Ferkelkastration und die Probleme der kleinen Ferkelerzeuger

Wettbewerbsnachteile für deutsche Ferkelerzeuger

Vor einigen Tagen war ich auf Twitter in eine Diskussion eingebunden. Es ging darum, warum es für uns Ferkelerzeuger ein Problem ist, wenn dänische Kollegen einen Standortvorteil haben, wie in diesem Fall die Möglichkeit der lokalen Betäubung bei der Ferkelkastration.
Ich musste hier die Feststellung machen, dass es anscheinend in der Poltik, in der Landwirtschaft und in der Tierärzteschaft nicht überall bekannt ist, wie in Bayern unsere kleinstrukturierte Landwirtschaft bisher funktioniert hat.

Die Sicht eines bayrischen Sauenhalters

Selbstablichtung von Gerhard Langreiter im Schweinestall
Selfie im Schweinestall von Gerhard Langreiter

Schon mal vorab:
Das ist meine oberbayerische Sicht der Dinge, aus Sicht eines Sauenhalters, der nicht den allumfassenden Einblick in die Vermarktung hat. Ergänzungen sind erwünscht!

Historische Einordnung

In den 70er und 80er Jahren hat sich so langsam jeder Betrieb auf eine Tierart spezialisiert, oft auch erst in den 90ern oder wie bei mir erst in den 0er Jahren.

Früher oft im Nebenerwerb

Viele Betriebe waren zu klein, um im Vollerwerb zu wirtschaften, darum war es noch bis vor ca. 20 Jahren üblich, dass man in Zuchtsauenbestände mit ca. die 50 Sauen investiert hat. Oftmals hat die Routinearbeiten die Bäuerin erledigt, arbeitswirtschaftlich war und ist es sicherlich praktischer als Milchviehhaltung im Nebenwerb.

Es gab auch noch die arbeitsteilige Ferkelerzeugung, die in der Hochphase aufgeteilt war in einen Deckbetrieb, einen Wartebetrieb, mehrere Abferkelbetriebe und einen Ferkelaufzuchtbetrieb. Auch hier war der Hintergedanke, für Nebenerwerbsbetriebe einen Betriebszweig möglichst arbeitswirtschaftlich zu gestalten.

Strukturwandel

Die arbeitsteilige Ferkelerzeugung ist mittlerweile seit mehreren Jahren Geschichte und auch die Zuchtsauenhalter unter 100 Sauen werden von Jahr zu Jahr weniger, was ich sehr schade finde. War es doch Jahrzehnte für flächenarme Betriebe der ideale Betriebszweig.

Wie konnte es dazu kommen?

Natürlich ist es so, dass man, je größer man ist, Kosten spart. Ich bin aber davon überzeugt, dass diese Kosten überschaubar sind. Sobald Fremdarbeitskräfte nötig sind, relativiert sich der Kostenvorteil, Futter kann auch über Einkaufsgemeinschaften ähnlich günstig eingekauft werden. Und Betriebe mit anderen Betriebszweigen oder einer außerlandwirtschaftlichen Arbeit haben nicht das Problem des Schweinezyklus.

Natürlich benötigt man mehr Zeit je Zuchtsau, hat zum Beispiel vielleicht nicht immer die Möglichkeit eines optimalen Wurfausgleichs. Aber sonst?

„Sonst“ kommt jetzt:

Mengenzuschläge benachteiligen die kleinen Ferkelerzeuger

Mengenzuschläge gibt es gefühlt schon immer. Das heißt, je mehr Ferkel man auf einmal verkaufen kann, desto mehr kriegt man für sein Ferkel. Früher gab es in unserer Erzeugergemeinschaft einen Grundpreis bei 40 Ferkel, mittlerweile liegen wir bei 100 Ferkel und sind da deutschlandweit gesehen immer noch sehr weit unten. Aber trotzdem ist es so, dass Welten zwischen einen Ferkelerzeuger liegen, der 50 Ferkel verkauft und einem, der 250 Ferkel verkauft. Dieses Geld fehlt dem Kleinen und ruiniert die Bilanz. Mit 5-Wochen-Rhythmus wurde dann versucht, dass auch kleinere Zuchtsauenhalter größere Partien zusammenbringen, aber die Erfolge, wie man an den Betriebsaufgaben sieht, waren eher mäßig.

Mäster wollen einheitliche Gruppen

Der Grund, warum es diese Mengenzu- und abschläge gibt, ist eigentlich schnell erklärt (obwohl es mir auf Twitter niemand glauben wollte): Ein Mäster, der von 20 verschiedenen Ferkelerzeugern seine 30-kg-Ferkel erhält, hat durch die verschiedenen Herkünfte und die verschiedenen Keime ein massives Krankheitsproblem. Die Ferkel sind beim Zuchtsauenhalter noch „pumperlgsund“ und kaum kommen sie mit Ferkel aus anderen Beständen zusammen, husten sie, kriegen Durchfall usw.

