Archiv der Kategorie: Medienkritik

„Zwischen Bullerbü und Tierfabrik“ gehört unter den Weihnachtsbaum!

Buchcover falsch herum
Mal genau hinschauen.

Geschafft! Zwischen Bullerbü und Tierfabrik. Warum wir einen anderen Blick auf die Landwirtschaft brauchen: Seit Veröffentlichung ist das Buch auf meinem Radar, endlich habe ich die Zeit gefunden, es zu lesen. Fazit: Ich habe das Grundproblem der urbanisierten Wohlstandsgesellschaft mit ihrer Lebensmittelerzeugung noch nirgends so krass, aber zutreffend gelesen wie in dem Buch von Andreas Möller. Was das Buch so wertvoll macht? In den flott zu lesenden 227 Seiten steht vieles, was sich im verengten öffentlichen Diskurs nicht wiederfindet. „Zwischen Bullerbü und Tierfabrik“ gehört unter den Weihnachtsbaum! weiterlesen

Bäuerliche Landwirtschaft? Nicht mit uns!

Mem mit Anton Hofreiter
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Ein Raunen geht durch die Republik. Von Süderlügum in Schleswig-Holstein bis hinunter ins bayerische Rohrmoos, von Selfkant bis nach Görlitz haben Landwirte und ihre Familien endlich Gewissheit: Die Republik schert sich einen feuchten Kehrricht um die bäuerliche Landwirtschaft. Die Diskussion der letzten Monate rund um die Fristverlängerung in puncto Ferkelkastration hat es an den Tag gebracht: Die am Horizont dräuende Notlage der Sauenhalter war einer breiten Öffentlichkeit total egal.

Große Lippe, aber nichts dahinter. Wir haben es immer geahnt, aber dass wir den Menschen dermaßen am Allerwertesten vorbeiwandern, das geht an die Substanz

zeigte sich Landwirt Sören Smithpig aus Doorf  in Mecklenburg-Vorpommern entsetzt.

Was war passiert?

Die Grüne Woche naht, die Empörte Öffentlichkeit ist auf dem Sprung, sie will auch in Januar 2019 wieder Präsenz in Berlin zeigen, demonstrieren, wie satt sie die Agrarindustrie hat. Und sich für den Erhalt der Bauernhöfe einsetzen.

Webseite Initiatoren der Wir haben es satt-Demo
Es wird wieder getrommelt: Die Empörte Öffentlichkeit hat Agrarindustrie satt.

Die Bauernhöfe erhalten? Wollen die uns für blöd verkaufen? Da lachen doch die Ferkel. Mit oder ohne Eier! Dei hebt US satt! Dei Buern!

Die Bauern habe die Empörte Öffentlichkeit satt, ist sich der der 84 Jahre alte Landwirt Hinnerk Igbi sicher. Die Empörung hat den Senior schlagartig in seine Mundart zurückfallen lassen.

Einordnung des Rentner-Rants:

  • Auslöser: Die hitzige Kontroverse rund um den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration.
  • Hintergrund: Ab dem 1. Januar 2019 hätte nur noch unter Betäubung kastriert werden dürfen.
  • Problem: Sämtliche alternative Verfahren kommen mit dem einen oder anderen Pferdefuß um die Ecke gehumpelt.
  • Resultat: Ohne Fristverlängerung wäre es vielen Ferkelhaltern an den Kragen gegangen, vor allem den kleinen und mittleren Ferkelerzeugern – bis hin zu einer massiven Strukturveränderung, sprich reihenweise Betriebsaufgaben.
  • Konsequenz: Die Große Koalition hat beschlossen, die Frist erst in zwei Jahren auslaufen zu lassen.
  • Entlarvend: Die Reaktion der Empörten Öffentlichkeit auf die dringend benötigte Atempause. Stellvertretend soll an dieser Stelle der Grünenpolitiker Anton Hofreiter zu Wort kommen, der vielen aus der Seele spricht:

Es gibt Alternativen. Die Fleischindustrie stemmt sich gegen die tierschutzgerechten Lösungen, in erster Linie um Kosten zu sparen.

Klar gibt es Alternativen. Bloß bringen sie den Landwirten kurzfristig so viel wie nackig mit einer Flasche Moskovskaja Kristall (Silber) in der Hand um Mitternacht den Vollmond anzuheulen, nämlich nullkommanüscht. Warum dies so ist, erläutern zwei Ferkelhalter erschöpfend in den hier verlinkten Beiträgen:

Ferkelkastration und die Probleme der kleinen Ferkelerzeuger.

Von der Not der Sauenhalter.

Norddeutsch-herb-knapp hat es der Bauernverband Schleswig-Holstein in die Tastatur geklopft:

  1. Ebermast: Der Lebensmittelhandel verweigert sich leider, die Tiere abzunehmen.
  2. Mast leichter Jungeber, die nicht in die Pubertät kommen: Die Schlachtbranche verweigert sich bisher, ebenso der Handel.
  3. Behandlung mit Improvac: Der Lebensmittelhandel verweigert sich.
  4. Klassische Betäubung: Der Landwirt darf es nicht durchführen, der Tierarzt hat auch ohne genug zu tun. Der Handel bezahlt den Mehraufwand nicht.
  5. Lokale Betäubung: Nicht erlaubt.

(*Anmerkung am Ende zu Isofluran)

Kurzum: Es ist alles nicht einfach – aus Gründen, die die Sauenhalter nicht zu verantworten haben.

Da wundert es kaum, dass Bauer Igbi aus Dörp in Norddeutschland der Meinung ist, der Empörten Öffentlichkeit sei die bäuerliche Landwirtschaft total egal. Anders kann der rüstige Senior die Gleichgültigkeit gegenüber der Notlage seiner Kollegen nicht einordnen. Daher ist der alte Mann mit seiner Schimpfe noch nicht fertig (dafür aber mit dem Hochdeutschen):

Un dann schnackt dei Lüe up ehre Karnevalsfier in Januar in Berlin davon, den Buernhof tau erhollen. Un daut jüst dat Gegendiel.  Un schnackt wedder lut vant Fleisch un jammert över dat Wer, över „Nachhaltigkeit“ – und loopt iin Heuner- un Schwieneklamotten ut Schina rümme. Dor wert doch dei Hund in dei Pannen verrückt!

