Schlagwort-Archive: Sabine Leopold

Zwei Kartoffeln auf Acker

Von wissenschaftlicher Rosinenpickerei und einer innigen Freundschaft, zwischen die kein Blatt passt

Das bei den Landwirten ungeliebte Agrarpaket liegt unverändert auf den Schreibtischen in den Bundesministerien für Landwirtschaft (BMEL) respektive Umwelt. Ungeliebt, da wichtige Anliegen des Natur- und Umweltschutzes darin verankert sind, während

„das Paket für die Bauern so eng geschnürt ist, dass es vielen Betrieben die Luft zum Atmen nimmt“,

bewertet BlogAgrar-Betreiber Bernhard Barkmann das Papier in seinem Beitrag „Die Botschaft hinter den grünen Kreuzen“. Daher werden die Bauern weiter demonstrieren, am 14. in Hamburg anlässlich der in der Hansestadt stattfindenden Umweltministerkonferenz und am 26. in Berlin.

Die Berater-Millionen des BMU

Aus dem Ringen um die weitere Ausrichtung der deutschen Agrarpolitik zwischen BMEL und BMU ist mit Ministerin Svenja Schulze das Umweltministerium als Gewinner hervorgegangen. Ein Ministerium, das es Ende Oktober kurz in die Negativschlagzeilen gebracht hatte mit einer Rüge des Rechnungshofs, Hunderte Millionen Euro für externe Leistungen verschleiert zu haben.

„Hat Svenja Schulze ein Beraterproblem?“ ,

fragte sich konsequenterweise Spiegel Online in seiner Ausgabe vom 30.10.2019. Dem SPON-Artikel zufolge durchaus. Allerdings ist es nicht das einzige Problem. Es finden sich weitere „Schwachstellen“ im Berliner Ministerium, die bedauerlicherweise nicht die Öffentlichkeit erhalten, die sie mit Blick auf die Bauernproteste verdienen.

Dem möchte ich in diesem Beitrag abhelfen. Dabei schwingt im Hintergrund die Überlegung mit: Was haben die Bauern vom BMU zu erwarten?

Unite behind the science?

In Bezug auf die Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse erinnert das SPD-geführte Ministerium an das Gebaren von Bündnis 90/Die Grünen: Es werden Rosinen gepickt. Beim Klimawandel steht man geschlossen hinter den Aussagen der Wissenschaft, bei Glyphosat und Gentechnik hingegen zieht man seine eigenen Wahrheiten vor.

Glyphosat

Svenja Schulze hat das Glyphosatverbot ganz weit oben auf der BMU-Agenda von ihrer Amtsvorgängerin übernommen. Mit dem Agrarpaket werden also BMU-Träume wahr: Zum Stichtag 31. Dezember 2023 soll der Einsatz glyposathaltiger Mittel verbindlich beendet werden, heißt es im „Aktionsprogramm Insektenschutz“, den das Bundeskabinett Anfang September beschlossen hat.

Bloß: Bisherigen Erkenntnissen zufolge spielt Glyphosat eine untergeordnete Rolle beim Insektenrückgang. Allerdings ficht das die Ministerin und ihren Staatssekretär nicht an. Bedauerlicherweise auch nicht Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die das Herbizid ungeachtet aller Proteste zum „politisch toten Pferd“ deklariert hat.

Ich halte das für eine Bankrotterklärung. Schließlich sanktionieren BMEL und BMU mit ihrem Beschluss nichts weniger als dass 

  • a-wissenschaftliche Schmutzkampagnen sich auszahlen, bei denen neben wissenschaftlichen Erkenntnissen die Integrität von Menschen (ich erinnere u.a. an Landwirtschaftsminister a.D. Christian Schmidt und BFR-Präsident Prof. Dr. Andreas Hensel) und Institutionen (ich erinnere u.a. an das BfR und an das BMEL (!)) mit Füßen getreten werden;
  • zukünftig jedes synthetisch hergestellte „Chemie“-Pflanzenschutzmittel und damit im Übrigen die Versorgungssicherheit des Landes leichte Beute sind für ideologisch verbrämte Schmierkampagnen der Big Green (Bündnis 90/Die Grünen / Naturschutz-NGO);
  • Zielkonflikte ausgeblendet werden, vorausgesetzt, es gelingt, alarmistisch, emotionsgeladen und laut genug zu trommeln;
  • Deutschlands Landwirte mit Glyphosat das sicherste Pflanzenschutzmittel verlieren werden und es keine (ökologisch sinnvollen!) Alternativen gibt.