Die verschiedenen Schutzimpfungen haben hierbei zwar geholfen. Trotzdem wollen Mäster aus diesen Gründen lieber nur von 1 Betrieb ihre Ferkel, nicht von 20.

Antibiotikadatenbank verschärft Problem

Das Problem wurde durch die Antibiotikadatenbank noch verschärft. Nun haben auch die letzten Mäster, die – zum Teil aufgrund der günstigeren Einkaufspreise – kleine Ferkelpartien gekauft haben, auf diese verzichtet, weil sie dadurch immer einen hohen Antibiotikaverbrauch hatten und dann ins 3. Quartil gefallen sind. Das hatte und hat zur Folge, dass das Veterinäramt auf den Betrieb vorbeischaut und man einen Maßnahmenplan ausfüllen muss, was man verbessern kann. Und da hat man schnell eine Verbesserung gefunden: Keine kleinen Ferkelpartien mehr kaufen.

Vermarktung in Tiefpreisphasen besonders schwierig

Wenn dann in Tiefpreisphasen diese Ferkel oft wochenlang nicht geholt werden oder dann sogar als Spanferkel enden, fällt die Entscheidung zur Aufgabe der Sauenhaltung oft nicht schwer.

Betäubungslose Ferkelkastration erschwert die Situation der kleinen Ferkelerzeuger zusätzlich

Als wären das nicht schon Gründe genug, kommt jetzt noch das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration hinzu. Auch hier ist der Kleine wieder der Depp und kann zusehen, wie man das noch kostendeckend hinbekommen soll.
Die Tierarztkosten wären in diesem Fall pro Ferkel um einiges höher, weil nicht die Menge zu behandeln ist. Ein Inhalationsnarkosegerät kostet jedem das gleiche, egal ob groß oder klein, egal ob 500 Ferkel damit kastriert werden oder 5000.
Und Eberferkel, also 25 weibliche Ferkel und 25 unkastrierte männliche Ferkel sind denke ich nicht wirklich vermarktbar. Das gilt erst Recht, wenn der Mastbetrieb einen dänischen Hochglanzflyer in den Händen hält, wo er jede gewünschte Menge an Ferkel, mit geringsten Gewichtsabweichungen, top Gesundheitsstatus und dann auch noch günstiger als die heimischen Ferkel, geliefert bekommt.

Umbauten im Stall müssen zusätzlich finanziert werden

Wenn man dann noch die Investitionen in Deckställe und Abferkelställe (Abschaffung Kastenstand) und Ferkelaufzuchtstall (lange Schwänze) ins Visier nimmt, gibt es sicherlich andere Möglichkeiten, sein Geld zum Fenster hinauszuwerfen.

Bayrische Ferkelerzeugung vor dem endgültigen Ende?

So endet die „kleinbäuerliche“ Ferkelerzeugung in Bayern. Auch Betriebe mit über 100 Sauen schließen ihre Tore – aus Gründen, die oben schon aufgeführt sind, weil kein Hofnachfolger vorhanden ist, oder weil für die nächste Generation die Leidenschaft in einem anderen Betriebszweig liegt.

Gerhard Langreiter steht bei seinen Ferkeln im Ferkelstall
Gerhard Langreiter bei seinen Ferkeln
Die Säle sind leer

Aber ist das nicht schade? Natürlich, die Zeiten ändern sich, aber ich stelle mir die Frage, wie in nur wenigen Jahren sich der Wind so stark drehen konnte. Als junger Erwachsener hab ich meinen Vater immer auf den Ferkelerzeugerversammlungen begleitet und da waren die Säle noch voll. Heute sind oft mehr Berater, Personal und Firmen anwesend, als Schweinehalter.

Ferkelerzeugung im bäuerlichen Familienbetrieb nicht mehr erwünscht?

Ist dieser Strukturwandel (der nur so nebenbei in eine massive Unterversorgung mit heimischen Ferkeln sorgt) von Politik, Verbänden und Verbrauchern so gewünscht? Wenn ja, dann bitteschön will ich aber auch nichts mehr davon hören, dass man den bäuerlichen Familienbetrieb erhalten will.

In der Ferkelerzeugung hat man dafür schon zu viele Weichen falsch gestellt und für die Zukunft ist hier keine Besserung in Sicht.

Ein Gedanke zu „Ferkelkastration und die Probleme der kleinen Ferkelerzeuger

  1. Strukturwandel von Politik, Verbänden ind Verbrauchern gewünscht?
    Von Verbänden wohl kaum
    Von der Politik wissentlich in kauf genommen durch immer mehr Einschränkungen, Auflagen, deren Sinnhaftigkeit selten nachvollziehbar ist
    Vom Verbraucher = Wähler ausgelöst und forciert weil Bauernbashing stillschweigend hingenommen wird
    Armes Deutschland…

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