Clara Rolfes setzte Highlight bei 1. Wirtschaftstag

Clara Rolfes
Clara Rolfes

[ Vom ersten Wirtschaftstag in Cloppenburg war hier im Blog bereits zu lesen. ]

In der Nachbetrachtung der Veranstaltung war dabei nicht der Auftritt von Ministerpräsident Stephan Weil das Highlight, sondern ein Impulsreferat der jungen Bäuerin Clara Rolfes* aus Lastrup, die unmittelbar vor dem Ministerpräsidenten ihren Auftritt hatte.
Das Referat „Alltag auf dem Hof – Netzwerke, Investitionen, Dienstleistungen und Bürokratie“ beeindruckte nicht nur die ca. 400 Zuhörer im Plenum, sondern auch Stephan Weil, der in seinem Vortrag „Zukunft der Veredlungsregion Nordwestdeutschland“ viele spontane Bezüge auf die Ausführungen der Junglandwirtin einbaute.

Hier einige Zitate und Passagen ihres Impulsreferates:

„Ich sitze genauso lange im Büro, wie ich im Stall bin. Mir fehlt dadurch die Zeit, mich mal in Ruhe hinzusetzen und mit ruhigem Kopf und spitzem Bleistift neue Ideen zu entwickeln!“

Vor zehn Jahren wurde ich gefragt, ob ich als Frau die schwere Arbeit auf dem Hof überhaupt schaffe. Vor fünf Jahren bekam ich Sprüche wie ´Du siehst ja gar nicht so aus wie Bauer sucht Frau´ und heute fragt man mich, wie ich es denn mit meinem Gewissen vereinbaren kann, täglich meine Tiere zu quälen und die Umwelt zu vergiften.“

„Dank der Spezialisierung auf eine Tierart ist unser Familienbetrieb wirtschaftlich erfolgreich, aber ich bin als Bäuerin nicht mehr gesellschaftsfähig?“

Die anwesenden Landwirte verfolgten anschließend gespannt die Ausführungen des niedersächsischen Ministerpräsidenten Weil. Ihm sei bewusst, dass die Agrarwirtschaft mit ihrem vor- und nachgelagertem Bereich ein Wachstumsmotor nicht nur für die ehemals strukturschwache Region ist, sondern auch eine bundesweite Bedeutung hat und dass hinter den Zahlen auch eine ganze Menge harter Arbeit steckt.
Weil forderte die Anwesenden auf, die die aktuelle Situation nicht zu beklagen, sondern den Blick nach vorne zu richten. Die gesellschaftliche Akzeptanz ließe sich nicht ruckarig zurückgewinnen, das ginge nur langsam- nicht revolutionär.

am Ende der Veranstaltung unterhielten sich Clara Rolfes und Ministerpräsident Weil auf der Bühne
am Ende der Veranstaltung unterhielten sich Clara Rolfes und Ministerpräsident Weil auf der Bühne

Er lobte erste gemeinsame Verabredungen zum Schwänzekupieren und bezeichnete das als „sanfte Agrarwende“. Niedersachsen sei dabei ein Vorbild für den Bund.
Natürlich sprach Weil auch weitere Problemfelder an, wie das Schnäbelkürzen, emmisionsarme Gülleausbringung, Nitratwerte im Grundwasser und der Antibiotikaeinsatz in der Veterinärmedizin. Höherer Aufwand soll bezahlt werden und zusätzliche Leistungen sollen belohnt werden. Er wünsche sich eine selbst- und problembewusste Landwirtschaft.
Für Heiterkeit im Saal sorgte Weil als er die Pläne einer Pachtpreisbremse vorstellte. Es hatte den Anschein, dass keiner der Anwesenden (außer Weil) an eine Wirksamkeit eines solchen stattlichen Eingriffs glaubt. (Anmerkung: Zum Thema Pacht und Bodenpreise müsste ich auch noch einen Artikel schreiben- ein großes Thema)
Für seinen Vortrag erhielt Weil einen verhaltenen, höflichen Applaus. Eine verbreitete Skepsis war zu spüren. Der Auftritt von Weil in Cloppenburg war wahrlich kein Heimspiel, aber er war da und er hat die Pläne seiner Regierung vorgestellt und nahm sich dafür auch viel Zeit. Das rechne ich ihm hoch an. Beispiele aus NRW zeigen, dass das wohl nicht selbstverständlich ist. Ich glaube wirklich, dass die Landesregierung mittlerweile einen ernsthaften Dialog mit der Landwirtschaft führen möchte.

Anschließend gab es noch eine Podiumsdiskussion. Hier möchte ich nur die knackigsten Aussagen zitieren:

„Moderne Landwirtschaft muss intensiv und nachhaltig sein! Intensivität und Nachhaltigkeit schließen sich nicht notwendigerweise aus!“ (Hubertus Berges, Landvolk CLP)

„Vor 20 Jahren war die Landtechnik OLD ECONOMY – das hat sich bis heute radikal verändert!“ (Christian Dreyer, AMAZONE-Werke)

„Am Anfang war Himmel und Erde- den Rest haben wir gemacht! Das Handwerk“ (Karl-Heinz Bley, Handwerkskammer)

„Wachstum ist ein erforderlicher wirtschaftlicher Vorgang, der Innovationen ermöglicht. Landwirtschaft hat immer wieder Verbesserungspotential.“ (Gerd Stuke, IHK)

„Gemeinsame Lösungen sollen der Weg sein. Rethorische Überspitzungen führen dabei nicht zum Ziel.“ (Stephan Weil)

„Mich nerven die ständigen Anschuldigungen. Die Ministerien befinden sich rethorisch noch im Oppositionsmodus!“ (Hubertus Berges, Landvolk CLP)

„Wir brauchen eine Verbraucherwende“ (Gerd Stuke, IHK)

„Ernährungswirtschaft produziert gesunde und qualitativ hochwertige Lebensmittel“ (Karl-Heinz Bley, Handwerkskammer)

„Das Kartellamt hat bei Fusionen der aufnehmende Seite versagt. Es gibt heute ein krasses Missverhältnis bei den Marktpartnern. Ein staatliches Eingreifen ist jetzt möglicherweise erforderlich!“ (Gerd Stuke, IHK)

„Auf einer Punkteskala von 1 bis 100 liegt die Agrarwende bei 50“ (Stephan Weil)

Mein Fazit: Eine insgesamt gelungene Veranstaltung. Der Schulterschluss zwischen Landvolkverbänden, IHK und Handwerskammer zeigt, dass die Agrarwirtschaft im Nord-Westen eine riesige Bedeutung hat. Das weiß auch die Politik- sie darf nicht vor der Entwicklung von praxisnahen Lösungen mit Verordnungen kommen. Die Landwirtschaft muss weiter den Dialog mit Verbrauchern, NGOs und mit der Politik suchen. So kann dann am Ende Niedersachsen weiter ein starkes Agrarland sein!

* Dipl.-Ing. agrar (FH) Clara Rolfes, 31, bewirtschaftet seit sechs Jahren mit Mann und Eltern einen für die Region Cloppenburg typischen Familienbetrieb mit Schweinemast und Ackerbau (Mais, Triticale, Gerste) in Lastrup. Clara Rolfes ist verheiratet und ist seit kurzem Mutter einer Tochter. Sie hat ihr Abitur in Cloppenburg gemacht, anschließend eine Ausbildung zur Landwirtin absolviert und danach in Osnabrück Landwirtschaft studiert.

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