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Der böse, böse Bauernverband

…oder wie ein Bauernverbandspräsident für jegliche Kritik herhalten muss…

Der böse, böse Bauernverband

Letzte Woche ein Bericht über Agrarfunktionäre, diese Woche ein Zitat herausgerissen aus einem Zeit Interview – Joachim Rukwied, Präsident des deutschen Bauernverbandes, hat momentan keinen leichten Stand. Ein paar Gedanken zu den aktuellen Ereignissen:

Die Story – „Gekaufte Agrarpolitik – wie Industrie und Agrarlobby durchregieren“

So lautete der Titel der „Die Story“ am 29. April im Ersten. Es ging darum, dass Verbandsvertreter (Funktionäre) gleichzeitig in der Politik tätig sind und in verschiedensten Gremien sitzen. Hintergrund ist eine Studie des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen im Auftrag des Nabu. Der Nabu schreibt dazu auf seiner Homepage:

Die deutsche Agrarlobby: verfilzt, intransparent und wenig am Gemeinwohl orientiert (…)

NABU-Studie legt Lobbynetz des Deutschen Bauernverbands offen (…)

Die Macht der Agrarlobby muss endlich stärker beschränkt werden.

Damit sollte eigentlich dem letzten klar sein, worum es wirklich geht – dem ist nur leider nicht so. Im Netz geht’s heiß her – neben vielen anderen Menschen, echauffieren sich auch sehr viele Landwirte. Was offensichtlich vielen nicht klar ist – Joachim Rukwied repräsentiert in den Gremien, in denen er vertreten ist, in der Regel die Interessen des Deutschen Bauernverbandes. Er ist dort Kraft seines Amtes als Präsident des deutschen Bauernverbandes, nicht als Person Joachim Rukwied.

Das mag einigen nicht gefallen – ändert jedoch nichts an der Tatsache. Wenn es den Mitgliedern des Bauernverbandes nicht gefällt, ist das allerdings schlecht. Nur dann sind letztlich auch die Mitglieder gefordert – nur von den Kritikern möchten die meisten doch einfach nur „vertreten“ werden – dann allerdings hinterher meckern, dass es nicht in ihrem Sinne war – das ist zu einfach. Mitgestalten heißt das Zauberwort.

Und dann muss auch die Frage erlaubt sein – wer will diese Aufgaben annehmen und von wem fühlen sich diese Landwirte besser vertreten? Wer fühlt sich in der Lage, diese Ämter auszuüben?

Das Zeit Interview und „Unser Land“

„Die letzten ihrer Art“ titelt diese Woche die ZEIT. Es geht um den Strukturwandel in der Landwirtschaft. Auf der einen Seite schließen rund 5000 bäuerliche Betriebe pro Jahr in Deutschland (1,5 bis 1,7 %). Auf der anderen Seite steigt die Tendenz zu größeren Höfen weiter an. Auch Joachim Rukwied hat der ZEIT ein Interview zu diesem Thema gegeben. Auf die Frage, wie er den Trend, dass immer mehr Höfe schließen, stoppen möchte, antwortet er der ZEIT:

Jeder Hof, der aufgibt, bedeutet einen Verlust an Agrikultur. Aber wir halten das Tempo des Strukturwandels von 1,2-1,5 Prozent Verlusten pro Jahr für akzeptabel. Auch weil dann diejenigen, die sich entscheiden, in einen Betrieb einzusteigen, eine bessere Perspektive haben.

Diese Antwort aus dem Zusammenhang gerissen, konnten wir dann bei „Unser Land“ bestaunen – und die Welle der Empörung schlägt natürlich hoch. Der Post von „Unser Land“ ist reine Provokation, mit diesem Foto und diesem herausgerissenen Zitat Stimmung zu schüren. Und diese Provokation geht ganz genau auf, wie man an den Reaktionen im Netz in den sozialen Medien sehen kann.

Zitat Rukwied: "Anzahl der Hofaufgaben ist durchaus verträglich"
Quelle: Facebookseite von „Unser Land“

Akzeptabel“ – „verträglich“, egal, welches Wort Joachim Rukwied verwendet hat, ist im Kontext mit einem so emotionalem Thema einfach äußerst unglücklich gewählt. Nur wie sehen die „nackten Fakten“ aus?

