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Das Antibiotikaschnitzel von Aldi, das keines ist. Und anderer Unfug über Deutschlands „Fürsten der Finsternis“

Die Fürsten der Finsternis

Seit einigen Tagen sorgt der Facebook-Post des Wütenden Verbrauchers* für Aufsehen in der Öffentlichkeit. Der Mann beschwerte sich bitter bei Aldi Süd über preiswerte Schweinenackensteaks. 1,99 Euro für ein Steak. Das sei

„einfach nur billigster Dreck, für dessen Produktion alles und jeder bis zum Anschlag ausgebeutet wurde – am meisten die, die sich am wenigsten wehren können: die Tiere.“

Gegen Ende verabschiedet sich der Wütende Verbraucher mit dem frommen Wunsch, dass

„Ihr (gemeint ist Aldi) vom Verzehr dieser Antibiotika-Schnitzel“

einen…, äh, nein, eine böse Krankheit davontragt mit unangenehmen Begleiterscheinungen. Der Wütende Verbraucher ist mit seiner Ausdrucksweise Meilen unter die Gürtellinie gegangen. Ich verzichte hier auf weitere O-Töne. Zu ekelig.

Das Antibiotikaschnitzel – ein Griff in die Klischeekiste

Viele Menschen haben auf den Post reagiert, zahlreiche Medien dito. Natürlich wurde der Wutausbruch kaum hinterfragt. Wieso denn auch? Schließlich wird in dem Post bloß ein in der Öffentlichkeit geländegängiges Klischee nach dem anderen geklopft. bento, ein Online-Format von Spiegel Online von jungen Leuten für junge Leute, lag mit seinem Beitrag vom 30. Mai voll im Trend. Wie heißt es da so schön:

„Weil die Preise sinken, halten die Bauern wieder mehr Tiere oder sie halten sie unter schlechteren Bedingungen— nur so können sie Gewinne einfahren. Und der Handel wird überschwemmt vom Billigfleisch.“

Als „Expertenstimme“ darf Katrin Wenz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Agrarpolitik der Nichtregierungsorganisation BUND für Umwelt und Naturschutz, ihren Senf dazugeben. Dieser stammt aus der geländegängigen Phrasendreschmaschine der NGO:

„So kann es nicht weitergehen“. (…). Überdüngte Böden, Klimawandel und die Verarmung der Bauern sind nur ein paar Folgen der Überproduktion.“

Prima Quellenwahl!

Ich halte fest: Das Wort wird einer Aktivistin aus dem Bereich Umweltschutz erteilt. Vertreter des Bauernverbandes, von Aldi Süd oder Landwirte bzw. sonstige Experten vom Fach müssen draußen bleiben. Die andere Seite wird völlig stumpf nicht gehört. Dass Medien hierzulande Aktivisten-Töne Expertenstimmen vorziehen, ist nicht ungewöhnlich. Es verwundert daher wenig, dass diese Routine an den Journalistennachwuchs weitergegeben wird. Leider bleibt ein ausgewogener Journalismus dabei auf der Strecke.

Das Thema massenmediale Berichterstattung über die konventionelle Nutztierhaltung ist ein weites Feld. Ich möchte es daher an dieser Stelle verlassen.

Allerdings nicht ohne einen flotten Hinweis an den Wütenden Verbraucher durchzureichen: Vor Schlachtung ihrer Tiere müssen Landwirte eine Karenzzeit einhalten. Dies wird streng überprüft. Ihr Antibiotikaschnitzel ist also keines. Sorry, wenn ich Ihnen ein Klischee klauen muss.

1,99 Euro? 199,00 Euro? Egal!

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Alles Bio- oder was?

CB
Dr. Christian Bickert

Dr. Christian Bickert, stellvertrender Chefredakteur der DLG-Mitteilungen hat in der aktuellen Ausgabe 10/14 einen hochinteressanten, aber wohl auch hoch brisanten Kommentar zu den Handelsströmen ökologisch vermarkteter Nahrungsmittel abgegeben.
Mit gesundem Menschenverstand können einem schon ein paar Zweifel kommen, ob wirklich alles Bio ist.
Ich bin froh und dankbar, den Standpunkt Bickerts in diesem Blog veröffentlichen zu dürfen:

Alles Bio – oder was?