Wer sich über Insektenserben und Glyphosat informieren möchte, empfehle ich die folgenden Links:  

Wie gefährlich ist Glyphosat?
Gutes Gift und böses Gift

Böse „Gene“

Ein gravierendes Desinteresse an wissenschaftlichen Erkenntnissen manifestiert sich im BMU ferner bei der Gentechnologie – ein Skandal im Übrigen, der wohl erst dann den hohen Nachrichtenwert finden, den er verdient, wäre der Schauplatz das BMEL. Vermutlich würden sich Medien und Öffentlichkeit überschlagen, würde Julia Klöckner und nicht Svenja Schulze die „Fachstelle für Gentechnik und Umwelt (FGU)“in ihrem Haus finanzieren.

Die FGU wird getragen von dem Verein Testbiotech e.V., der

„seit zehn Jahren unermüdlich gegen den Einsatz von Gentechnik, gegen die synthetische Biologie und gegen die Patentierung von biotechnologischen Erfindungen kämpft“,

so der Wissenschaftsjournalist und Salonkolumnist Ludger Weß in seinem exzellenten Beitrag „Pflanzenforscher, haut ab!“.

Sprich: Das BMU bezahlt eine gentechnologiekritische Einrichtung dafür, neue Gentechnologien zu beobachten und zu bewerten und die Öffentlichkeit darüber aufzuklären. Pikant: Die Wissenschaft ist sich nicht erst seit gestern einig: Von gentechnisch veränderten Organismen geht keine Gefahr aus. In der Humanmedizin ist ihr Einsatz schon lange Alltag. Auch für die Landwirtschaft wären neue Technologien wie die CRISPR/Cas-Methode nicht nur in Zeiten des Klimawandels ein Segen, sondern auch zur Reduktion des Einsatzes von – Pflanzenschutzmitteln!

„NABU-Ministerium“

Möchte man das Handeln von BMU bzw. Svenja Schulze verstehen, führt meines Erachtens kein Weg am NABU-Naturschutzbund Deutschland e.V. vorbei. Der NABU vertritt auf seiner Webseite die Auffassung, dass die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion  

„die dringend benötigten Lebensräume für viele Arten und ihre Nahrungsgrundlage drastisch einschränkt.“

(https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/landnutzung/landwirtschaft/agrarpolitik/index.html)

Ziel der NGO ist eine Agrarpolitik, die der Natur deutlich mehr Platz einräumt:

Der Natur deutlich mehr Platz einräumen – aber was ist mit unserem Essen? https://www.nabu.de/news/2019/09/27013.html

Eine NABU-Studie kommt zum Schluss, dass folgende Maßnahmen notwendig sind, um die Biodiversität in unseren Agrarlandschaften dauerhaft zu erhalten oder auch wiederherzustellen:

NABU-Studie: https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/landnutzung/landwirtschaft/agrarpolitik/eu-agrarreform/studien/26156.html

Nichts weniger als der Umbau der Landwirtschaft ist geplant – letztendlich mit einem massiven Eingriff in die Nahrungsmittelerzeugung. Ein erster Schritt auf dem Weg ist das Agrarpaket. Dementsprechend findet das Insektenschutzprogramm großen Anklang beim NABU:

„Das ambitionierte Programm ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung“,

begrüßte der NABU das Aktionsprogramm (https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/insektensterben/26943.html).

BMU bzw. Svenja Schulze und der NABU „funken auf einer Wellenlänge“. Ob sich wohl Raum findet für die Belange der konventionellen Landwirtschaft?

Bauer Willi

Interessant finde ich folgende Beobachtung von Bauer Willi: 

„Wer Svenja Schulze reden hört, könnte sich auch gleich mit der Kreisverbandsvorsitzenden eines Naturschutzvereines unterhalten. Empathie für Bauern ist da nicht zu erwarten“,

urteilt er in seinem lesenswerten BlogPost „Nichts Neues, aber neue Erkenntnisse“. In dem Beitrag referiert er ein Gespräch mit Julia Klöckner, das er am 22. Oktober in Berlin geführt hatte – eine lesenswerte Lektüre übrigens für diejenigen, die Näheres über den Hintergrund der Bauernproteste erfahren möchten. Ich habe ihn hier verlinkt.

NABU-Mitglied Schulze

Bauer Willi hat mit seiner Einschätzung zwar keinen Volltreffer gelandet, liegt aber auch nicht daneben: Die Ministerin ist NABU-Mitglied – und zwar kein passives:

„Für mich macht der NABU eine Lobbyarbeit im besten Sinne – und das werde ich mit aller Kraft weiter unterstützen“,

lobte Svenja Schulze, seinerzeit Mitglied des Landtags Nordrhein-Westfalen, 2008 im NABU-Mitgliedermagazin „Naturzeit im Münsterland“ die Arbeit von NABU-Mitgliedern und -Aktiven. Beim Stadtverband Münster des NABU freute man sich: Man nehme sie beim Wort, ist auf der Webseite des Verbandes zu lesen ( https://www.nabu-muenster.de/der-nabu-gratuliert-svenja-schulze-zum-neuen-amt-als-bundesumweltministerin/).