Strukturwandel – was ist normal?

Wie sieht es in anderen Bereichen aus? Die Zahl der Handwerksbäckereien sank von 19.813 im Jahr 2010 auf 11.347 Betriebe in 2017 – das ist eine Abnahme von 42% in sieben Jahren (Quelle: handelsdaten.de ). Im Fleischerhandwerk sieht es nicht anders aus. Bundesweit ging die Zahl der Lebensmittel-Handwerksbetriebe bis 2016 bereits auf 70 Prozent im Vergleich zu 2008 zurück.
Wenn man sich diese Zahlen mal auf der Zunge zergehen lässt, empfinde ich Rukwieds Aussage nicht für unredlich – dann ist der Strukturwandel in der Landwirtschaft eben noch „akzeptabel“.

Kann Strukturwandel überhaupt „normal“ sein?

In Deutschland gehen täglich 80 ha landwirtschaftliche Nutzfläche aus der Produktion – das sind täglich zwei Betriebe. Strukturwandel hat es immer gegeben, und wird es auch immer geben. Und in einem gewissen Rahmen ist dies auch durchaus zu vertreten – nichts anderes sagt Joachim Rukwied.
Und wenn Betriebe aufgeben, wachsen andere, das liegt in der Natur der Sache. Und weder der Deutsche Bauernverband noch Joachim Rukwied in Person können entgegen den wirtschaftlichen Tendenzen, den Strukturwandel aufhalten. Ziel kann es nur sein, diese Entwicklung möglichst sozialverträglich zu gestalten.

Gründe für den Strukturwandel

Auch die Gründe für den Strukturwandel werden immer gerne dem Bauernverband zugeschustert, propagiere dieser ja schon eh und je das „Wachsen oder Weichen“ Prinzip.  „Wachsen oder weichen“, das ist – man mag es beklagen – eine ökonomische Gesetzmäßigkeit. Die hat sich niemand ausgedacht – kein böser Kapitalist, kein Bauernpräsident. Es sind viele Faktoren, die dazu beitragen, diesen Prozess zu beschleunigen. Nur warum hören Betriebe auf?

Es geben sicher Betriebe auf, weil sie zu klein und/oder unrentabel sind. Wer einen unrentablen Betrieb zu lange weiter bewirtschaftet, zerstört letztlich Kapital und damit seine Lebensgrundlage. Von den Betrieben, die aussteigen, steigen jedoch die wenigsten aus, weil sie insolvent sind.

Die meisten Betriebe werden aufgegeben, weil keine Nachfolge vorhanden ist. Häufig ist keiner in der Familie zu finden, der eigenverantwortlich den Betrieb weiterführt. Die Gründe dafür sind vielfältig: keine Kinder (kein Nachfolger), fehlendes Interesse, fehlende Wirtschaftlichkeit, fehlende Perspektiven, um nur einige zu nennen.

Früher war alles besser?

Ich kann es niemanden verdenken, einen anderen Weg als den des Hofnachfolgers einzuschlagen. Die Auswahl seinen Lebensunterhalt zu verdienen ist heute sehr vielfältig. Es sollte jedem selbst überlassen bleiben, diese Entscheidung für sich und sein Leben zu treffen. Im Netz habe ich dazu folgenden Satz gelesen:

Es ist eine der größten Errungenschaften, dass heute niemand mehr Bauer werden muss. Früher haben sich viele ihr Leben lang durch den Beruf gequält, weil man der älteste Sohn war und nichts anderes machen durfte. Heute kann jeder machen, was er will. Es kann auch weiterhin jeder Bäuerin oder Bauer werden. Möglichkeiten gibt es genug. Man muss aber auch nicht.

