Das Schweinesystem

Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch, hat am 22. September in Berlin sein Buch „Das Schweinesystem“ vorgestellt. Bei dieser Pressekonferenz durfte ich auch dabei sein. Das Video des Livestreams kann man hier nachgucken bzw. -hören.

Der ausführliche Titel lautet „Das Schweinesystem. Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden“. Das hört sich für einem konventionellen Tierhalter wie mich zunächst nach starkem Toback und einer unangenehmen Lektüre an. Und das ist sie auch, die Lektüre- unangenehm: Denn Wolfschmidt widmet sich in seinem Buch den Produktionskrankheiten bei Kühen, Schweinen und Geflügel.

erschienen im S.Fischer-Verlag
erschienen im S.Fischer-Verlag

Das Buch beginnt mit der gutachterlichen Feststellung des wissenschaftlichen Beirates für Agrarpolitik, dass die Haltungsbedingungen für Nutztiere in Deutschland nicht zukunftsfähig seien. Ein wesentlicher Grund für diesen niederschmetternden Befund sind, so Wolfschmidt, die seit Jahren bekannten, aber weitgehend ignorierten Produktionskrankheiten.

Zu diesen Produktionskrankheiten hat der Autor offensichtlich gut recherchiert und aus allerlei wissenschaftlichen Studien und Veröffentlichungen eine in Kapitel zwei zusammengetragene Übersicht erstellt. So kommt der Foodwatch-Aktivist zum Schluss, dass jedes vierte Tierprodukt von einem kranken Tier stammt. Zur Erklärung möchte ich ergänzen, dass die Tiere, wenn sie geschlachtet werden, nicht akut krank sind, sondern dass sie eine akute Infektion (z.B. Lungenentzündung) oder einen Knochenbruch (Calciummangel bei Legehennen) oder Fruchtbarkeitsstörung und Euterentzündung (bei Milchkühen) durchgemacht haben. Auch Veränderungen an den Gelenken der Nutztiere hebt der studierte Tiermediziner hervor.

Die Schwankungen zwischen den einzelnen Betrieben sind dabei riesig, so der Kampagnenleiter von Foodwatch. Dass dabei die ökologisch bewirtschafteten Betriebe besser abschnitten, sei ein Irrglaube. Auch die Annahme, dass die kleineren Betriebe besser abschnitten, sei falsch. Die Häufigkeit der Produktionskrankheiten liegt am Management. Mit dieser zutreffenden Feststellung, hat Wolfschmidt den Ärger der Ökoverbände auf sich gezogen.

Wolfschmidt geht im dritten Kapitel auf die Vermarktung der tierischen Produkte ein und kritisiert, dass das wenigste Geld letztlich beim Erzeuger, dem Bauern hängen bleibt. Er bemängelt, dass es kein Belohnungssystem für besonders gesunde Tiere gibt, sondern nur Abzüge seitens der Schlachthöfe beispielsweise. Und er bezeichnet die Initiative Tierwohl als Nebelkerze.

Bei aller (berechtigten) Kritik finde ich allerdings, dass die Initiative Tierwohl (ITW) ein guter Anfang ist, ohne gesetzgeberischen Druck bei den Haltungsbedingungen für unsere Tiere voran zu kommen. Natürlich ist die finanzielle Ausstattung seitens des Handels unzureichend. Dass letztlich wegen des großen Interesses seitens der Bauern daraus eine Lotterie geworden ist, bei der nur die Hälfte der Tierhalter zum Zug gekommen ist, ist für mich ein Skandal. Für mich ist die Initiative nicht nur ein großer PR-Gag. Ich spreche mich für die Fortführung der ITW aus, allerdings mit wesentlich größerem Budget und der Einbeziehung von Gesundheitsparametern, um auch die Schwachstelle „Produktionskrankeiten“ mit anzupacken.

