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Der Künast-Ökozid

von Sönke Hauschild, Bauernverband Schleswig-Holstein

Im Oktober 2016 ging es in Den Haag um Großes: Da stand die künftige Bayer-Tochter Monsanto vor einem „Tribunal“. Nein, nicht vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Sondern auf dessen Vorplatz. Es war ein Schauprozess der maximale Medienabdeckung garantierte. Gestern noch berichtete „arte“ darüber (Link). Angst bildet offenbar…

"Wenn Fakten eine politische Agenda durchkreuzen, werden die Fakten in Frage gestellt, nicht die Agenda" Zitat von Bernhard Url, EFSA-Direktor zur Glyphosat-Diskussion

Ökozid- eine neue Wortschöpfung

Ziel war es, den „Ökozid“ – in geschickter Anlehnung an den „Genozid“, Völkermord – als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuprangern. Ökozid hört sich giftig an und meint die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Botschafterin des Tribunals war übrigens die Grüne und Juristin Renate Künast. Künast verhandelt für die Grünen derzeit das Agrarkapitel in der Berliner Jamaika-Sondierung.

Interessant wird es, wenn es um das Ziel des Schauspiels geht: Das Tribunal sollte

„bezüglich der Gefahren der industriellen und chemischen Landwirtschaft und der Notwendigkeit, das landwirtschaftliche Paradigma zu ändern“

sensibilisieren. Monsanto ist also nur der Platzhalter für ein System, das man angreift – und das uns zugleich ernährt.

Landwirtschaft ist leistungsfähig und effizient

Innerhalb von 20 Jahren hat die weltweite Landwirtschaft es geschafft, zwei Milliarden Menschen mehr satt zu machen. In deutschen Lebensmitteln nähern sich Rückstandswerte von Pflanzenschutzmitteln oder Antibiotika dem Promillebereich. Unsere Landwirtschaft hat ihre Emissionen innerhalb von 25 Jahren um 15 % verringert, im selben Zeitraum aber die Produktivität bei Getreide um 28 % und bei Milch um 16 % gesteigert.

Das alles reicht nicht.
Im Gegenteil: All dies dient vielmehr als Beweismittel des Ökozids. Denn ohne „Pestizide“ wäre das nicht möglich gewesen. Es erschreckt, wenn eine Juristin mit Bundestagsmandat sich für Schauprozesse engagiert. Denn es erinnert fatal an Staaten, denen demokratische Regeln zur Durchsetzung fehlen.

staatliche Institutionen werden diskreditiert

Schlimm ist es, wie man mit dem Präsidenten des von Künast gegründeten Bundesinstitutes für Risikobewertung umspringt. Prof. Dr. Andreas Hensel wird vorgeworfen, er habe ungeprüft Studien von Monsanto übernommen. Doch bleibt er klar auf wissenschaftlicher Linie:

„Die Bewertung sämtlicher Bewertungsbehörden europa- und weltweit ist glasklar: Glyphosat ist nach dem derzeitigen Stand des Wissens nicht als krebserregend einzustufen.“

Auch das JKI, UBA oder das BVL haben Zuarbeiten für den Bericht geliefert.

„Wenn inhaltlich nichts mehr geht und einem die Argumente ausgehen, zerstört man die Reputation der Behörden und Experten,“

bedauert Hensel den versuchten „BfR-zid“.

zweierlei Maß

Dabei ignoriert man den echten Ökozid, die weltweite Ernährungskrise. Offenbar ist es egal, ob nun ein paar hundert Millionen mehr oder weniger hungern. Schuld sind ja doch die anderen. Doch wie schwierig stabile Felderträge ohne Pflanzenschutz sind, zeigt auch der Ökolandbau. Verteidigt die Politik deshalb Kaliumphosphonat als Mittel gegen Pilzerkrankungen im Ökolandbau? Der Irrsinn: Auch Glyphosat ist ein (Glycin-)Phosphonat. Der Unterschied: Politisch.

ohne nachhaltige Intensivierung lässt sich Hunger nicht bekämpfen

Früher diente die klassische Landwirtschaft der Ernährungssicherung. Heute dient sie als Fanal des Weltunterganges. Doch wohin führt uns dieser Weg? In den 1970er Jahren machte die Grüne Revolution mittels Düngung, Pflanzenschutz und neuen Hochertragssorten aus Import- Exportländer für Lebensmittel. Doch die Dividende dieser Revolution ist längst „aufgegessen“. Ohne einen Nachschlag, eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft, droht ein echtes Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Der Genozid, durch Hunger, Frau Künast.