Und dann reden die Leute auf ihrer Karnevalsfeier im Januar in Berlin davon, die Bauernhöfe erhalten zu wollen. Und machen genau das Gegenteil. Und reden wieder laut über das Fleisch und jammern über das Wetter (Klima, Anm. der Übersetzerin, über Nachhaltigkeit - und laufen in Hühner- und Schweineklamotten made in China rum. Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt!

Auch Martín Känzle aus Dörfle hat das lautstarke Hin und Her der vergangenen Wochen genau beobachtet:

Dass ohne Fristverlängerung viele Sauenbetriebe ins Schlingern geraten wären bzw. ihre Betriebe hätten schließen müssen, findet kaum Erwähnung. Die Kollegen mitsamt ihren Familien kommen schlicht nicht vor,

bestätigt der Landwirt.

Wir haben es also mit einem sattsam bekannten Problem zu tun: Eine Kombination aus komplexen Sachverhalten, der Gier nach schlichten Erklärungen kombiniert mit fachlichem Unwissen führen dazu, dass die Empörte Öffentlichkeit, ob sie es  will oder nicht, für die Abschaffung familienbäuerlicher Strukturen plädiert.

„Wir haben Agrarindustrie satt!“

Wer sich regelmäßig in den Sozialen Medien aufhält, in der realen Welt mit Verbrauchern spricht, die Berichterstattung zum Thema Landwirtschaft verfolgt, könnte in der Tat meinen, die Deutschen beten bäuerliche Landwirtschaft förmlich an.

Bloß:

Die wollen ihren Kuchen besitzen –  und ihn  gleichzeitig aufessen. Und das kompromisslos.

verstehen Sauenhalter die Welt nicht mehr.

Daher interessiert mich: Wer ist eigentlich die Empörte Öffentlichkeit? Wie kann es sein, dass viele Landwirte den Verdacht nicht loswerden,  ihre Höfe seien den Deutschen völlig egal? Ich habe mal einigen aufs Maul geschaut, Menschen, Organisationen. Es ist nur ein kleiner Einblick, denn das Netz quillt förmlich über. Aber entlarvend. Also Vorhang auf für:

Die Empörte Öffentlichkeit

Trägerorganisationen von „Wir haben es satt“

Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland – BUND e.V.

Die BUND ist immer ganz vorne dabei, wenn es darum geht, die Agrarindustrie zu bekämpfen. Was konsequenterweise nicht bedeutet, dass man sich für die Belange der bäuerlichen Landwirtschaft einsetzt. Sprachlich geht es dabei in die untere Schublade: Die Rede ist davon, dass „wieder einmal“ „erneut“ etwas „verschleppt“ werden – und zwar von der „bösen“ Agrarlobby.

Screenshot Katrin Wenz
Die „Agrarlobby“: Es geht doch nichts über ein gesundes Feindbild.

Natürlich lehnt der BUND jegliche Verzögerung ab. Verlängerung bringt der NGO nichts. Cui bono? Dem Geldbeutel, der Heimat des Spendenrubels. Die richtige Emotion der Empörten Öffentlichkeit am richtigen Wickel packen und gen eine wie auch immer geartete Lobby auskeilen – DAS ist und bleibt das Erfolgsrezept für die gelungene Kampagne!

Also: Betrieben der bäuerlichen Landwirtschaft eine Ruhepause verschaffen? Nein.

Twitter BUND
Frist verschieben und Betriebe der bäuerlichen Landwirtschaft retten? Um Gottes willen, bloß nicht, könnte man meinen.

Werte NGO der Berliner Demo, auf der alle alles satt haben: Ich habe heute ein Screenshot für Sie!

Screenshot Zitat Connemann
Quelle: ZDF, 4. November 2018: GroKo verschiebt Betäubungspflicht – Grüne kritisieren Ferkel-Kastration bei Bewusstsein

Bioland

Es folgt ein schlimmer Tweet, wie ich finde. Bioland ist ein Anbauverband und Mitglied im Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Also ein Zusammenschluss von Landwirten. Als Außenstehende frage ich mich: Gönnen Landwirte ihren Kollegen diese für ihr Überleben existenzielle Verschnaufpause nicht?

Screenshot Bioland
Was haben Ihre Kollegen Ihnen angetan, dass Sie einen dermaßen asolidarischen Tweet absetzen?

Ganz ehrlich? Wer solche Kollegen hat, braucht keine Feinde.

Campact

Screenshot Webseite
Agrarlobby und Scharfmachersprech sind immer gut fürs Spendengeschäft. (Quelle: https://weact.campact.de/petitions/stoppt-ferkelkastration-ohne-betaubung)

WeAct? Oh yes, you do! Keep acting, Campact, keep abolishing small farms!

Foodwatch und Greenpeace

Foodwatch

Aber nicht nur die „Sattisten“ haben satt, dass sie satt sind. Auch bei Foodwatch und Greenpeace schäumt man. Und wie bei den anderen NGO  interessiert man sich herzlich wenig für das ganze Bild. Wobei ich mich immer wieder frage: Was haben selbsternannte Essensretter und Umweltschützer eigentlich mit der betäubungslosen Ferkelkastration zu tun? Antwort: Das Thema ist „kampagnenfähig“.

Screenshot Foodwatch: Eil-Aktion
Die „Brutalos“ der Agrarlobby wieder mal!

Bei Foodwatch gibt man sich sachverständig: Es existiere eine tier- und kostenschonendene Alternative. Dass die sich nicht mal eben so aus dem Ärmel schütteln lässt?

Screenshot mit Reichstag
Ohne das Wedeln mit der Lobby geht es einfach nicht.

Auf NGO-Deutsch: Das Gesamtbild scheint nicht kampagnenfähig zu sein. Gegen eine Lobby austeilen dagegen – sehr!