Vor Kurzem lag mal wieder der wöchentliche Aldi-Prospekt bei uns im Briefkasten. Diesmal war der Schwerpunkt Bio-Produkte. Etwa Biokresse. Wie wollen Sie die eigentlich nicht »bio« erzeugen? Oder Bioolivenöl. Die Olivenbäume wachsen in den Mittelmeerländern ohnehin überwiegend ohne Pflanzenschutz und Dünger. Da wird oft nur die Unwissenheit des Verbrauchers ausgenutzt, aber Betrug ist das nicht.
Andere Produkte werfen da schon eher Fragen auf. Das Angebot an Fleisch, Milch, Gebäck oder Speiseöle – natürlich alles Bio – beim Discounter zu sehr niedrigen Preisen wächst rasend schnell. Politisch gewollt, auf jeder Biofachmesse bejubelt. Aber wo kommen die Roh­stoffe dafür eigentlich her und vor allem: zu so niedrigen Preisen, dass Aldi & Co sie so billig anbieten können? Die deutschen Biobetriebe sind dazu nicht immer nicht in der Lage, das zeigt die steigende Zahl an Rückumstellern. Und dafür sprechen auch die regelmäßigen Rufe der Bioverbände nach noch mehr Subventionen.

csm_DLG1014_01_screen_c57b6510a3Dabei ist es doch gar nicht tragisch, dass wir Biorohstoffe und Bioprodukte importieren müssen. Eine Exportnation wie Deutschland steht ja geradezu für eine arbeitsteilige Wirtschaft. Nur mit der Kontrolle ist das so eine Sache. Die Importe kommen oft aus fernen Ländern, vor allem aber aus den Mittelmeerländern. Nehmen wir einmal Italien als Beispiel. Italien ist das Land, das schlicht von allen Lebensmitteln außer Wein, Obst und Oliven zu wenig hat.
Italien importiert Getreide, Milch, Fleisch und Futtermittel. Und Italien selbst ist der drittgrößte Markt für Biolebensmittel in der EU – und ausgerechnet von dort bekommen wir Biorohstoffe oder billige Bioprodukte für den Discounter? Ist das plausibel? War da nicht mal was mit umdeklariertem Getreide aus Italien, 700 000 t, vor zwei Jahren? Oder Importe aus der Ukraine und Kasachstan, zertifiziert durch ein moldawisches Unternehmen. Glauben Sie, da sei alles so sauber kontrolliert wie bei uns – aber wer wüsste nicht auch hierzulande das ein oder andere schwarze Schaf zu benennen?

Man mag mir vorwerfen, ich überzeichne oder ich sei nur ein notorischer Vertreter des konventionellen Landbaus, der mit Dreck wirft. Aber ich habe auch eigene Erfahrungen. 2012 sprachen mich Italiener in Rumänien an, ob ich meinen dortigen (gespritzten und mineralgedüngten) Weizen nicht als Bioweizen für einen stolzen Preis verkaufen wolle. Konventionell erzeugt? Kein Problem. Ich kenne Betriebe in anderen Regionen des Balkans, die jedes Jahr konventionelles Getreide und Ölsaaten an Italiener verkaufen, die daraus »Bio« machen. Als konventionelle Ware verlässt sie das Silo, als Bioware kommt sie in den Bestimmungsorten an.
Um das klarzustellen: Ich halte die große Mehrzahl der deutschen Biobauern für anständig und ehrlich. Sie produzieren Bio aus grundsätzlicher Überzeugung oder aus unternehmerischer Überlegung – wobei mir die Letzteren lieber sind. Und ich glaube auch nicht, dass die gesamte Biobranche nur auf Lug und Trug beruht. Niemand weiß, welchen Anteil die Betrugsfälle am Markt ausmachen. Aber handelt es sich wirklich nur um die berühmten Aus­nahmefälle und schwarzen Schafe? Wo viel Geld durch ein Zertifikat zu gewinnen ist, da wird auch betrogen.

Ein elementares Interesse an der Aufdeckung solcher Betrügereien hat meines Erachtens niemand. Die Politik nicht, denn Betrugs­meldungen gefährdeten das politische Ziel eines steigenden Marktanteiles. Der Handel sowieso nicht, denn er will sich mit Bio schließlich profilieren und scheut Skandale wie der Teufel das Weihwasser.
Die Biobauern sind zwar die Leidtragenden eines Betrugs, aber ihre Verbände haben wenig Chancen, einen solchen außerhalb ihrer eigenen Reihen aufzudecken. Und ob sie es wollen? Schließlich gefährdet jeder Betrugsfall den Bioabsatz und damit ihr eigenes Geschäft. Und der ominöse Verbraucher: Der will ein gutes Gefühl für billiges Geld. Da stören Skandale nur.
Deshalb sollten wir gelegentlich schon einmal den gesunden Menschenverstand bemühen – auch wenn das nicht jedem gefällt und schon gar nicht politisch korrekt ist. Getreide, Ölsaaten, Milch und Fleisch oder Fertigprodukte daraus für kleines Geld aus Italien, dem Balkan oder von italienischen Händlern? Mamma Mia!
Christian Bickert

Über eine lebhafte Diskussion würde ich mich freuen.