Ausstiegsprämie – Lieber nicht!

Ausstiegsprämie – Lieber nicht!

Vor einer Woche hat Bauer Willi über die Sinnhaftigkeit einer Ausstiegsprämie für Schweinehalter gebloggt. Ich hab ihm bei Twitter eine ausführliche Antwort versprochen (für die Twitter nicht genügend Zeichen übrig hat) und nun folgt hier (endlich) die Antwort:

Willi vergleicht die Entschädigung für die Braunkohlekraftwerksbetreiber mit einer möglichen Entschädigung für Schweinehalter, wenn sie ihren Stall räumen.

Braunkohle und Schweinehaltung – vergleichbar?

Ich finde grundsätzlich, dass es immer schwierig ist, verschiedene Bereiche zu vergleichen. Seit vielen Jahren kriege ich folgenden Satz von Landwirten gesagt: “Autobauer produzieren doch auch nicht Autos auf Halde, die sie dann unter Wert verkaufen müssen. Wir dagegen erzeugen Milch und Fleisch usw., ohne, dass das Erzeugnis jemand braucht und unter Wert.” Der Vergleich hinkt meiner Meinung nach total und er hinkt auch beim Braunkohlevergleich.

So ein Bild gehört in einigen Jahren der Vergangenheit an.

Braunkohle ist, wie wir wissen, höchst klimaschädlich und soll darum in Deutschland auslaufen. Über dessen Sinnhaftigkeit, wenn im Ausland weiterhin Kohle verbrannt wird, lässt sich streiten. Aber es ist nun mal so beschlossen und meine rudimentären Physik- und Chemiekenntnisse lassen mich eh zu dem Schluss kommen, dass wir den Klimawandel nur ausbremsen können, wenn wir morgen mit der Verbrennung aller fossiler Brennstoffe aufhören. Nebenkriegsschauplätze wie die Emissionen in der Landwirtschaft füllen zwar Zeitungsblätter, werden aber das Problem nicht lösen.

Ok, jetzt wieder zum Thema zurück: Schweinehaltung ist nicht Braunkohle. Erstens sind wir in Deutschland nur noch geringfügig mit Schweinefleisch überversorgt. Vor der Coronakrise waren wir noch bei einem Selbstversorgungsgrad von 120 %. Mit Edelteilen konnten wir uns übrigens noch nie selbst versorgen! Seitdem ist die betäubungslose Kastration verboten und viele Schweinehalter haben aufgrund der schlechten Preise ihre Stalltür für immer geschlossen. Ferkel sind in Deutschland schon seit ewigen Zeiten Mangelware. Derzeit liegt hier der Selbstversorgungsgrad bei ca. 70 %.

Selbstversorgungsgrad sinkt trotz geringerem Verzehr

Warum soll also der Staat eine Prämie für den Ausstieg zahlen? Dürfte der dann nur an Schweinemäster ausgezahlt werden? Denn bei Ferkeln haben wir ja eine Unterversorgung? Aber die Ferkelerzeuger haben ja aktuell die größten Probleme und müssen in einigen Jahren ihre Ställe komplett umbauen.

Hier sehen wir also schon die erste Schwierigkeit: Wer kriegt wie viel Ausstiegsprämie?

Ein Hauptargument der Ausstiegsprämienbefürworter ist ja, den Markt aktuell zu entlasten. Doch eins ist klar. So eine Prämie dauert von der Forderung bis zur Umsetzung minimal ein Jahr. Sprich, alle, die ans Aufhören denken, würden bei der Chance, in einem Jahr eine Prämie zu erhalten, dieses Jahr trotz hoher Verluste noch durchhalten und somit weiterhin Ferkel und Mastschweine erzeugen. Sprich, aktuell hätte eine Ausstiegsprämie keinen Effekt. Außerdem wäre sie auch gegenüber denen ungerecht, die vor dem Aussprechen einer Prämie aufgehört hätten.

Was ich mich natürlich frage: Wer würde eine Ausstiegsprämie wahrnehmen? Eher Schweinemäster, eher Muttersauenhalter? Eher die Veredelungshochburgen im Nordwesten Deutschlands und in Niederbayern? Oder eher die Diaspora? Ehrlich gesagt befürchte ich eher die Diaspora. Dann hätte man in Regionen, wie zum Beispiel Südostoberbayern, dass ja jetzt schon fast keine Schweinehalter mehr hat, noch weniger. Was das für die ganze Infrastruktur bedeutet, wenn ich an die vor – und nachgelagerten Bereiche denke, ist klar. Eine Regionale Versorgung mit Schweinefleisch gehört dann in diesen Regionen auch der Vergangenheit an.