Forschung unterstützt deutsch-afrikanische Partnerschaft im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung.

Afrikanische Erfolgsbeispiele vom Kampf gegen Hunger zeigt neuester Bericht des Malabo-Montpellier Expertenpanels.

Abidjan, Côte d’Ivoire,  – 8. September 2017 (PM): Die Kooperation zwischen Deutschland und Afrika in den Bereichen Ernährungssicherung und landwirtschaftliche Entwicklung soll weiter gestärkt werden. Dies wurde am Rande des African Green Revolution Forums 2017 (AGRF-2017) in Abidjan beschlossen. An dem Forum nahmen über 1500 Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft teil.

(c) Malabo Montpellier Panel

Auch die Ausweitung der Partnerschaften im Rahmen der deutschen „EINEWELT ohne Hunger“ Initiative mit mehreren afrikanischen Staaten und Indien, die Deutschland bereits mit 1,5 Milliarden Euro unterstützt, konnte während des AGRF-2017 vorangetrieben werden, einschließlich des Ausbaus trilateraler Dialoge zwischen Indien, Afrika und Deutschland. Forschung unterstützt deutsch-afrikanische Partnerschaft im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung. weiterlesen

Ernährungssicherheit: zurück in die Zukunft?

Vor ziemlich genau 100 Jahren dominierten Schlagzeilen die Lokalpresse im Raum Lingen (Emsland), die heute kaum vorstellbar sind und hoffentlich nie wieder aktuell werden. Aber vielleicht müssen wir gelegentlich zurückblicken, um etwas klarer nach vorne zu schauen und die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen. Die aktuellen Berichte über die Empfehlung von Hamsterkäufen und Bauernhof-Beschlagnahmungen für künftige Krisenszenarien bekommen so einen historischen Hintergrund:

Ich zitiere hier einige Meldungen des Monats August 1916 der Lingener Lokalzeitungen:

(c) Stadtarchiv Lingen
(c) Stadtarchiv Lingen

5. August: „Die Brennessel ist der bedeutendste inländische Ersatz für die uns fehlende Baumwolle. (…) Ich bitte deswegen, die Grundbesitzer des Kreises, sämtliche auf ihren Grundstücken vorkommenden und zu Spinnzwecken geeigneten Brennesseln zu sammeln (…). Für (…) getrocknete Brennesselstengel zahle ich (…) 6 ½ Pfennig pro Pfund. (…) Godfried Kercckhoff.“ (LV)

9. Aug: „Der Stadtgemeinde Lingen wird die Regelung des Verbrauchs für den Stadtbezirk übertragen. (…) Die Entnahme von Brot und Mehl in der Stadt Lingen ist nur den Einwohnern der Landgemeinden Altenlingen, Brögbern, Brockhausen, Darme, Elbergen, Estringen, Holthausen und Laxten (…) gestattet. Für den Kreis ist eine Mehlverteilungsstelle (…) (A. Klukkert in Lingen) errichtet. (…) Auf Wunsch erhält jeder Brotkartenempfänger zu Reisen außerhalb des Kreises bis zu 3 Wochen Dauer Reisebrothefte.“ (LV)

12. August: „Der Kaninchenzuchtverein für Lingen und Umgebung veranstaltet am Sonntag, den 20. August d.J. seine 3. lokale Ausstellung im Gartenlokal des Herrn Bergen. (…) Trägt doch die Kaninchenhaltung dazu bei, den jetzt herrschenden Mangel an wohlschmeckendem Fleisch und Fett abzuhelfen. Wenn auch die Kaninchenhaltung in letzter Zeit einen großen Aufschwung genommen hat, so soll doch die Ausstellung dazu beitragen, immer mehr Liebhaber für die Zucht zu gewinnen.“ (LV) Ernährungssicherheit: zurück in die Zukunft? weiterlesen

Warum wir die moderne Landwirtschaft nicht schätzen, sie aber schätzen sollten

Es gibt wieder Neuigkeiten von Andreas von Tiedemann, Professor für Pflanzenpathologie aus Göttingen!

snap_vTiedemann_fernsehkritiktvDem regelmäßigen Leser dieses Blogs ist er bereits im Oktober positiv aufgefallen, als er die Berichterstattung von PlusMinus zum Thema Pestizide in einem offenen Brief scharf kritisierte. Dieser offene Brief wurde für einen ausführlichen Beitrag bei Fernsehkritik.tv aufgegriffen. Wirklich sehenswert- Herr von Tiedemann kommt dort ausführlich zu Wort.