Zehn Jahre später wiederum übernahm Schulze, mittlerweile Bundesumweltministerin, am 22. November 2018 die Schirmherrschaft des NABU-Projektes „Gemeinsam Boden gut machen“, wie die NGO auf ihrer Webseite mitteilte. Mit der Initiative unterstützt der NABU Landwirte, die von der konventionellen Landwirtschaft auf Öko-Landbau umsteigen wollen.

Am 5. März 2019 wiederum zog der NABU beim Online-Portal www.euractiv.de nach einem Jahr GroKo Bilanz zum Umweltschutz: Das Landwirtschaftsministerium erhielt durchweg schlechte Noten, Lob gab es hingegen für die Initiativen von Umweltministerin Schulze. (https://www.euractiv.de/section/energie-und-umwelt/news/ein-jahr-groko-nabu-zieht-enttaeuschende-bilanz-zum-umweltschutz/)

Man mag sich augenscheinlich, was nicht nur im Netz seinen Ausdruck findet. Auch die folgenden BMU-Personalien sprechen Bände:

Jochen Flasbarth

Seit Dezember 2013 ist Jochen Flasbarth Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Bei ihrem Wechsel nach Berlin 2018 übernahm Svenja Schulze gemeinsam mit dem Ressort den Staatssekretär ihrer Amtsvorgängerin, Ministerin a.D. Dr. Barbara Hendricks. Flasbarth war von 1992 bis 2003 als hauptamtlicher NABU-Präsident tätig, nachdem er bereits 1989 das Amt des Vizepräsidenten angetreten hatte.

Josef Tumbrinck

Seit April 2019 leitet Josef Tumbrinck das BMU-Unterressort „Naturschutz“. Zuvor war er in Nordrhein-Westfalen als NABU-Landeschef tätig gewesen. Pikant: Nur wenige Monate später befasste sich die Justiz mit Tumbrincks Stellenbesetzung. Das Verwaltungsgericht Köln hatte Ende Juli auf die Beschwerde eines Mitbewerbers um den Posten entschieden, dass die Stelle des Unterabteilungsleiters „Naturschutz“ neu ausgeschrieben werden müsse. Der Verdacht einer möglichen Postenschieberei sei bereits Anfang des Jahres laut geworden, zitiert die Agrarjournalistin Sabine Leopold AgraEurope in dem agrarheute-Beitrag „Fragwürdige Verquickung. Stellenvergabe im Umweltministerium in der Kritik“.

Zudem habe die Regierung auf eine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag im Mai mitgeteilt, dass insgesamt fünf BMU-Angestellte direkt aus dem NABU oder dem Deutschen Naturschutzring (DNR) ins Ministerium gewechselt sind. Laut Wikipedia ist der DNR der Dachverband der deutschen Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen. Auch der NABU gehört dem DNR an.

„Während jedoch Vorwürfe hinsichtlich Lobbyismus und unsauberer Verquickungen in der Agrarbranche immer wieder für enorme Schlagzeilen sorgen, haben sich die großen Medien der Vorgänge im Bundesumweltministerium bislang nicht angenommen“,

bilanziert Leopold.

Das Tumbrinck’sche Kartoffelgate

Josef Tumbrinck dürfte manchem Nutzer der Sozialen Medien durch ein Tweet bekannt geworden sein, in dem er kürzlich einen gravierenden Mangel an landwirtschaftlichem Basiswissen offenbarte. Pech für Tumbrinck, der anscheinend noch nie ein Kartoffelfeld im Herbst gesehen hat: Sein im Tweet zum Ausdruck gebrachtes Bauern-Bashing fiel in den Sozialen Medien mit voller Wucht auf ihn zurück.

Kartoffelacker mit grünem Kreuz, im Hintergrund ein Kraftwerk.
Landwirtschaft des Todes – oder Kartoffeln kurz vor der Ernte?
Zwei ausgegrabene Kartoffeln auf Kartoffeldamm
Zombie-Kartoffeln. Oder: Die Grünen Kreuze bringen auch zum Ausdruck, dass die Gesellschaft einschließlich des Naturschützers Josef Tumbrinck das Wissen über die Erzeugung sogar ihrer Grundnahrungsmittel verloren hat.

