Bin ich ein Außerirdischer?

Bin ich ein Außerirdischer?

Wer kennt es nicht, das Schubladendenken! In Twitter kommen jetzt Listen in Mode, wo man ohne viel zutun auf einmal von wildfremden Menschen blockiert wird. Man sieht jemanden, erfährt ein paar Dinge und schon ist die jeweilige Schublade im Kopf drin. Wie das Bundesumweltministerium denkt, wie Landwirte ihren Tag so verbringen, weiß man ja seit dieser Zeichnung:

BMU-Broschüre „Wir schaffen Wunder“ aus dem Jahr 2020

1. Schublade: Jahrgang 1981

Ich werde in diesem Jahr 40 Jahre alt. Was verbindet man mit den 80ern? Digital Native. Ja, bin ich. Und ich versuche, es zu bleiben. Schaffe es nicht vollumfänglich, aber ich habe den Kampf noch nicht aufgegeben. Aber im Gegensatz zu meinen Altersgenossen, und das ist mir damals als Kind gar nicht so aufgefallen, bin ich sehr sparsam aufgewachsen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich in der 7. Klasse erstmals nur noch neue Kleidung bekommen habe. Davor hab ich zu 90 % die Kleidung meiner Brüder und Cousins aufgetragen. Ich persönlich hatte damit nie ein Problem, aber wenn man dann in der nächstgrößeren Stadt in die Schule geht, wird man schon wie ein Außerirdischer angesehen. „Du Bauer“, war in der Realschule üblich. Nie wirklich ernst gemeint, aber die Zeichnung des Bundesumweltministeriums wecken da wieder alte Erinnerungen.

Der kleine Gerhard

Wenn ich heute so in meinem Kleiderschrank schaue, lässt es mein gleichbleibender Körperumfang zu, dass ich dort seeehr alte Schätze hüte, die viel zu schade zum Weggeben wären. Dieses „Spartanische“, dass mir meine Eltern anerzogen haben, ist mir geblieben. Ich bin als Kind zum Müll trennen erzogen worden und das übe ich immer noch in einer Perfektion aus, was schon fast in Richtung Spleen geht. Müll vermeiden ist mir ein großes Anliegen und die katastrophale Qualität von Spielzeug und dadurch ein Fall für die Mülltonne, bringt mich regelmäßig zum Verzweifeln. Überhaupt ist mir Konsum sehr lästig. Wenn alle so wären wie ich, würde die Wirtschaft in Deutschland am Boden liegen. Einseitig bedrucktes Papier wird nicht weggeworfen, sondern als Notizpapier genutzt. Ich achte – mit Eigenverbrauchsphotovoltaikanlage und Stromspeicher ausgestattet – penibel darauf, dass möglichst bei Sonnenschein Strom verbraucht wird. Und wenn im Getreidelager eine Handvoll Körner daneben gelaufen sind, werden sie von mir wieder mühselig ins Silo zurückgebracht. Ja, mein Großvater würde mich dabei loben! Beim Umbau vor 20 Jahren zur Muttersauenhaltung wurden größtenteils Altgebäude genutzt. Auch unser Wohnhaus haben wir aufwendig saniert, statt es platt zu machen und neu zu bauen.

2. Schublade: Katholisch

Wie in Oberbayern üblich, bin ich katholisch. War viele Jahre Oberministrant, in der Katholischen Landjugendbewegung aktiv, der ich viel zu verdanken habe. Ich war Pfarrgemeinderatsvorsitzender und bin Wortgottesdienstleiter.

„Meine“ Kirche

Aber auch diese Schublade lässt sich nicht schließen, da ich in vielen Dingen die Institution Kirche kritisch sehe. Die Rolle der Frau in der katholischen Kirche ist einfach eine Frechheit, wenn man sieht, wer die Kirche im Jahr 2021 in vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten am Leben hält. Das Pflichtzölibat führt dazu, dass wir Pfarrer haben, die damit nicht klar kommen und entweder vereinsamen oder in hohen Bogen aus der der kirchlichen Gemeinschaft fliegen. Die Schwerfälligkeit und irgendwelche weltfremden Vorgaben aus Rom machen einem das Kirchenleben vor Ort nicht leichter. Aber was mich fast noch mehr nervt, ist, dass niemand mehr Lust auf Spiritualität hat. Das betrifft auch die evangelische Kirche und das zeigt, dass es egal ist, wie modern man sich als Kirche gibt. Kirche, egal welcher Konfession ist out. Esoterik ist die neue Heimat für die Spirituellen. Der Rest hat keinen Bedarf. Was ich sehr schade finde. Ich muss kein Kreuz in jedem Klassenzimmer haben. Ich lege keinen Wert auf ein „christliches Abendland“. Aber einen Raum für das Ausleben seiner eigenen Spiritualität, den brauche ich. Für mich ist dieser Raum in St. Margareta in Oberneukirchen.