Greenpeace

Auch bei der millionenschweren Lobbybude Greenpeace (laut Wikipedia 58,5 Mio. Spendeneinnahmen in 2015) kommt Gleichgültigkeit gegenüber den ferkelerzeugenden Betrieben zum Ausdruck. Und dann wäre da natürlich die Sache mit dem Geiz der Bauern, dem Gieren nach dem letzen Cent: keine NGO-Empörung ohne Kohle-Hammer!

Scfeenshot Greenpeace
#issgutjetzt? Iss Fleisch aus Schweinehaltungen, von der wir nicht wissen, wie die Tiere gehalten wurden. Weil die Sauenhaltung in Deutschland dicht macht. #issso

Was die „praktikablen“ Alternativen betrifft – wertes Foodwatch, wertes Greenpeace, auch Sie zählen zu den Gewinnern: Ich habe heute ein Screenshot für Sie!

Screenshot Gitta Connemann
ZDF, 4. November 2018.

Zum Thema NGO, Spendenabhängigkeit und warum die Retter alles andere als uneigennützig klappern – hier Links zu zwei aufschlussreichen Beiträgen:

Nur noch kurz die Welt retten

Auf der Seite der Guten™

Bündnis 90/Die Grünen

Wenn es um die Nutztierhaltung bzw. Landwirtschaft geht, empfiehlt sich immer auch ein Blick in Richtung Bündnis 90/Die Grünen. Wer meine Blogbeiträge zur Serie „Grüne geistige Brandstiftung – oder wenn die moralische Feuerwehr zum Feuerteufel wird. Eine Analyse.“ verfolgt hat, weiß, dass ich in der ersten Jahreshälfte das Kommunikationsverhalten von Grünenpolitiker unter die Lupe genommen habe. Das Ergebnis war wenig schmeichelhaft. Zudem ist nach der Lektüre glasklar: Die konventionelle Landwirtschaft ist der Erzfeind!

Daher werden auch im Januar vermutlich wieder viele Grünenpolitiker hinter ihrer grünen Bande einher marschieren, auf der eingemeißelt steht: Wir haben Agarindustrie satt! Und sich für die Erhaltung der bäuerlichen Landwirtschaft eine ganze Straßenbreite in Szene setzen.

Bloß, werte Grüne, die Empörungswelle, auf der Sie aktuell lustvoll surfen, entlarvt, dass auf Ihren langen grünen Plastikbändern (#Plastikmüll! #MadeInChina? #Containerschifftransport! #Klima?) in unsichtbaren Lettern steht:

Bäuerliche Landwirtschaft? Nicht mit uns!

Dies gilt unter anderem für den Grünen-Chef Robert Habeck, Ex-Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, der Bauernhöfen, scheint’s, keinen hohen Stellenwert einräumt.

Screenshot Zitat Habeck
Man könnte mit einem Satz auf die de fakto-Notlage der Sauenhalter eingehen. Könnte. (ZDF 04/11/18)

Natürlich habe ich auch für Herrn Habeck (und Kolleg*innen) einen Screenshot im Nikolaussack!

Screenshot Gitta Connemann
ZDF, 4. November 2018.

Und hier kommt die aufschlussreiche Reaktion von Fraktionschef Anton Hofreiter auf die Aussage von Gitta Connemann:

Bäuerliche Landwirtschaft mal eben abgebügelt! (ZDF 04/11/18)

Eine treue Mitläuferin der „Wir haben es satt“, dass wir so satt sind-Demo, ist Renate Künast. Aber auch sie hat für Bauernhöfe augenscheinlich wenig übrig. Warum gehen Sie eigentlich demonstrieren, Frau Künast? Wenn es hart auf hart kommt, ist Ihr Einsatz pro bäuerliche Landwirtschaft – vom Winde verweht.

Die Regierung tut das, was Sie fordern: Sie knickt vor den wirtschaftlichen Interessen der Gruppe ein, für die SIE angeblich auf die Straße gehen.

Auch auf Katrin Göring-Eckardt können sich Deutschlands Landwirte verlassen. Nicht.

Screenshot Twee Katrin Göring-Eckardt
Irgendwer hatte in der Tat den Durchblick! Die #groko hat geholfen und die Grünen haben sich für eine richtig große Sauerei entschieden.

Werte Grünen, sehen Sie, in diesem Land weiß so gut wie jeder, dass irgendjemand aus was für Gründen auch immer den fristgerechten Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration vermasselt hat. Aber dass IHR Klientel es hätte ausbaden müssen, und zwar bis hin zu Betriebschließung – DAS hätte man wissen und reflektieren können!

Hätte man denn den Anstand besessen, sich zu interessieren!

Grüne hinter grüner Bande
Die Grünen werden extra geehrt: Sie erhalten neben dem Screenshot eine grüne Bande. Bitte schön, gerne geschehen!

Die Medien

Ob die massenmediale Behandlung des Themas betäubungslose Ferkelkastration in der Tendenz neutral verhackstückt wurde oder unausgewogen, dazu kann ich mir keine Meinung bilden. Nachdem mir einige harte, schlecht recherchierte bzw. voreingenommene O-Töne über den Weg gelaufen sind, habe ich auf Durchzug geschaltet.

Seit einigen Jahren beobachte ich intensiv die Berichterstattung rund um die moderne Landwirtschaft. Sowohl Facebook als auch Twitter habe ich zu einer Art Pressespiegel umfunktioniert. Ich merke aber, dass mein Interesse an dem, was in der Zeitung steht, im Fernsehen kommt bzw. in den Sozialen Medien rauscht und flimmert, allmählich erlischt.

Alles im Leben nutzt sich irgendwann ab. Die oft einseitige, unreflektierte Fokussierung durchurbanisierter Milieus, die ihr Lebtag keinen Fuß in einen stinknormalen Bauernhof gesetzt und auch sonst kaum Ahnung von der Erzeugung ihrer Lebensmittel haben, auf u.a.

