Schweinerei in Hoisdorf

polemik_hoisdorf_editIn Hoisdorf, Schleswig-Holstein, möchte ein Landwirt einen Schweinemaststall errichten. 1460 Plätze. Es folgt, was in letzter Zeit scheinbar unausweichlich ist: Es formiert sich eine Bürgerinitiative (Keine Schweinereien in Hoisdorf). So weit so gut, denke ich aus dem räumlich entfernten Emsland, mit sachlicher Aufklärungsarbeit ließen sich doch sicher im Raum stehende Bedenken und Ängste beseitigen.

Sachargumente haben keine Chance

Doch weit gefehlt! Die Positionen verhärten sich. Bürgerversammlungen (hier der Aufruf) geraten zum Showdown, in denen Sachargumente keine Chance haben. Im Gegenteil: auch die Politik bzw. die Opposition (und in dieser befindet sich die örtliche CDU) spielt sich zum Anwalt der Stallgegner auf.
Gestern wurde die nächste Stufe der Eskalation gezündet: Eine Morddrohung gegen den Sohn des bauwilligen Landwirts!

Eine Morddrohung! Wie konnte es so weit kommen?

Immer mehr NGOs aus dem Naturschutz, Umweltschutz, Tierschutz und Tierrecht haben längst festgestellt, dass die Profilierung auf Kosten der kleinen Minderheit der „klassischen Landwirte“ auch finanziell lohnend ist. Hinzu kommt, dass Bündnis90/Grüne, das Thema Agrarwende ganz nach oben auf ihre politische Agenda gehoben haben. Auch mit Erfolg- zumindest hat es den Eindruck. Denn komplettiert wird das Dreiecksspiel mit vielen Medien, die ebenfalls das Thema Landwirtschaft für sich entdeckt haben. Dabei wird von allen Akteuren gerne polemisiert, Ängste geschürt und weniger aufgeklärt.
Diese Gemengelage kennen wir Landwirte.

Wo bleiben die Fürsprechen aus Wissenschaft, Politik und Medien?

Deshalb versuchen wir (die unter Dauerbeschuss befindlichen Landwirte) mit einer Vielzahl von Projekten einen Gegenpol zu setzen und hoffen auch auf Fürsprecher aus den Bereichen der Wissenschaft, der Medien und auch der Politik. Für sehr viele Landwirte ist bisher die Partei der CDU bzw. CSU die klassische Partei des ländlichen Raumes, die sich auch in angemessener Weise für die Belange der Landwirtschaft einsetzt.

Die CDU agiert immer öfter populistisch

W. Andresen (c) CDU Hoisdorf
W. Andresen (c) CDU Hoisdorf

Leider verkommt die CDU immer mehr zum Trendfolger der von den Medien geprägten öffentlichen Meinung. Es geht natürlich auch immer um Wählerstimmen und wenn man in der Opposition ist, wie die CDU in Hoisdorf (auch sie wollen den Maststall verhindern), muss man sich anscheinend auch nicht so sehr mit den Fakten beschäftigen. Da hat der Populismus absoluten Vorrang!
Ganz eindrucksvoll geht das aus dem E-Mail-Verkehr des CDU-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Andresen mit Landwirt Matthias Everinghoff hervor:

Von: Matthias Everinghoff
Gesendet: Dienstag, 7. Oktober 2014 21:22
An: wolfgang-andresen@xx.de
Betreff: Ihr Schreiben zur Mastanlage in Hoisdorf

Sehr geehrter Herr Andresen,

mit ihrer Haltung zu dieser Mastanlage und ihrer polemischen Darstellung der Folgen, entlarven sie sich und ihren Ortsverband als Stimmenfänger in grünen Gefilden. Ich bin selbst Landwirt und CDU-OV-Vorsitzender und bin ob ihrer Haltung fassungslos. Bisher dachte ich immer in der CDU als Landwirt gut aufgehoben zu sein, aber solch ein Umgang mit dem Bauvorhaben eines Berufskollegen, lässt mich daran zweifeln. Haben sie sich einmal mit den Gründen für diesen Bau befasst? Haben sie einmal darüber nachgedacht wie viele Schweine ein Landwirt mästen muss, um eine Familie zu ernähren? Haben sie einmal darüber nachgedacht wie es dem Landwirt geht, so an den Pranger gestellt zu werden? Haben sie darüber nachgedacht, dass ein Teil ihrer Argumente schlicht die Unwahrheit sind? Sie sollten wirklich darüber nachdenken, ob der von ihnen und ihrem
Ortsverband beschrittene Weg der richtige ist, um Stimmen zu bekommen.
Mit freundlichen Grüßen,

Matthias Everinghoff

P.S.: Ich kenne sie nicht und habe auf keinen Fall etwas gegen sie persönlich, kann einen solchen Umgang mit dem Bauvorhaben eines Berufskollegen durch die CDU kaum tolerieren.

