Warum Landwirte ihre Tiere super pflegen und dann trotzdem zum Schlachten abgeben

Ist es nicht seltsam, dass ein Bauer seine Schweine, Puten oder Rinder mit Können und Engagement, Respekt und Zuneigung aufzieht, nur um sie dann zur Schlachtung zu geben?

von Sönke Hauschild

Das fragt sich manch ein Bürger, der dann allerdings meist genauso beherzt in sein leckeres Mettbrötchen beißt. Doch warum machen Bauern das? Und wie verträgt sich diese Hingabe mit der anschließenden Abgabe?

Ein Schwein schaut aus dem Viehtransporter nach draussen
Schwein auf einem Viehtransporter (c) Sönke Hauschild

Der Versuch einer Erklärung:

Der Beruf des Landwirts zeichnet sich durch eine Besonderheit aus: Wir haben mit Natur zu tun. Dort gibt es keine 100 % kontrollierten Bedingungen wie in der Industrie. Alles, was wir machen, ist ein Kompromiss – hoffentlich ein möglichst guter. Ein Kompromiss zwischen dem Wesen der Natur und dem menschlichen Wunsch, uns davon eine Scheibe abzuschneiden, damit auch wir leben können.

Wissen und Technik helfen uns, den Kompromiss besser zu machen, mehr nicht.

Der Kastenstand in der Abferkelung ist ein kurzzeitiger Kompromiss zwischen dem Bewegungsdrang der Sau und dem Leben der neugeborenen Ferkel.
Die Laufstallhaltung der Kühe ist ein Kompromiss zwischen den natürlichen Verhalten der Kuh und einer wirtschaftlichen Milcherzeugung.
Der Ackerbau ist ein Kompromiss zwischen der Artenvielfalt und dem Erzeugen gesunder und günstiger Lebensmittel.
Pflanzenschutz ist ein Kompromiss zwischen dem Schutz der Nutzpflanze und dem Überhandnehmen des Pilzbefalls, Unkrautdrucks oder Insektenbefalls.

Auch Natur ist ein Kompromiss

Doch auch die Natur ist ein riesengroßer Kompromiss. Sie ist nicht an Artenvielfalt, Klimaschutz oder Gewässerschutz interessiert, sondern allein am Kompromiss. Der Hunger des Wolfes ist der Tod des Rehs. Wo der Fuchs überhandnimmt, werden die Hasen weniger. Sind die Hasen weg, verschwindet der Fuchs und die Hasenpopulation erholt sich. Es ist ein ewiger Kreislauf von Kompromissen, in dem die Position des Stärkeren durchaus wechselt.

Schweine, die gerade stressfrei auf den Viehtransporter getrieben wurden. Sie machen einen entspannten Eindruck
diese Schweine wurden stressfrei verladen (c) Sönke Hauschild

Bauern lernen jeden Tag von der Natur, dass ein gutes Leben aus einem erfolgreichen Kompromissmanagement besteht. Also wen wundert’s, auch die Nutztierhaltung als Ganzes ist ein Kompromiss:

Wir ernähren die Tiere mit einer ausgewogenen Diät,
sie bekommen sauberes Trinkwasser,
der Stall ist trocken und sauber,
der Landwirt und der Tierarzt kümmern sich.

Und doch kommt am Ende der Viehtransporter und fährt die Tiere zum Schlachthof. Ein guter Kompromiss, den wir der Natur abgeschaut – und den wir in vielen Teilbereichen (Wasser, Futter, Gesundheit, Witterungsschutz) sogar noch verbessert haben. Vor allem die nutztiergeprägte Landwirtschaft hat zudem eine artenreiche Kulturlandschaft hervorgebracht, die vielen wilden Tieren und Pflanzen ein Leben ermöglicht, in einem Land, das natürlicherweise ein großer Eichen- und Buchenwald wäre.

Nicht nur da unterscheiden wir uns von der Natur. Im Gegensatz zur Natur fällt es uns Bauern tatsächlich manchmal schwer, Tiere abzugeben. Doch auch das ist ein Kompromiss zwischen der Bindung an das Tier und der Notwendigkeit der Nahrungsmittelerzeugung. Wird nicht von indianischen Stämmen berichtet, wie sie den Bison jagen und erlegen, dann dem Tier ihren Dank aussprechen (Erntedank des Jägers) und es erst dann zerlegen? So ähnlich kann man sich das auch bei unseren Bauern vorstellen. Gerade in der Milchkuh- und der Sauenhaltung, wo der Mensch sehr dicht am Tier ist, gilt das.

Warum glaubt man uns das nicht, den Urstämmen Amerikas aber rechnet man es hoch an?

Weil wir von den Tieren leben müssen?
Das wäre dasselbe Argument hier wie dort.
Weil wir es für andere Menschen übernommen haben, die sich diesem Prozess entfremdet haben?
Dann wäre es falsch, den Bauern die Schuld zu geben.
Weil es einfach falsch ist?
Dann wären also die Naturvölker falsch davor und wir im „zivilisierten“ Westen wüssten es wieder einmal besser.
Oder ist diese Argumentation entstanden, weil wir eben nicht mehr nah dran sind am Natürlichen?
Dann sollten wir das ändern. Wertschätzung für die Tiere geht mit unserer Tierhaltung einher. Wertschätzung für die Tierhalter sollte es ebenso.