  • profitgierige Landwirte
  • profitgierige Agrarlobby
  • profitgierige Agrarindustrie
  • profitgierige Fleischmafia
  • (ad infinitum)

und deren „bösartiges“ Treiben ermüdet nur noch.  Ausgewogenheit? „Die wichtigsten Argumente zu den wichtigsten Punkten liefern“, wie es Marion Gräfin Dönhoff mal zum Ausdruck gebracht hat?

Screenshot Die Gräfin
Eine Grande Dame des deutschen Journalismus: Die (ZEIT-)Gräfin.

Mittlerweile frage ich mich: Hat es das jemals gegeben? In puncto konventionelle Landwirtschaft wenigstens viel zu selten, und das seit Jahren. Auf die Hetze gebe ich Brief und Siegel! Zahlreiche Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel.

Im Januar geht die Grüne Woche in Berlin wieder los, der Aufhänger, gegen alle, die die Republik satt machen, zu Felde zu ziehen. Ich kann schon hören, wie bei den NGO und in den ihnen angeschlossenen Redaktionen die Messer gewetzt werden.

taz

Es folgt eine kleine Screenshot-Show, die ich mit meinem persönlichen Favoriten beginne, ein, wie ich finde, Leuchtmittel am weihnachtlichem Firmament, das den Stern zu Bethlehem wie eine verkümmerte LED-Birne wirken lässt: die taz, massenmedialer Arm der Agrarwende.

Da wäre Aktivist Jost Maurin zu nennen, der es geschafft hat, einen langen, informativen und durchaus recherchierten Artikel zu verfassen – um dann mit der Notlage der Sauenhalter ein zentrales Argument für die Fristverschiebung einfach unter den Tisch fallen zu lassen.

Screenshot Überschrift taz-Artikel
Der Bauernverband will verhindern. Er könnte das schaffen. Der böse. (http://www.taz.de/!5532423/)

Herr Maurin, ich habe heute ein Screenshot für Sie!

Screenshot Gitta Connemann
Bitte schön, keine Ursache! (ZDF 04/11/18)

Ein Knaller, um es mal jugendlich-flott zu formulieren, ist meiner Meinung nach der Abdruck des Kommentars von Hilal Sezgin. Einer kompromisslosen Gegnerin jeglicher Form von (Nutz)Tierhaltung das Wort zu erteilen OHNE die Einstellung der Tierrechtlerin adäquat einzuordnen, finde ich unterirdisch.

Screenshot Kommentar Hilal Sezgin
Es spricht eine studierte Philosophin, Schriftstellerin und Journalistin….

Was mich noch brennend interessiert, werte taz-Redaktion: Nehmen wir mal an, Sie würden Joachim Rukwied ein Plätzchen an der taz-Kommentarsonne einräumen: Würden Sie den Bauernverbandschef unter den Tisch fallen lassen, dafür aber erwähnen, dass Ihr Gast Landwirt ist und einen Bauernhof mit so und so viel Hektar bewirtschaftet? Würden Sie? Na?

Sehen Sie!

Weitere medialen Perlen

Ein Kommentator bei der SZ ist der Meinung, der deutsche Sauenhalter lasse seine Tiere einiger weniger Penunsen wegen leiden. Logo.  Was sonst?

Screenshot Textpassage
Kommentar Markus Balser: Unbegreiflicher Rückschlag für den Tierschutz – und die Koalition (SZ, 5.11.18)

Welt-Journalist Johannes Wiedermann kann was nicht nachvollziehen. Wenn ich einen höflichen Tipp geben darf? Recherche!

Screenshot Tweet Wiedemann
Johannes Wiedemann empört sich bei Twitter

Bei quer vom BR ist man gleichfalls unwissend. Dass die Musterländle Schweden und Schweiz vielleicht einen beschwerlichen Weg hatten, bis sie das Ende der betäubungslosen Ferkelkastration einläuten konnten?  Wer will das schon so genau wissen! Übrigens, werte quer-Redaktion: Schweden importiert heute einen Großteil seiner Ferkel.

Screenshot quer
Scheine, Schweden, scheine! Scheine, Schweiz, scheine!

Der Empörungstaumel hat unreflektiert auch die Zeit erreicht.

Screenshot Textpassage Schwein
In der Zeit (Arme Schweinchen, 03.10.18) empört sich Elisabeth Raether. Sachgründe für eine Verlängerung gebe es nicht.

Die Stimmen der Anderen

Das Thema Fristverschiebung war Gegenstand intensiver, kontroverser Diskussionen bei Facebook,  Twitter, in den Diskussionsforen u.a. bei SPON. Ich habe viel mitdiskutiert und kann dazu nur sagen:

Der Hinweis auf die Notlage kleiner und mittlerer Landwirtschaftsbetriebe hat die Empörte Öffentlichkeit dort einen SCHEIßDRCK interessiert.

Ich weiß, ich müsste mir jetzt den Mund auswaschen gehen. Aber die Gleichgültigkeit bzw. unnachgiebige Härte, mit der Menschen, die in einem Satz Kleinbetriebe vergöttern und im nächsten ihre Abschaffung einfordern, ist haarsträubend. Vokabularentgleitend, quasi.

Zum Abgewöhnen

Nicht nur das. Was bin ich beleidigt, beschimpft, blöde angemacht worden. Weil ich es gewagt habe, nicht den Mainstram-„Absonderungen“ zu folgen, sondern weil ich um Verständnis geworben habe. Mein persönliches Hater-„Highlight“ ist eine Diskussion bei Foodwatch am 4. Oktober. Tatort: Facebook.

Meiner langjährigen Erfahrung mit der Diskussionskultur bei NGOs zufolge  ist der folgende Post noch als höflicher Umgangston zu werten:

Es ist Alltag, dass Social Media Teams nicht eingreifen. Auch nicht, wenn der Ton zunehmend entgleitet, verroht. Auch nicht, wenn man die Redakteure mehrere Male auf konkretes Fehlverhalten hingewiesen hat. Bei Foodwatch verpasste mir obiger empörter Bürger einen zweiten Post und vergriff sich eindeutig im Ton:

Wertes Foodwatch, an dieser Stelle mein „Dank“, dass nicht ein einziger Versuch der Deeskalation unternommen wurde. Großartiges Heuchelei-Kino vor dem Hintergrund, dass Sie am 21. November bei Facebook eine Campact-Petition geteilt haben, in der gegen – TADA! – Hate Speech im Internet mobil gemacht wird.

