Schlagwort-Archive: Ärzteinitiative gegen Massentierhaltung

ProVieh ist ContraBauern

von Sönke Hauschild, Bauernverband Schleswig-Holstein

Gestern postete der Nutztierschutzverein Provieh einen Meinungsartikel aus dem Weserkurier:

Autorin ist die in Bremen tätige Ärztin Imke Lührs vom Verein „Ärzte gegen Massentierhaltung“.

Sie fährt fort: „Wegen spezieller Züchtungen, drangvoller Enge, schlechter Luft und unnatürlicher Lebensweise sind die Tiere besonders anfällig. Eine industrielle Tierhaltung ist ohne diese Medikamente nicht denkbar. Viele tierische Lebensmittel sind deshalb, wenn sie in den Handel kommen, mit resistenten Erregern behaftet, die so vom Menschen aufgenommen werden. Bei schlechter Abwehrlage oder bei Einnahme von Antibiotika vermehren sich diese Keime rasant und können dann nicht mehr behandelt werden.

Bemerkenswert, dass eine Ärztin fachlich derart „unbeleckt“ scheint, dass sie die wahren Zusammenhänge nicht kennt. Denn 97,5 % der multiresistenten Keime stammen aus Krankenhäusern und Pflegeheimen. Haushunde sind viermal häufiger mit resistenten Keimen besiedelt als Hähnchen. Die Geflügelhaltung steht (ebenso wie die Schweinehaltung) in keinem Zusammenhang mit der Zahl der MRSA-Fälle beim Menschen. Es sind Fakten des Bundesinstitutes für Risikobewertung.

Wir meinen: Frau Lührs kennt diese Zahlen!
Wir meinen: Auch Provieh kennt diese Zahlen!

Und es ist unredlich, gar gefährlich, dieses Problem zu verneinen, um der Landwirtschaft „einen mitzugeben“. Bauern-Bashing der feinsten Sorte, die aber von der wahren Gefahr ablenkt: Der Humanmedizin. Frau Lührs weiß das. Was sie macht, ist fahrlässig. So bekommen wir das Problem mit den resistenten Keimen nie in den Griff! ProVieh ist ContraBauern weiterlesen

One-Health

Bereits im Dezember habe ich einen sehr interessanten Vortrag von Prof. Dr. med. Alex W. Friedrich von der Uni Groningen zum Thema „Antibiotika und resistente Keime – wie ist die Landwirtschaft betroffen?“ gehört. Das war auf der Hauptausschusssitzung des VEL (Vereinigung des emsländischen Landvolks). Daniela Knoll (für die Öffentlichkeitsarbeit im VEL zuständig) hat den Inhalt sehr gut zusammengefasst:

One-Health

Ganz wichtig ist dem Professor, dabei der One-Health-Ansatz, bei dem Humanmediziner, Tiermediziner und Landwirte gemeinsam nach Lösungsansätzen suchen und auch den Austausch über Landesgrenzen hinweg nicht scheuen.