Im fünften Kapitel beschreibt Matthias Wolfschmidt einen Lösungsansatz mit vielen Forderungen und Voraussetzungen, die für mich unrealistisch sind bzw. wohl eine Wunschvorstellung bleiben werden.
Er fordert, dass es keine Scheinlösungen alá Initiative Tierwohl oder Tierschutzlabel (nicht alle Tiere kommen in deren Genuss) geben dürfe, sondern für alle Tiere ein hoher Mindeststandard gelten müsse, der natürlich Geld kostet und die Produkte teurer macht. Wenn ärmere Schichten sich dann keine tierischen Lebensmittel mehr leisten können, dann ist es nicht Aufgabe der Landwirtschaftspolitik, diese erschwinglich zu halten, sondern Teil der Sozialpolitik- die müsse es dann regeln.
Und dann bedarf es natürlich einer europaweit-einheitlichen Umsetzung begleitet von einem Außenhandelsschutz, damit sich die Tierhaltung nicht aus Deutschland verabschiedet. Auch das sehe ich als sehr unrealistisch umzusetzen. Die Einigkeit innerhalb von Europa ist schon sehr schwierig zu erreichen und dann noch die Abschottung unserer Agrarmärkte in Zeiten der Globalisierung… so groß ist meine Vorstellungskraft nicht, dass diese Voraussetzungen jemals eintreten könnten.

Zusammengefasst fordert Wolfsschmidt folgende gesetzlichen Vorgaben:

  • Tierschutzgerechte Haltungsbedingungen für alle
  • Gesundheitsmanagement auf Betriebsebene
  • Betriebliches Gesundheitsmonitoting
  • Staatliche Tierschutzüberwachung
  • Hochleistungsziele in der Tierzucht ändern

Ich möchte jetzt nicht sagen: „Die Grundvoraussetzungen sind eine Utopie und daher ist die Umsetzung hin zu weniger Produktionskrankheiten absoluter Quatsch“. Nein, das nicht. Wir können sicherlich auch jetzt die Probleme anpacken und uns verbessern, uns auf den Weg machen. Grundvoraussetzung ist dabei die breite Sensibilisierung für dieses Thema in meinem Berufsstand. Dafür möchte ich werben. Ich würde mich freuen, wenn wir es schaffen würden, mit einer nötigen Portion Selbstkritik unsere Tierhaltung zu verbessern.

Ich bin häufiger gefragt worden, warum ich an der Pressekonferenz zur Buchveröffentlichung teilgenommen habe. Ich habe ehrlich gesagt gezögert. Doch letztlich konnte mir Matthias Wolfschmidt glaubhaft versichern, kein Bauernbashing mit diesem Buch betreiben zu wollen. Die Wortwahl im Buch hat sicherlich etwas skandalisierendes, aber distanziert sich auch klar von der „Alles Bio und gut“-Ideologie, die ich auch ablehne. Auch die vielen Gespräche und die wenigen (aber immerhin!) gegenseitigen Besuche haben einen Ausschlag für die Teilnahme bewirkt. Diesen Dialogprozess möchte ich nicht abreissen lassen, auch wenn die Themen unangenehm werden. Zudem unterlag ich keiner Zensur und konnte meine Meinung, die auch hier im Blogpost deutlich wird (hoffentlich), vor versammelter Presse vorbringen.

Ich bin jetzt wirklich gespannt auf die Kritik meiner Leser.

Abschließend noch einige kontrovers diskutierte Artikel zu diesem Buch:

9 thoughts on “Das Schweinesystem

  1. Bernhard, deine Haltung und deinen Umgang mit Kritikern sollte Schule machen. Es ist meiner Meinung nach auch der einzige Weg, ideologisierte und unfaire Kritiker zum Schweigen zu bringen. Und so wie du schreibst, glaube ich zu verstehen, dass Menschen wie Wofschmidt am Dialog mit Praktikern ehrlich interessiert sind.

    1. Danke Friederike,
      diese Dialogprozesse sind nicht immer Wohlfühl-Veranstaltungen. Gerade die teils skandalisierende Sprache ist nicht immer hilfreich, aber ich buche das unter „So ist halt das Geschäft“ ab. Das Buch will verkauft werden und die Botschaft möglichst breit gestreut werden. Die Medien reagieren leider nicht auf zahme Pressemitteilungen.