Zum Mitschreiben: Ihr Social Media-Team teilt „Steh auf gegen Hass im Netz“, toleriert aber Bedrohung, Beleidigung und Einschüchterung bei sich daheim. Muss man erst mal bringen!

Neujahrswunsch

Nachdem ich wieder einmal viel zu viele Internetseiten vollgeschrieben habe, bleibt mir nur ein Jahresendwunsch: Ich wünsche der Empörten Öffentlichkeit frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue Jahr! Genießen Sie die zahlreichen Köstlichkeiten, die Deutschlands Schweinehalter Ihnen in topp Zustand zu schmalen Preisen in die Supermarktregale legen.

Es könnte sein, dass damit bald Schluss ist.

Denn die Erkenntnis, dass Sie alle im Grunde genommen auf die bäuerliche Landwirtschaft pfeifen, hat nach einer kurzen Schockstarre bewirkt, dass ein Aufatmen durch zahlreiche Familien ging – von Norden nach Süden, von Westen nach Osten.

Wir können es schon lange niemandem mehr recht machen. Also Schluss mit dem Anarbeiten gegen Windflügel!

hört man aktuell in vielen Dörfern große Felsbrocken von ferkelerzeugenden Herzen plumpsen. Schluss mit Landwirtschaft. Stattdessen: Fünf Arbeitstage die Woche bei chilligen Nine-to-Five, verlässliche Einkommen, regelmäßig bezahlter Urlaub (was für ein Luxus!) und die Arbeit anderer Leute pausenlos kritisieren – ein Leben nach der Tretmühle ist für viele Bauern eine verheißungsvolle Option.

Und das Schnitzel kommt zukünftig von betäubungslos kastrierten Schweinen aus dem Ausland.

ODER: Alternativ nur noch aus deutschen Betrieben agrarindustriellen Zuschnitts. In denen aber auch gute Arbeit geleistet wird (wie in allen Branchen bestätigen Ausnahmen  die Regel und gehören vor den Kadi). Von Mitarbeitern, die eine fundierte Ausbildung bzw. ein Studium durchlaufen haben, denen das Wohlergehen der ihnen anvertrauten Tiere am Herzen liegt und die sehr wohl Gesetzestexte lesen und im Betrieb umsetzen können. Die nicht einfach die Stalltüren aufreißen und Tiere in dunkle, stinkige Löcher reinprügeln und dort darben lassen, sondern die wie alle Sauenhalter enorme Investitionen getätigt haben in ihre Ställe.  In Standards, die weltweit Spitze sind.

Einfach mal den Landwirt fragen, wie es in deutschen Ställen aussieht, ob groß oder klein: hier entlang geht es zum Bauernwiki.

* Mittlerweile ist das Mittel Isofluran zur Inhalationsnarkose zugelassen worden. Eine Pressemitteilung der ISN – Interessengemeinschaft der Schweinehalter lässt ahnen, wie sehr der Teufel im Detail liegt - wie sehr „Petitessen“ letztendlich über Hopp oder Topp entscheiden.

„Nur durch eine Fristverlängerung kann der notwendige Freiraum geschaffen werden, um nun die Anwendung in die Hände der Landwirte zu bringen, die Inhalationsgeräte zu organisieren und um mögliche Sicherheitsbedenken für den Anwender zu klären bzw. ggf. durch Optimierungsmaßnahmen auszuräumen.“

Wenn mit dem Bauerntum das Wissen um die Landwirtschaft verschwindet

Mein Oktober-Lieblingsbild: Der moderne Blick auf die Landwirtschaft (Quelle: www.ichliebelandwirtschaft.de)

Am 18.10. 2018 veröffentlichte das SZ-Magazin (Süddeutsche Zeitung) in dem Beitrag »Mit Milch verbinden wir keine Schmerzen, keine Schlachtung« ein Interview mit der Fotografin Manuela Braunmüller. Diese hatte in einer Fotoreportage den Weg der Milch von der Besamung der Kuh bis zu ihrer Tötung begleitet. Auf die abschließende Frage, ob sich etwas an Ihrem eigenen Milchkonsum geändert habe, antwortet die Fotografin:

Ja, ich trinke keine Milch mehr. Ernährung ist ja ein emotionales Thema. Aber es ging mir nicht darum, irgendjemand abzuschrecken. Sondern allein darum, die Kuhmilchherstellung in industrialisierten Ländern zu zeigen. Das Bild vom Bauern, der bei Sonnenaufgang eine Kuh mit der Hand melkt, ist einfach veraltet. Durch unseren massenhaften Konsum hat sich das so verändert. Bei Kuhmilch geht es primär um wirtschaftlichen Profit.

Mir ist der Kragen geplatzt. Im Folgenden das Resultat, so wie ich es bei Facebook dem SZ-Magazin in den Thread gehauen habe:

Schimpfkanonade

Dann möge die Fotografin bitte selber hingehen und ihre Milch mit der Hand melken, statt zu jammern. Nicht immer nur kritisieren und fordern, macht es selber! Wenn mit dem Bauerntum das Wissen um die Landwirtschaft verschwindet weiterlesen

Vom Tierfreund zum Menschenhasser

Landwirt gibt Hetze und Drohungen nach und zieht Bauantrag zurück

Ein nordhessischer Landwirt kapituliert. Grund: Die Kreistagsfraktion der Grünen haben einen Antrag gestellt, dem Landwirt die Pachtflächen eines Landgutes vorzeitig zu kündigen.

Das käme dem Entzug der Existenzgrundlage gleich! Dass dieser Antrag zudem von AfD und SPD positiv kommentiert wurde, lässt tief blicken.

Der Kreisbauernverband steht klar an der Seite der Landwirtsfamilie, kritisiert die politische Erpressung und spricht vom Untergang der politischen Kultur.