3. Schublade: CSU-Mitglied

Seit zwei Jahren bin ich nun Mitglied in dieser Partei und das macht sicher bei vielen Lesern eine riesige Schublade mit sehr viel Inhalt auf. Doch auch hier muss ich euch enttäuschen. Eine Person, die mich nachhaltig beeindruckt hat, ist Alois Glück, Landtagspräsident a.D.. Ein Mann, der erst Bauer war, und dann über sein Engagement in der Katholischen Landjugendbewegung in den Landtag gewählt wurde. Ohne, dass er davor Parteisoldat in der Jungen Union war. Heutzutage fast gar nicht mehr vorstellbar. Ein stiller, nachdenklicher Politiker, der aber trotzdem viele Akzente in der bayerischen Politik setzen konnte.

Leider sind derzeit mit Seehofer, Söder und Scheuer Politiker vorne dran, die mit viel Ellenbogen, Populismus und Inszenierung, meinen, Politik machen zu können. Es gibt aber auch andere CSUler: Die, die bei den Themen Asylpolitik, Maut, Bildung, Flächenverbrauch oder Sozialpolitik eine andere Meinung wie die Parteispitze vertreten, die aber leider derzeit zu wenig Gehör finden.

4. Bauer

Eine vierte und letzte Schublade machen wir heute noch auf. Ich bin Bauer aus Leib und Seele. Städter betrachten uns wahrscheinlich oft wie Außerirdische und können vieles, von dem, was wir tuen, nicht verstehen. Ich hänge an meiner Scholle. Ich nehme eine Handvoll Erde von meinem Acker und denke mir, dass diese Erde nun schon seit ein paar hundert Jahren von meinen Vorfahren bearbeitet wurde. Dieses Denken in Generationen, dass wir diese Erde, unseren Hof, nur von unseren Kindern geliehen haben, steckt tief in mir drin. Ich liebe es, mich mit Bauern zu unterhalten, mich auszutauschen. Bei diesem „Bauerngschmatz“ wird mir nie langweilig.

Mich nervt es aber zusehends, wie Kollegen diesen Beruf interpretieren. Die, die egoistisch ihre eigenen Ziele verfolgen und auf niemanden Rücksicht nehmen. Die, die nur noch jammern und einem erzählen wollen, das früher alles besser war. Die, die nicht über den Tellerrand blicken und betriebsblind werden.

Ich reagiere allergisch, wenn es Berufskollegen gibt, die mit der AfD sympathisieren, nur, weil die einmal was pro Landwirtschaft gesagt haben. Und ich werde richtig stinkig, wenn die Grünen mit der AfD gleichgesetzt werden. Weil ich durchaus finde, dass es bei den Grünen viele Themen gibt, die ich unterstützenswert finde. Agrarpolitik gehört nicht dazu. Die AfD dagegen ist mit Rassisten durchsetzt, und lieber sperre ich meinen Hof zu, als dass ich einer solchen Partei auch nur einen Millimeter Raum zugestehe.

Was bin ich also?

Nun, weiß jemand schon eine Schublade für mich? Oder bin ich tatsächlich ein Außerirdischer?

Ich liebe Städtetouren, besuche gerne Museen, mag klassische Musik (durch meine Frau Maria), sehe und höre mir alles von Jan Böhmermann an. Ich gehe auf Demos gegen Rechts, klettere gerne und lese alles, was ich zu Geschichte in die Hände bekomme.

Trotzdem bin ich schon seit Kindheitstagen gerne im Stall. Ich mag es, mich körperlich bei der Arbeit zu verausgaben und hab damit kein Problem, meine Hände schmutzig zu machen. Im Güllekanal bin ich schon viel zu oft drin gestanden. Erst, wenn es in die Gummistiefel rein läuft, hörts bei mir auf.

In den „sozialen Medien“, vor allem auf Twitter, habe ich die Möglichkeit, meine Blase zu verlassen und Menschen zu begegnen, die nichts mit Landwirtschaft am Hut haben, keine Christen sind und älter oder jünger als ich sind. Und hier, wie auch im „realen Leben“, passiert es mir sehr häufig, dass Menschen über so manche Aussage oder Art von mir verwundert sind. Die mir nicht zutrauen, als Bauer eine Meinung zum Bildungssystem zu haben. Die nicht verstehen können, warum man trotz aller Probleme gerne Katholik ist. Berufskollegen, die verwundert sind, dass ich gute Bekannte habe, die sich bei den Grünen engagieren.

Wie bitte?