Auch wir haben drei Kinder und einen Betrieb. Wir haben in den letzten Jahren unseren Betrieb stetig verändert und auch erweitert. Wir tun das nicht für unsere Kinder, sondern für uns, weil uns unsere Arbeit Spaß macht, weil wir lieben, was wir tun. Wir werden es unseren Kindern freistellen – wenn sie (oder einer oder zwei oder alle drei) den Betrieb weiterführen möchten, freuen wir uns sicher darüber, nur wenn nicht, ist das auch okay – wir mögen niemanden zwingen. Wir arbeiten mit Tieren – das muss man wollen und lieben, sonst macht man das nicht gut. Diese Verantwortung haben wir auch gegenüber unseren Tieren.

Zurück zu Joachim Rukwied und dem DBV

Der Bauernverband und Joachim Rukwied bekommen zur Zeit viel Kritik, zum großen Teil auch von Verbandsmitgliedern. Ich für meinen Teil muss ganz ehrlich sagen – ich möchte nicht tauschen. Ich möchte weder diese Verantwortung tragen, noch habe ich ein dickes Fell genug, mir die ständige Kritik aus den eigenen Reihen anzutun.

Nur diese Kritik muss auch ernst genommen werden. Ich persönlich möchte an dieser Stelle auch Kritik üben – ich wünsche mir vom Verband eine bessere Kommunikation nach innen. Ich erwarte, dass es von Verbandsseite eine Stellungnahme zu solchen Reportagen/Artikeln gibt – für uns Mitglieder. Bitte nehmt uns mit, damit wir uns ein Bild machen können, damit wir verstehen, wie solche Dinge zu Stande kommen, damit wir uns nicht von unserem Verband allein gelassen fühlen.

Live- Ticker vom Zukunfsdialog

Heute (30. Mai) findet in Berlin der 4. Zukunftsdialog Agrar & Ernährung statt. Ich werde ab 10 Uhr über meinen Twitteraccount (@blogagrar) berichten.

Ich bin schon voller Vorfreude, denn das Programm ist in diesem Jahr wirklich gut und die Podien hochkarätig besetzt. Unter anderem sind

  • Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt
  • Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks
  • stellvertrender Bundesvorsitzender der FDP Wolfgang Kubicki
  • Bauernpräsident Joachim Rukwied
  • Dr. Felix Prinz zu Löwenstein (BÖLW)
  • Philosoph Richard David Precht

dabei. Weiter bin ich natürlich auch gespannt, wen ich von meinen Bekannten dort in der Kalkscheune (dem Veranstaltungsort) treffen werde.

Also bis gleich, ab 10 Uhr gibt es den Live-Ticker auf Twitter. Hashtag ist #zdae17

Umweltschutz gibt´s nur MIT UNS !

Morgen in Bayern (oder muss ich besser Schwaben schreiben?):

umweltschutz_nur_mit_uns_bayern
Große Demonstration zur Umweltministerkonferenz am 12. November in Augsburg.

Gerade im Umwelt- und Naturschutz drohen für die bayerischen Betriebe teils unüberwindliche Hürden aufgestellt zu werden – ohne jeden Sinn und Gespür für die Familien, die von ihrer Arbeit auf dem Hof und auf den Feldern leben wollen und müssen.

Bei der Kundgebung in der Augsburger Innenstadt sprechen unter anderem auch der bayerische Bauernpräsident Walter Heidl und DBV-Präsident Joachim Rukwied.

Los geht’s ab 10 Uhr auf dem Königsplatz. Aus ganz Bayern kommen Busse nach Augsburg.

1000 Bauern, 100 Themen, eine klare Botschaft: Umweltschutz gibt’s nur MIT UNS!

Weitere Infos an den regionalen BBV-Geschäftsstellen: http://www.bayerischerbauernverband.de/geschaeftsstellen

Bauernpräsident zu Gast in Nordhorn

Ehrengast der Mitgliederversammlung des Grafschafter Landvolks war in diesem Jahr der Präsident des deutschen Bauernverbandes Joachim Rukwied. Der Festsaal im Hotel Rammelkamp in Nordhorn war voll besetzt.

voll besetzter Saal in Nordhorn
voll besetzter Saal in Nordhorn

Nach einer kurzen Einführung durch angehende Landwirte und Berufsschüler hielt Rukwied eine 90-minütige Rede. Zu Beginn betonte er, dass die deutsche Landwirtschaft insgesamt und in Weser-Ems speziell eine Erfolgsgeschichte sei. Die deutsche Landwirtschaft sei in der Summe wettbewerbsfähig. Darauf sei er stolz und er werde diese Erfolge verteidigen und dafür kämpfen, dass dieses auch so bleibt.