Albert Schweitzer Zentralbild: Prof. Dr. Albert Schweitzer, Arzt, protestantischer Theologe, Musiker und Philosoph, geboren: 14.1.1875 in Kaysersberg (Elsaß), gestorben: 4.9.1965 in Lambarene (Republik Gabun), Friedensnobelpreisträger 1952 Abgebildete Personen: Schweitzer, Albert Prof. Dr.: Missionsarzt, evangelischer Theologe, Friedensnobelpreis 1951, Frankreich
Albert Schweitzer (c) Bundesarchiv

Um es mit Albert Schweitzer zu sagen:

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Darauf folgt für den Dschungeldoktor:

„Um mein Dasein zu erhalten, muss ich mich des Daseins, das es schädigt, erwehren. Ich werde zum Verfolger des Mäuschens, das in meinem Haus wohnt, zum Mörder des Insekts, das darin nisten will, zum Massenmörder der Bakterien, die mein Leben gefährden können. Meine Nahrung gewinne ich durch Vernichtung von Pflanzen und Tieren.“

Nichts ist natürlicher als dieser gefühlte Widerspruch. Wir sollten ihn aushalten.

19 Gedanken zu „Warum Landwirte ihre Tiere super pflegen und dann trotzdem zum Schlachten abgeben

  1. Vielleicht sollte man nicht so viel von der Natur abschauen. Mit „der Natur“ kann man die übelsten Dinge rechtfertigen. Die größten Unterdrückungssysteme argumentieren mit der Natur, ob Nationalismus, Islamismus oder Faschismus. Solche „Argumente“ sollten im Diskurs nichts zu suchen haben.

    1. Kommt drauf an. Wer sich auf Natur beruft, legitimiert dadurch nicht per se irgendwelche Unterdrückungssysteme. Das ist ein bisschen kurzgesprungen von Ihnen.

      1. Besonders ulkig ist eine solche Beschwerde bei manchen Tierrechtlern, die im selben Atemzug darauf pochen, dass Tiere ihre »natürlichen Verhaltensweisen« ausleben müssen. Finde den Fehler.

  2. …und war Albert Schweitzer nicht (strenger) Vegetarier oder wurde es, als ihm der berühmte Satz einfiel? Aber Fake kennen wir ja zu Genüge von Herrn Hausschild.

    1. Was bedeutet nun »strenger Vegetarier«? Wie viel tierliche Produkte sich Schweitzer tatsächlich gegönnt hat, weiß man nicht.
      Bedeutsamer ist, dass er seinen Vegetarismus nicht plausibel begründen kann, da für ihn alle Lebewesen den gleichen Wert haben und Lebewesen – gleich welcher Art – zu töten für Schweitzer gleiches Unrecht ist. Pflanzenverzehr muss also in Schweitzers Logik ebenso verwerflich – oder ebenso unverwerflich! – sein wie Tier- und Menschenverzehr.
      Und wo hat nun Sönke Hauschild irgend etwas gefaked? Es ist kein Fake und auch nicht illegitim, in diesem Zusammenhang nicht zu erwähnen, dass Schweitzer Vegetarier war.

      1. Trotz massivster Veg-Propaganda scheint die Entwicklung in eine andere Richtung zu laufen:
        „Tönnies stellt – bis auf eine Ausnahme – die Produktion von sechs Fleischersatzprodukten unter der Marke Gutfried ein. „Der Veggi-Hype ist vorbei“, sagte Geschäftsführer Clemens Tönnies kürzlich beim Jahresgespräch der Unternehmensgruppe in Rheda-Wiedenbrück.“

  3. Nicht per se, da haben Sie Recht.

    Tierrechtler sind mitunter lustige Vögel.

    Albert Schweitzer mag sich widersprochen haben. Er hat ja auch viel geschrieben, georgelt und verarztet. Oder ist es nur ein Paradoxon?

    Über Herr Hauschilds Beiträge kann man streiten, wenn man wollte.

      1. aus welchem Grund denn nicht?
        Ottmar, Du gehst doch auch mit Deinen Kühen gut um, sorgst für ihr Futter, Wasser und medizinische Betreuung und gibst sie am Ende ihrer „Nutzung“szeit zum Schlachten. Möglicherweise machst Du auch eine Hausschlachtung. Aber in jedem Falle sorgst Du für das Ende des Lebens Deiner Kühe. Und das ist eben nicht verwerflich, im Gegenteil!
        Und da Tierrechtler, Vegetarier, Veganer oder wer auch immer in unserem handeln etwas Unlogisches finden, ist es gut, dass Sönke Hauschild dieses hiermit abhandelt.

        1. Wir alle machen das, weil wir als Landwirte davon leben, so einfach ist das. Das ganze philosophische Geschwurbel von Hauschild ist albern bis peinlich.