  2. Vielen Dank für deinen Bericht, Bernhard! Du hast auf jeden Fall den Mut, dahin zu gehen, wo´s auch mal unangenehm werden kann. Nur so kann aber der Dialog vorankommen, wenn auch die unangenhmen Themen nicht ausgespart werden.
    Was die Umsetzbarkeit der Forderungen von Wolfschmidt angeht bin ich optimistischer als du. In der europaweiten Durchsetzung von Standards sind uns viele Länder, wie England oder Skandinavien, bereits weit voraus. Deutschland ist hier eher ein Bremser. Unseree unmittelbaren Nachbarn und Hauptkonkurrenten Niederlande und Dänemark arbeiten ebenfalls an höheren Standards, so dass es durchaus Chancen auf ein europaweit einheitliches Vorgehen gibt. Und den Außenschutz können wir erreichen, wenn wir unsererseits auf Dumpingexporte verzichten, die sowieso den Bauern nichts bringen, sondern nur Großschlachtern wie Tönnies, und indem wir unsere dann höheren Tierschutzstandards auch von Drittländern verlangen, wo diese eben nicht gegeben sind. Positiver Nebeneffekt der höheren Standards wäre ein Rückgang der produzierten Menge, verbunden mit einem Anstieg der Preise, und den können wir doch wohl alle gebrauchen!

    1. höhere Standards sollten wir anstreben- ja, aber bitte nicht auf Teufel komm´raus. Wenn wir bzw. die Politik das Augenmaß dabei verliert, wird das den Strukturwandel befeuern.
      Was die Dumpingexporte angeht, bin ich Deiner Meinung. Allerdings glaube ich auch, dass die Abschottungstendenzen in Amerika (Trump) und Europa (Anti-TTIP-Bewegung) nicht in eine offene und freiheitliche Welt passen. –> Dieses Thema hat alleine Raum für mehrere Blogposts und seitenlange Kommentarspalten…;)
      Ideal wäre es, wenn gute Leistungen kombiniert mit grundauf gesunden Tieren marktwirtschaftlich honoriert werden. Es gibt bereits Ansätze. Bis dahin ist die Initiative Tierwohl wichtig, um Schritt für Schritt voran zu kommen.

  3. Hy Bernhard

    Habe das Buch selber noch nicht gelesen finde deine Kommentare und
    ErlÄußerungen sehr gut. Ich hätte an dem Termin dieser Diskussion auch
    Sofort teilgenommen.

    Prima Gruß Stefan

  4. Vielen Dank für diesen guten und motivierenden Beitrag! Wir werden uns in Zukunft mit noch mehr Ordnungsrecht auseinander setzen müssen. Dies wird in einem System mit viel zu langen Phasen ruinöser Preise Betrieben die Existenzen kosten. Wer dies nicht will tut gut daran politische und wirtschaftliche Alternativen zu entwickeln. Was passiert wenn wir dies verpassen, können wir aktuell beobachten: Handel und Industrie ziehen in Überschuss Situationen die Daumenschrauben an und fordern Standards ein bevor sich die Politik zu neuen Auflagen entschlossen hat. Um dieses Dilemma zu beenden müssen sich die Bauern öffnen und aktiv werden.

  5. Moin Herr Barkmann,
    nur wenn wir, die wir, wie Sie als Landwirt oder ich als Tierarzt, Ställe von innen kennen, über Krankheit und Gesundheit authentisch ohne Emotionalisierung sprechen, werden wir mehr Menschen davon überzeugen, dass die aktuelle Situation nicht akzeptabel ist. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um die Verantwortung, die jeder in der Lebensmittelkette hat. Das ist, denke ich, bei der PK rüber gekommen. Ich habe jedenfalls bisher keine Kritik zu hören bekommen, weder von konventionellen noch von Biobauern. Wir alle wissen, dass es genügend Maßnahmen gibt, die in vielen Betrieben zu einer Verbesserung beitragen können, die aber nicht unbedingt viel kosten müssen. Also erste Schritte jetzt beginnen, ohne eine grundsätzliche Änderung im Bereich der Tierhaltung aus dem Auge zu verlieren. Wichtig ist, dass das Bewußtsein dafür da ist.

  6. Natürlich ist dem Foodwatchschreiber der soziale Aspekt egal. Irgendwie haben heute alle einen Knall. Tiere wichtiger als Menschen. Fehlt nur noch das Haustiere von dem Autoren verboten werden, weil die könnten ja auch mal krank werden wenn sie als Haustiere leben – Killt man sie vorher oder läßt man sie gar nicht entstehen, wird das Leid vermieden.

    Klar, das ist nicht das Anliegen des Autors, aber es ist die naheliegende Tierrechtssichtweise.

    Nutztiere können krank werden und wenns zum Abdecker geht, kann auch mal was dabei sein. Ich sehe da kein Problem, wiewohl es durchaus gut ist, s y s t e m a t i s c h e Fehler auszumerzen. Das ändert nichts an der Tatsache das Tiere einfach mal krank werden und wenn das keinen Schaden für den Konsumenten ausmacht, kommt problematisches Gewebe weg, der Rest auf den Teller.

