Anton Hofreiter oder: Wenn grüne Unschärfen beim Thema Intensivtierhaltung Tradition haben

Geht es um die Intensivtierhaltung oder allgemein die konventionelle Landwirtschaft, sind die Grünen schnell mit Vorwürfen zur Hand – selten sachlich, selten fachlich kompetent, viel zu oft faktenbefreit. Geschossen wird in Berlin genauso wie in Hannover, Düsseldorf und im Rest der Republik – aber inhaltlich selten richtig scharf.

Traditionen wollen gewahrt sein, hat Anton Hofreiter wohl gedacht – und in seinem Facebook-Account heute die üblichen grünen Unschärfen zum Thema serviert.

Klimawandel

Als da wäre der Klimawandel. Ich bin wahrlich keine Klimaexpertin. Anton Hofreiter allerdings auch nicht. Was den Vorsitzenden der grünen Bundestagsfraktion nicht daran hindert, zu klagen:

„Fast ein Drittel der weltweiten Treibhausgase stammen aus der Landwirtschaft. Besonders klimaschädlich ist die industrielle Massentierhaltung.“

Ich habe ihn (bzw. Team/Toni) bei Facebook einige Male nach Belegen für die Behauptung gefragt. Keine Antwort. Was mich selbstverständlich nicht gewundert hat. Bis auf wenige lobenswerte Ausnahmen erhält man nämlich keine grünen Antworten.

Was den Klimawandel betrifft, so ist dieses Thema eine ungemein komplexe Materie. Persönlich ziehe ich es daher vor, mich ihr nur auf Zehenspitzen zu nähern, indem ich den IPCC zitiere. In die Berichte des Weltklimarates der Vereinten Nationen fließt die Expertise fast aller namhafter Klimawissenschaftler des Globus ein.

Im Fünften Sachstandsbericht, Teilbericht 3 (Minderung des Klimawandels) von 2014 heißt es:

„Die größten Quellen der weltweiten Treibhausgas-Emissionen (THG) sind der Energiesektor (global 35% im Jahr 2010), vor allem in den einkommensstarken Ländern, sowie die Bereiche Land- und Forstwirtschaft und andere Landnutzungen (24%), vor allem in einkommensschwachen Ländern. Weitere wichtige Beiträge kommen aus den Sektoren Industrie, Transport und Gebäude (jeweils 21%, 14% und 6% im Jahr 2010).“

Die Zahl 24 % bezieht sich auf Land- UND Forstwirtschaft UND andere Landnutzungen. Es wird keine Aussage konkret zur Intensivtierhaltung getroffen. Ferner werden die größten Quellen der Treibhausgas-Emissionen in der Landwirtschaft vor allem in einkommensschwachen Ländern verortet.

Parallel dazu sagt das Umweltbundesamt für Deutschland (UBA) dieses Jahr:

„(…) Das sind 7,4 % der gesamten Treibhausgas-Emissionen dieses Jahres. Die Emissionen aus der Landwirtschaft sind damit nach den energiebedingten Emissionen aus der stationären und mobilen Verbrennung (84,5 %) und vor den prozessbedingten Emissionen der Industrie (6,8 %) der zweitgrößte Verursachern von Treibhausgasen in Deutschland.“

Das Wort Tierhaltung fällt nicht. Wobei sich die Drama-Queen UBA trotz magerer 7,4 % das „zweitgrößte“ nicht verkneifen kann. Schließlich hält die Dessauer Behörde die konventionelle Landwirtschaft für einen ganz schlimmen Finger. Auch dies ist ein weites Feld – allerdings ein anderes.

Also: Wo kommen die 30 % her, Herr Hofreiter? Und wie belegen Sie Ihre Aussage, besonders klimaschädlich sei die Massentierhaltung? Können Sie das quantifizieren?

Übrigens: Sollte man nicht zur Abwechslung mal in Punkto CO2-Bilanz über eine Sonderstellung der Landwirtschaft (inklusive der Intensivtierhaltung) nachdenken? Immerhin sorgt die Branche für ein zentrales Grundbedürfnis: Die Versorgung der Menschen mit LEBENSmitteln.

Es bleibt unscharf!

„(…)  die Nachfrage nach regionalen und ökologischen Lebensmittel steigt.“

Bio ist seit Jahren Nische, Entwicklungen finden auf Nischenniveau statt.

„(…) Viele (Tiere) werden mit Antibiotika vollgepumpt“

Wenn man schon den Begriff vollpumpen verwenden möchte für eine medizinisch indizierte Behandlung, dann wohl eher in Bezug auf die Menschen. Es ist weithin bekannt, dass die Humanmedizin das mit Abstand größere Antibiotikaproblem hat. Übrigens auch bei den Reserveantibiotika. Gleichzeitig verabreichen Landwirte in der  Intensivtierhaltung immer weniger. Dass die Verbräuche sinken, wissen die Grünen sehr wohl. Aber man lässt sich seine Kampagnen-Wurst nun mal nicht gerne vom Brot nehmen.