Darauf wurde durchaus freundlich geantwortet:

Sehr geehrter Herr Everinghoff, vielen Dank für Ihre Email. In dieser Mail werden verschiedene Aspekte angesprochen die einmal Sie als Landwirt betreffen, aber auch die Kommunalpolitik wurde erwähnt.
Zunächst möchte ich Stellung nehmen zu Ihren Einlassungen als Landwirt:

1) Ich kann beim besten Willen nicht erkennen polemisch auf die geplante Schweinemast reagiert zu haben. Siehe beiliegenden Flyer. Unser Hauptaugenmerk gilt zum jetzigen Zeitpunkt die Infrastruktur bzw. Zuwegung. Es müssen immerhin binnen eines Jahres 4.500 Mastschweine zum Schlachter gefahren werden und das bedeutet zwangsläufig eine Zufuhr von 4.500 Ferkel plus 1.200 Tonnen Kraftfutter. Das aus gemeindlicher Sicht auf
eine korrekte Straßenanbindung geachtet werden muss liegt auf der Hand, zumal auch noch 127 ha mit schwerem Gerät bewirtschaftet werden sollen.
2) Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass wir Aussiedlungswünsche unterstützen, jedoch keine Massentierhaltung.
3) Ich bin der Meinung, dass die Presseartikel über die Schweinemast in Hoisdorf ebenfalls nicht polemisch abgefasst wurden sondern es wurde ausgewogen berichtet.
4) Richtig ist jedoch, dass zunehmend in der Presse und im Fernsehen generell über Massentierhaltung berichtet wird. Diese Bilder stoßen in breiten Kreisen auf Entsetzen, weil Nutztiere als industrielle Massenware degradiert werden. Dies geht mit Tierquälerei Hand in Hand. Bedanken können Sie sich bei Ihren Berufskollegen die offensichtlich jedes Maß verloren haben.
5) Zum Thema Gülle füge ich diesem Schreiben einen Leserbrief von Dr. Keller bei. Dieser spricht für sich. Anmerken möchte ich noch, dass in Deutschland ca. 15.000 Menschen wegen dieser residenten Keime sterben müssen.
6) In vielen Regionen Deutschland, auch im Kreis Stormarn, wird der empfohlene Richtwert für Nitrat um das 4fache überschritten. Deutschland ist das Schlusslicht mit der Nitratbelastung im Grundwasser und die EU Kommission erwägt vor dem Europäischen Gerichtshof zu klagen.
7) Deutschland (Industrieland- flächenmäßig klein) hat sich in nur wenigen Jahren zum zweit stärksten Schweinefleischexporteur nach den USA entwickelt. Das erklärt die rasante Entwicklung der MRSA-Keime und die Nitratbelstung im Grundwasser.
8) Herr Elbers wird nach dem Verkauf seiner Hofstelle direkt am Naturschutzgebiet und den Verkauf von 20.000 qm Bauland sicherlich auch andere Möglichkeiten finden, um in der Landwirtschaft tätig zu sein. Zumal er auch noch 127 ha bewirtschaftet.
9) Nicht Herr Elbers wird an den Pranger gestellt, sondern die Massentierhaltung mit allen seinen negativen Erscheinungsformen.
10) In Schleswig-Holstein gibt es einmal im Jahr den Tag des offenen Hofes. Warum beteiligt sich kein Massentierhalter an dieser Aktion?

Jetzt meine Antworten zum Kommunalpolitiker:

1) Die nächste Kommunalwahl findet erst wieder im Sommer 2018 statt. Es kann also kaum um Stimmenfang gehen, sondern es ist eine Herzensangelegenheit unseres Ortsverbandes.
2) Wir wurden durch eine Unterschriftensammlung gebeten Klarheit zu schaffen und die Bevölkerung Hoisdorfs umfassend zu informieren. Das haben wir getan.
3) Daraus entwickelte sich eine Unterschriftenaktion, wenn auch völlig unkoordiniert, aber immerhin über 900 Unterschriften wurden gesammelt. Ausnahmslos fast jeder Bewohner, sofern er zu Hause angetroffen wurde, hat unterschrieben. Ich vermute annähernd 90 % der Bewohner sind gegen dieses Vorhaben.
4) Zur Zeit gibt es noch keine Bürgerinitiative gegen die Schweinemast, ist aber in der Planung. Sie wird aktiv, sobald der Bauantrag gestellt wird.
5) Kein Kommunalpolitiker kann sich auf Dauer gegen den Willen der Bevölkerung stellen. Wir sind gewählt worden, um die Interessen der Wähler wahrzunehmen und dürfen das Wohlergehen eines Einzelnen nicht als Ziel setzen. Das wäre das Ende jeglicher Parteiarbeit an der Basis.
Auf der anderen Seite sehe auch ich die vielschichtige Problematik sehr wohl. Die Landwirtschaft produziert was der Verbraucher offensichtlich will, billiges Fleisch. Es findet aber zur Zeit ein Umdenken statt, weg von der industriellen Massentierhaltung hin zur respektvollen, weniger effizienten aber artgerechten Tierhaltung. Wie hieß es gestern so schön im Fernsehen, wir allein sind nur ein Strohfeuer, aber wenn viele Feuer folgen, wird ein Umdenken in der Bevölkerung stattfinden.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Andresen

