolgerIn liegt, wie es weiter geht, dass denke ich ist auch klar.

Staatliche Beratung

Eine große Hilfe für vor allem kleinere Bauern, die vielleicht oft nicht die Zeit oder das Wissen hatten, war immer die fachliche Beratung in unseren Landwirtschaftsämtern. Diese Stellen wurden in den letzten Jahren enorm zusammen gekürzt. Eine Einzelberatung war offiziell nicht mehr möglich. Diese Aufgaben sollten komplett von Erzeugerringen übernommen werden. Diese haben dann für jede Beratungsstunde einen staatlichen Zuschuss erhalten. Meine Erfahrung damit ist, dass man fast den kompletten staatlichen Zuschuss für die Bürokratie aufwenden musste, um zu dokumentieren, dass man tatsächlich eine Beratung durchgeführt hat. Dies führt zu völlig überteuerten Beraterstunden und ist meiner Meinung nach Geldverschwendung.

Nun verkündet Ministerin Kaniber, dass ihre Beamten wieder mehr beraten sollen. So wie ich das errechnet habe, hauptsächlich die 15 Amtschefs, die dann keine mehr sind, weil Ämter zusammengelegt werden. Ob das ganze Konzept der Beratung jetzt über den Haufen geworfen wird, glaube ich aber nicht. Aber öffentlich verkaufen tut es die Ministerin so.

Landwirtschaftsschulen werden dezimiert

Was mich ärgert, ist, dass Söder und Kaniber von regionalen Strukturen und vom Erhalt der kleinbäuerlichen Landwirtschaft reden, und im selben Zug 9 Landwirtschaftsschulen schließen. Wie schizophren ist das denn? Natürlich, die Zahl der Studierenden geht zurück, aber der Hauptgrund, warum im letzten Jahr manche Schulen kein neues Semester eröffnen konnten, dürfte das Volksbegehren gewesen sein. Wenn die Rahmenbedingungen passen würden, würden auch die Ausbildungszahlen wieder steigen. Stattdessen gibt man das völlig falsche Signal in einer schwierigen Zeit und schließt ohne Konzept Schulen. Standorte, die vor wenigen Jahren noch aufwendig neu gebaut wurden, haben nun leere Klassenzimmer. Junge Landwirte müssen nun oft mehr als 100 km fahren, um eine Landwirtschaftsschule zu erreichen. Viele werden nun die Technikerschulen in Landsberg und Triesdorf besuchen, weil hier ein Internat vorhanden ist. Dort werden aber keine Betriebsleiter, sondern Angestellte ausgebildet.

Quelle: StMELF Bayern

Wenn man diesen Schritt schon unbedingt machen muss, dann bräuchte es eine Internatslösung. Für uns Schweinehalter bringt es doch nichts, wenn der Nachwuchs erstens weiter fahren muss, und dann an Schulen unterrichtet wird, die den Schwerpunkt Grünland haben. Warum ist man hier nicht mutig und eröffnet Landwirtschaftsschulen verteilt auf Bayern, die jedem Betriebszweig ermöglichen, sich individuell dort weiterzubilden? Stattdessen freut sich die Ministerin, dass immer mehr junge LandwirtInnen das Studium favorisieren. Ich habe da auch nichts dagegen, aber wenn man sich die Lerninhalte dort ansieht, werden dort keine Praktiker und Betriebsleiter ausgebildet. Man speckt also bei den Landwirtschaftsschulen ab, ohne dass man sie so reformiert, dass sie wieder eine Zukunft haben und verkauft es dann als „Effizientere Struktur“. An der Gesichtsröte von der Ministerin hat man denke ich gesehen, dass es ihr selber peinlich war, diese Schließungen als Erfolg zu verkaufen. Als Ausrede musste dann auch noch das „Bildungsprogramm Landwirt“ herhalten. Ich will es nicht weiter ausführen, aber das ist ein Ersatz für die Berufsschule, gedacht für Nebenerwerbslandwirte. Es ist aber sicher kein Ersatz für Landwirtschaftsschulen! Für eine zukunftsfähige bayerische Landwirtschaft muss man Betriebsleiter ausbilden, und das geschieht in den Landwirtschaftsschulen!