Dieses – nett gesagt – „Verwundertsein“ nervt mich zunehmend. „Was, du bist in der katholischen Kirche engagiert? Was, du kennst einen Grünen persönlich? Was, du bist in der CSU? Warum verteidigst du ständig den Bauernverband? Du bist zu alt/ zu jung, um das zu verstehen! Du bist Bauer und hast keine Ahnung von allem, was nicht mit Agrarpolitik zu tun hat! Du bist aus Bayern und weißt nichts von dem, was den Rest Deutschlands betrifft.“

Ja, dieses Schubladendenken nervt mich. Aber andererseits erfüllt es mich auch immer wieder mit Stolz, wenn die Schublade nicht zugeht. Wenn Menschen, die mich näher kennen lernen, ihr Urteil revidieren müssen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein bunter Vogel bin. Ich hab nur gern meine eigene Meinung, meine eigenen Vorlieben, meine eigenen Spleens. Und wenn ich aufgrund dessen manchmal wie ein Außerirdischer angeschaut werde: Ein Grinsen ist euch sicher 🙂

Gerhard Langreiter

Jahrgang 1981, verheiratet, 2 Kinder, seit 2001 Ferkelerzeugung mit 170 Zuchtsauen und Ferkel bis 30 kg. Ca. 30 ha inkl. Pachtfläche und Wiesen in Bewirtschaftung, 7,5 ha Wald.

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3 Comments

  1. Wow, gut geschrieben! Erinnert mich an den CDA, den sozialpoiltischen Flügel um Herrn Laumann in der CDU. Hätten diese im Gegensatz zum rechtsblickenden MIT oder schlimmer noch WerteUnion in der CDU das Sagen, gäbe es wohl keine anderen Parteien, weder links noch rechts! Ich habe große Wertschätzung für die Idealisten, die sich dort zusammengefunden haben im CDA.

    Ich selbst bin kein Bauer, Jahrgang 1980, kann jedoch viele Äußerungen teilen. Mich hat’s allerdings zur LINKEN verschlagen aus agrarpolitischen Gründen (Auslöser waren Artikel über gehänselte Bauernkinder, der Vater in mir ist da aggro geworden … und LINKE Anträge gegen Bodenspekulation, sie interessieren sich dafür, wie viel von der Wertschöpfung bei Bauern ankommt, wiederholt Forderung nach steuerfreier Risikoausgleichsrücklage und gleichzeitig Forderungen gegen Landgrabbing im globalen Süden etc.), bin aber dort auch mit manchen Hardlinern über Kreuz, die da eher aus wahltaktischen-opportunistischen Gründen agieren und anderen ihre Meinung überbügeln wollen.

    Für mich ist es auch schwer, eine … Schublade zu finden. Ich würde sagen, es ist einfach eine urtümliche Definition von konservativ im Sinne von erhaltend, die Schöpfung bewahrend, nicht über seine Verhältnisse leben, Wertschätzung … statt Ausländer raus, Germany First, Nationalismus, „konservative Revolution“ und ähnlichen Schei*. Für mich beschreibe ich es immer so: Mein Deutschland läßt niemanden im Mittelmeer absaufen, läßt Menschen nicht auf der Straße vegetieren und räumt seinen Müll vor der eigenen Tür auch auf, trägt Verantwortung!

    Nur manchmal fühlt man sich wie ein Exot.

    Den Beitrag speichere ich mir, wenn wieder jemand mit Klischees kommt. Es braucht mehr Vorbilder!

  2. ich bin Fan von Gerhard Langreiter. Aber nicht wegen dem, was er hier schreibt und über sich erzählt. Bei jedem Kontakt merke ich, daß er sich viel mehr Wissen zu Themen aufgebaut hat als was er als Bauer brauchen würde. Wenn jemand mit seiner Aussage richtig liegt, dann ist das in seinen Augen eben so. Sogar dann, wenn er da einer Person aus dem eigenen Freundeskreis widersprechen muss. Ich schätze diese EIGEN-sinnige Denkweise, die nicht dem Mainstream hinterherläuft, sondern durch eigenes Beobachten und Forschen entsteht und dadurch auch mit Kraft und Bodenständigkeit vertreten werden kann. Er ist kein Schreihals, sondern jemand, der mit Ausdauer und Zähigkeit seine Ziele verfolgt.

    Über die sozialen Medien kommt man ja zu so mancher Fehleinschätzung und es ist gut möglich, daß ich mit meiner Einschätzung falsch liege. Es wäre aber schade.

    Ich zähle mit Sicherheit nicht zum Freundeskreis von Gerhard Langreiter, aber wenn dir der „Gegner“ Respekt zollt, dann hast du Vieles richtig gemacht.

    Ich mag nicht schreiben, wer ich bin, aber es ist mir dennoch wichtig, das mal gesagt zu haben.

    • Vielen Dank für das Lob, das freut mich wirklich sehr, vor allem, wenn es nicht aus meinem „Freundeskreis“ kommt. Darum liebe ich unsere demokratische, freiheitliche Gesellschaft, weil man mit (fast) allen reden und diskutieren kann und Kompromisse finden kann. Das ist nicht selbstverständlich und unser aller Anliegen muss es sein, dies zu bewahren. Und was mir fast noch wichtiger ist: Kompromissfähig zu sein und Kompromisse nicht immer als Niederlage darzustellen.

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