Ich gebe im Folgenden den Kommentar und die Stellungnahme des Waldecker Bauernverbandes wieder:

In den letzten Monaten haben wir viel erlebt:
Wir haben erlebt, wie „Tierfreunde“ zu „Menschenhassern“ wurden. Wir haben erlebt, wie sich Freunde und Bekannte von einer Familie zurückziehen und es nicht einmal mehr schaffen, zu grüßen.
Wir haben erlebAntrag zur geplanten Geflügelmastanlage in Waldeck der Grünent, wie sich Massen von Menschen manipulieren lassen, wie fragwürdige „Experten“ zu fachlichen Sachverhalten medienwirksam platziert wurden.

Wir wissen, dass wir als Landwirte gesellschaftliche Akzeptanz brauchen, wir brauchen aber auch eine Gesellschaft, die sich einem Dialog mit uns stellt und den Standort Deutschland für landwirtschaftliche Tierhaltung behalten möchte.

Wir wurden in den letzten Monaten beschimpft, ignoriert und bedroht. Immer im Glauben daran, dass wir ein rechtsstaatliches Verfahren durchlaufen, haben wir stets den Landwirt unterstützt (und hätten es auch akzeptiert, wenn das Ergebnis dieses rechtsstaatlichen Verfahrens negativ gewesen wäre).

Heute ist ein Punkt erreicht, an dem es der Familie nicht mehr möglich ist, die bisherigen Pläne weiter zu verfolgen. So geben wir heute und zu diesem Zeitpunkt folgende Stellungnahme ab:

Stellungnahme

Drei Wochen altes Hähnchen in einem HähnchenmaststallUnser Mitglied, Karl Schwalenstöcker ist sowohl Pächter und Bewirtschafter einer landwirtschaftlichen Domäne des Landkreises Waldeck-Frankenberg als auch Bewirtschafter von Eigentumsflächen. Auf Grundlage dieser Flächenausstattung hat Herr Schwalenstöcker einen Bauantrag zum Bau eines Hähnchenmaststalls gestellt, um mit einem weiteren Betriebszweig den landwirtschaftlichen Betrieb in die nächste Generation zu führen.

Wir teilen Ihnen heute mit, dass Herr Schwalenstöcker seinen Bauantrag zum Bau eines Hähnchenmaststalls zurückgezogen hat.  Vom Tierfreund zum Menschenhasser weiterlesen

Nein, Sie leben nicht vegan, Herr Ulrich!

Screenshot Zeit Online
Da steckt immer Schwein drin. #isso

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der Zeit, is(s)t seit einem Jahr vegan. Sein privates Jubiläum hat er kürzlich öffentlich gemacht: „Wie es ist, Tiere nicht mehr zu benutzen“. Die Leserschaft des ZEITmagazins (32/2018) durfte Einblick nehmen in sein neues Leben; die Wandlung hatte es gar zur Titelgeschichte geschafft. All dies in völliger Unkenntnis der Tatsache, dass der Veganismus eine Mission Impossible ist. Außerdem ist er unethisch. Aber dazu später.

Am 1. August wandte sich Ulrich mit folgendem Tweet an die Öffentlichkeit:

Screenshot Tweet
Schont Ulrich seine fleischessende Leserschaft? (https://twitter.com/berndulrich/status/1024578952877297664?lang=de, 01.08.18)

Schonende Bemeinung? Eine gewagte Bitte. Immerhin ist der Journalist nach nur einem Jahr Veganismus bereits auf einem recht hohen Moralross unterwegs ist. Von dort teilt er kräftig aus, wie die beiden Tweets zeigen:

Zwei Tweets als Screenshot
Am 31. Juli 2018 lässt Ulrich die Welt wissen, dass Fleischesser moralische Imperialisten sind (https://twitter.com/berndulrich/status/1024360543942049792).

Nein, Sie leben nicht vegan, Herr Ulrich! weiterlesen

Propaganda und Zensur bei Quarks

Einseitiger Filmbeitrag des Wissenschafts-Magazins

auf Facebook sorgt für Ärger

Was ist passiert? Es geht um diesen kurzen Film, der bei Facebook von Quarks veröffentlicht wurde:

In diesem Video wird suggeriert, wie einfach es ist, seine Weidetiere vor Wolfsrissen zu schützen.  Ein 1,2m hoher Zaun (im Video sind Schafsnetze zu sehen) mit Elektrodraht, diesen eingraben und dazu ein Herdenschutzhund und fertig ist der effektive Schutz vor dem Raubtier. Wenn es nur so einfach wär…

Propaganda? Ich meine Ja!

Kein Wort über die Probleme, die die betroffenen Tierhalter wirklich haben, kein Wort von einer anderen Sichtweise, nichts! Hier wird in meinen Augen versucht, die öffentliche Meinung in eine bestimmt Richtung zu lenken. Und das ist für mich Propaganda! Wikipedia sagt dazu:

Propaganda (von lateinisch propagare ‚weiter ausbreiten, ausbreiten, verbreiten‘) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die zielgerichteten Versuche, politische Meinungen und öffentliche Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und das Verhalten in eine vom Propagandisten oder Herrscher erwünschte Richtung zu steuern. Dies steht im Gegensatz zu pluralistischen und kritischen Sichtweisen, welche durch unterschiedliche Erfahrungen, Beobachtungen und Bewertungen sowie einen rationalen Diskurs geformt werden.

Leider kein Einzelfall

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CO2-Reduktion? Mir doch egal! Sprach die Republik und fuhr ihr Klima an die Wand.

Wir haben Dürre. An der Dürre ist der Klimawandel Schuld. Am Klimawandel ist die konventionelle Landwirtschaft Schuld. Und jetzt lassen sich die Bauern ihr fahrlässiges Handeln auch noch bezahlen.

