Glyphosat- nach der Entscheidung geht der Streit erst richtig los

Ausschnitt eines Etiketts eines Glyphosathaltigen PflanzenschutzmittelsIn einem politischen Alleingang hat der Bundeslandwirtschaftmister Schmid gestern bei der EU-Abstimmung PRO Glyphosat gestimmt, obwohl der Dissens in der Frage der Zulassung zwischen Umwelt- und Landwirtschaftsmisterium weiter bestanden hat.

Für 5 Jahre

Die Zulassung wird nicht wie üblich 10 oder 15 Jahre, sondern nur für 5 Jahre verlängert. Ein kleines Zugeständnis an die zahlreichen Kritiker des Totalherbizids. Diese Kritiker haben jedoch gehofft, dass mit der weiteren Enthaltung Deutschlands (und das ist wohl üblich, wenn sich Ministerien nicht auf ein Urteil einigen können) auf der EU-Ebene keine ausreichend große Mehrheit für die Verlängerung zu Stande käme und so die Zulassung des Glyphosats ausläuft.

Vertrauen in Europa wurde nicht gestärkt

Doch nun hat das deutsche Votum die Pattsituation in Europa aufgelöst und eine Entscheidung für die Chemielobby & Marktinteressen und gegen Gesundheit & Naturschutz getroffen. Das sagen zumindest die Glyphosatgegner, die mit ihren jahrelangen Desinformationskampagnen den Wirkstoff „Glyphosat“ verteufelt und die Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen und politischen Institutionen in Europa diskreditiert haben. Ja, sogar das Vertrauen in eine transparente, vernünftige Entscheidungsfindung in der großen Blackbox EU dürfte mit den jahrelangen politischen Spielereien und der gestrigen Abstimmung gelitten haben. Dieser Entscheidungsprozess ist ein negatives Beispiel für die Zusammenarbeit in Europa.

Wiederzulassung ist eigentlich vernünftig

Dabei ist die Verlängerung der Zulassung des umstrittenen Glyphosats eigentlich eine sehr vernünftige und logische Entscheidung! Es gibt keine wissenschaftliche Institution, die von einem relevanten Risiko durch das Glyphosat bei ordnungsgemäßer Anwendung sprach. Lediglich das IARC, einer der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstellten Institution hat eine mögliche Gefahr des Wirkstoffes attestiert. Eine Gefahr bei hochdosierter und hochkonzentrierter Verabreichung möchte ich anmerken!

Versagen der Medien und der Politik

Doch bei diesem Streit ist es der Politik, den Wissenschaftlern und auch den Journalisten nicht gelungen, mit einer sachlichen Betrachtung für eine aufgeklärte Meinung in der Bevölkerung zu sorgen. Desinformation und Panikmache standen im Mittelpunkt der Berichterstattung. Sachliche Auseinandersetzungen und Postionen hatten in der emotional geführten Debatte keine Chance. Das ist wirklich schade. Spricht man sich in Diskussionen für Glyphosat aus, kommt ganz schnell das Argument, man sei bestimmt gekauft. Da kann man schon fast drauf wetten, wie schnell das geht.

5 Jahre Ruhe?

Nun ist es zu einer Verlängerung gekommen, die in der Sache auch völlig richtig ist. Doch haben wir jetzt ein Ende der leidlichen Glyphosatdiskussion erreicht? Bestimmt nicht!

Das Theater geht weiter

Ich befürchte, dass das Theater um Glyphosat noch zunehmen wird. Wir haben jetzt durch den Dissens zwischen Umwelt (SPD)- und Landwirtschaftsministerium (CSU-geführt) auch eine Krise der geschäftsführenden Bundesregierung bekommen. Die Parteien der großen Koalition (GroKo) stehen nach der Bundestagswahl im September und den gescheiterten Jamaika-Sondierungen vor Verhandlungen über eine Neuauflage der GroKo. Damit ist das Thema Glyphosat in der großen Politik angekommen, denn mit dem Alleingang Schmidts ist der Ärger der SPD natürlich groß und dürfte die Verhandlungen zumindest in der Anfangsphase belasten. Und jetzt interessieren die eigentlich guten Argumente pro Glyphosat noch weniger. Jetzt steht das Vertrauen in einer Zusammenarbeit, in einem Koalitionsvertrag im Vordergrund.

Welche Entwicklungen sind absehbar beim ewigen Streit ums Glyphosat?

