Weizen, Welthunger und der tägliche Twitterwahnsinn

Weizen, Welthunger und der tägliche Twitterwahnsinn

Ich muss hier mal was loswerden. Sonst werde ich wahnsinnig. Ich hab heute eine Diskussion auf Twitter verfolgt, die die Grünen auf verschiedenen Profilen von Mitarbeitern der Fraktion und des Landwirtschaftsministeriums gestartet haben, u.a. hier: https://twitter.com/GrueneBundestag/status/1524396049179230208

Drei Diagramme geistern zu dieser Thematik im worldwideweb herum:

Dies soll deutlich machen, dass 60 % des Getreides verfüttert werden.

Hier ziemlich genau die selbe Aussage. Doch was sagt das aus? Wenn ich und viele andere von heute auf morgen kein Futtergetreide mehr anbauen würden, sondern alle möglichen Arten von Ackerfutter, dann würde sich dieser Anteil massiv reduzieren. Trotzdem wäre danach kein Gramm mehr Weizen für die menschliche Ernährung verfügbar.

Als letztes das Diagramm des Deutschen Bauernverbandes. Und hier wird deutlich, wie sehr man sich von Diagrammen blenden lassen kann und wie sich jeder die Zahlen so zurecht legt und präsentiert, damit es vorteilhaft für die zu untermauernde Aussage ist.

Um was geht es eigentlich? Es geht darum, wie wir als deutsche Gesellschaft darauf reagieren sollen, weil aufgrund des Krieges in der Ukraine Getreide und Ölsaaten auf dem Weltmarkt fehlen. Vorschläge dazu gibt es zuhauf. Ökologische Vorrangflächen zum Getreideanbau nutzen dürfen oder die GAP ab 2023 ohne 4 % Brache und ohne verpflichtenden Fruchtwechsel zu starten.

Die Ethanolproduktion in Deutschland einzustellen, Biogasanlagen abzuschalten, Tierhaltung abzuschaffen oder Bioflächen konventionell zu bewirtschaften.

Oder genau anders herum: Aufgrund von Energiemangel vermehrt Biogasanlagen zu bauen, aufgrund von Mineraldüngermangel Tierhaltung auszubauen und weniger Mineraldünger zu streuen.

Ich durfte zu Beginn des Krieges beim Bayerischen Rundfunk ein Interview geben. Was ich dabei mehrmals gesagt habe, was aber leider nicht gesendet wurde war:

“Beispielsweise die 4 % Brache waren schon vor dem Krieg totaler praxisfremder Blödsinn, der niemanden etwas bringt.”

Ist Deutschland eine Insel?

Wir tuen seit Jahren so bei uns im kleinen Deutschland, als wenn wir auf einer Insel im Takatukaland wohnen würden. Wir schaffen es nicht mal, uns an unsere Nachbarn in der EU zu orientieren, wenn es darum geht, Agrarpolitik zu gestalten. Denn wir Deutschen wissen es ja besser!

Wir reduzieren durch immer höhere Auflagen unsere Tierhaltung in Deutschland und zum Beispiel in Spanien wird seit Jahren im selben Ausmaß die Schweinehaltung aufgestockt, wie sie in Deutschland reduziert wird.

Wir schauen wie gebannt auf unseren deutschen Selbstversorgungsgrad, obwohl der 0,0 Aussage hat, da wir in einer Wirtschaftsunion leben, wo Waren nach Belieben innerhalb der EU hin- und her kutschiert werden.

Was sollen uns diese Zahlen sagen? Dass einige Zuckerrübenbauern auf Gemüse umstellen sollten?

In einer EU, in der Schweinefleisch von Niederbayern nach Italien “exportiert” wird und als Parmaschinken wieder nach Deutschland kommt – Wie soll so etwas in so einer Statistik eingebettet werden?