Wer regelmäßig und viel Zeitung liest, Fernsehen schaut, Meme betrachtet, Diskussionen in den Sozialen Medien verfolgt, kann sich des Verdachts nicht erwehren: Medien, Politik und Öffentlichkeit haben wieder mal ihren heißgeliebten Sündenbock am Wickel – die konventionelle Landwirtschaft. Und mit Dr. Felix von Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), zudem ein Landwirt und Kollege. In einem Interview des ZDF-Morgenmagazins forderte er am 1. August, die Vergabe von Nothilfen an ökologische Auflagen zu knüpfen.

Warum es so hoch hergeht, erschließt sich mir nicht in einer Angelegenheit, in der man höchstens von einer Kollektivschuld reden kann. Wir alle haben es vermasselt (vorausgesetzt, es kommt wirklich so schlimm wie prophezeit). CO2-Reduktion? Mir doch egal! Sprach die Republik und fuhr ihr Klima an die Wand. weiterlesen

Detlef Flintz antwortet auf offenen Brief

Die Antwort von Herrn Flintz

Sie zeigt, dass wir in einigen Dingen aneinander vorbeireden.
Sie zeigt, dass er sich als Erzieher begreift.
Sie zeigt die Arroganz gegenüber demokratisch gewählten landwirtschaftlichen Interessenvertretern.
Sie lässt mich ratlos zurück, auch wenn es erfreulich ist, dass er geantwortet hat.

Bild vom Brief, den Detlef Flintz an Heike Müller geschrieben hat

Sehr geehrter Frau Dr. Müller,

vielen Dank für Ihre kritische Auseinandersetzung mit meinem Kommentar in den ARD-Tagesthemen vom 26. Juli und insbesondere dafür, dass es Ihnen gelungen ist, jene sachlich zu halten.
Lassen Sie mich zunächst festhalten, dass das von mir angesprochene Mitleid und die Anerkennung einer Leistung sich nicht ausschließen. Insofern zolle ich den Landwirten, die sich in einer ausgesprochen schwierigen Situation befinden, auch meinen Respekt.
Dennoch muss die Frage nach der Verantwortung für Ernteausfälle von zuge-geben dramatischem Ausmaß erlaubt sein. Und da bestätigen Sie, sehr geehrte Frau Dr. Müller, leider mein Bild einer Interessenvertreterin, die das eingetretene Drama für nahezu unvermeidlich hält – und die Notwendigkeit eines einschneidenden Wandels nicht sieht: Wenn Sie auf den aus Ihrer Sicht mit sieben Prozent niedrigen Anteil der Treibhausgas-Emissionen verweisen, soll ich dann daraus schlussfolgern, dass nur die für die Rettung des Klimas verantwortlich sind, die mehr emittieren? Und soll ich Ihre Erwähnung der Quelle – Pressemeldung Umweltbundesamt – als eine Art „Freispruch“ werten? Letzteres tue ich natürlich nicht, denn schon in einem nur wenig ausführlicheren Text erläutert dieselbe Behörde: „Die Möglichkeiten zur Senkung der Emissionen sind vielfältig und werden in unterschiedlichen Bereichen der landwirtschaftlichen Produktion wirksam. Neben Maßnahmen der Stickstoffeffizienz (gleicher Ertrag mit weniger Einsatz…bieten sich erhebliche Potenziale im Düngemanagement und in der Pflanzen- und Tierproduktion.“ Sie sehen, Journalisten lesen nicht nur Pressemitteilungen…

