Mobbingopfer – Wie Negative-Campaigning die Landwirtschaft zerstört

Ein Einblick in mein Leben als Mobbingopfer, was die Kampagnenführung vieler NGO‘s mit der seelischen Gesundheit vieler Landwirte macht und was die Landwirtschaft dagegen unternehmen muss.

von Roland Schulze Lefert

Heute Morgen ist mir durch Zufall bei Twitter einen Artikel von Dirk Fisser (NOZ) untergekommen.

Eigentlich wollte ich ihn nicht lesen, wie die ganzen anderen Artikel und Beiträge zu diesem Thema in der letzten Zeit, einfach um mich nicht erneut mit meiner Vergangenheit als Mobbingopfer auseinandersetzen zu müssen. Ich habe es dann aber doch getan und mir ist an dem Punkt wo Herr Rukwied mit den Worten zitiert wird, dass viele Familien das Thema Mobbing mit sich selbst ausmachen endgültig der Kragen geplatzt! Dazu aber später mehr…

Einziges Bauernkind in der Klasse

Beim Lesen waren alle negativen Emotionen, die ich in meiner Schulzeit erfahren habe, sofort wieder da. Ich war in meiner Zeit auf dem Gymnasium das einzige „Bauernkind“ in der Klasse, auch gab es in den anderen Klassen meines Jahrgangs keine anderen Kinder mit landwirtschaftlichem Hintergrund. An sonsten bestand die Klasse zu ca. je der Hälfte aus Großstadtkindern und Kindern aus dörflicher Umgebung. Es gab vom behüteten Bildungsbürgerkind bis hin zum Kind einer alleinerziehenden Mutter aus dem Arbeitermilieu alle denkbaren gesellschaftlichen Hintergründe und doch traf das Mobbing mich und nur mich.

Erste Sprüche in der Grundschule

Schon aus der Grundschule war ich gelegentliche Sprüche wie „du stinkst nach Schweinestall“ gewohnt. Allerdings war mir da schnell aufgefallen, das der Gestank von Abgasen und Rauch in den Klamotten mancher Stadtkinder die zu uns zum Spielen kamen deutlich unangenehmer war und das Thema war somit schnell beerdigt. Zudem war ich definitiv der Coolste als mein Vater mich im Schneechaos als kein Schulbus mehr fuhr mit dem Schlepper zur Schule brachte und zwar bis auf den Schulhof. Ganz zu schweigen von dem gigantischen Abenteuerspielplatz den ein Landwirtschaftsbetrieb bietet und um den mich alle beneideten.

Stoppt Mobbing

Mobbing am Gymnasium

Auf dem Gymnasium war alles anders. Mit der beginnenden Pubertät verändert sich die Interessenlage der Kinder. Der Abenteuerspielplatz ist auf einmal nicht mehr soviel Wert wie das neuste Modell der Spielekonsole, den neusten News aus dem „Bravo-Universum“ oder der nächsten Modewelle. Auch die von mir gerade neu erlernten Fähigkeiten im Großflächendesign bildeten keinen adäquaten Gegenpol zu neuen Ausgrenzungsfrotzeleien wie „Tierquäler“ oder „Güllestinker“ mehr, da sie keinen interessierten. Heute weiß ich, dass an diesem Punkt noch ein „Happy End“ der Geschichte möglich gewesen wäre, aber in meiner damaligen pubertären Verbohrtheit habe ich diesen Punkt verpasst. Anstatt mir Hilfe bei meinen Eltern, Lehrern oder im sonstigen Umfeld zu suchen verlor ich mich in hilflosen Diskussionen. Zum Beispiel mit meinem Erdkundelehrer bezüglich der Aktualität und Qualität seiner Unterrichtsmaterialien zum Thema Landwirtschaft. Oder ich versuchte meiner Biologielehrerin zu beweisen, dass die Wirtschaftsweise meiner Eltern (konventionell) nicht umweltschädlicher sei als die von ihr angepriesene Biolandwirtschaft. Auch eine Chemielehrerin wusste wortreich von den modernen „Agrargiften“ zu berichten und ließ mich mit meinen Gegenargumenten vor eine Wand aus Schweigen laufen. Das alles geschah unter tosendem Beifall der Mobbingtäter und was noch viel schlimmer war ohne Gegenreaktion aus der schweigenden Mehrheit der „Nicht-Täter“.