Wenn wir dann hier sehen, dass Deutschland 9,3 Mio Tonnen Weizen exportiert, stellt sich mir die Frage, wie viel Weizen wir dann wieder importieren und wie viel anderes Getreide wir exportieren und importieren, damit wir auf einen Selbstversorgungsgrad von ziemlich genau 100 % kommen.

Ihr merkt es langsam selber. Das Heranziehen solcher Zahlen macht wenig Sinn.

Wird aber ständig gemacht.

Nun wollen wir uns langsam an des Pudels Kern heranwagen.

Johannes Schaible, Journalist beim Spiegel frägt sich Folgendes:

Erstens verwechselt er, und da ist er nicht der erste, Weizen mit Getreide. Zweitens verwechselt er die derzeitigen ökologischen Vorrangflächen mit den 4 % Brachflächen, die in Zukunft vorgeschrieben sind. Ich habe wie so viele andere Betriebe keine “schlechten” Flächen und lasse so eine hochwertige Fläche, von der ich 100 Dezitonnen Weizen je Hektar dreschen könnte, brach liegen. Dagegen besteht mein Getreide, dass ich ernte, aus Weizen mit 9 % Eiweiß und Gerste und Hafer. Zu 100 % kein Brotweizen.

Jetzt kommt gewiss der Erste daher der mir erklärt, dass ich nicht von meinem Betrieb auf andere schließen soll. Aber um euch die Sinnlosigkeit jeder weiteren Diskussion plastisch darstellen kann, hier mein Betrieb als Beispiel:

Hypothese: Ich höre morgen auf, meine Tiere zu füttern!

Ich bin Schweinehalter. Und laut Jan-Niclas Gesenhues, Mitglieder der Grünen und des Deutschen Bundestages ist es absurd, 60 % des Getreides an Tiere zu verfüttern. Alles schreit nach der Reduzierung unseres Tierbestandes. Also hör ich morgen auf. Mein Getreide, dass ich im Sommer ernte, verkaufe ich, um den Hunger in der Welt zu mindern. Meine Frage an Herrn Gesenhues: Wie garantieren Sie mir, dass das Getreide dort ankommt, wo es Hunger gibt?

Wir haben im 1. Quartal 2022 ca. eine Million Schweine weniger geschlachtet als im Vorjahreszeitraum. Dadurch wurden 300000 Tonnen Getreide eingespart. Das ist jede Menge, wenn man nochmal rauf scrollt und sieht, dass wir mit 9 Mio t exportiertem Weizen auf Rang 8 der Welt stehen.

Wo sind denn die 300000 Tonnen (12000 Lastwagen) hingekommen? Haben die Grünen sie gleich nach Ägypten, Tunesien oder Marokko verschifft? Oder ging die Ware vielleicht in die USA, die aufgrund der teueren Ölpreise die Ethanolproduktion ausbauen wollen?

Wer kriegt am Ende mein Getreide?

Wie naiv kann man sein, dass auch nur ein Gramm Weizen (oder was weiß ich) am Bestimmungsort ankäme? Ich würde meinen Weizen an den Landhandel verkaufen oder dort kauft ihn der, der am Besten bezahlt.

Aktuell werden weltweit knapp 800 Mio Tonnen Weizen jährlich erzeugt. Knapp 300 Mio Tonnen sind eingelagert. Russland und die Ukraine exportieren jährlich 55 Mio Tonnen.

Ist Weizen aktuell also knapp? Diese Zahlen sagen das nicht aus. Spielt aktuell der Weizenpreis verrückt? Ja. Warum? Weil nicht die tatsächliche Menge den Preis macht, sondern die aktuelle Nachfrage. Wir haben hier quasi eine Klopapiersituation in XXL-Format.

Teuere Nahrungsmittel führen zu Hunger

Und diese Teuerung führt zu Hunger. Nicht die angebliche Knappheit. Denn im Gegensatz zu Deutschland, wo Lebensmittel ca. 10 % unserer Privatausgaben ausmachen, sind es in vielen Ländern Afrikas an die 70 %. Wenn also Mehl das Doppelte kostet, tut es uns nicht weh, einem afrikanischen Haushalt aber sehr wohl. Es ist eine Preisfrage.