Er betonte, dass die deutschen Bauern unbedingt unternehmerische Freiheit benötigen und trotzdem oder auch deshalb nachhaltig sind, denn jeder Bauer denkt in Generationen- sein Betrieb soll möglichst mindestens so gut aufgestellt an die nachfolgende Generation weitergegeben werden.

Bauernpräsident Joachim Rukwied
Bauernpräsident Joachim Rukwied

Anschließend ging er auf all die Sorgen und Themen ein, die aktuell in der politischen Diskussion stehen: von der Novelle der Düngeverordnung, über das problematische Doppelpassspiel zwischen Umweltstaatsekretär und grünen Länderagrarministern, Arzneimittelmonitoring, Pflanzenschutz, Flächenschutz, Tierwohldebatten bis hin zum LROP in Niedersachsen, in dem den Landwirten in vielen Fällen eine schleichende Enteignung und der Entzug der Lebensgrundlage droht, ließ Rukwied kein wichtiges Thema aus.

Es war immer wieder zu spüren, dass es eine große Herausforderung ist, den Bauernverband „zusammenzuhalten“. Dass insgesamt immer wieder eine Linie als Kompromiss aus den verschiedensten Ansichten zwischen Nord/Süd, West/Ost, Ackerbauer/Tierhalter, Öko/Konventionell gefunden wird und mit einer Stimme zur Politik gesprochen werden kann.

Im Anschluss hatten die Anwesenden noch die Chance, eigene Fragen zu stellen. So durfte ich Joachim Rukwied die Frage stellen, wie der Bauernverband wieder die Meinungsführerschaft zu landwirtschaftlichen Themen in der Öffentlichkeit zurückgewinnen möchte. 
In seiner Antwort stellte der Bauernpräsident anfangs fest, dass die Medienlandschaft sich in den letzten Jahren gewandelt habe und heute Journalisten nicht mehr die Experten des Bauernverbandes oder Agrarwissenschaftler fragen, sondern eher die sog. Experten bei diversen NGOs.
Diesem möchte er mit mehr Hintergrundgesprächen mit Journalisten und mehr Informationskampagnen begegnen. Auch im Internet soll es immer wieder Kampagnen und Aktionen geben, wie z.B. die Schweinestallkamera von Werner Schwarz (Präsident der schleswig-holsteinischen Bauern) oder meine-bauernfamilie.de. Erst zum Schluss sagte er, dass auch jeder Bauer in seinem Bekanntenkreis Aufklärungsarbeit machen könne.

Ich finde, dass die Initiative der Basis, der einzelnen Bauern ganz oben stehen sollte und alles andere unterstützend für den Landwirt gemacht werden sollte. Wir brauchen eine richtig breite Front, um unsere Anliegen deutlich zu machen. Darauf wies auch Lambert Hurink, Hauptgeschäftsführer des VEL, hin: Jeder sei gefragt, Öffentlichkeitsarbeit zu machen!

Nach einer halbstündigen Diskussion endete die Veranstaltung, die ich als insgesamt gelungen bezeichnen möchte. In den Gesprächen hinterher mit Berufskollegen wurde deutlich, dass die Demonstrationsbereitschaft bei den Bauern steigt. Der Frust und Unmut über Minister Meyer in Hannover ist groß. Ich bin gespannt, ob die aktuellen Probleme um Landesraumordnungsprogramm (LROP) und das ständige Misstrauen des Ministeriums gegenüber den Landwirten sich im Gespräch zwischen Landvolk und Minister beseitigen lassen. Leider scheint es so, dass zur Zeit noch nicht einmal ein Gespräch mehr möglich ist. Das wäre ein Armutszeugnis! Von beiden Seiten.