Aber nicht nur das. Er verfasste zusätzlich auch einen Beitrag, der auf den Internetseiten des Deutschen Arbeitgeberverbandes veröffentlicht wurde. Ich bin ihm wirklich dankbar für diese Worte:

„Warum wir die moderne Landwirtschaft nicht schätzen, sie aber schätzen sollten“

deutscherarbeitgeberverband_logoDie Sorgen um den Wirtschaftsstandort Deutschland angesichts von Technologiefeindlichkeit betreffen nicht nur die Industrie sondern in ganz besonderem Maße auch die Landwirtschaft. Mehr noch als die industrielle Produktion hat die Landwirtschaft mit ihrer Aufgabe der Ernährungssicherung eine unmittelbare Funktion in der Sicherstellung unserer essentiellen Lebensgrundlagen. Deshalb erscheint es so unverständlich wie eine Gesellschaft gerade diejenigen Technologien so kritisch sieht, ja ablehnt, die zu dem in der Geschichte der Menschheit bislang einmaligen Grad an Ernährungssicherheit geführt haben, den wir alle heute genießen.

Der Grund hierfür liegt prekärerweise im Erfolg der modernen Landwirtschaft selbst. Die Einführung moderner Methoden der Pflanzenproduktion, die in Europa und anderswo in den letzten fünf Jahrzehnten zur Vermehrfachung der Erträge in den wichtigsten Nahrungskulturen wie Mais, Reis und Weizen geführt haben und der entscheidende Grund dafür ist, dass in diesem Zeitraum der Pflug mit dem Storch Schritt halten konnte (siehe Tabelle), hat das Thema Nahrungsmittelknappheit in den entwickelten Ländern völlig aus dem Bewusstsein verdrängt. Der ungeheure Fortschritt in der Landwirtschaft durch Einführung besserer Anbautechnologien wird kurioserweise gerade durch den daraus resultierenden Erfolg mit der Ignoranz der davon Begünstigten bestraft. Die moderne Landwirtschaft hat – zumindest für den entwickelten Teil der Menschheit – ein solches Maß an Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln erreicht, dass dieser nicht mehr als außerordentliche Leistung sondern als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird. Die dramatische Folge für die Landwirtschaft ist, dass der Zusammenhang dieser komfortablen Wohlfahrtssituation mit den dafür notwendigen modernen Landbautechniken nicht mehr hergestellt wird. So kurios das klingt, eine weniger erfolgreiche Landwirtschaft, die immer wieder Knappheiten in der Versorgung herbeiführen würde, würde sich einer weitaus höheren Anerkennung erfreuen und müsste sich als Technologie nicht für Ihren Erfolg rechtfertigen.

vtiedemann_getreideproduktion

Das mangelnde Bewusstsein für den eigentlichen Ursprung unseres Ernährungswohlstands ist auch ein mangelhaftes Geschichtsverständnis. Warum wir die moderne Landwirtschaft nicht schätzen, sie aber schätzen sollten weiterlesen

Dialog mit MISEREOR III

Brot für die Welt und Misereor unterscheiden sich kaum
Brot für die Welt und Misereor unterscheiden sich kaum

Mittlerweile ist die Veranstaltung „Landwirtschaft und Misereor im Dialog“ bereits 14 Tage her.
Bisher habe ich nur mein Eingangsstatement und einen Bericht von Daniela Knoll hier veröffentlicht.
Die vielen Kommentare deuten an, dass dieses Thema sehr viele Landwirte – nicht nur in der Diözese Osnabrück – bewegt. Ich möchte deshalb gerne das bisherige Medienecho so gut wie möglich zusammen fassen:

Einen Tag zuvor, beleuchtete die FAZ die Sorgen der Landwirte in Niedersachsen, die sich immer mehr als „Sündenböcke der Nation fühlen„. So gesehen eine gute Einstimmung auf die Podiumsdiskussion.
Der Veranstaltungsort in Niederlangen-Siedlung war nicht zufällig gewählt worden. Die dort ansässige KLJB Neulangen wollte nicht mehr an dem im nördlichen Emsland schon traditionellen Fastenmarsch, bei dem zugunsten von MISEREOR Spenden gesammelt werden, teilnehmen.
Nach der Podiumsdiskussion ließen sich die Landjugendlichen nicht umstimmen und auch die KLJB-Ortsgruppe aus Dersum schloss sich den Neulangenern an.
gieseke_misereor_2015Der Europaabgeordnete Jens Gieseke schaltete sich in die Debatte ein und stellte zur Teilnahme an der „Wir haben es satt“-Demo (WHES) fest: „Hier ist Misereor einen Schritt zu weit gegangen.
Der Kreislandvolkvorsitzende Bernd Schulte-Lohmöller zeigte Verständnis für die beiden Landjugendgruppen und bezeichnete deren Schritt als mutig.
Doch es blieb nicht bei den beiden Gruppen, die Zahl der Aussteiger aus dem Fastenmarsch erhöhte sich auf 10!

Auch der NDR berichtete ausführlich von der Podiumsdiskussion und der nachfolgenden Debatte: „Landwirte: Zorn auf katholische Kirche„, „Landjugend boykottiert Misereor-Fastenmarsch„, „Landjugend wünscht sich Entschuldigung„, „Wir müssen einen gemeinsamen Weg suchen„.

Am letzten Freitag stellte MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel klar, dass die Landwirte keine Sündenböcke seinen. Inhaltlich korrigierte Misereor sich nicht, aber der Ton wird verständnisvoller und weiterhin wird betont, dass der Dialog gesucht werden müsse.

Ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht nach der Podiumsdiskussion. Dass sich beide Seiten (moderne Landwirtschaft und Misereor) sich nicht im Laufe der Veranstaltung angenähert haben, war ja sofort klar. Aber ich frage mich noch immer, warum wir anscheinend so meilenweit mit unseren Positionen auseinander liegen? Und damit meine ich nicht, dass wir ja alle gegen den Hunger in der Welt sind, Antibiotikamissbrauch ablehnen und auch sauberes Grundwasser haben wollen. Die Ziele und Wünsche sind ja eigentlich die Gleichen, aber die Bewertung ist eine gänzlich unterschiedliche:

  • MISEREOR macht „das System“ der konventionellen Landwirtschaft für den Hunger in der Welt verantwortlich. Und auch wenn Misereor die Landwirte nicht als Sündenböcke abstempeln will, fühle ich mich trotzdem weiter von diesem Vorwurf getroffen. Ich sage, dass die weltweite Landwirtschaft die doppelte Zahl an Menschen satt macht als noch vor 40 Jahren und das bei einer abnehmenden Zahl der Hungernden auf der Erdkugel. Für Hunger auf der Welt sind Krieg, Bürgerkrieg, Vertreibung und Flucht, Dürren und korrupte Regierungen in erster Linie verantwortlich – nicht wir rechtschaffenen Bauern in Deutschland!
  • Wenn MISEREOR zusammen mit ihren Mitstreitern der WHES den Stop von Antibiotikamissbrauch fordert, dann steht im Umkehrschluss der Missbrauch im Raum. Eine pauschale Verunglimpfung, die die Anstrengungen und Fortschritte bei der Minimierung des Einsatzes völlig ausblendet.
  • Bezüglich unseres Grundwassers werden von den WHES-Teilnehmern und auch explizit auch von MISEREOR stetig steigende Nitratwerte unterstellt, obwohl das Gegenteil richtig ist. Peter Meiwald, MdB der Grünen, behauptete in Niederlangen, dass es klare Zusammenhänge zwischen Nitratwerten im Grundwasser und der Viehdichte gäbe. Ich kenne keine entsprechende Statistik. Auch der MdB konnte mir bisher keine schlüssigen Daten zur Verfügung stellen. Ich kenne bisher nur die Statistiken des NLWKN, die ich hier im Blog bereits vor einem Jahr aufbereitet habe. Für den interessierten Leser empfehle ich noch folgende Abhandlungen von Georg Keckl, einem geschätzten Statistiker, der auch komplizierte Sachverhalte klar und einfach darstellen kann: Link1, Link2, Link3 (jeweils .pdf-Dateien)

Ein weiterer Austausch und Dialog ist nötig und wird auch von beiden Seiten angestrebt. Eines ist sicher, ich werde am Ball bleiben und mich nicht in die Schmollecke zurückziehen!