          1. “ Dort gibt es keine 100 % kontrollierten Bedingungen wie in der Industrie“ – bei dieser Aussage stellt sich dem Nicht-Landwirt die Frage, warum die Tierhaltung in Deutschland dann in der Mehrzahl Stall gebunden erfolgt? Die Industrialisierung der Landwirtschaft, ist doch der Versuch, natürliche Prozesse, dem Wissensstand des Menschen entsprechend zu kontrollieren (Klima, Gesundheit, Wachstum etc.). Und „pflegen“ muss man nur Systeme, die nicht natürlich sind, denn die Natur ist ein selbst regulierender Mechanismus…
            „[…] uns davon eine Scheibe abzuschneiden, damit auch wir leben können.“ Warum machen Sie sich als Landwirt so bemitleidenswert klein? Ihr Berufsverband stellt sein Licht indes weniger unter den Scheffel, wenn er im Situationsbericht 2017/2018 das Potential und die Erfolge der Tiererzeuger darstellt. Dies ist eben das Dilemma der Landwirtschaft im medialen Fokus: einerseits möchte man das Bild des subventionsbedürftigen Bauers einmeißeln, andererseits ging es dem Berufsstand (und dem Verbraucher) selten (wirtschaftlich) so gut, weshalb letzterer überhaupt die Freiheit hat, die Lebensmittelproduktion zu hinterfragen.
            Was wäre denn der Kompromiss zwischen den konträren Positionen, die Tierhaltung abzuschaffen und sie weiterzuführen wie bisher? Ihr Plädoyer für ein „Weiter-so“ gibt diesbezüglich keine Antwort. Aber ist dies nicht die Antwort, nach der gesucht werden sollte, um den Grabenkämpfen zwischen Tierhaltern und (selbsternannten) Tierschützern/Tierrechtlern in einem demokratischen Diskurs zu begegnen? Zum Schluss noch eine allgemeine Frage: wer diskutiert eigentlich mit dem LEH, der sowohl dem kritischen-diskutierendem Konsumenten und dem medial-visierten Landwirt die Konditionen diktiert? Selten bisweilen mit niemandem.
            Vielleicht hat dieser schon verstanden, was Ottmer Ilchmann so treffend formulierte: „weil wir […] davon leben“ , was die Frage nicht beantwortet, ob man davon leben sollen darf?

  4. Natürlich leben wir, die Landwirte, von unseren Tieren… aber genauso lebe ich, die Tierhalterin mit meinen Tieren. Ich helfe Kälbern auf die Welt, ziehe sie auf, freue mich daran, wenn sie wachsen und gesund sind. Ich richte meinen Tagesablauf und meinen Lebensinhalt nach meinen Tieren aus. Und ja, ich freue mich auch darauf, sie nach erfolgreicher Aufzucht, als Milchkühe zu nutzen. Ich bin neugierig darauf, was aus diesem kleinen Kalb, welches ich vor zwei Jahren aus dem Muttertier gezogen habe, mit den Hinterläufen voran, für ein erwachsenes Rind geworden ist. Bringt eine Kuh gute Leistung und bleibt lange fit und gesund, ist es für mich die schönste Bestätigung in Anpaarung, Aufzucht und Haltung nicht alles falsch gemacht zu haben. Und gerade weil ich meine Tiere mag, ist für mich der Weg des Tieres in die Nahrungsmitteproduktion, zum richtigen Zeitpunkt der bessere und zufriedenstellendere, als eine Abfuhr in die Tierkörperbeseitigungsanlage. Denn so hat der Tod des Tieres einen Sinn bekommen. Er nutzt anderen…

  5. Ich arbeite für einen Ferkelerzeuger. Während ich die Ferkel gern abgebe, da es dann wieder mit neuen von vorn beginnt und die volle Aufmerksamkeit brauchen, bin ich immer sehr wehmütig wenn meine alten Sauen schlachten gehen… Viele davon haben 11- 15 Würfe geboren und sind 8 Jahre bei uns. Mein Herz hängt daran und ab und zu fliest schon ein Tränchen- denn ich arbeite mit dem Tier- alleine könnte keiner von uns diese Leistung erbringen. Aber es ist nunmal der Kreislauf und am Ende steht immer der Tod.

  6. @Susan u.a.

    Ich glaube, mit dem Töten von Tieren als solchem haben die wenigsten Menschen einschließlich Vegetariern und Veganern ein grundsötzliches Problem. Wenn die Schweine auf 0,75-1 m2 Spaltenboden 10 Jahre lang leben müssten, würde das als schlimm empfunden.

    Das ist nicht als persönlicher Vorwurf gemeint. Tierhalter unterliegen Sachzwängen, die daraus folgen, welchen Wert die Gesellschaft dem Tier nur beimisst. Es ist gut, wenn sich Tierhalter und ihre Mitarbeiter um das Wohl der Tiere sorgen. Bei manchen hat man nach ihren Verlautbarungen den Eindruck, das sie als Tierpfleger im Streichelzoo glücklicher wären.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*