Da wir gerade bei bösartigen Anwürfen aus NABU-Reihen sind – hier eine Randnotiz: Am 26. Oktober echauffierte sich der Bauernverband Bremen auf seiner Webseite über den Geschäftsführer des NABU Bremen. Dieser hatte live im Fernsehen gesagt,

„dass sie doch die Umweltvergifter seien und ihre eigene Funktionäre vom Bauernverband Rukwied und Konsorten, das sind letztendlich Verbrecher, die wirklich Millionen abzocken, das muss man so deutlich sagen, die Millionen abzocken,…“.

Als ob diese Schublade nicht schon unterirdisch genug wäre, nannte er im Nachgang auf Facebook die Bauern als „Brunnenvergifter, Käfertöter und Vogelschlächter“ und wiederholte seine Aussage zu den Vertretern des Bauernverbandes. Der Kommentar des Bauernverbandes kann hier vollständig nachgelesen werden.

Druschba – Freundschaft

Die gegenseitige Wertschätzung von NABU und BMU findet ferner in monetärer Form Ausdruck: Das ehemalige NABU-Mitglied Jens-Werner Dettmann veröffentlichte Anfang 2019 einen Offenen Brief an Ministerin Schulze u.a. zur Personalie Tumbrinck und arbeitet  darin bis dato bewilligte Fördermittel aus dem BMU für den NABU und dessen Stiftungen in einer anschaulichen Grafik auf.

Die Zahlen entstammen einer Anfrage, die die Bundestagsfraktion der FDP im vergangenen Jahr an die Bundesregierung gerichtet hatte. Das lesenswerte Schreiben mit Link zur Anfrage und Auflistung der einzelnen NABU-Projekte habe ich an dieser Stelle verlinkt.

Bildnachweis: Jens-Werner Dettmann

Meine Meinung? Zwischen NABU und BMU passt kein Blatt. Anders ausgedrückt:

„Die deutsche Agrarlobby: verfilzt, intransparent und wenig am Gemeinwohl orientiert“ lautete eine Studie, die der NABU am 29. April 2019 vorgelegte (https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/landnutzung/landwirtschaft/agrarpolitik/26321.html). Ich will auf den Inhalt der Studie gar nicht eingehen – es ist die übliche Agrarlobbyverteufelung, deren Sinn oder Unsinn einen eigenen Beitrag wert wäre.

Ich stelle mir allerdings die Frage, ob es nicht Zeit ist für eine weitere Studie? Als Überschrift könnte ich mir vorstellen:

„BMU und NABU: verfilzt, intransparent und wenig am Gemeinwohl orientiert.“

Fazit:

Eingangs hatte ich die Frage gestellt, was die Bauern vom BMU zu erwarten haben. Meine Antwort: Vermutlich nichts.

Aber wer weiß? Ich höre immer wieder, auf regionaler Ebene arbeiten Bauern und NABU-Mitglieder gut zusammen. Es sei die Führungsriege, die einen Konfrontationskurs fahre. Vielleicht ergibt sich aus den vielen Partnerschaften irgendwann und irgendwie eine Kurskorrektur – über das NABU hinein ins Herz des BMU?

Die Kapitulation der Wissenschaft vor dem grünen Mainstream?

bmel_gutachten_2015Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik (WBA) hat dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) ein Gutachten zur Nutztierhaltung überreicht. Der Titel des Papiers lautet „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ und der Inhalt ist brisant, denn die deutsche Nutztierhaltung sei in wesentlichen Teilen nicht zukunftsfähig.

Sabine Leopold, Redakteurin des Fachmagazins agrarmanager kommentierte bereits gestern dazu:

logo_agrarmanager_claim_80Um die bessere Verbraucherakzeptanz geht es darin vor allem. Und – so hoffte man im Vorfeld – um eine Versachlichung der Diskussion.
 
Letzteres ist, vorsichtig formuliert, nur sehr bedingt gelungen. In seinem Bericht bestätigt der Beirat zwar einerseits, dass die landwirtschaftliche Nutztierhaltung ein wichtiger und hoch effizienter Sektor der deutschen Wirtschaft sei, der zudem inzwischen äußerst ressourcenschonend arbeite. Zugleich aber sieht die Expertenkommission erhebliche Mängel in Tier- und Umweltschutzfragen. Für diese empfehlen die Unterzeichner unter anderem zeitnah folgende Maßnahmen:
  • Zugang aller Nutztiere zu verschiedenen Klimazonen (vorzugsweise Außenklima),
  • Angebot von Einrichtungen, Stoffen und Reizen zur artgemäßen Beschäftigung, Nahrungsaufnahme und Körperpflege,
  • Angebot von ausreichend Platz,
  • Verzicht auf Amputationen,
  • deutlich reduzierter Arzneimitteleinsatz,
  • verbesserter Bildungs-, Kenntnis- und Motivationsstand der im Tierbereich arbeitenden Personen und
  • eine stärkere Berücksichtigung funktionaler Merkmale in der Zucht.
 