    Ich empfehle solchen Egozentrikern, die nicht millionenfaches Elend sehen und denen es offenbar egal ist, was die Armen futtern sollen – die Verantwortung dafür schön weiterleiten an den Staat – aber dafür Pro-Tiere sind. Die Tiere! Mensch Herr Wolfschmid! Gehen Sie mal in den Wald und schauen Sie Wildtiere an, wie extrem die verbraucht werden durch das Leben in der Natur! Da werden laufend Tiere krank und dafür gekillt und verspeist. Einzig weil sie etwas lahmen oder einen Infekt haben und nicht schnell genug davon laufen können – gerne auch vom von ach so tierlieben Tierschützern angesiedelten Wolf bei lebendigem Leib gehetzt und angefallen, totgebissen und zerfleischt.

    Mal die Kirche im Dorf lassen. Tierleid soll vermieden werden. Aber künstliche Produktverteuerung damit sich irgendwelche Gourmetextremisten in diesem Land besser fühlen, geht mir auf den Zeiger. Der Herr Wolfschmidt kauft eher kein Fleisch beim Supermarkt oder Diskounter und ist nicht weiter von irgendwelchen Fehlern der Tierhaltung für das kleine Portemonnaie betroffen, oder? Das ist eine ähnliche moralische Scheinheiligkeit wie man sie sonst bei anderen Besseressern wie Veganern und Biojüngern findet.

    Wenn Herr Wolfschmidt und andere sich so nach der Perfektion und moralischen Besserstellung sehnen, könntet ihr euch bei der nächsten Tafel für Menschen engagieren oder für die medizinische Versorgung der Menschen stark machen oder den 800 Millionen hungernden dieser Welt etwas kochen. Der Mensch ist auch ein Tier, eines das besonders extrem Leidet wenn die Lebensbedingungen nicht stimmen.

    Nutzvieh ist zum Nutzen da und nicht zum vergöttern. Das könnt ihr mit euren privaten Haustieren ja machen. Die Gesellschaft jedoch mit dieser scheinheiligen moralischen Keule zu bearbeiten geht mir auf den Nerv.

    Wer Fleisch essen will muss Tiere halten und töten. Das gehört dazu und Tiere sind Lebewesen und die können schon mal krank werden oder Verschleißerscheinungen aufweisen. Findet euch mit der Wirklichkeit einfach mal ab.

    Er hätte doch viel besser einfach einen fachlichen Ratgeber für die Haltung schreiben können, Verbesserungsvorschläge bringen.
    Aber nein! Darum gehts offensichtlich dem populistischen Foodwatchmitarbeiter nicht. Es muss die Mischung aus moralischer Keule und Weltfremdheit, Menschenmißachtung sein, die man von dieser Klientel schon lange gewohnt ist.

    „Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer, Leiter Strategie und Kampagnen“

    Seine neue Kampagne läuft jedenfalls schon. Der Titel ist auch klar: „Das Schweinesystem. Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden“

    Hört auf euch von diesen Moralisten durch die Manege treiben zu lassen. Das sind abgebrühte Propagandisten, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen und politisch genau die Leute bedienen, die am die Landwirtschaft und Tierhaltung am liebsten gestern kaputtreformieren wollen.

    https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20170105_agrarwende_2050_lf.pdf

    Enge Freunde von Matthias Wolfschmidt und Thilo Bode.

    So schauts demnächst aus wenn diese Leute das Sagen haben.

    Sicher, es gibt immer was zu verbessern. Aber es muss einfach nicht sein, das diese unsinnige Tierschutzethikschwätzerei über dem Ziel Ernährung für Millionen auch arme Bürger steht.

    Wir können auch jedes Rind wie ein Kobe Rind halten. Es wird immer Meckerer geben. Wenn die Ställe kleiner werden, besser für die Tiere gesorgt, noch mehr Kosten und noch und nöcher gemacht wird, die Preise sich verdreifachen und nix mehr unter 12 Euro das Kilo kostet dann werden diese Kritiker noch immer nicht zufrieden sein. Sie werden weiter und weiter Kritik üben weil das Kritik üben ihr Geschäft geworden ist. Daran wird sich so leicht nichts ändern.

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