Investigative Recherche beim BR – Eine Analyse

Vorneweg – Ich bin überzeugter Nutzer des Öffentlichrechtlichen Rundfunks (ÖR) und zahle dafür gerne den Rundfunkbeitrag. Ich nutze hauptsächlich das Radio und seit es Podcasts gibt, laufen alle ARD-Rundfunkanstalten auf meinem Smartphone. Ich schau, wenn ich den Fernseher einschalte nur ÖR.
Mediatheken und Youtube-Kanäle der ÖR sowieso. FUNK zum Beispiel – ich denke, ich bin mit meinen 37 Jahren gerade noch so in der Zielgruppe 😉

Gerhard Langreiter, Bauer aus Bayern

Neben sehr vielen qualitativ hochwertigen Beiträgen findet sich in den Mediatheken leider immer gehäufter viel Fragwürdiges. Wo Recherche für überbewertet gehalten wird. Wo die Message schon vorher feststeht. Wo zweite Meinungen unerwünscht sind.

So geht es mir zum Beispiel mit der Recherche des BR zum Thema Milchviehhaltung in Deutschland. Los ging es im April, als im Schlachthof Stade in Niedersachsen ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz aufgedeckt wurde.

BR recherchiert in Niedersachsen

Was ich mich damals gefragt habe:
Warum fährt ein „Investigatives BR-Recherche-Team“ nach Niedersachsen?
Wäre dort nicht der NDR zuständig? Oder trägt diese Truppe den Namen zu unrecht und sie haben einfach nur bei dem Tierrechtlerverein Soko Tierschutz nachgefragt?
Ganz klar: Gesetzeswidrigkeiten, Tierquälerei muss aufgedeckt und geahndet werden. Aber hier hatte man von Anfang an das Gefühl, dass man sich einfach nur dranhängen will, weil das Thema viele Klicks bringt. Dazu folgen noch einige Beispiele:

Gleich im Nachgang wurde nämlich vom selben Team die nächste Story vom Zaun gebrochen: Qualzucht bei der Milchviehhaltung in Deutschland. Hauptaufhänger: “ Anstatt 15 bis 20 Jahre werden Milchkühe im Durchschnitt heute nur fünf bis sechs Jahre alt.“ Dass, wenn jedes zweite Jahr ein Kuhkalb zur Welt kommt, ältere Kühe verkauft werden müssen, ist anscheinend nicht in Betracht gezogen worden. Warum fragt man nicht einfach mal bei Zuchtverbänden nach? Beim Bauernverband? Immer nur die eine Seite.

Recherche greift zu kurz

Auch hier wieder: Tiere, hier Rinder, müssen vernünftig gehalten werden. Leid muss vermieden werden, männliche Kälber dürfen kein „Wegwerfprodukt“ sein. Aber nicht mal im Ansatz wird von einem Bayerischen Sender erwähnt, dass man in Bayern für ein männliches Fleckviehkalb 400 € oder mehr bezahlt und darum jeder Landwirt alles darauf setzt, viele gesunde Kälber aufzuziehen. Auch muss einem klar sein, dass entweder Kuhkälber als Kalb oder Färse geschlachtet werden, oder Jungkühe zu züchterischen Zwecken ins Ausland exportiert werden, wenn man das Alter der Herden in Deutschland anheben will. Darüber nachgedacht hat beim BR-Recherche-Team allem Anschein nach niemand. Rat von der Fachredaktion des BR eingeholt? Kommt mir nicht so vor.

Alte Story neu aufgewärmt

Nun gab es, auch wieder aufgedeckt durch die Soko Tierschutz, wenn man deren Bildern glauben kann, einen Tierschutzverstoß in einem großen Stall im Allgäu. Dies ist nun seit einigen Wochen Thema in Bayern und hat anscheinend das BR-Recherche-Team auch wieder dazu gebracht, die alte Story unter dem Titel „Blutige Milch“ am 7. August wieder aufzuwärmen.

Screenshot von br.de

BR ignoriert Hinweise auf inhaltliche Fehler

Der geneigte Leser kann sich den Beitrag durchlesen. Ganz unten findet man Links zu den vielen verwandten Themen. Das Thema lief trimedial, so wie es derzeit beim BR üblich ist im Fernsehen, im Radio und im Internet. Wieder wurde skandalisiert, dass 1,7 Mio Milchkühe in Deutschland „aussortiert“ werden. Wieder wurde von Kälbern als Abfallprodukt geschrieben. Wäre ja nicht so gewesen, dass unter anderem ich im Frühjahr über verschiedene Kanäle nicht auf diese inhaltlichen Fehler hingewiesen hätte. Alles egal – BR Recherche weiß halt einfach alles, ist quasi unfehlbar.

Senden im Sommerloch

An diesem 7. August und am darauf folgenden Tag hat man eine ganze Armada an ähnlichen Beiträgen online gestellt oder auch im Radio und Fernsehen verwurstet. Es ist halt Sommerloch, die guten Leute sind im Urlaub und trotzdem sollen die Abrufzahlen stabil bleiben. Da wird halt dann ein Putentransport von Ungarn nach Bayern, eine Woche bereits beim SWR gesendet, nochmal groß rausgebracht. Arbeit hatte der ÖR damit eh nicht, die Soko Tierschutz hat (mal wieder, achgott sind die großzügig) das Material zur Verfügung gestellt.

Was mich letztlich stört und was nicht:

Mich stört nicht, dass der BR und der restliche ÖR über Tierskandale berichtet. Denn irgendwo wurden Fehler gemacht, gegen Gesetze verstoßen, Tiere gequält – und da habe ich dann wenig Mitleid. Es sollte nur mit Maß und Ziel gearbeitet werden, die Privatsphäre respektiert werden und niemand vorverurteilt werden. Wofür gibt es sonst noch Gerichte oder findet man in Zukunft unsere Judikative in den Redaktionsteams des ÖR?
Was mich letzten Endes stört, ist, dass schlechte Recherche, wenig bis gar kein Fachwissen und vorgefasste Meinungen dazu führen, dass man in den verlinkten Beiträgen Skandale herbei schreibt, die gar keine sind und jede Ausgewogenheit vermissen lässt. Mit dem Stempel SKANDAL erhofft man sich anscheinend, dass nicht hinterfragt wird, ob da Substanz dahinter ist.

Bei mir haben sie das nicht geschafft, aber leider wieder bei einer Vielzahl von Mitbürgern und Verbrauchern, denen wir dann wieder mühsam erklären können, wie die Sachlage wirklich ist. Leider meist ohne Erfolg.

Danke, BR!

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