Auch Lehrer „spielten“ beim Mobbing mit

Obwohl mir schnell klar war, dass ich gegen die Autorität meiner Lehrer nicht argumentieren kann und mit jeder neuen Diskussion nur den Tätern neue Munition für Ressentiments und Ausgrenzung liefere habe ich weiter gemacht. Viele Freunde haben sich deshalb in dieser Zeit von mir abgewendet, weil sie nichts mehr mit einem „Tierquäler“, „Umweltverpester“ und „Giftspritzer“ zu tun haben wollten oder nichts für meine „uncoolen“ Diskussionsthemen übrig hatten. An genau diesem Punkt habe ich entschieden Landwirtschaft zu meinem Beruf zu machen, aber mir ist sehr bewusst, dass es auch ganz anders hätte kommen können und für viele, die in der gleichen Situation waren oder sind, auch ganz anders gekommen ist.

Fundamentale Einschnitte auf den Höfen

Es häufen sich die Berichte und Erzählungen von Kindern die auf einmal in fundamentaler Opposition zum Tun und Handeln ihrer Landwirtseltern stehen. Von Rissen die plötzlich durch den Freundes- und Bekanntenkreis oder gar mitten durch die Landwirtsfamilien gehen. Von Landwirten und Hofnachfolgern deren Beziehungen scheitern oder die erst gar keinen Lebenspartner finden. Von Leuten ohne landwirtschaftlichen Hintergrund, die ob ihrer Berufswahl in der Landwirtschaft ihren Freundes- und Bekanntenkreis neu sortieren müssen. Oder von Landwirten und Hofnachfolgern die plötzlich ohne ersichtlichen wirtschaftlichen Grund aufgeben und den Betrieb auslaufen lassen. Das ist das Hauptthema für die Zukunft der Landwirtschaft und nicht die nächste Preiskriese oder die nächste Entscheidung aus der Politik!

Mobbing macht krank

Mobbing ist heute sehr häufig der erste Kontakt von Kindern mit massivem seelischem Stress. Alle Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche, die Opfer von Mobbing waren, in ihrem späteren Leben eine höhere Anfälligkeit für psychische Erkrankungen aufweisen. Dieses betrifft vor allem Störungen im Beziehungsaufbau und im Selbstempfinden und resultiert dann häufig in Depressionen, krankhafter Einsamkeit und psychsomatischen Krankheiten. Aber gerade für Landwirte sind Beziehungen beruflich ausgesprochen wichtig. Nur mit einer guten Mensch-Tier-Beziehung lässt sich Tierschutz erfolgreich umsetzen und nur mit einer guten Mensch-Umwelt-Beziehung lässt sich Naturschutz erfolgreich gestalten. Nur mit gesunden Beziehungen zu den sie täglich umgebenen Dingen können Landwirte erfolgreich wirtschaften. Wenn diese Beziehungen auf Grund von seelischen Störungen nicht oder nur unzureichend aufgebaut werden können oder durch seelische Hemmungen vernachlässigt werden ist es meistens kein weiter Weg mehr zu fragwürdigen Entscheidungen und falschen Handlungen.

NGOs weisen Verantwortung von sich

Auch wenn heute alle NGO‘s und politischen Parteien die Verantwortung für Mobbing und gesellschaftliche Segregierung weit von sich weisen so sind sie doch durch die Art ihrer Kampagnenführung die Haupttreiber dieser Auswüchse.

