Agrarblogger Bernhard Barkmann vor der Tür des Bullenstalles, die mit einem großen Regenbogen verziert ist

Einblicke in „Ethik für die Landwirtschaft“

Seit Tagen wird wieder, aufgrund der Bundesratsentscheidung zum Kastenstand, intensiv über die Haltungsbedingungen von Zuchtsauen diskutiert. Vor gut zwei Wochen hat sich der Deutsche Ethikrat zur Nutztierhaltung in Deutschland geäußert. Wie es der Zufall will, gab es ein paar Wochen vorher hier auf BlogAgrar ein Interview mit Christian Dürnberger zu seinem neuen Buch „Ethik für die Landwirtschaft“. Nachdem nun in den Medien die Aussagen des Ethikrats zur Tierhaltung in Deutschland heiß diskutiert wurden und aufgrund von #Tönnies auf einmal die ganze Tierhaltung in Deutschland infrage gestellt wird, halte ich es nun nochmal für notwendig, nochmal einen Blick in dieses Buch zu werfen. Der Autor ist Doktor der Philosophie, Magister der Kommunikationswissenschaften und arbeitet seit über einem Jahrzehnt an verschiedenen Forschungsinstitutionen zu ethischen Fragen in der Landwirtschaft. Und ich folge ihm seit längerer Zeit auf Twitter, was ich nur weiter empfehlen kann, weil dabei immer mal wieder was zum Nachdenken, aber auch Schmunzeln mit dabei ist!

Das Buch nach Durchlesen mit „Einmerkerl“

„Moral zu predigen ist so leicht, wie es schwer ist, Moral zu begründen.“

Nach Friedrich Nietzsche

Mit diesem Zitat beginnt das Buch und beschreibt gleichzeitig recht gut, um was es Christian Dürnberger geht. Er will, dass der Leser sich Gedanken macht, sein Handeln und seine Vorstellungen zu Moral und Ethik begründen zu können. Das Buch ist in 12 Kapitel aufgeteilt, für jeden Monat in einem philosophischen Bauernjahr eins. Und zu eingangs wird u. a. auf die gendergerechte Sprache in dem Buch eingegangen. Da in der Landwirtschaft Frauen oft unsichtbar bleiben, wechseln sich hier weibliche und männliche Formen ab. Und ich muss sagen, ich bin von dieser Methode begeistert. Ich halte nicht viel von Gendersternchen, und ich stelle fest, dass Jahr für Jahr mehr Frauen in meinem landwirtschaftlichen Umfeld tätig sind, aber ich bin beim Lesen doch immer wieder über die weibliche Form gestolpert und das tat gut, weil es eben nicht so ist, dass man die männliche Form verwendet und eigentlich beides meint. Vielleicht meint man es sogar, aber denken tut man nur die männliche.

Wir sind satt.

Wie aktuell das Buch ist, erfährt man schon in den ersten Seiten, wenn auf die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie eingegangen wird. Im ersten Kapitel geht es darum, was sich in der Landwirtschaft und der Gesellschaft geändert hat. „Wir sind satt“ und darum fordert der Verbraucher nun nicht „nur“ Nahrung, sondern diese soll auch alle möglichen anderen Kriterien erfüllen. Das „nervt“ uns Landwirte und dann kommt oft die Aussage, dass man wieder einen Mangel an Lebensmitteln bräuchte, damit Landwirte wieder wertgeschätzt werden. Aber wie Dürnberger sehe auch ich das als völlig falsche Denkweise. Uns muss klar sein, dass wir mehr als nur Nahrungsmittelerzeuger sind. Wer damit nicht klar kommt, hat vielleicht den falschen Beruf gewählt. Es geht desweiteren auch um die Wertschätzung, nach der wir uns sehnen. Mich persönlich nervt dieser Begriff eher und ich finde es seltsam, dass wir Landwirte Wertschätzung fordern, wo ich doch persönlich andere Berufsgruppen auch nicht explizit „wertschätze“. Ich freu mich, wenn der Handwerker kommt, aber deshalb ist das noch keine Wertschätzung. Dürnberger sieht die guten Umfragewerte von Bauern und dass unsere Erzeugnisse ja in großen Mengen konsumiert werden, als Wertschätzung. Das reicht mir persönlich auch. Der Stundenlohn meines Handwerkers ist dann auch ausreichend Wertschätzung!

Um diese Rezension nicht über viele Seiten auszudehnen: In den weiteren Kapiteln findet man viel Altbekanntes. Die Kluft zwischen Landwirt und Verbraucher. Die Schizophrenie zwischen Umfragen und Kaufverhalten. Über die Werbung mit der Kuh auf der Alm und wie die Realität aussieht. Es wird erklärt, was eigentlich unter Ethik zu verstehen ist (hat mir nicht geschadet). Weitere Kapitel drehen sich um Gentechnik und um den Schutz unserer Umwelt und warum und was wir eigentlich schützen.

Tierethik für Dummies

Das für mich interessanteste Kapitel ist „Eine kurze Einführung in die Tierethik“. Kein Wunder, lebe ich doch vom Verkauf meiner Ferkel, die meine Muttersauen in meinem Stall zur Welt bringen. Und hier fällt ein Satz, den ich mir am Liebsten in meinem Büro aufhängen würde:

„Wer heute mit Tieren Geld verdient, sollte Auskunft darüber geben können, warum er dies so macht, wie er es macht, und warum er es für grundsätzlich moralisch rechtfertigbar hält. Wer das nicht erklären kann, sollte besser mit seiner Arbeit aufhören.“

Eine wichtige Fragestellung, die sich alle, die Tiere halten, stellen sollten. Die in Berufsschulen und Fachschulen diskutiert werden sollte. Nachdem noch erläutert wird, wie sich unser Verhältnis zum Tier über die Jahrhunderte verändert hat, zählt Dürnberger die „Fünf Freiheiten“ von Tieren auf:

  1. Frei von Hunger oder Durst
  2. Frei sein von Unbehagen durch eine geeignete Unterbringung
  3. Frei von Schmerz
  4. Frei von Angst
  5. Die Möglichkeit, normale Verhaltensmuster auszuleben

„Tierwohl lässt sich nicht an Produktivität ablesen.“

Ich war immer schnell mit diesem Argument zur Hand. Bei genauerer Überlegung sollte man von seinen Tieren aber mehr wissen, als ihre Leistungsdaten. Viele weitere interessante Überlegungen sind in diesem Kapitel zu finden – eine möchte ich noch ein wenig ausführen. Denn werden Freiheit 3 und 4 nicht beim Schlachten missachtet? Ich finde nein. Dafür müssen die Tiere frei von Stress zum Schlachthof transportiert und zur Betäubung geführt werden. Und bei ordnungsgemäßer Betäubung spürt das Tier auch keinen Schmerz. Bei einer Versammlung, an der ich im letzten Jahr teilgenommen habe, hat es ein Teilnehmer so erklärt: Er ist beim Skifahren verunfallt und hat sich den Kopf so gestoßen, dass er bewusstlos war. Ihm fehlen jede Erinnerung in dieser Zeit und in den Minuten davor. Wenn er also in seiner Bewusstlosigkeit geschlachtet worden wäre, hätte er davon nichts mitbekommen.

Eine Muttersau mit ihren frisch geborenen Ferkeln.

Was habe ich mir sonst noch so mitgenommen aus der Lektüre?

  • Ethik ist keine Mathematik! Sie ist immer interpretierbar und unterliegt einer Veränderung. Wichtig ist, dass man gut begründen kann.
  • Zum landwirtschaftlichen Berufsbild gehört nicht nur fachliche Exzellenz, sondern auch ethische Reflexionsfähigkeit.
  • Wir sollten in der Öffentlichkeitsarbeit mehr den Mut aufbringen, „Technik“ herzuzeigen. Warum ist die Kuh immer auf der Alm, aber nie im Melkroboter? Was wäre daran verkehrt, dies offensiver anzugehen? Unsere Bayerischen Bauern geht bereits in die Richtung.
  • Aber wenn wir uns präsentieren, müssen wir auch nicht „alles“ herzeigen. Ein Altenheim zeigt ja im Werbevideo auch nicht das Wechseln der Windeln her.
  • Wir kommunizieren immer, ob wir wollen oder nicht. Ein heruntergekommener Hof kommuniziert genauso wie eine aus Hygienegründen eingezäunte Hofstelle. So einen Zaun zu verschönern, wäre dann positive Kommunikation.
  • Es gibt keine Natur, in dem Sinne von Wildnis, sondern es sind von Menschen geschaffene Biofakte. Wie sich diese Natur entwickeln wird, hat nicht den Anspruch, Wildnis wieder herzustellen, sondern spiegelt eher unsere romantische Vorstellung von Natur wider.
  • Bei der derzeitigen Debatte, wo Tierwohl über allen steht, darf man die „Work-Life-Balance“ von uns LandwirtInnen nicht vergessen. Beitragen kann dazu Landwirtschaft 4.0, und diese technischen Neuerungen müssen wir so umsetzen, dass beide Punkte gesichert sind. Und die Tierbeobachtung durch den Tierhalter bleibt unersetzlicher Bestandteil. In der Öffentlichkeit müssen wir aber dringend hin und wieder klar stellen: „Zuerst kommt der Mensch“.

Warum essen wir, was wir essen?

Im Kapitel „Warum essen wir, was wir essen“, wurde mir persönlich wieder einmal klar, wie vielschichtig unsere Entscheidungen in Sachen Essen sind. Es gehört viel Gewohnheit und Tradition dazu, der Geschmack spielt eine sehr große Rolle, aber natürlich auch Preis und immer mehr Gesundheit, Klima und Umwelt. Und natürlich (vielleicht falsch verstandener) Tierschutz, wenn man sich für eine vegane Ernährung entscheidet. Dürnberger hat hier 12 verschiedene Kriterien genannt und man merkt rückblickend, wie sich diese Parameter immer mehr verschieben und sich der Konsum verändert. Gegessen wird immer, nur wie viel und was ist die Frage.

Mein Resümee

Ich als Öffentlichkeitsarbeiter habe in diesem Buch viele interessante Punkte gefunden, die ich in meiner Kommunikation versuchen werde, einzubauen. Dürnberger schreibt mal, dass Kommunikation anstrengend und zeitraubend ist und nicht jeder Zeit hat dafür Aber die, die es machen, haben Schulterklopfen verdient. Ob das ausreicht, um genügend BerufskollegInnen zur Öffentlichkeitsarbeit zu motivieren, stelle ich infrage, aber man soll ja immer positiv denken!


Über das Buch:

„Ethik für die Landwirtschaft“

Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: Independently published (2. Mai 2020)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 979-8637671571

Link zum Buch: https://amzn.to/2KXt2Oz*

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Gerhard Langreiter

Jahrgang 1981, verheiratet, 2 Kinder, seit 2001 Ferkelerzeugung mit 170 Zuchtsauen und Ferkel bis 30 kg. Ca. 30 ha inkl. Pachtfläche und Wiesen in Bewirtschaftung, 7,5 ha Wald.

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