Stimmen zum Gutachten

Unschwer zu erraten, dass dieses Gutachten eine Welle von Reaktionen losgetreten hat.
Am schnellsten waren die Grünen. Bereits am Vormittag erklärt Fraktionschef Anton Hofreiter in einer Pressemitteilung genüsslich, die „Politik der Massentierhaltung und Tierfabriken“ sei nun „amtlich“ gescheitert.
Später ergänzt Agrarsprecher Friedrich Ostendorff (Zitat: „Da kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen“), die Auflistung entspräche nahezu exakt den grünen Forderungen an eine Agrarwende. Und vergisst dabei zu erwähnen, dass das Schriftstück nach erster Sichtung der 78-seitigen Kurzfassung auch in Hinsicht auf den Mangel an praktikablen Lösungen deutliche Parallelen zum grünen Parteiprogramm aufweist. Zwar stellt der Beirat die Vorschläge unter einen gewissen Finanzierungsvorbehalt und fordert zum Beispiel eine deutliche Umschichtung der Prämierung tierwohlfördernder Maßnahmen in die 2. Säule, erklärt aber gleichzeitig ziemlich nonchalant, man müsse nur die Bereitschaft der Verbraucher, für mehr Tierschutz auch mehr zu zahlen, richtig kanalisieren. Zwar gebe es bislang wenig belastbare Fakten zum Verbraucherverhalten bei Tierschutz-Preisaufschlägen, dennoch ließen „die vorliegenden Verbraucherstudien auf eine beachtliche Zielgruppe für Produkte aus tierfreundlicherer Haltung schließen.“ Klingt ein wenig nach Kaffeesatzleserei, deren Fehlinterpretation im Zweifel der Produzent bezahlt.
 
Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) fordert in Person ihres Bundesvorsitzenden Martin Schulz – wiedermal – ein sofortiges Verbot großer Tierhaltungsbetriebe und übersieht dabei geflissentlich, dass das Gutachten sich gar nicht auf Bestandsgrößen bezieht und keine Tierzahloberzahlen empfiehlt. Zwar werden ausreichende personelle Kapazitäten zur Tierbetreuung gefordert, zugleich merkt der Bericht jedoch an, dass die Kosten für eine verbesserte Tiergerechtheit alle Betriebsgrößen vor eine schwierige Aufgabe stellen und gerade kleine Familienbetriebe im strukturschwachen ländlichen Raum hier schnell an ihre Grenzen stoßen könnten. Thema, verfehlt, liebe AbL, aber auch das ist nichts Neues.
 
Der Deutsche Bauernverband schließlich kritisiert mit deutlichen Worten die Kurzsichtigkeit mancher Forderungen im Gutachten im Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Landwirtschaft. DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken: „Die Empfehlungen der Wissenschaftler sind in Anbetracht der Konsequenzen für die Nutztierhaltung, die Bauernfamilien und für den ländlichen Raum unverantwortlich leichtfertig.“ Besonders kritisch sieht Krüsken dabei die viel zu optimistische Einschätzung der Nachfrage bei steigenden Preisen durch höhere Standards und die generelle Unterschätzung der entstehenden Kosten: „Diese Rechnung unterschlägt unter anderem die volkswirtschaftlichen Kosten durch die Entwertung von Investitionen und die Abwanderung der Wertschöpfung aus der Tierhaltung.“
 

Wunschliste mit wenig Praxisrelevanz

Alles in allem wirkt das Gutachten ein bisschen wie eine Wunschliste, die vor allem das Gespür für die richtige Reihenfolge vermissen lässt. Einfach mal davon auszugehen, dass die veranschlagten Mehrkosten vor allem durch moderat steigende (und vom Verbraucher problemlos akzeptierte) Endproduktpreise schon wieder reinzuholen seien, verschiebt das Risiko nahezu ausschließlich in Richtung der Landwirte.
 
Zudem übergeht der Expertenbeirat mehrfach, dass die von ihm unterbreiteten Vorschläge bereits umgesetzt werden, nur eben in verträglichem Tempo. Das Antibiotika-Monitoring zeigt erste Wirkung (www.qs-blog.de/2015/02/antibiotikamonitoring-betriebsvergleiche-geben-orientierung/). Bodengestaltung, Klimaverbesserung, Platzangebot, Beschäftigungsmaterial – in all diese Bereiche haben deutsche Tierhalter in den letzten Jahren investiert, nicht selten an der Grenze ihrer finanziellen Möglichkeiten. Und das Postulat einer verstärkten Konzentration auf funktionelle Merkmale in der Nutztierzucht rennt bei den meisten Züchtern auch längst offene Türen ein.
 