Wer kriegt wieviel, wofür, wie lange, warum?

Weitere Frage – welche Parameter werden verwendet. Die Tierzahl am Tag der Beantragung der Ausstiegsprämie. Die durchschnittliche Tierzahl der letzten Jahre? Die Quadratmeter Stallfläche?

In den Niederlanden gibt es ja eine Ausstiegsprämie. Hier wird geschaut, wie alt der Stall ist. Je älter der Stall ist, desto weniger Geld gibt es. Der Stall muss auch für Schweine “unbewohnbar” gemacht werden. Sprich, man darf den Stall nicht nach Erhalt der Prämie an einen Berufskollegen verpachten, der dann dort wieder Schweine hält.

Hier kommen wir langsam zu meinem “Ausstiegsprämie nein, außer…”

Innovationsprämie, ja bitte!

Willi schreibt es ja in seinem Blog: Gleichzeitig bräuchte es eine Innovationsprämie. So sehe ich es auch. Wenn in 7 Jahren das Deckzentrum auf 5 m2 je Sau umzubauen ist, wird es erste Ferkelerzeuger geben, die diesen Schritt nicht mehr machen wollen. Hier könnte man für Muttersauenhalter, deren Stall zu diesem Zeitpunkt noch keine 20 Jahre alt ist, eine Entschädigung zahlen, wenn sie aus der Schweinehaltung aussteigen. Denen, die weitermachen, zahlt man eine Innovationsprämie für den Umbau des Deckzentrums.

So muss ungefähr muss in 14 Jahren jede Abferkelbucht aussehen.

Genauso könnte man verfahren, wenn in 14 Jahren der Abferkelstall umzubauen ist. Die Frage ist, ob der Staat bereit ist, zweimal Geld auszugeben. Einmal für den Umbau in mehr Tierwohl in den Ställen, einmal für die Betriebe, die aussteigen wollen. Ich persönlich glaube nicht, dass es dafür politische Mehrheiten gibt und ich finde, lieber sollen die Betriebe von staatlichen Zuwendungen profitieren, die in die Schweinehaltung investieren, statt es denen zu geben, die sich anderweitig orientieren. Wie schon erwähnt, wenn wir in Zukunft nicht ein Importland von Schweinefleisch werden wollen, müssen wir alles daran setzen, den noch vorhandenen Schweinehaltern das Weitermachen schmackhaft zu machen.

Ausnahmesituation ASP

Eine kleine Ausnahme würde ich in Sachen Ausstiegsprämie machen: In den Gebieten, die Sperrbezirke in Sachen Afrikanische Schweinepest sind und über lange Zeit nur mit extrem hoher Mühe ihre Schweine vermarktet bekommen, wäre eine Entschädigung sinnvoll, für die, die die Nase voll haben. Denn wenn ich mir die Schweinehalter in so manchen Landkreisen in Brandenburg anschaue, die jetzt schon über ein Jahr die vielen Hürden meistern müssen, ist es leider aussichtslos, dass sich deren Situation ändert. Hier wäre eine staatliche Unterstützung mehr als angemessen.

Fazit

Wie man es dreht und wendet, ich sehe wenig Vorteile in einer Ausstiegsprämie. Durch dieses aktuelle Tal der Tränen müssen wir durch. Man hört, dass die Zahl der Besamungen in Deutschland um 25 % zurück gegangen ist. Darum ist zu erwarten, dass bald die Schlachtzahlen deutlich sinken werden, wir beim SVG unter 100 % rutschen werden und die Preise wieder steigen werden. Leider für viele Schweinehalter zu spät, sie werden ihre Tore nicht mehr öffnen. Und die, die dabei bleiben, brauchen Jahre, bis dieses Defizit wieder hereingewirtschaftet ist. Darum braucht es jetzt schnell Lösungen. 5xD ist einer von vielen Lösungsansätzen, die aktuell diskutiert werden. Wichtig wäre, dass die Deutschen wieder “Nose to tail” essen, also vom Kopf bis zum Schwanz. So wären wir weniger von Exporten von in Deutschland nicht gewünschten Teilstücken abhängig, die nur im Ausland einen guten Preis erlösen. Und natürlich: Werbung, Werbung, Werbung – aber dazu hab ich ja schon mal was geschrieben: https://blogagrar.de/oeffentlichkeitsarbeit/unsere-bayerischen-bauern/

Gerhard Langreiter

Jahrgang 1981, verheiratet, 2 Kinder, seit 2001 Ferkelerzeugung mit 170 Zuchtsauen und Ferkel bis 30 kg. Ca. 30 ha inkl. Pachtfläche und Wiesen in Bewirtschaftung, 7,5 ha Wald.

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