Das „Negative-Campaigning“, welches heute von vielen NGO‘s, Parteien und anderen Gruppierungen ganz selbstverständlich in einer politischen oder gesellschaftlichen Debatte eingesetzt und von vielen Medien völlig unkritisch übernommen wird, zerstört grundsätzlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die bei dieser Kampagnenmethode unabdingbare Generalisierung macht Themen einem breiten Querschnitt der Gesellschaft zugänglich ohne sich im Detail mit der Thematik und dem weiteren Themenkreis intensiv auseinander setzen zu müssen. So ist dann schnell von den Langzeitarbeitslosen, den Flüchtlingen, der Finanzlobby oder halt den Landwirten ausschließlich im Zusammenhang mit negativ besetzten Begriffen und Assoziationen zu lesen und zu hören. Dem Einzelnen wird es so leicht gemacht das eigene Handeln positiv von anderen Gruppen abzugrenzen ohne sich selbst zu hinterfragen oder etwa sein eigenes Verhalten zu verändern. Den Kampagnenführern macht es zudem die Debatte einfacher. Individuen, die mit ihrer eigenen Geschichte und Sichtweise aus der Masse der „Angeklagten“ öffentlich hervortreten, können schnell als positive Einzelfälle beiseite geschoben werden und verschwinden so bald wieder unterhalb des medialen und gesellschaftlichen Radars. Weiterhin zwingt man die gegnerische Gruppe automatisch in Rückzugsgefechte und zu Rechtfertigungen, die stets einen Beigeschmack haben.

Grüne und NGOs machten „negative Campaingning“ wieder salonfähig

Ein Witz der Geschichte ist die Tatsache, dass die Techniken des „Negative-Campaigning“ nach der Erfahrung aus der Nazizeit in Deutschland aus der gesellschaftlichen und politischen Debattenkultur ausgeschlossen wurden. Besonders die Medien verwahrten sich vor jeglicher Zusammenarbeit mit Kampagnenführern, welche die verfehmten Techniken anwandten und nahmen ihnen so jede öffentliche Plattform. Erst die NGO‘s und die Partei Die Grünen machten in den 80‘ern das „Negative-Campaigning“ im Themenbereich Natur- und Umweltschutz sowie Landwirtschaft wieder salonfähig. Heute sitzt mit der AFD eine Partei im Bundestag und vielen Landtagen, die es mit den „Negative-Campaigning“ in vielen Themenbereichen auf die Spitze treibt, aber die politisch linken Kräfte der Umweltbewegung sind sich ob der plötzlich wild sprießenden gesellschaftlichen Ausgrenzungstendenzen keiner Schuld bewusst. Und das wo sie selbst oder ihre Vordenker und Vorfahren zu Hitlers Zeiten meistens direkte Betroffene dieser Kampagnentechnik waren. Sie selbst haben an der gesellschaftlichen Gruppe der konventionellen Landwirte bewiesen, wie genau diese Techniken sich in politische Erfolge ummünzen lassen und zeigen jetzt bestürzt auf politische und gesellschaftliche Gruppierungen, die es ihnen in anderen Themen- und Politikfeldern gleich tun.

Auch die Medien haben heute häufig jede Scheu vor Einflüssen des „Negative-Campaigning“ verloren, da sie aus dem Landwirtschafts- und Umweltbereich gelernt haben wie mit diesem Vorgehen Quote und damit gesellschaftliche Relevanz zu generieren ist. Wie gesagt ein Witz der Geschichte!

Das beste familiäre Umfeld kann Wunden des Mobbings nicht heilen

Nun zu dem anfangs besagten Punkt an dem mir heute morgen der Kragen geplatzt ist, dem Zitat von Herr Rukwied, dass Familien im landwirtschaftlichen Umfeld das Thema Mobbing unter sich ausmachen. Das kann und darf auch zukünftig nicht der Fall sein! Das Mobbingopfer wird erst dann zum endgültigen Opfer wenn es sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht in sein privates Umfeld, immer wenn das geschieht haben die Täter gewonnen! Natürlich ist ein intaktes familiäres Umfeld für das Mobbingopfer Balsam auf die geschundene Seele, aber selbst das beste familiäre Umfeld kann die Wunden nicht heilen. Zudem tragen Mobbing und andere verheimlichte psychische Erkrankungen Kräfte in das familiäre und private Beziehungsgeflecht, die mit Leichtigkeit große Sprengkraft aufbauen und freisetzen. Schlussendlich können Risse entstehen die nicht mehr zu flicken sind und die Betroffenen hilflos vor existenziellen Fragen kapitulieren lassen.

Zurück in die Mitte!