Einen besonders unangenehmen Beigeschmack allerdings hinterlässt die Forderung nach besserer Bildung, Qualifikation und Motivation der Tierbetreuer. Zum weit überwiegenden Teil trifft diese Feststellung Menschen, die sich mit Leidenschaft um ihre Tiere bemühen, sich regelmäßig weiterbilden (nicht selten in Kursen, die wenig mit dem Tierwohl, dafür aber viel mit Bürokratie zu tun haben) und in vielen Fällen 24 Stunden am Tag für ihre Herden bereitstehen. Eine derartig pauschale Forderung dürfte also viele engagierte Tierhalter bitter treffen.
Auch hier scheinen die Empfehlungen noch erheblichen Nachbesserungsbedarf zu haben, wenn sie die Diskussion um Strukturen, Tierwohl und Verantwortung nicht noch weiter anheizen sollen.

Soweit die Einschätzung und Einordnung von Sabine Leopold.

Ich bin der Meinung, dass wir die beste Tierhaltung aller Zeiten haben. Sie ist von ihren Standards her auch weltweit führend. Mit ihr produzieren wir Landwirte so sichere und gesunde Lebensmittel wie nie zuvor! Auch der Tierwohlfrage stellen wir uns! Daher kann ich es nicht nachvollziehen, dass der WBA sich nun anscheinend dem grünen Mainstream unterwirft.
Die Folge wäre ein Einbruch der Tierhaltung in Deutschland. Die Tierhalter dürften sich nun alle größte Sorgen um ihre Zukunft machen.

Ich frage mich: Sind wir nur noch Spielball der Agrarpolitik, die sich nicht mehr an wissenschaftlicher Logik orientieren muss?

Die deutsche Tierhaltung hat es geschafft, mit hohen Standards bei Haltungsbedingungen und beim Umweltschutz international wettbewerbsfähig zu sein. Diese Leistung wird nicht (mehr) anerkannt und das ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht!

Die Abhängigkeit von staatlichen Subventionen wird künftig riesig sein- das mag vielleicht ein paar Jahre gut gehen. Nur wie lange? Bis der deutschen Gesellschaft die Landwirtschaftlichen Subventionen zu hoch erscheinen angesichts dann eingebrochener Produktionsmengen und steigender Abhängigkeit aus dem Ausland? Dann wird es wohl wieder Bestrebungen geben, die Landwirtschaft vor Ort wettbewerbsfähig zu machen?

In dem immer ideologischer werdenden Streit um die Ausrichtung der Agrarpolitik hätte ich mir die Wissenschaft als Begleiter der Landwirtschaft gewünscht. Kritisch und fachlich fundiert! Aber leider: Die Wissenschaft in Form der WBA streicht nun auch die Segel (nachdem schon kaum eine Partei mehr offen zur modernen Landwirtschaft stehen will). Ich finde, das ist ein Armutszeugnis für die Agrarwissenschaft, für die Wissenschaft allgemein und auch für Deutschland! Denn von freiem Unternehmertum, flankiert von auf wissenschaftlicher Basis stehenden politischen Maßnahmen, kann spätestens jetzt nicht mehr die Rede sein!
Ich hätte mir gewünscht, dass die Wissenschaft ihren Teil dazu beiträgt, der Bevölkerung zu erklären, wie groß die Einwirkungen auf das Grundwasser, auf Keimbelastungen usw. wirklich sind und wie sicher und gesund unsere Lebensmittel im Gegensatz zu früher sind. Aber das fand in der Vergangenheit kaum statt und kann wohl auch nicht mehr von den im WBA organisierten Professoren erwartet werden.  An die Öffentlichkeit traute sich bisher kaum ein Wissenschaftler, der nicht von diversen NGOs später „gesteinigt“ werden wollte. Und nun die völlige Kapitulation? Ich bin ehrlich gesagt fassungslos!

Ich denke in Generationen und möchte meinem Sohn einen soliden Betrieb übergeben können. Die Herren Professoren sind anscheinend gut besoldet und müssen sich nicht um ihre eigene Zukunft Sorgen machen. Aber möglicherweise sind für bzw. deren Institute künftig sogar mehr staatliche Forschungsaufträge zu erwarten?