Ich kann Ihnen versichern: In den zahlreichen kritischen Reaktionen auf meinen Kommentar habe ich den Hinweis auf die „nur sieben Prozent“ nicht nur einmal vernommen, und fast immer verbunden mit einer fehlenden Bereitschaft zur Veränderung. Darüber wiederum muss man sich nicht wundern, wenn auch die Bauernspitze die entsprechende Notwendigkeit nicht sieht und demzufolge auch nicht propagiert.
Einverstanden bin ich mit dem Slogan „Evolution statt Revolution“. Allerdings haben wir beide offenbar nicht dasselbe Verständnis vom Entwicklungstempo. Die von Ihnen angesprochene Düngeverordnung mag als gutes Beispiel gelten: Zunächst wurde die Absicht einer Novellierung von vielen Bauernvertretern skeptisch beäugt, nach deren Verabschiedung in 2017 kam dann die Kritik (und zwar nicht nur an dem angeblichen zusätzlichen Bürokratieaufwand, sondern auch an den Beschränkungen der Düngung, so etwa von Ihren thüringischen Kollegen) – und jetzt ist es ausgerechnet diese Düngeverordnung, die herhalten muss als Bollwerk gegen das jüngste EuGH-Urteil und damit verbundene Forderungen nach weiteren Maßnahmen zum Gewässerschutz. Man kann es auch so formulieren: soviel Evolution wie (aufgrund des gesellschaftlichen Drucks) gerade nötig und nicht soviel wie möglich.
Diese Haltung, das Mögliche möglich zu machen, benötigen wir aber meines Erachtens. Und dafür muss man die Landwirtschaft nicht auf den Kopf stellen –auch wenn Sie meinen Kommentar so ausgelegt wissen wollen: Nur Öko-Landwirtschaft? Habe ich nicht gefordert. Und sonst helfen nur noch Hofläden und Ferienwohnungen? Habe ich nicht behauptet. Ich habe sie nur als Beispiele genutzt für Diversifizierung – und für unternehmerische Phantasie. So wie sie beispielsweise auch ein Weseler Landwirt hat, über den ich zufällig am Wochenende las, dass er nunmehr Hausboote auf einem nahegelegenen See vermietet. Den Bauernhof behält er demnach trotzdem, nur von der Milchwirtschaft hat er sich getrennt.
Sie zeigen sich solcher Diversifizierung gegenüber skeptisch und schreiben von Spezialisierung als einem ökonomischen Gesetz. Abgesehen davon, dass ich kein Freund von solchen Allgemeinplätzen bin: In jedem Fall gehört zu den ökonomischen Gesetzen, dass Unternehmen vom Markt verschwinden, wenn die Spezialisierung nicht funktioniert hat. Sie aber predigen die Spezialisierung und wenn es dann mal nicht klappt, soll der Staat herhalten – wenn ich Sie richtig verstanden habe.
Um den Bogen zurück zur Düngeverordnung – und dem zugrundeliegenden Problem des Gülleüberschusses und damit verbundener unvertretbar hoher Nitratwerte im Grundwasser vieler Regionen – zu schlagen: Ein erster evolutio-närer Schritt wäre für mich die Erkenntnis, dass es volkswirtschaftlich und um-weltpolitisch keinen Sinn macht, in einem Bundesland wie NRW mit seiner hohen Bevölkerungsdichte Hochburgen der Viehzucht zu haben, wenn der Export von Gülle wer weiß wohin erfolgen muss – weil die heimischen Flächen schon überdüngt sind. Der zweite Schritt wäre für mich, sich nicht darauf auszuruhen, dass die Düngeverordnung erst in vielen Jahren Ergebnisse zeitigen kann – sondern zur Kenntnis zu nehmen, dass viele Experten der Düngeverordnung ein Scheitern voraussagen (und wir in vielen Jahren wieder bei Null anfangen). Evolution wäre also für mich, schon jetzt darauf hinzuarbeiten, weniger Fleisch mit höherer Qualität zu besseren Preisen zu produzieren – was nicht nur in Richtung einer umweltfreundlicheren Kreislaufwirtschaft ginge und die Nitratwerte gewiss senken würde, sondern auch positive Ernährungseffekte hätte.
Ich ahne es, Sie vermuten in mir wieder einen, der die Leute per Zwangswirt-schaft zum „Vegetarier-Glück“ zwingen will, während sie auf Selbstbe-stimmung der Menschen und Marktpreise setzen. Rein vorsorglich mein Widerspruch gegen dieses Bild: Wenn man auf einem Sektor ganz gewiss ohnehin nicht von Marktwirtschaft sprechen kann, dann ist es der hochsubventionierte Agrarmarkt. Und wenn Sie kritisieren, dass es für Bioprodukte eine höhere Flächenprämie gibt, dann antworte ich: Genau dies ist angemessen, weil diese Art des Wirtschaftens weniger Umweltschäden und mithin Kosten verursacht. Denn in einem Kilo Schweinesteaks für zum Bei-spiel 5,50 Euro sind die Umweltschäden nicht eingepreist.
Wir sollten also Versuche, das Preisniveau zu heben, nicht als Gängelung und/oder hoffnungslos diskreditieren, sondern als, wie andere Länder zeigen, realistische Option, Landwirtschaft und Umweltschutz zu betreiben. Das wird nicht einfach sein, ich weiß. Aber mit Funktionärinnen und Funktionären, die ihren Mitgliedern so wenig Notwendigkeit zur Veränderung signalisieren – und den Versuch, höhere Preise zu erzielen, nicht als evolutionär sondern als revolutionär ansehen – wird es noch schwerer. Unnötigerweise.
Ich würde mich freuen, würden Sie auch diese Zeilen in den Verteiler Ihres offenen Briefes geben. Für einen weiteren Austausch stehe ich gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen

Detlef Flintz


Anmerkungen:

Detlef Flintz ist Leiter Programmgruppe Wirtschaft und Recht beim WDR (Link)

Die Antwort von Detlef Flintz bezieht sich auf dem offenen Brief, den Heike Müller am 28. Juli veröffentlicht hat und der hier zu lesen ist

„Biobauern schlagen sich besser bei Dürre“ – wirklich, Herr Flintz?

Offener Brief zum Kommentar von Detlef Flintz in den Tagesthemen vom 26.7.2018

von Dr. Heike Müller
(Landwirtin und Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern)

Sehr geehrter Herr Flintz,

mit großem Interesse habe ich am 26. Juli Ihren Kommentar in den Tagesthemen verfolgt.
Ich gehöre sowohl zu den von Ihnen gescholtenen Funktionären des Bauernverbandes als auch zu den Bauern in ihrer Gesamtheit, die Ihnen Ihrem Kommentar zufolge leidtun.
Leute wie ich sind es also, die – demokratisch gewählt – uns Ihrer Meinung nach die jetzige Situation eingebrockt haben und die unseren Kollegen weismachen wollen, dass man in der Landwirtschaft so weiterwirtschaften kann wie bisher.

Ja, auch wir Landwirte tragen eine Mitschuld an den Treibhausgasemissionen, ca. 65 Millionen Tonnen der insgesamt in Deutschland ausgestoßenen 905 Millionen Tonnen anthropogener Treibhausgase stammen aus unserer Branche, das sind gigantische 7% (Quelle: https://www.umweltbundesamt.de/…/klimabilanz-2017-emissione…). Niemand bestreitet dies. Die Erzeugung von Lebensmitteln ist immer auch mit Emissionen verbunden. „Biobauern schlagen sich besser bei Dürre“ – wirklich, Herr Flintz? weiterlesen

Der Überbringer der schlechten Nachricht…

… wurde fälschlicherweise schon im alten Griechenland bestraft. Die Frage, die sich stellt ist, wann lernen wir endlich dazu, lassen das und machen uns auf den Weg, um nach Lösungen zu suchen?

Tierschutzkontrollen in den Betrieben

Die Neue Osnabrücker Zeitung hat die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Grünen hinsichtlich der Häufigkeit von Tierschutzkontrollen in landwirtschaftlichen Betrieben in einem Artikel aufgegriffen. Demnach finden in Niedersachsen rechnerisch in einem Betrieb nur alle 20 Jahre Kontrollen bezüglich Tierschutzgesetz durch das zuständige Veterinäramt statt, auf Bundesebene alle 17 Jahre.

ein Jogger läuft auf einer breiten Bergstraße der Sonne entgegen
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Die Landwirte sind empört

Das Landvolk hat Zweifel an den Zahlen der Komtrolldichte. Auch in den sozialen Medien empören sich Landwirte – vor allem wird der Autor des Artikels auf seine Facebook Seite zum Teil wirklich auf unverschämte Art und Weise angegriffen. Nur warum sind die Landwirte empört? Und wie kommt es nun zu diesen Zahlen?

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