Wenn wir nicht wollen, dass Landwirte und ihre Familien an diesen existentiellen Fragen scheitern müssen wir sie zurück in die Mitte der Gesellschaft holen. Dabei geht es nicht darum die Mobbingtäter zu maßregeln oder das Umfeld, das dieses zugelassen hat zu verdammen, sondern vielmehr darum eine Plattform zu schaffen auf der die Opfer und psychisch Erkrankten ihre Sicht der Dinge darstellen können.
Egal ob es gerade wichtiger erscheint sich um die nächste drohende Preiskriese oder die Regelung der GAP nach 2020 zu kümmern, wenn wir wirklich etwas für die erfolgreiche Zukunft der Landwirtschaft unternehmen wollen muss der Punkt Mobbing und seelische Gesundheit ganz oben auf die Tagesordnung. Nur wenn wir Lösungen für diese Probleme finden hat die Diskussion um Tier- und Umweltschutz eine Möglichkeit sich positiv zu entwickeln. Nur durch einen offenen Umgang mit dem Thema Mobbing und psychischen Erkrankungen können wir verhindern, dass weitere Kinder und Erwachsene zu Opfern werden und somit ein weiterer Teil der Zukunft von Landwirtschaft verloren geht.

Positivdebatte

Wir brauchen eine klare Abgrenzung von den Techniken des „Negative-Campaignings“ und müssen unsere politischen und medialen Partner dahingehend sensibilisieren. Das Ziel muss eine Wende hin zu einer Positivdebatte sein in der Landwirte und ihre Familien stolz sein dürfen auf das bereits erreichte und somit angstfrei die nächsten Schritte angehen können. Erreichen kann man das zum jetzigen Zeitpunkt nur noch indem man den Mobbingopfern und Betroffenen von psychischen Erkrankungen eine Stimme verleiht. Gelingt das nicht bleiben nur ein verbohrtes „weiter so“ oder die Aufgabe, beides keine wirklichen Optionen für die Landwirtschaft der Zukunft. Der Anfang ist gemacht mit der Umfrage der Landfrauen, die ersten Medien haben das Thema aufgenommen, also lasst uns das Fass richtig aufmachen und bis zum letzten Tropfen leeren!

Erfahrungen zum Ende der Schulzeit und aktuelle Situation

Um meine eigene Geschichte noch zum Ende zu führen sei noch folgendes gesagt: Die Diskussionen mit meinen Lehrern und einigen Mitschülern als auch ihren Eltern haben mich nie ganz losgelassen. Aber mit 16 war der Partyraum in unserer Scheune der deutlich bessere Ort um ungehemmt zu feiern als irgendein Partykeller in der Wohnsiedlung, wo spätestens am nächsten morgen die gesamte Nachbarschaft inklusive der eigenen Eltern wusste was in der Nacht zuvor alles abgegangen war. Somit war ich zumindest in den Augen der meisten Klassenkameraden wieder „gesellschaftsfähig“.
Zudem kam es dank mir in der obligatorischen Mottowoche vor dem letzten Schultag vor den Abiturprüfungen zum denkwürdigen Bauerntag an dem der Lehrerparkplatz komplett von Schleppern zugeparkt war. Dieser Scherz ist angeblich bis heute noch von keiner weiteren Abiklasse überboten worden und wird bei jedem Klassentreffen wieder groß ausgebreitet. Trotzdem verfolgen mich die seelischen Narben von damals bis heute. Ich fühle mich schnell ausgegrenzt und habe Probleme mich in fremder Gesellschaft wohl zu fühlen. Gleichzeitig arbeite ich mich noch immer an den gleichen zum Teil sinnlosen Diskussionen ab die ich schon damals geführt habe. Und ganz aktuell hat mich meine Psyche so von den Beinen geholt, dass ich nicht arbeiten darf. Aber im Gegensatz zu früher habe ich mir jetzt Hilfe geholt. Zum einen aus meiner Familie und von meiner Frau, auch von professioneller Seite und vielleicht ein wenig durch diesen Artikel hier. Somit bin ich frohen Mutes das ich bald wieder auf der Höhe bin, vielleicht mit ein paar Macken, aber vorne dabei in der Zukunft der Landwirtschaft!

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