„Hochleistungskühe werden verheizt.“

Die Lebenserwartung einer Kuh liegt heute noch ziemlich genau da, wo sie vor 20 Jahren lag. Frag doch endlich mal den Landwirt!

„Schweinen wird der Schwanz amputiert, Hühnern der Schnabel gekürzt“

Ist das Kupieren von Schweineschwänzen wirklich Tierquälerei? Wie das Prozedere in Natura ausschaut, zeigt das hier verlinkte Video – reinklicken lohnt sich. Ferner: Was ist höher einzuschätzen: Das Wohlbefinden von Tieren, das man langfristig gewährleistet, indem man die Schwänze kürzt? Schwanzbeißen ist eine sehr schmerzhafte Angelegenheit. Oder ist es wichtiger, die Tiere den Schmerz des Kupierens zu ersparen, selbst wenn er nur kurzfristig empfunden wird? Selbige Fragen sollte man sich mit Fug und Recht mit Blick auf die Geflügelhaltung stellen. Wie das Schnabelstutzen vonstatten geht, erläutert anschaulich eine Landwirtin am Beispiel der heimischen Putenhaltung.

Die Frage nach dem kleineren Übel stellt sich dem Grünen-Politiker nicht. Dass die Ursachen für Schwanzbeißen übrigens multifaktoriell sind genauso wie die für das schmerzhafte Federpicken bei den Legehennen – egal. Differenzierende Perspektiven, auch zum Wohl der Tiere, sind tabu, Pauschalattacken der Trend.

„Die industrielle Massentierhaltung  treibt Bäuerinnen und Bauern in den Ruin“

Landwirtinnen und Landwirte schließen aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Betriebe. Der wichtigste ist, dass ihnen ihre Hofnachfolger ausgehen. Ein anderer – grüne Politik. Das Verbot der Käfighaltung von Legehennen seinerzeit bzw. die Umstellung auf die Gruppenhaltung von Sauen hat viele Landwirte bewogen, die Betriebszweige aufzugeben bzw. bei der Gelegenheit ganz ihre Betriebe zu schließen, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. So eine Umrüstung will bezahlt werden.

Und es geht weiter: Filterpflicht, Düngeverordnung, hier eine neue Vorschrift, dort eine weitere Vorschrift. Das Weichen schreitet voran – mit freundlicher Unterstützung von Bündnis 90/Die Grünen, die (noch) in sieben Bundesländern die Landwirtschaftminister stellen.

Die Absichten der Partei mögen löblich sein. Sie bringen bloß nichts, wenn an der betrieblichen Realität der Unternehmen vorbei reguliert wird. Entstehende Mehrkosten bzw. den Extra-Arbeitsaufwand können viele Betriebe nicht stemmen. Die bäuerlichen Familienbetriebe, die den Grünen so sehr am Herzen liegen, verabschieden sich still und leise. You can’t have the cake and eat it.

Dauerdresche? Nein Danke. Ich gehe.

Neuerdings hört man übrigens immer häufiger von Hofnachfolgern, dass ihnen das Bauernbashing das Interesse am Job raubt. Oder dass Landwirte ihren Kindern abraten, den bäuerlichen Familienbetrieb zu übernehmen. Die öffentliche Dauerdresche geht nicht spurlos an der Branche vorbei. Den Ausschlag gibt sie vielleicht nicht bei der Überlegung, ob man sich den Psychostress bei einem 7/24-Job antun soll. Aber sie hat das Potenzial zu einem Zünglein an der Waage.

Übrigens: Geht es um das Bauern-Bashing, sind Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen ganz weit vorne dabei sind.

Facebook-Eintrag Anton Hofreiter, 23. Mai 2017

Anton Hofreiter zur Massentierhaltung bei Facebook
Anton Hofreiter schießt scharf. Und auch wieder nicht.

11 Gedanken zu „Anton Hofreiter oder: Wenn grüne Unschärfen beim Thema Intensivtierhaltung Tradition haben

  1. Christina. N.N, wo unterscheidet sich denn Ihr Sprachstil von dem des T. Hofreiters ? Sie bedienen mindestens genauso Ihr Klientel,nur mit dem Unterschied ,daß Hofreiter ein großes nachhaltiges Potential an Bauernhöfen erhalten wiill ,während andere die meisten Höfe schon wegen vermeindlicher Wettberwerbsschwächen abgeschrieben haben .

    1. „… daß Hofreiter ein großes nachhaltiges Potential an Bauernhöfen erhalten wiill ,während andere die meisten Höfe schon wegen vermeindlicher Wettberwerbsschwächen abgeschrieben haben .“

      Mit guten Absichten wird der Weg zur Hölle gepflastert.

      Mit solchen Posts, wie beschrieben, erreicht er genau das, was Christina oben beschrieben hat.

      Es ändert auch nichts daran, dass seine Äußerungen absolut fachlich unqualifiziert sind. Darin liegt auch der Unterschied im Sprachstil zum obigen Blog.