Es ist auch eine Preisfrage, ob Weizen an Tiere verfüttert wird, oder zu Ethanol verarbeitet wird. Wenn es sich nicht rentiert, macht es niemand mehr. Wenn der Ami zur Ethanolherstellung mehr für den Weizen bezahlen kann, als der Afrikaner, dann macht der Ami das Geschäft. Und wenn der Chinese noch mehr bezahlt, nur um ihn einzulagern, dann macht der das Geschäft. So einfach und so hart ist diese Welt. Darum sinken aktuell auch die Schweinebestände in Deutschland. Weil es wirtschaftlich langsam keinen Sinn mehr macht, Futter doppelt so teuer zu kaufen und Schweine spottbillig zu verscherbeln. So einfach geht das. So einfach macht das der Markt. Da brauchts keine Tierschutzorganisationen und keine Aussagen grüner PolitikerInnen…

Alles nicht so schlimm… oder?

Ich hoffe, ich konnte klar machen, dass es keinen Sinn macht, sich mit Prozentzahlen zu bewerfen. Es ist zum Beispiel auch nicht verwerflich Weizen zu verheizen. Denn dann wäre es genauso verwerflich, auf meinen Flächen statt Weizen Miscanthus anzubauen und dieses dann zu verheizen. Dann wäre es genauso verwerflich, dass ich ab nächstem Jahr auf 4 % meiner Fläche kein Futtergetreide für meine Schweine mehr anbauen darf und darum den Ertrag dieser Fläche auf dem Weltmarkt einkaufen muss, wodurch einige hundert Menschen auf dieser Welt darauf verzichten müssen (wenn es backfähige Ware wäre). Deutschlandweit sind das übrigens dann auf Weizen gerechnet 4 Mio Tonnen.

Ganz schön viel, oder? Aber nicht verwerflich. Gar nicht. Überhaupt nicht.

Denn wir leben auf einer Insel im Takatukaland und dort machen wir uns die Welt, widewide wie sie uns gefällt.

Edit: Leider waren meine Augen beim Suchen der Tweets irgendwann zu klein und so hab ich Jonas Schaible versehentlich den Grünen zugeordnet, er ist aber “nur” ein Journalist, der den Schwerpunkt bei den Grünen und dem BMEL hat. Ich lasse seinen Tweet aber trotzdem drin (obwohl ich eigentlich einen anderen im Hinterkopf hatte), sonst kennen sich die Erstleser irgendwann gar nicht mehr aus…

2. Edit: Asche über mein Haupt, im Eifer des Gefechts hab ich zweimal Dezitonnen mit Tonnen verwechselt. Nächstes Mal hör ich vor 22 Uhr auf. Versprochen!

Gerhard Langreiter

Jahrgang 1981, verheiratet, 2 Kinder, seit 2001 Ferkelerzeugung mit 170 Zuchtsauen und Ferkel bis 30 kg. Ca. 30 ha inkl. Pachtfläche und Wiesen in Bewirtschaftung, 7,5 ha Wald.

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1 Comment

  1. Moin aus Niedersachsen!

    Ich lese in jüngster Zeit einerseits die Kritik an der Tierhaltung, andererseits aber auch – insbesondere von Tierhalter – die Kritik zurück, die ja durchaus verständlich ist, wenn da der eigene Beruf und die Zukunft zur Diskussion stehen.

    Doch die Logik hier funktioniert nicht. Jedes Glied in der Nahrungskette beinhaltet nur noch einen Bruchteil der Energie des vorangegangenen Gliedes: Sonne – Pflanze – Fleisch.