Ich vermute, dass in den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD in irgendeiner Weise auch wieder das Glyphosat auftauchen wird. Möglicherweise wird auf Bundesebene eine Einschränkung oder sogar ein Verbot des Totalherbizids in Betracht gezogen. Ich erwarte hier noch einige populistische Schachzüge, mit denen man seine regierungsmüde Parteibasis ruhig stellen will. Argumente werden es schwer haben, denn das politische Foulspiel von CSU-Mann Schmidt, der es wohl nicht mehr in die Regierung schaffen wird, steht im Vordergrund. In dieser Konstellation werden es die üblichen Desinformationskampagnen diverser NGOs und grüner Politiker noch schwieriger machen, mit Zahlen und Fakten zu punkten.

Glyphosat mit riesiger Symbolkraft

Das Glyphosat dürfte in seiner Symbolik noch einmal gestärkt sein, hier gibt es eine riesige Stellvertreterdiskussion um Gentechnik, Konzerne, Marktmacht, Lobbyismus und moderne Landwirtschaft.

Auf lokaler Ebene erwarte ich ebenfalls eine fortlaufende Diskussion um Glyphosat im Speziellen, aber auch Pestiziden im Allgemeinen. Lokalpolitiker (vorwiegend Grüne und AfD, aber auch andere Parteien sind denkbar) werden mit diesem Thema große Politik im kleinen Umfeld spielen wollen und ein Verbot auf lokaler Ebene diskutieren. Ob das jetzt realistisch durchzusetzen ist oder nicht, spielt keine große Rolle. Die Lokalpresse dürfte dieses Thema auch gerne aufnehmen. Auch Lokaljournalisten schreiben gerne über große und kontroverse Themen.

Und außerdem haben wir ja auch noch den Druck auf die Wirtschaft, der durch Umwelt-NGOs und/oder Verbraucherverbände ausgeübt wird. Erste Molkereien haben bereits ihren Lieferanten den Glyphosateinsatz auf ihren Wiesen verboten. Da ist in Zukunft noch sehr viel mehr zu erwarten. Da kann jeder seiner Phantasie freien Lauf lassen, das wird ein riesiges (lukratives) Betätigungsfeld für einen Kampagner, einer Kampagnerin. Einige Firmen dürften mit diesem Thema ein Profilierungsversuch gegenüber Mitbewerbern versuchen. Der Gedanke daran lässt mich ehrlich gesagt erschaudern.

Wäre es besser, wenn Glyphosat verboten wäre?

Wenn ich jetzt am  Ende des Artikels die Zukunftsszenarien betrachte, könnte ich zum Schluss kommen, dass es vielleicht besser gewesen wäre, das Glyphosat liefe mit seiner Zulassung aus und das Thema wäre dann für die EU bzw. Deutschland erledigt. Dann hätten wir sicher endlich Ruhe. Wir Bauern müssen zwar etwas mehr ackern, mit mehr Erosion kämpfen und künftig ein paar resistente Unkräuter mehr auf unseren Flächen dulden, aber endlich keinen Streit mehr ums Glyphosat.

Zu kurz gedacht!

Doch das ist zu kurz gedacht. Denn dann hätte die Wissenschaft und Vernunft verloren. Das Glyphosatverbot würde zum Vorbild für andere Stoffe und zu einem neuen Vergleichsmaßstab werden. Es würden weitere Wirkstoffe gesucht werden, die man verbieten könnte und diese würden wahrscheinlich giftiger sein als das Jahrzehnte lang genutzte und bestens untersuchte Glyphosat. Dann würde es in den Kampagnen heißen:

„… ist sogar giftiger als Glyphosat“

Dann stünde in der nicht aufgeklärten Bevölkerung alle Zeichen auf „Alarm“ und wir dürfen weiter diskutieren, ob Glyphosat nun gefährlich ist oder nicht. Wir wären dann nicht einen Schritt weiter. Im Gegenteil, die Glyphosatgegner hätten das Argument, Glyphosat sei verboten, hinzugewonnen.

Mit Argumenten punkten

So schwierig es auch sein mag, aber wir haben als moderne Landwirtschaft nur dann eine Chance, wenn wir weiter mit Argumenten die Meinung in der Bevölkerung beeinflussen. Dazu benötigen wir Journalisten, die nicht dem gesellschaftlichen Mainstream hinterherlaufen und Politiker, die dieses Thema nicht populistisch besetzen und ihren eigenen Vorteil daraus ziehen wollen.

Das ist ein fast unmögliches Unterfangen. Aber wer aufgibt, kann nicht mehr gewinnen. Ich glaube an die Vernunft. Bis zum Schluß!


Weiterführende Informationen, Links:

Ich habe vor einigen Tagen mit meiner geschätzten Kollegin Susanne Günther ein kleines Erklärvideo zur Glyphosatverstrickung erstellt.

