Beerdigungen auf dem Land

Beerdigungen auf dem Land

Heute ist Allerheiligen und das ist im katholischen Teil Bayerns eigentlich der Tag, wo man zu den Gräbern seiner Angehörigen geht. Da aber hier in den meisten Friedhöfen die Abstände nicht eingehalten werden können, fällt das dieses Jahr aus. Mittlerweile gewöhnen wir uns – leider – schon daran. Vorletzte Woche sind in unserem Dorf zwei Austragsbauern verstorben, beide über 80 Jahre alt. In normalen Zeiten findet erst eine Beisetzung abends statt, am nächsten Tag ein Rosenkranz und wieder einen Tag später die Beerdigung mit vorherigem Gottesdienst in der Kirchen.

Leider ist derzeit nichts normal und seit März finden die Beerdigungen im engsten Familienkreis statt. Bei meiner Großmutter, die im März verstorben ist, durften nicht mal wir Enkel mit dabei sein. In einem kurzen Zeitfenster im Sommer war es wieder möglich, dass zu den Beisetzungen, die ja nicht in der Kirche drinnen stattfinden, wieder alle ohne vorherige Anmeldung kommen durften. Auch da ist ein alter Bauer gestorben, und es tat richtig gut, wieder mal gemeinsam Abschied nehmen zu können.

Die Pfarrkirche St. Margareta in Oberneukirchen mit dem Friedhof

Bei uns im Dorf hat der Kirchgang in den letzten Jahren stark nachgelassen. Vor allem die U40 lassen sich nur noch sehr vereinzelt in der Kirche sehen. Aber wenn jemand stirbt, kommt jeder. Die einen abends zur Beisetzung, die anderen, die es sich arbeitstechnisch einrichten können, untertags zur Beerdigung. Da wir Bauern uns ja die Arbeitszeit selber einteilen können, sind wir es auch, die sich, wenn irgendwie möglich, die Zeit nehmen, und zur Beerdigung gehen.

Sich Zeit nehmen für Beerdigungen

Oft kommt leider was anderes dazwischen oder es ist an dem Tag einfach zu viel Arbeit zu tun, aber nun, wo es derzeit nicht möglich ist, fehlt es mir. Man denkt an die Gespräche zurück, die man mit den Verstorbenen hatte. Man sieht sie an „ihren Platz“ in der Kirche. Bei den Bekannten, die dieses Jahr verstorben sind, fällt es schwer, es zu verinnerlichen, dass sie nicht mehr da sind. Dass unser Dorfschmid mit seinen über 90 Jahren nicht mehr in der Werkstatt steht. Dass man den Seniorbauern nicht mehr beim Holzarbeiten draußen trifft.

Mit knapp 40 Jahren kommt man vielleicht auch so langsam in das Alter, wo die Hochzeiten weniger werden und die Beerdigungen mehr. Weil man mit denen, die nun 80 Jahre oder älter sind, aufgewachsen ist. Man hat sich gegrüßt, ist bei Dorffesten am gleichen Tisch gesessen. Man hat sich im Lagerhaus oder bei der Landmaschinenwerkstatt getroffen und geratscht. Und nun sterben sie und nur der engste Familienkreis darf am Grab Abschied nehmen.

Hier denke ich oft an den Tod meines Vaters zurück. Mir hat es damals gut getan, dass viele Freunde und Bekannte zur Beerdigung kamen. Viele Menschen, die einfach nur da waren. Mehr hat es nicht gebraucht und mehr wollte man auch nicht.

Wir sind ein Bauerndorf

Was sicher auch eine Rolle spielt, ist, dass wir ein Bauerndorf sind. 850 Einwohner und über 100 (ehemalige) Bauernhöfe. Eine große Gemeinschaft, in der Landwirtschaft immer das Hauptthema war und in Teilen immer noch ist. Und wenn es um Landwirtschaft geht, spielt das Alter keine Rolle. Egal ob 20 oder 80. Jeder interessiert sich dafür, wann man siliert hat, welche Sorte man gesät hat oder wie es im Stall läuft.

Hier kommt wieder meine Nostalgie durch, die ich öfters schon beschrieben habe. Das Sinnieren über die „gute, alte Zeit“. Und da denkt man darüber nach, was die Zukunft bringen wird. Der schöne Brauch, Verstorbene aus unserem Dorf auf ihren letzten Weg zu begleiten, wird weiterleben. Denn die vielen Bauerntöchter und Bauernsöhne, die sich in der Siedlung ihr Haus gebaut haben, leben diese Tradition ja schon weiter. Sie leben dieses Gemeinschaftsgefühl weiter, dass sich in unserem sehr ausgeprägten Vereinswesen widerspiegelt.

Was bringt die Zukunft?

Was es mal nicht mehr geben wird, sind dieser Typ Bauer, die jetzt so um die 80 Jahre alt sind, und auf ein bewegtes Leben von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart zurückblicken können, wo sich in unserer Gesellschaft und in der Landwirtschaft so unglaublich viel verändert hat. Und auch unsere kirchliche Gemeinschaft wird es so über kurz oder lang nicht mehr geben, weil diese mehr „Futter“ braucht, wie volle Kirchen an Weihnachten, Ostern und Allerheiligen. Weil es bald keine Pfarrer und auch immer weniger Laien geben wird, die eine Beerdigung, so wie wir sie kennen, ermöglichen. Veränderungen gehören zum Leben dazu. Aber wir können versuchen, diese Veränderungen zu gestalten. Damit das bäuerliche Lebensgefühl auch in anderen Formen weiterlebt.

Gerhard Langreiter

Jahrgang 1981, verheiratet, 2 Kinder, seit 2001 Ferkelerzeugung mit 170 Zuchtsauen und Ferkel bis 30 kg. Ca. 30 ha inkl. Pachtfläche und Wiesen in Bewirtschaftung, 7,5 ha Wald.

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