Dann auch noch der Umweltminister…

In der oben verlinkten Pressekonferenz kommt auch Umweltminister Thorsten Glauber von den Freien Wählern zu Wort. Er ist eigentlich nicht Thema dieses Beitrags, aber seine Aussagen will ich auch nicht unkommentiert stehen lassen. „Wachsen oder Weichen“ – ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN! Niemand aus der Branche nutzt diese Begrifflichkeit noch, aber Glauber meint, er muss ab heute dafür sorgen, dass dieser schon immer sinnlose Satz, abgeschafft wird. Dann fabuliert er davon, dass es wieder mehr regionale Schlachthöfe braucht, damit Tiere nicht 40-50 Stunden quer durch Europa transportiert werden. Also entweder hab ich da was falsch verstanden oder der Herr Umweltminister soll doch mal erklären, wie er auf diese Zahl kommt. Oder einfach in seinem Ministerium nachfragen, wenn er es nicht erklären kann. Und Fakt ist auch, dass es viele kleine Metzger nicht mehr gibt, weil seine Veterinärbehörde gar nicht scharf drauf ist, zu hunderten Metzgern raus zufahren, wenn man kostensparend auch einfach bei einem Großschlachthof ein paar Veterinäre kontrollieren lassen kann. Jetzt so zu tun, wie wenn man daran keine Schuld hat und die böse EU die kleinen Metzger ruiniert hat, ist scheinheilig!

Mein Wunsch und meine Hoffnung

Ich wünschte mir einfach wieder mehr Sachlichkeit und Nachhaltigkeit in der Politik. Mehr Mut, mehr fachliche Kompetenz und nicht nur Sonntagsreden, wo wir Bauern hochgelobt werden, wohingegen diese Unterstützung in der täglichen Arbeit der Ministerien leider fehlt. Wenn am Beispiel der Landwirtschaftsschulen hier eine mutige Reform vollzogen werden würde, wo am Ende eine Weiterbildung der LandwirtschaftsgesellInnen zu kompetenten, gut aufgestellten BetriebsleiterInnen gesichert wäre, dann würden auch wieder mehr junge Menschen diesen Weg gehen. Wenn dagegen ohne Glauben an diese Schule ein Standort nach dem anderen abgewickelt wird, muss man sich halt auch nicht wundern.

Ich habe immer noch die Hoffnung auf eine Wende. Denn ich komme durch mein Ehrenamt als stellvertretender Kreisobmann des BBV viel mit diesen jungen LandwirtInnen in Kontakt und sehe, wie engagiert, wie gut ausgebildet und kompetent in ihrem Betriebszweig sie sind. Hier noch einmal nachzujustieren und die Aus- und Weiterbildung an die zukünftigen Herausforderungen anzupassen, macht durchaus Sinn. Kürzungen sind eine Kapitulation und machen in meinen Augen das letzte Fünkchen Hoffnung kaputt. Landwirtschaft hat Zukunft. Vieles wird sich ändern. Wer so wirtschaften will, wie seine Eltern oder Großeltern, wird sich schwer tun. Aber alle jungen Leute, die diesen Beruf lieben und sich nichts anderes vorstellen können, sollen sich nicht scheuen, diesen Weg zu gehen. Man wird vielleicht nicht reich damit, aber wenn ich gerade aus dem Büro über meine Felder dem Sonnenuntergang zusehe, kann ich nur sagen: „Geld ist nicht alles“.

Kurzer Nachtrag: Ja, die Karten aus den DLG-Mitteilungen sind schon über 10 Jahre alt, aber ich finde, sie sind immer noch aktuell und stellen vor allem den Unterschied zwischen Bayern und dem Rest Deutschlands sehr gut heraus.