Weitere Informationen:

FAZ: Gutachter fordern radikale Wende in der Tierhaltung
FAZ: Wie glücklich muss ein Schwein sein?
Bayrischer Bauernverband: Pauschale Diffamierung statt realistischer Weiterentwicklungsimpulse
Bauernverband Schleswig-Holstein: Was sich die Elite der Agrarwissenschaft von uns Bauern wünscht
Deutscher Bauernverband: Export der Nutztierhaltung ist keine Lösung für Landwirtschaft und Tierschutz
Stallbesuch.de: Vergleich der Empfehlungen des WBA von 2005 und 2015
das Gutachten im .pdf-Format zum Download: Kurzfassung, Zusammenfassung, komplett

die ZEIT: Reaktionen auf „die Rache aus dem Stall“

Viele Landwirte und auch Tierärzte empfanden die Titelstory der ZEIT vom letzten Donnerstag als sehr ungerecht und einseitig. An sehr vielen Stellen wurde zum Teil hitzig diskutiert.

Bei Facebook habe ich längst den Überblick verloren- so viele Diskussionsstränge wurden aufgemacht. Beeindruckend und letztlich auch ermutigend empfinde ich es, wenn dort in den Diskussionen viele selbstbewusste Landwirte auftreten und ihre Sicht der Dinge beschreiben. Alle ZEIT-Leser, die sich auch für die Kommentarspalten interessieren ahnen nun, dass hier vielleicht nicht ganz so objektiv gearbeitet wurde wie man das ansonsten möglicherweise gewohnt ist.

Stellvertretend habe ich diese Diskussion ausgewählt. Sabine Leopold, Landwirtschaftsjounalistin, entrüstet sich dort:

„Ich habe in meiner ganzen journalistischen Laufbahn keine so einseitige Berichterstattung, die sich jedes Gegenarguments mit Fleiß verschließt, erlebt. Nicht einmal Boulevard-Blätter arbeiten so tendenziös, zumindest aber können die sich nicht hinter einem Deckmantel der scheinbaren Seriösität verbergen. Wenn dort gehetzt wird, weiß man in der Regel, warum.“

Allerdings geht zwischenzeitlich die unausgewogene Berichterstattung im Hause ZEIT weiter: Bei ZEITonline wird ein konkreter Fall einer Patientin beschrieben und schon die Überschrift macht klar, dass die Sachlichkeit nicht im Vordergrund steht:
Zeit_online_margotgPatienten und Ärzte kämpfen also verzweifelt ums Leben, während die Tierhalter mittels Antibiotikamissbrauch multiresistente Keime züchten. Und dann wiegelt die böse Agrarlobby auch noch ab. – Einseitiger kann man doch ein so ernstes Thema gar nicht behandeln.
In diesem Feature bemerkt der aufmerksame Leser, dass die Krankenhaushygiene ein sehr wichtiger Faktor ist, wenn es darum geht, die resistenten Keime zu bekämpfen. Aber es soll wohl keine ganzheitliche Betrachtung geben, denn man lässt Gerd-Ludwig Meyer, Gründer der Ärzteinitiative gegen Massentierhaltung, Monsterschlachthöfe und MRSA, folgendermaßen zitieren:

In Großenkneten, knapp hundert Kilometer von seiner Heimat Nienburg entfernt, hat der Gemeinderat mit einem Grundsatzbeschluss den Weg für den Bau vieler neuer Stallanlagen für die Massentierhaltung geebnet. Es gab vier Gegenstimmen, doch die Kritiker hatten keine Chance gegen 28 Stimmen von CDU, SPD und FDP. Meyer ist fassungslos. „Entweder ich erstatte beim Staatsanwalt Anzeige wegen Körperverletzung…„, er überlegt, ob er es aussprechen soll, aber dann sagt er es doch: „…oder ich werde Terrorist„.

Problemlösung durch Selbstjustiz? Unglaublich. Es brannten bereits viele Ställe, so wird es keinen Dialog geben. Die vormals seriöse ZEIT hat offensichtlich kein Interesse an irgendeinem Dialog- immer mit dem Knüppel auf die Landwirtschaft…. ich bin traurig, verletzt und  bin schlichtweg entsetzt… und finde wieder nicht die richtigen Worte.
Am Ende des Features wird -nach Meinung der ZEIT- der CDU-Abgeordnete Franz-Josef Holzenkamp durch seine jahrelangen Verfehlungen als Lobbyist für die Massentierhaltung jetzt vom MRSA-Keim eingeholt. Sein Wahlkreis wird wie folgt beschrieben:

Südoldenburg in Niedersachsen, einem der Epizentren der deutschen Landwirtschaft. Nirgendwo in Deutschland sind die Auswüchse der industriellen Tierhaltung besser zu beobachten als in Holzenkamps Wahlkreis, wo über jeder Tür ein Kruzifix hängt und die Luft nach Schweinen und Gülle riecht.