      1. Warten Sie auch schon auf die Produktionskontigente der abgedrängten Bauern, damit Sie weiter wachsen können?
        Der Duktus ist exakt der gleiche .Sie gehören nur zu anderen Gruppe und der Inhalt sagt Ihnen mehr zu.

    2. You can’t have the cake and eat it. Oder: Die Grünen machen kaputt, was sie erhalten wollen. Ein Beispiel sind die Vorschriften, die ständig mehr werden. Die wollen umgesetzt werden. Im betrieblichen Alltag fällt es Landwirten allerdings schwer, den damit einhergehenden bürokratischen Aufwand zu bewältigen. Nicht jeder kann sich personelle Unterstützung leisten.

      Auch kann sich nicht jeder den Einbau und Betrieb einer Filteranlage leisten. Viele werden übrigens weniger aus umweltschutzrelevanten Gründen Pflicht, sondern die politische Absicht grüner Umweltminister dahinter ist, Tierbestände herunterzufahren. Weg mit der Massentierhaltung.

      Das Konzept geht auf. Bloß weichen die, die es nicht sollen. Wie seinerzeit bei der Abschaffung der Käfighaltung. Das ist die Realität.

      1. Vorschriften sind nicht an Parteien gebunden,sondern eine Folge von mangelnder Selbstregulierungsfähigkeit der Betroffenen.
        Der Filtererlaß gilt ab 2000 Plätze, ca. 6000 Schweine pro Jahr. Um wieviel Euro muß den nun ein Tier teurer werden ,damit ein Bauer davon leben kann?
        Damit Tiere wieder einen Wert bekommen ,daran arbeiten Sie offensichtlich nicht.
        Produktionsverknappungen sind kein Bauernhofkiller, das glaubt Ihnen kein Verbraucher .
        Die Bürokratie als Produktionshemmis bei bodenständigen Betrieben
        anzuführen, dient eher der Legendenbildung,um von dem gewünschten Verdrängungskampf abzulenken .
        In der Hühnerhaltung haben wir eine Renaissance von kleineren Einheiten ( Mobilställe und Bio ). Das schafft auskömmliche bis fantastische Gewinne für viele Bauern.

        1. Sehr richtig, die Hühnerhaltung ist wesentlich vielfältiger und kleiner strukturiert als früher, mit einem sehr hohen Bioanteil. Wenn jetzt noch, wie gerade von der CDU-Agarpolitikerin Gitta Connemann gefordert, die Kennzeichnungspflicht der Haltungssysteme für verarbeitete Eier kommt, wird die Wertschöpfung für innovative Landwirte noch größer. Hier zeigt sich auch, dass der vielgescholtene Kunde doch so einkauft, wie er es in Befragungen immer angibt, wenn er die klare Unterscheidungsmöglichkeit zwischen verschiedenen Produktionssystemen hat. Aber genau das möchten die interessierten Verarbeiter von Massenware natürlich verhindern, deshalb gibt es ja auch bei der Initiative Tierwohl keine Differenzierung nach Haltungsarten an der Ladentheke.

  2. Das Verbot der Käfighaltung ist doch ein Erfolg. Auf das letzte Flüssigei aus ausl. Käfighaltung in Fertigproduktion verzichten viele Hersteller inzwischen freiwillig aus Imagegründen.

    Grds. ist die mögliche Verlagerung der Produktion ins Ausland ein Aspekt, der zu berücksichtigen ist, wenn es um Anhebung von Standards geht. Es wird dabei aber so getan, als gebe es die dynamischen europ. Marktordnungsmechanismen für Agrargüter nicht (Abschöpfung der Preisdifferenz von Drittlandprodukten zu Binnenmarktprodukten). Das ist der große Unterschied zu anderen Produkten. Meine Erfahrung: Viele Landwirte wissen es selbst nicht. Die Bauernverbände ignorieren es in ihren Stellungnahmen geflissentlich.

      1. Der Zoll schöpft ab durch spezielle Agrar-Einfuhrzölle, deren Höhe in Abhängigkeit vom Einfuhrpreis der Marktordnungsware ermittelt werden. Preisschwankungen, die bei Anwendung starrer Zollsätze auftreten würden, werden so vermieden, damit die Preise im Binnenmarkt gebildet werden, unbeeinflusst von außen.

        Die Warenströme an der Grenze werden in Deutschland mit dem sog. ATLAS-Verfahren (Automatisiertes Tarif- und Lokales Zollabwicklungssystem) beobachtet. Darüber hinaus gibt es Mengenbeschränkungen und Lizenzpflicht für Drittlandware.

        Siehe:
        http://www.zoll.de/DE/Fachthemen/Marktordnungen/Einfuhr-Ausfuhr-von-Marktordnungswaren/Grundsatz/grundsatz_node.html

  3. Wenn es um die Konkurrenz zu den Ländern außerhalb der EU geht, dann wird es natürlich etwas komplizierter. Der Anwalt der Tiere verschweigt aber offensichtlich, dass es zu einer Verlagerung innerhalb der EU kommt. Wir reden also nicht über Drittländer, es geht hier um den EU-Binnenmarkt!

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