Weiterhin empfehle ich Susanne Günthers neusten Artikel zur Causa Glyphosat:
 Danke, Herr Schmidt!
Dort bedankt sie sich bei der konsequenten Haltung unseres Landwirtschaftsministers, bereitet aber auch die vielen Widersprüche und Richtungsänderungen von Umweltministerin Hendricks auf. Da kann dem Leser schon der Gedanke kommen, dass im BMUB nicht ganz ehrlich gearbeitet bzw. argumentiert wurde.

Ein wenig Medienlob habe ich dann auch noch übrig: Für die Süddeutsche Zeitung kommentiert Kathrin Zinkant, dass die Neuzulassung des Glyphosats richtig sei.
Ein wohltuend sachlicher Artikel, der sich deutlich Silvia Liebrichs Artikeln in der selben Zeitung zum Thema Glyphosat unterscheidet, die regelmäßig an der Schwelle zu FakeNews wandeln und das Vertrauen an Wissenschaft und EU untergraben haben. Aber da war sie leider nicht alleine unterwegs.

Und jetzt noch ein Lob an die Tagesschau:
Deutsches Ja zu Glyphosat – Überraschend, vernünftig, überfällig
Ein guter Kommentar aus Sicht eines Brüsseler Korrespondenten.

Also es gibt sie, die sachbezogene Berichterstattung und Einordnung durch unsere Medien. Das gibt Hoffnung für die Zukunft! Die Vernunft könnte tatsächlich gewinnen! 🙂

11 Gedanken zu „Glyphosat- nach der Entscheidung geht der Streit erst richtig los

    1. Das Stoppelfeldbild ergibt folgenden Sinn: Grünes Feld nebenan, Bäume ohne Laub, tiefstehende Sonne. Spätherbst! Der Landwirt reinigt sein Sprühgerät und entleert es völlig korrekt und vorbildlich auf eine abgeerntete, möglicherweise mit einem Breitbandherbizid behandelte Fläche.

  1. Das würde dann Sinn machen, wenn der Acker stark mit Quecke verunkrautet ist. Diese bekämpft man bei einer Wuchshöhe von ca. 15 cm am wirkungsvollsten im Stoppelacker, dies ist die klassischeund zugleich „unbedenklichste“ Anwendung von Glyphosat. Auf dem Bild ist zumindest ist der Fahrgasse eine Verunkrautung zu erkennen.

    1. Da sind wir schon beim Problem.Das Mittel ist spottbillig und wird REGELMÄßIG wie auf dem Foto deutlich zu erkennen für kosmetische Reparaturen eingesetzt.
      Ein Kommentator der ein derartiges Bild einsetzt,zeigt wie wenig Ahnung er von der Materie hat und führt sich selber vor .Und wenn Herr Barkmann das lobenswert findet, spricht das Bände.

      1. OK, ein Problem mit den SuperSymbolFotos. 😉
        Dieses von der Tagesschau ausgewählte ist gar nicht schlecht im Gegensatz zu vielen anderen Fotos mit Glyhosat-Spritze auf denen gern blühender Raps, Getreide im Bestockungsstadium oder auch Zuckerrüben oder Kartoffeln gespritzt werden.
        Hier ist eine Stoppelbehandlung zu sehen. Ob Kosmetik oder nicht, lässt sich angesichts der Perspektive nicht eindeutig klären. Da ist die Sicht des Treckerfahrers sicher etwas aufschlussreicher. 🙂
        Symbolbild der tagesschau

        1. Da gibt es nichts zu beschönigen oder zu relativieren.Das Mittel ist spottbilllig,hat verherrende Auswirkungen als Totalherbizid und wird regelmäßig sinnfrei ohne eine vernünftige Abwägung des Schadens eingesetzt.
          Die Quellen,die Sie so gerne immer wieder hier anführen,halten einer objektiven Quellenkritik selten stand. Die Hauptsache ist wohl,diese passen in ihr Denkmuster. In sofern unterscheiden Sie sich wohl auch nicht von den Aktivisten der anderen Seite .

  2. Aus dem gelobten SZ-Artikel von Frau Zinkant:

    „Es gibt Gerüchte, dass [Monsanto] erneut versuchen will, mit Glyphosat-resistenten Gentech-Pflanzen den europäischen Markt zu erobern. Das gilt es um jeden Preis zu verhindern, es wäre verheerender für die Umwelt, als es der massive Einsatz von Herbiziden wie Glyphosat ohnehin schon ist.“
    und
    „Es geht um einen bewussten Abschied nicht nur von Glyphosat, sondern vom mit Chemie überfrachteten Ackerbau, den niemand mehr will […] Das ist keine kleine Aufgabe. Wenn die Machtverhältnisse in Berlin geklärt sind, muss die kommende Regierung sie angehen. Der Weg dafür ist jetzt frei.“

    Insgesamt ist der Artikel zwar nicht auf dem unterirdischen Niveau einer Silvia L., aber „wohltuend sachlich“? Najjjja…

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