Ist das Satire oder eine vorweggenommene negative Meinungsäußerung? Ich leite aus diesem Satz eine tiefe Geringschätzung bzw. Verachtung des Journalisten Autors gegenüber Holzenkamp speziell und Landwirten im Allgemeinen ab. Da konnte der MdB wohl sagen was er wollte, das Urteil war schon vorher gesprochen worden. Ein anderer Blickwinkel auf dieses tiefgründige Thema, Erkenntnisse von Holzenkamp werden hier abgebügelt und als „die böse Agrarlobby wiegelt ab“ abgetan.

twitter_logoAuch bei Twitter ging es zu diesem Thema hoch her. Sehr viele Tweets lassen sich unter dem Hashtag #dieRacheausdemStall nachlesen. So entwickelte sich am Sonntag eine Schlagabtausch zwischen Landwirten und Politikern bzw. ihren Mitarbeitern (u.a. Remmel und Künast). Diese höchst interessante Diskussion hat Rainer Winter dankenswerter Weise bei Storify zusammengetragen, so dass auch Surfer ohne Twitter-Account diese Diskussion nachlesen können.

Natürlich wurden auch diverse Stellungnahmen zum ZEIT-Titel verfasst:

http://www.massentierhaltung-aufgedeckt.de
http://www.landblogger.de
Faktencheck der ISN
http://www.topagrar.com
http://agrarmanager.agrarheute.com
sehr wissenschaftliche Hintergrundinfos und weiterführende Links bei AHO

Logo stallbesuch.de

Eine ganze Serie hat Thomas Wengenroth in Folge der ZEITberichte und ZEITzensur geschrieben- und zwar auf stallbesuch.de:
offener Brief | Vorhang zu, Fragen offen? | Nicht nur der Himmel ist derZEIT grau | Kurzgeschichte zur ZEIT | Chronologie zu ZEIT
und ganz wichtig –> Was sind multi-resistente Keime und wo kommen sie her?

Aber es gibt auch Lichtblicke: Es scheint so, als würde die tendenziöse Berichterstattung kippen und auch mal eine andere Perspektive eingenommen:
so sieht SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach „ein riesiges Problem bei der Hygiene“ in einem Interview mit der WAZ.
Und etwas überraschend für mich, kritisiert ausgerechnet die kritische taz die schlechte Recherche der Journalisten(?) von Correctiv, die für die ZEIT ermittelt haben.

Habe ich wichtige Kommentare und Stellungnahmen vergessen? Kein Problem- schreibt sie einfach in die Kommentarspalte!

später hinzugefügte Stellungnahmen:

  • offener Brief von Werner Schwarz, Bauernverband Schleswig-Holstein, an Di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT.

Kommentar auf Meyers Milchmengen-Deckel

von Sabine Leopold, Redaktion agrarmanager

logo_agrarmanager_claim_80

Kurzkommentar zu Christian Meyers Vorstoß für eine Milchmengen-Deckelung in der EU:

Russland hat seine Importe von Agrarprodukten aus der EU gestoppt. Die Nordwest-Zeitung hat daraufhin den niedersächsischen Landwirtschaftsminister Christian Meyer gefragt, welche Folgen das für die hiesige Agrarwirtschaft und -politik haben müsse. Antwort des grünen Ressortchefs: Wir brauchen eine Deckelung der Milchmenge nach einem Bonus/Malus-System. Schließlich führe der Ausbau der Milchviehställe hierzulande zu Überschussproduktion und Preisverfall. Niedersachsen habe bereits reagiert und „die Subventionen für neue konventionelle Ställe etwa im Agrarinvestitonsförderprogramm AFP deutlich heruntergefahren“.
Will heißen: Wir werden einer modernen, wettbewerbsfähigen Milchproduktion schon ordentlich Knüppel zwischen die Beine werfen, damit sie sich am internationalen Markt nicht behaupten kann. Nach der Quote ist vor der Quote.

Jetzt warten wir mal gespannt, ob sich diese Idee auch in anderen Wirtschaftszweigen durchsetzt: Volkswagen etwa darf künftig pro Jahr nur noch eine bestimmte Menge (Elektro-)Autos zur deutschen Eigenversorgung zusammenschrauben. Und Miele wird verdonnert, seine jährliche Kühlschrank-Produktion auf ein paar Hundert Super-Ökogeräte für den deutschen Markt zu beschränken. Wagen die Firmen dennoch, für den Export zu produzieren und unsere Volkswirtschaft nebst Arbeitsmarkt in Schwung zu halten, ist Schluss mit Steuervergünstigungen und Umlagebefreiung. Und wenn das auch nicht hilft, müssen Bestandsobergrenzen für Auto- und Kühlschrankmonteure her. Wir werden der deutschen Wirtschaft schon ihre Wettbewerbsfähigkeit austreiben.