Das funktioniert in den Niederlanden One-Health weiterlesen

die ZEIT scheut den öffentlichen Diskurs

Symbolbild AngstDas Verborgene, die Ungewissheit erzeugt beim Menschen Ängste. Das gilt erst Recht beim deutschen Mitbürger.
So haben viele Angst, einen dunklen Keller zu betreten. Wird das Licht angeknipst, so verschwindet die Angst ganz schnell.
Die ZEIT hat mit der MRSA-Problematik einen dunklen Keller gefunden, der viele Ängste hervorruft.
Mittels unzähliger Stellungnahmen und nervenaufreibender Diskussionen auf Facebook und Twitter versuchen wir Bauern Licht an die Sachlage zu lassen, doch leider hat die Zeit gleichzeitig ein paar Nebelkerzen gezündet, die einen lösungsorientierten Diskurs erschweren.
zeit_tierarzt_dealer_2014_49Wie bereits vor einer Woche berichtet hat die ZEIT eine vierteilige Serie zum Thema „tödliche Keime“ gestartet. Mit der heutigen Ausgabe der Wochenzeitung sind die Tierärzte dran, die als Dealer verunglimpft werden.
Allerdings scheut die ZEIT nun die Diskussion mit seinen Lesern und Kritikern. Eine Auseinandersetzung per gutem alten Leserbrief scheint das präferierte Mittel der Interaktion mit dem Kunden zu sein- eine Diskussion über Facebook fällt zumindest flach:keine_diskussion_zeit_kl
Eine Online-Diskussion ist nicht vorgesehen!
Man kann das vielleicht auch als Teilerfolg für die Landwirte werten, schließlich hat die ZEIT-Redaktion vor einer Woche unzählige Diskussionsstränge auf ihrer Facebook-Seite eröffnet, in denen es dann überwiegend sachliche und berechtigte Kritik gab. Teilweise wurden die Beiträge von besonders aktiven Kommentatoren für die große Masse an Lesern verborgen. Mit einer so großen Welle hat die ZEIT offensichtlich nicht gerechnet. Die ZEIT rudert wohl fleißig zurück- so ist jedenfalls mein Gefühl.
In der aktuellen Ausgabe 2014/49 der ZEIT wird jedenfalls auf das große Echo des ersten Teils der Serie eingegangen. Es kommen Werner Schwarz vom Bauernverband Schleswig-Holstein aber auch der Gründer von „Ärzte gegen Massentierhaltung“, Meyer, zu Wort.

zeit_reaktion3

 

Ergänzung: Mittlerweile ist dieser Artikel auch auf ZEITonline erschienen. Es kann nun dort und auf Facebook diskutiert werden. Für mich ist es kaum verwunderlich, dass sich jetzt verstärkt Tierärzte in die Diskussion einschalten. Sie versuchen nun das schiefe Bild, dass die ZEIT gezeichnet hat, wieder etwas gerade zu rücken.

die ZEIT: Reaktionen auf „die Rache aus dem Stall“

Viele Landwirte und auch Tierärzte empfanden die Titelstory der ZEIT vom letzten Donnerstag als sehr ungerecht und einseitig. An sehr vielen Stellen wurde zum Teil hitzig diskutiert.

Bei Facebook habe ich längst den Überblick verloren- so viele Diskussionsstränge wurden aufgemacht. Beeindruckend und letztlich auch ermutigend empfinde ich es, wenn dort in den Diskussionen viele selbstbewusste Landwirte auftreten und ihre Sicht der Dinge beschreiben. Alle ZEIT-Leser, die sich auch für die Kommentarspalten interessieren ahnen nun, dass hier vielleicht nicht ganz so objektiv gearbeitet wurde wie man das ansonsten möglicherweise gewohnt ist.

Stellvertretend habe ich diese Diskussion ausgewählt. Sabine Leopold, Landwirtschaftsjounalistin, entrüstet sich dort:

„Ich habe in meiner ganzen journalistischen Laufbahn keine so einseitige Berichterstattung, die sich jedes Gegenarguments mit Fleiß verschließt, erlebt. Nicht einmal Boulevard-Blätter arbeiten so tendenziös, zumindest aber können die sich nicht hinter einem Deckmantel der scheinbaren Seriösität verbergen. Wenn dort gehetzt wird, weiß man in der Regel, warum.“

Allerdings geht zwischenzeitlich die unausgewogene Berichterstattung im Hause ZEIT weiter: Bei ZEITonline wird ein konkreter Fall einer Patientin beschrieben und schon die Überschrift macht klar, dass die Sachlichkeit nicht im Vordergrund steht:
Zeit_online_margotgPatienten und Ärzte kämpfen also verzweifelt ums Leben, während die Tierhalter mittels Antibiotikamissbrauch multiresistente Keime züchten. Und dann wiegelt die böse Agrarlobby auch noch ab. – Einseitiger kann man doch ein so ernstes Thema gar nicht behandeln.
In diesem Feature bemerkt der aufmerksame Leser, dass die Krankenhaushygiene ein sehr wichtiger Faktor ist, wenn es darum geht, die resistenten Keime zu bekämpfen. Aber es soll wohl keine ganzheitliche Betrachtung geben, denn man lässt Gerd-Ludwig Meyer, Gründer der Ärzteinitiative gegen Massentierhaltung, Monsterschlachthöfe und MRSA, folgendermaßen zitieren:

In Großenkneten, knapp hundert Kilometer von seiner Heimat Nienburg entfernt, hat der Gemeinderat mit einem Grundsatzbeschluss den Weg für den Bau vieler neuer Stallanlagen für die Massentierhaltung geebnet. Es gab vier Gegenstimmen, doch die Kritiker hatten keine Chance gegen 28 Stimmen von CDU, SPD und FDP. Meyer ist fassungslos. „Entweder ich erstatte beim Staatsanwalt Anzeige wegen Körperverletzung…„, er überlegt, ob er es aussprechen soll, aber dann sagt er es doch: „…oder ich werde Terrorist„.

