Wer will Bauer werden?

Wer will Bauer werden?

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Gestern habe ich per Live-Stream eine gemeinsame Ausschusssitzung des Landwirtschafts- und Umweltausschusses des Bayerischen Landtags angesehen. Es war eine Sachverständigenanhörung zum Thema Tierwohl und bei einigen Statements und Aussagen hat man sich schon gefragt, wo denn jetzt die Sachverständigen zu dem Thema sind. Aber eine Aussage von CSU-Politiker Martin Schöffel ist mir in Erinnerung geblieben: „Für mehr Tierwohl brauchen wir vor allem Tierhalter.“

Und da frage ich mich: „Woher nehmen und nicht stehlen?“ Wir erleben gerade, dass die „Babyboomer-Generation“ sich so langsam in die Rente verabschiedet. Dem gegenüber steht die nächste Generation und hier sieht es nicht unbedingt rosig aus:

Ich will hier aber nicht über das Höfesterben referieren, dass hab ich bereits hier gemacht! Sondern ich will aufzeigen, wie sich hier mal wieder unsere Gesellschaft selber widerspricht, schizophren ist. Warum unsere Gesellschaft Dinge fordert, die sie selbst nie erfüllen würde.

Nehmen wir Svenja Schulze, die sich riesig freut, dass ihr Gesetz zum Insektenschutz vom Bundeskabinett auf den Weg gebracht wurde. Sie sieht es als Chance für uns LandwirtInnen, dieses geschützten Flächen zu pflegen und dadurch angeblich Geld vom Staat zu erhalten. Oder Jost Maurin von der TAZ bemerkt auf Twitter, dass man ja die Flächen weiter bewirtschaften kann, dann halt in Bioqualität.

Das Landvolk Mittelweser hat hierzu eine lesenswerte Stellenanzeige verfasst:

Die Politik und unsere Gesellschaft geht allen Anschein nach davon aus, dass wir Bauern und Bäuerinnen weitermachen „müssen“. Dass es für uns keine Alternative gibt. Dass wir zwar kurz murren, aber dann alle Gesetze und Verordnungen umsetzen und unseren Kindern die Höfe übergeben. Nun verrate ich euch Lesern ein Geheimnis: Dem ist nicht so. Vielleicht machen die aktuellen BetriebsleiterInnen noch bis zur Rente weiter. In der nächsten Generation wird es aber auf vielen Hofstellen keine aktive Landwirtschaft mehr geben.

Warum gibt es immer weniger Hofnachfolger?

Das hat viele Gründe. Die immer schärferen Auflagen und Vorgaben der Politik sind das eine. Schlechte Preise das andere. Es kommen noch „natürliche Gründe“ dazu. Viele haben einfach keine Lust, LandwirtIn zu werden und das ist auch völlig normal. Jeder soll in seinem Leben das machen, worauf er Lust hat. Der Beruf der Eltern sollte hier keine Rolle spielen. Dann kommt noch hinzu, dass man 24/7 bereit sein muss. Vor allem in der Tierhaltung kommen die Tiere oft vor der Familie. Krank sein gibt es nicht. Und wenn man dann sieht, wie die Kinder einer Bauersfamilie alle aufs Gymnasium gehen, kommt es leider allzu oft vor, dass fachfremde Fächer studiert werden. Die Konkurrenz ist in Deutschland einfach zu groß. Es gibt jede Menge attraktivere Arbeitsplätze, als die Landwirtschaft, für hochqualifizierte Menschen.

Das wäre jetzt in einem Handwerksbetrieb kein Problem. Hier fangen immer wieder Menschen ohne elterlichen Betrieb neu an. In der Landwirtschaft gibt es sowas nur sehr selten, weil es finanziell quasi nicht leistbar ist. Und das wird über kurz oder lang zu einem großen Problem führen.

Onlinevortrag vom Umweltinstitut

Ich durfte vor Kurzem an einem Onlinethemenabend der KLJB München und Freising teilnehmen, in der ich viele Jahre aktiv mit dabei war und darum immer noch hin und wieder schaue, was die „Jungen“ so treiben. Sie haben dafür Karl Bär vom Umweltinstitut München e.V. eingeladen. Aufgrund der hanebüchenen „Studien“, die dieser Verein immer mal wieder veröffentlicht, war es für mich klar, dass ich da mit dabei sein will.

