Heil(ig)e Kampagnen-Welt der NGOs

Hunger ist das neue Satt!

von Sönke Hauschild

Liebe Vertreter*innen der Zivilgesellschaft,
liebe Campagneros!

Wir Bauern tun wirklich unser Bestes, um es euch recht zu machen, aber wir schaffen es nicht! Deshalb machen wir euch einen Vorschlag: Keine negativen Auswirkungen auf Natur und Umwelt, Gewässer, Luft, Artenvielfalt und den Menschen mehr! Ab morgen! Das wäre doch mal eine Kampagne mit Durchschlagskraft, oder?

Wie? Ganz einfach: Ihr übernehmt unseren Job! Wir fragen uns nämlich schon lange, warum ihr so gern Feldrand steht, statt selber mitzuspielen: Ihr wißt es doch viel besser als wir und ihr könnt es sicher auch besser. Also keine Scheu!

Erntest Du noch oder hungerst Du schon?

Um faire Preise kümmert ihr euch. Wir schaffen das einfach nicht. Ihr aber könnt sie mit einer einzigen Kampagne auf ein Niveau anheben, das eines Lebensmittels würdig ist! Eure Mitglieder meckern über zu hohe Preise? Da wüssten wir auch eine Lösung! Aber wir wollen keine Besserwisser sein. Wir wissen, wie negativ so etwas bei den Betroffenen ankommt.

Ob neue Ställe gebaut werden, entscheidet ihr. Ebenso, wie tierfreundlich diese aussehen. Ihr zieht tierleidfreies Fleisch aus der Retorte vor? Kein Problem: Das spart uns Arbeit und fördert die Groß-Industrialisierung der Lebensmittelerzeugung: Ein prima Kampagnenthema! Ihr könnt natürlich auch ganz ohne Tierhaltung wirtschaften. Das sorgt sicherlich für weniger Kritik bei den Spendern. Und das ist wichtig. Denn man will ja keinen Ärger….

Die Düngung fahren wir gerne auf ein Hunger-Niveau herunter. Brotweizen kann man ja importieren. Oder ihr verzichtet einfach auf euer täglich Brot. Dieses zufriedene Gefühl im Magen hat man doch längst über: Hunger ist das neue Satt! Das wäre doch eine Kampagne wert. Die Ernte kann man ja solange verschieben, es gibt wichtigeres!

Auch wenn es in Lebensmitteln nachweislich keine Rückstände gibt, sollte der Pflanzenschutz im Sinne einer Nulltolleranz nicht nur auf Naturschutzflächen unterbleiben, wie es die Umweltministerin fordert. Nein, ihr geht natürlich aufs Ganze! Der Vorteil: Euer Körper kann sich ganz auf die natürlichen Gifte konzentrieren, die dann Einzug ins Essen halten.

Antibiotika? Hier ordnet ihr eine sofortige und komplette Verbannung aus den Ställen an. Alles andere würde euren Kampagnen schlichtweg Hohn sprechen. Das Abwägen zwischen dem Leid kranker Tiere und der Angst der Bevölkerung? Da werdet ihr schon eine passende Erklärung finden, es gibt ja eine Menge einfacher Wahrheiten dazu in euren Kampagnenunterlagen.

Das schöne Dauergrünland erhalten wir gerne für euch. Darf´s noch etwas mehr sein? Ob da Kühe laufen, ist doch egal. Die werden für die nächste Kampagne einfach gephotoshoppt. Ihr wißt, wovon wir reden…

Das Jakobskreuzkraut werdet ihr in natürlicher Monokultur genießen! Es blüht schön gelb und ersetzt den bei euren Mitgliedern beliebten Raps. Den werdet ihr ohne Pflanzenschutz nicht mehr anbauen. Das Gift des Kreuzkrautes landet im Honig?! Da habt ihr geübte Kräfte, die das Problem elegant wegerklären. Alternativ würden wir Blühwiesen empfehlen, aber aus eurer Sicht ist das ja Greenwashing. Habt ihr nicht nötig!

Monokultur aus Jakobskreuzkraut im Naturschutzgebiet

Wir schlagen eine Kampagne „30 Meter Randstreifen an allen Gewässern“ vor! Das macht weniger Arbeit und wäre ein Riesenerfolg! Am besten stauen wir die Flächen auf, das schafft Platz in Hülle und Fülle für Wasserinsekten aller Art. Notfalls kann man die sogar selber essen. Ach nein, wir haben die Vögel vergessen. Zu denen seid ihr natürlich gut.

Eure Kritik an der Agrarindustrie (das waren ja wir, bis ihr übernommen habt, vielen Dank nochmal) setzt ihr mit den EU-Direktzahlungen völlig kostenneutral um! Endlich könnt ihr die Mittel ganz im Sinne kleinbäuerlicher Strukturen einsetzen. Wobei ein Teil der Direktzahlungen natürlich mit der Pacht an uns durchgereicht wird. Vielleicht kann man eine Kampagne dazu mit EU-Mitteln fördern? Aber das wißt ihr besser als wir! Wir werden sehen, ob das Geld reicht… ansonsten wäre es ja, wie gesagt, ein Leichtes für euch, weiter an der Preisschraube für Lebensmittel zu drehen.

Wir wünschen euch auf jeden Fall viel Erfolg – und überlegen, ob wir auswandern. Dort warten wir dann auf euch, gemeinsam mit allen, die sich eure heil(ig)e Welt nicht leisten können. Vielleicht werdet ihr dann merken, dass man selbst das gute Spendengeld nicht essen kann. Vielleicht ist es aber auch einfach zu spät und der heilige St. Wolf läßt euch nicht mehr raus…

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