Problemlösung durch Selbstjustiz? Unglaublich. Es brannten bereits viele Ställe, so wird es keinen Dialog geben. Die vormals seriöse ZEIT hat offensichtlich kein Interesse an irgendeinem Dialog- immer mit dem Knüppel auf die Landwirtschaft…. ich bin traurig, verletzt und  bin schlichtweg entsetzt… und finde wieder nicht die richtigen Worte.
Am Ende des Features wird -nach Meinung der ZEIT- der CDU-Abgeordnete Franz-Josef Holzenkamp durch seine jahrelangen Verfehlungen als Lobbyist für die Massentierhaltung jetzt vom MRSA-Keim eingeholt. Sein Wahlkreis wird wie folgt beschrieben:

Südoldenburg in Niedersachsen, einem der Epizentren der deutschen Landwirtschaft. Nirgendwo in Deutschland sind die Auswüchse der industriellen Tierhaltung besser zu beobachten als in Holzenkamps Wahlkreis, wo über jeder Tür ein Kruzifix hängt und die Luft nach Schweinen und Gülle riecht.

Ist das Satire oder eine vorweggenommene negative Meinungsäußerung? Ich leite aus diesem Satz eine tiefe Geringschätzung bzw. Verachtung des Journalisten Autors gegenüber Holzenkamp speziell und Landwirten im Allgemeinen ab. Da konnte der MdB wohl sagen was er wollte, das Urteil war schon vorher gesprochen worden. Ein anderer Blickwinkel auf dieses tiefgründige Thema, Erkenntnisse von Holzenkamp werden hier abgebügelt und als „die böse Agrarlobby wiegelt ab“ abgetan.

twitter_logoAuch bei Twitter ging es zu diesem Thema hoch her. Sehr viele Tweets lassen sich unter dem Hashtag #dieRacheausdemStall nachlesen. So entwickelte sich am Sonntag eine Schlagabtausch zwischen Landwirten und Politikern bzw. ihren Mitarbeitern (u.a. Remmel und Künast). Diese höchst interessante Diskussion hat Rainer Winter dankenswerter Weise bei Storify zusammengetragen, so dass auch Surfer ohne Twitter-Account diese Diskussion nachlesen können.

Natürlich wurden auch diverse Stellungnahmen zum ZEIT-Titel verfasst:

http://www.massentierhaltung-aufgedeckt.de
http://www.landblogger.de
Faktencheck der ISN
http://www.topagrar.com
http://agrarmanager.agrarheute.com
sehr wissenschaftliche Hintergrundinfos und weiterführende Links bei AHO

Logo stallbesuch.de

Eine ganze Serie hat Thomas Wengenroth in Folge der ZEITberichte und ZEITzensur geschrieben- und zwar auf stallbesuch.de:
offener Brief | Vorhang zu, Fragen offen? | Nicht nur der Himmel ist derZEIT grau | Kurzgeschichte zur ZEIT | Chronologie zu ZEIT
und ganz wichtig –> Was sind multi-resistente Keime und wo kommen sie her?

Aber es gibt auch Lichtblicke: Es scheint so, als würde die tendenziöse Berichterstattung kippen und auch mal eine andere Perspektive eingenommen:
so sieht SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach „ein riesiges Problem bei der Hygiene“ in einem Interview mit der WAZ.
Und etwas überraschend für mich, kritisiert ausgerechnet die kritische taz die schlechte Recherche der Journalisten(?) von Correctiv, die für die ZEIT ermittelt haben.

Habe ich wichtige Kommentare und Stellungnahmen vergessen? Kein Problem- schreibt sie einfach in die Kommentarspalte!

später hinzugefügte Stellungnahmen:

  • offener Brief von Werner Schwarz, Bauernverband Schleswig-Holstein, an Di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT.