„Briefwechsel“ mit Katapult

„Briefwechsel“ mit Katapult

Brauchen wir mehr Wald in Deutschland?

Ich bin Leser der ersten Stunde von Katapult, eines Magazins für Kartografik und Sozialwissenschaft. Ich kann diese Zeitschrift nur empfehlen. Wer Karten und Statistiken liebt, wird sich hier wohl fühlen und die Redaktion denkt immer nicht das Offensichtliche, sondern um die Ecke und das tut erfrischend gut.

Doch, wie soll ich sagen, Katapult hat einen kleinen Makel: Die Leute dort wollen die Welt retten. Und wie es in Deutschland üblich ist, rettet man die Welt nicht in den USA oder Afrika oder China, sondern in Deutschland. Katapult hat recherchiert, wie andere Zeitungen und Magazine es so handhaben mit dem Bezug ihres wichtigsten Rohstoffes: Papier. Und – man kann es gar nicht glauben – es achtet niemand darauf, wo das Holz für das Papier herkommt. Jetzt wäre meine erste Idee gewesen, als Katapult-Magazin einfach zertifiziertes Papier aus deutschem Fichtenholz zu kaufen und die Sache ist gut. Zu kurz gedacht. Vielleicht habt ihr es noch nicht gewusst, aber der Deutsche pflanzt gerne Bäume. Egal ob Politiker, egal ob zur Geburt eines Kindes, oder weil das Reh die Naturverjüngung zusammen gefressen hat. Deutsch ist man nur, wenn man schon mal einen Baum gepflanzt hat. Dieser deutschen Sitte des Bäumepflanzens will auch die Redaktion von Katapult nachgehen, die zum Ausgleich für ihren Papierverbrauch in Brandenburg einen Wald pflanzen will. Wie gesagt, ich bin großer Fan dieser Zeitschrift, aber hier ist mir der Schmarrn dann doch zu viel geworden. Folgende Email habe ich ihnen nach Bekanntgabe der Aktion geschickt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bin Waldbesitzer im östlichen Oberbayern und bewirtschafte gut 7 Hektar Wald. Ich hangele mich ein wenig an ihrem Artikel auf Seite 46 entlang:

Warum kommt der Wald an seine Grenzen, weil wir zu viel Papier brauchen? Das ist einfach grundlegend falsch und wenn Sie dazu belastendes Zahlenmaterial haben, dann bitte her damit. Fakt ist, dass in Deutschland Holz für Papierfabriken quasi nicht verkäuflich ist. Ich selber mache Hackschnitzel aus dem halbstarken Fichtenholz, dass sonst in die Papierfabrik ginge. Fakt ist, dass wir in Deutschland ein Monopol haben, viele Papierhersteller schließen mussten und so ein Verarbeiter den Preis diktiert und noch dazu Papierholz anscheinend lieber importiert, statt heimisches Holz zu verwenden.

Es werden NIE ganze Fichten zur Papierherstellung verwendet. Die dicken Stämme gehen ins Bauholz, die mittleren Stämme in die Industrieholzabteilung und nur Gipfel oder eben Stämme aus Durchforstungen werden zu Papier, Hackschnitzel und Sägemehl (Spannplatten usw.) verarbeitet.

Durchforstungen sind wichtig. In Deutschland gibt es nur deswegen so viele Probleme mit Sturm und Fichtenborkenkäfer, weil erstens unsere Urgroßväter und Großväter nur Fichte gepflanzt haben, was man ihnen nicht vorwerfen kann. Meine Altbestände aus den Jahren 1860 – 1930 wurden nicht mal gepflanzt, sondern gingen von selber auf. Nur Fichte und Kiefer blieb übrig, der Rest wurde damals von den Rehen aufgefressen und daran hat sich leider nicht viel geändert. Nur, dass mein Vater seit den 70ern Laubholz gepflanzt hat und Tannen und Douglasien und Lärchen usw. und ich das auch mache – alles eingezäunt, wächst bei uns was anderes.

Zurück zum Thema: Zweiter Grund für die oben genannten Probleme ist, dass Holz seit 1990 nie mehr einen Preis erreicht hat, dass es sich rentiert, Wald richtig zu bewirtschaften. Nur schweres Holz erzielt immer mal wieder alle paar Jahre einen guten Preis, Durchforstungen sind ein Draufzahlgeschäft. Weil eben Papierholz nicht bezahlt wird bzw. so viel recycelt wird, dass zu wenig heimisches Schwachholz benötigt wird. Dadurch wird seit Jahrzehnten zu wenig durchforstet, die Stämme wachsen nur in die Länge und nicht in die Breite und fallen beim nächsten Sturm um. Oder, weil sie zu wenig Wurzeln bilden können, sind geschwächt durch die Trockenheit und fallen dem Borkenkäfer zum Opfer.

Sie schreiben, Recyclingpapier wäre besser und nennen Zahlen vom Umweltbundesamt. Aber wenn es teuer wird, zum Beispiel komplett weißes Papier daraus herzustellen, dann heißt doch teuer = hoher Energieaufwand = umwelttechnisch schlechter als Papier aus 100 % Holz? Oder lieg ich da falsch? Dann doch lieber Recyclingpapier nur dort verwenden, wo Qualität keine so große Rolle spielt und dadurch bei der Produktion wenig Energie aufgewendet wird, oder?

Zum Thema Wasserverbrauch: Was für Wasser verwenden deutsche Papierfabriken? Gibt es an den Standorten der Fabriken akuten Wassermangel und wenn nein, was ist dann an einem hohen Wasserverbrauch schlimm? Wird das geklärte Wasser wieder dem Kreislauf zur Verfügung gestellt? Wenn ja, wo ist dann das Problem?

Ich verkaufe gerne mein Heu zur Papierherstellung, aber ganz habe ich den Sinn daran nicht verstanden…

Es stimmt, die Siegel FSC oder PEFC sind schwach. Warum also nicht einfach Papier mit Holz aus Deutschland kaufen? Hier gibt es Forstämter, die auch privaten Waldbesitzern Bußgelder aufbürden, wenn die zum Beispiel Kahlschläge machen oder eine Waldfläche nicht mehr bepflanzen. Bei Holz aus dem Ausland ist das immer schwierig.

Ich finde es gut, wenn sich andere Magazine und Zeitungen dafür engagieren, dass zum Beispiel in Ruanda Wald gepflanzt wird. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Waldfläche seit Jahrzehnten immer mehr anwächst, gibt es Länder auf dieser Erde, die aufgrund von Armut und Brennholzbedarf massiv abholzen. GENAU dort muss aufgeforstet werden und viele heimische Projekte dort machen das auch schon, aber jeder aus Deutschland, der sich hier engagiert ist wichtig. Natürlich sollte abgesichert sein, dass das Geld nicht in irgendwelchen finsteren Kanälen für ganz was anderes verwendet wird. Aber das ist denke ich klar.

Sie schreiben, dass 91, 6 % aus Europa kommen. Wieviel kommt aus Deutschland? Zum Beispiel wird in Osteuropa massiv abgeholzt und nicht mehr angepflanzt, wie bei uns Sie schreiben es ja –in den Karpaten. Wie viel kommt von dort? Und ich kann mir nicht vorstellen, dass brasilianisches Tropenholz im Papier landet, oder?

Und nun die Frage: WARUM geben Sie Geld dafür aus, im Greifswald Bäume zu pflanzen? Ehrlich gesagt ist das totaler Blödsinn, wenn ich das so sagen darf!

Ich pflanze meine Jungpflanzen aus der Baumschule in einen Abstand von 1,5 x 1,5 m. Nach 15-25 Jahren wird ungefähr die Hälfte davon wieder entnommen, weil sie entweder selber abgestorben ist oder nicht schön gewachsen ist oder andere Bäume in ihrer Entwicklung bedrängt. Wollen Sie das auch so machen? Dann müssen Sie doppelt so viele Bäume pflanzen, um dasselbe zu erreichen

Haben Sie mit den Naturschutzbehörden vor Ort gesprochen? Pro Jahr wächst die Waldfläche in Deutschland um ca. 150 km2. Nicht gerade wenig, oder? Warum ist das so? Weil früher Futter für die Tiere knapp war und jeder Grashalm mit der Sense abgemäht wurde. Heutzutage dagegen geben immer mehr Höfe ihre Tierhaltung auf, die Zahl der Rinder hat sich quasi halbiert und die Flächen, wo früher beweidet wurden, oder mit der Sense gemäht wurden, verbuschen und verwalden. Dadurch verlieren wir Jahr für Jahr wichtige Flächen für Insekten und Vögel an den Wald, wo es wieder andere Insekten und Vögel gibt, aber nicht mehr die, die man in einer Feuchtwiese oder Trockenwiese hatte. Ich hab selber 20000 m2 Wiesen, die nicht mit dem Traktor zu befahren sind und die mein Nachbar mit seinen Kühen abweidet. Wenn der das nicht mehr macht, hatte ich auch die Überlegung, Wald zu pflanzen. Aber beim Gespräch mit den Naturschutzbehörden kam heraus, dass sie davon gar nichts halten, sondern mir über das Vertragsnaturschutzprogramm Geld geben würden, wenn ich die Flächen mähe und das Gras abfahre, um mehr Biodiversität zu erhalten.

Ja, ich kenne mich mit Aufforstungen auf, und darum habe ich mich auch gemeldet, und mein fachlicher Rat: Lassen Sie es sein!

Mit freundlichen Grüßen, Gerhard Langreiter

Erhalten habe ich folgende Antwort:

Lieber Herr Langreiter,
vielen Dank für die Ausfürungen. Wir besprechen das sicher hier mal in der Firma, wenn alles soweit ist. Ihren Rat, es sein zu lassen, nehmen wir natürlich nicht an.
Herzliche Grüße, Benjamin Fredrich

Was ist eure Meinung zu diesem Thema? Seht ihr es anders? Schreibt es in die Kommentare!

Gerhard Langreiter

Jahrgang 1981, verheiratet, 2 Kinder, seit 2001 Ferkelerzeugung mit 170 Zuchtsauen und Ferkel bis 30 kg. Ca. 30 ha inkl. Pachtfläche und Wiesen in Bewirtschaftung, 7,5 ha Wald.

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