    Es gibt auch weitere belastbare Zahlen:
    Wegwerfquote – je nach Nahrungsmittel – bis zu 50% in Industrienationen.
    Nachernteverluste von über 30% in Entwicklungsländern mangels Lagerung, Kühlung und Transport.

    Über 60 kg pro Kopf Verzehr in Deutschland bei 88 kg pro Kopf Verbrauch. Das heißt, trotz Veganern und Seniorentellern konsumiert ein Einwohner über 1 kg Fleisch die Woche. Da ist man dann auch bei Fragen des Konsums. Sieht man auch in China: Kommt der Wohlstand – bei uns waren es die Wirtschaftswunderjahre – will man auch was darstellen durch sein Konsumverhalten, Fleisch = Statussymbol.

    Wenn wir nur die Hälfte produzieren, dafür aber doppelt so viel zahlen, hätten die Tiere mehr Platz, die Tierhalter weniger Arbeit und das Geld wäre nicht teilweise für die Tonne rausgehauen worden, wo heute viel weggeworfen wird.

    Hinzu kommen ja noch viele weitere Faktoren:
    Wie viel Milch produziert eine Kuh heute, wie viel vor 50 Jahren?
    Und warum kommt man trotzdem nicht auf einen grünen Zweig, wenn man nicht immer mehr produziert?

    Wachse oder weiche ist kein Naturereignisse, sondern politisch gewollt. Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft freisetzen für die Industrie und Militär, damit fing es an. Berufsstand der Bäuerinnen und Bauern dezimieren, so daß diese keine Stimme mehr haben, das ist das, wohin es gerade geht.

    Und mit Globalisierung etc. zu argumentieren, ist wenig hilfreich. Dann darf man sich auch bald über noch mehr Rindfleisch aus Brasilien freuen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: WENN es weniger Tierhaltung sein soll, WIE muß man es gestalten?

    Dazu einige Ideen:
    1. Braucht es tierhaltung? Ja, Stoffkreisläufe sind wichtig, Nährstoffe von Grünland bekämen wir auch sonst gar nicht in unsere Ernährung und sie können vieles verwerten, was wir Menschen nicht verwerten können, bis hin zu den Resten aus von Zuckerrüben. Der – leider fast ausgestorbene Beruf – Wanderschäfer hat mit seinen Tieren sogar Biotope verbunden bis hin zum Imker mit seinen fleißigen Bienchen.

    2. Ist die Tierhaltung das Problem? Nicht per se. Eine punktuelle Überbelastung – siehe Niedersachsen – ist problematisch, auch das Übermaß an Fleischkonsum. Doch das eigentliche Problem ist die Frage der Stoffkreisläufe. Insofern kann die Diskussion lieber aufgebrochen werden und man endlich mal über Nährstoffe sprechen. 20% des Eiweißfutters wird aus Übersee importiert über den Futtermittelhafen in Brake als Beispiel.

    3. Ernährung ganzheitlich betrachten. Spargel hat faktisch null Nährstoffe und Nährwert. Avocados aus übersee sind allein mit Blick auf den Wasserverbrauch eine Katastrophe. Und warum muß es Chia statt Leinsamen sein?

    Wenn man die Diskussion nicht verengt nur auf die Tierhaltung, kann man viel mehr gewinnen, auch als Tierhalter.

    Höher, schneller, weiter, mehr ist keine Lösung für eine nachhaltige Landwirtschaft. Es ist meines Erachtens nicht der richtige Weg, die fortwährende Produktionssteigerung, Globalisierung und billige Preise zu verteidigen. Essen darf mehr Kosten, aber dann müssen Löhne, Renten und Mieten auch fair sein. Nur die Diskussion traut sich kaum jemand zu führen!

    Billiges Essen für billige Löhne? Und das, was beim Essen eingespart wird, zocken dann am Ende noch die Vermieter und Immobilienhaie ab. So sieht es nämlich aktuell aus. Denn beim Essen wir dann zuerst gespart, wenn man zu Discountern oder die Tafeln rennen muß.

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