Nun ging es in seinem Vortrag nicht um diese „Studien“, sondern darum, wie eine nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft aussehen könnte. Der Referent hat viele Beispiele gebracht, u. a. die Solidarische Landwirtschaft, und erklärt dass alle die Methoden arbeitsaufwendig sind. Darum war sein Fazit: „Die Landwirtschaft der Zukunft braucht mehr Arbeitskraft.“

Solidarische Landwirtschaft

In dem Podcast „1 Thema, 3 Köpfe“ hat Julia Fritzsche auch von den Möglichkeiten der Solidarischen Landwirtschaft philosophiert. Das hört sich alles super an. Wir machen jetzt alle regionale Landwirtschaft vor Ort, Bio und pflegen noch unsere Kulturlandschaft. Ernten Mischkulturen per Hand, jäten Unkraut mit der Harke und machen uns Dünger aus Kompost.

Wer soll die Arbeit machen? Wer will Bauer werden?

Ich habe beim Themenabend der KLJB die Teilnehmer gefragt, wer es sich vorstellen könnte. Alle, die nicht aus der Landwirtschaft stammten, verneinten dies. So dürfte es auch beim Rest der Bevölkerung aussehen. Und ich muss zugeben, dass auch ich mir nicht vorstellen kann, ein so umfangreiches Gemüseangebot, wie meine Mutter es im Garten hat, zu hegen und zu pflegen. Wer will schon in der wenigen Freizeit seine Zeit in der SoLaWi verbringen. Viel lieber verbringt man die Zeit am See, in den Bergen, in der Stadt oder vorm Computer.

Das ist es – Anspruch und Wirklichkeit

Die Wirklichkeit sieht so aus, dass diese viele Handarbeit, die nötig ist, nicht von freizeitgestressten Städtern gemacht wird, sondern von Saisonarbeitskräften aus Osteuropa. Auch Biobetriebe sind nicht kleine Bauernhöfe. Sie sind im Durchschnitt mit mehr Fläche ausgestattet, als konventionelle Betriebe und brauchen für die Pflege und Ernte ihrer Kulturen auch oftmals Arbeitskräfte, die man in Deutschland nicht mehr findet. Wie dieser Betrieb hier zum Beispiel.

Wie trotz dieser Tatsachen große Teile unserer Gesellschaft meinen, dass wir mit diesen Konzepten auf dem richtigen Weg sind, ist mir ein Rätsel. Es träumt sich anscheinend zu schön und es fehlt in den Städten mittlerweile wirklich an den Basics. Zu diesen Personenkreis gehört mit Sicherheit auch unsere Umweltministerin Svenja Schulze, die allen Ernstes in ihrer Pressemitteilung schreibt, dass man Gefahr läuft, Obstbäume mit der Hand bestäuben zu müssen. Die immer noch behauptet, Glyphosat wäre schädlich für Insekten, weil es alles, was grün ist, tötet.

Hier ist einfach Hopfen und Malz verloren. Darum trinke ich es jetzt lieber. Wäre schade drum, es schlecht werden zu lassen. Prost


Hinweis: Wie in allen meinen Blogeinträgen sind in den Texten viele Links versteckt. Wenn ihr also Zeit dazu habt, klickt euch durch 🙂

Gerhard Langreiter

Jahrgang 1981, verheiratet, 2 Kinder, seit 2001 Ferkelerzeugung mit 170 Zuchtsauen und Ferkel bis 30 kg. Ca. 30 ha inkl. Pachtfläche und Wiesen in Bewirtschaftung, 7,5 ha Wald.

Related Posts

Live-Talk zum Thema Agrarmärkte

Live-Talk zum Thema Agrarmärkte

Wenn die Psyche nicht mehr mitmacht

Wenn die Psyche nicht mehr mitmacht

Tierwohl, Tierwohl, Tierwohl

Tierwohl, Tierwohl, Tierwohl

Agrarblogger- gekauft und ferngelenkt?

Agrarblogger- gekauft und ferngelenkt?

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Blog via E-Mail abonnieren

Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Schließe dich 71 anderen Abonnenten an

Neueste Kommentare

Schlagwörter

Archive

Neueste Beiträge

Kategorien

Unterseiten

Wir weisen darauf hin, dass wir Google-Analytics verwenden.