Darauf antwortet der junge Familienvater und Milchbauer aus dem Emsland:

Betreff: Re: Ihr Schreiben zur Mastanlage in Hoisdorf
Datum: Wed, 08 Oct 2014 20:19:12 +0200
Von: Matthias Everinghoff
An: Wolfgang Andresen <wolfgang-andresen@xx.de>

Sehr geehrter Herr Andresen, ich danke ihnen für ihre schnelle Antwort und für den angenehmen Ton, den sie wählen. Ich sehe mich aber gezwungen Einiges richtig zu stellen:
Mein Wohnort liegt im südlichen Emsland, einer der Hauptveredelungsregionen Deutschlands. Betriebe in der genannten Größenordnung, sind hier eher die Regel, denn die Ausnahme (selber betreiben wir einen Milchviehbetrieb). Von daher kenne ich mich mit den von ihnen angefügten Argumenten bestens aus.
zu 1. Die Last für die Straße zu erwähnen ist lächerlich. 1200 t hört sich nach viel an, bedeutet aber, dass jede Woche ein voller LKW die Straße passiert. Die Straßen, die das nicht aushalten sind in einem erbarmungswürdigen Zustand.
zu 2. Wo fängt bei ihnen die Massentierhaltung an? Sie haben sich bisher nur zur Menge und nicht zur Art der Haltung geäußert.
zu 3. Ausgewogen, wäre abzuwägen und nicht weiter unbegründete Ängste zu schüren ( s. Straße, N-Problematik, vermeintliche Tierquälerei etc.)
zu 4. Richtig ist, dass einige Organisationen zum Spendensammeln auf diese Bilder angewiesen sind. Richtig ist, dass viele Bilder gestellt wurden. Richtig ist, dass es in fast keinem Fall nach Bildern zu Anzeigen kam, um den Behörden die Möglichkeit zur Kontrolle zu geben. Richtig ist industrielle Tierhaltung (was auch immer das ist) geht keinesfalls immer Hand in Hand mit Tierquälerei, die Landwirt sind sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Mitgeschöpf durchaus bewusst.
zu 5. Gülle ist, richtig eingesetzt, ein überragender Mehrnährstoffdünger der dem Boden auch noch Humus zuführt.
zu 6. Vergleichen sie bitte die Karten der Überschreitungen mit den Viehhaltungsdichten der Regionen. Sie werden keine Übereinstimmung finden. Ferner ist das deutsche Kontrollnetz so angelegt worden, um hohe Werte zu produzieren.
zu 7. Warum beschweren sie sich nicht darüber, dass Deutschland so ein großer Autoexporteur ist. Die verpessten die Luft noch mehr als es die Produktion von Schweinefleisch macht. Die rasante Entwicklung der MRSA-Keime wird natürlich alzugern der Landwirtschaft in die Schuhe geschoben. Fakt ist: Nur ein Bruchteil der MRSA-Erreger ließen sich per
PCR auf die Landwirtschaft zurückführen. Die meisten werden von Urlaubern importiert oder entstehen durch Krankenhausabwässer oder falschen Umgang mit Humanantibiotika. Die meisten MRSA-Fälle in Niedersachsen gibt z.B. in den städtischen oder Ackerbauregionen, aber nicht in den Hauptveredlungsregionen des Nordwestens.
zu 8. Haben sie denn mit Herrn Elbers direkt gesprochen?
zu 9. Die Art und Weise ihrer Informationen machen den Landwirt gewollt oder ungewollt zur Zielscheibe. Fragen sie einmal die Kinder solcher betroffenen Bauern.
zu 10. Bei uns im Emsland beteiligen sich regelmäßig große Hähnchen-, Puten-, Schweine- und Bullenmastbetriebe am Tag des offenen Hofes, Stallführungen inklusive. Warum das in SH nicht der Fall ist vermag ich nicht zu sagen. Sollten sie aber mal in der Nähe sein, so kontaktieren sie mich gerne und ich werde Führungen durch jedwede Art von Tierhaltung möglich machen.

Jetzt zu ihren Kommunalpolitischen Aspekten:
zu 1. Das Argument Stimmenfang ganz beiseite zu lassen ist nicht richtig, denn wenn es eine reine Herzensangelegentheit wäre könnte sie auch als Privatperson auftreten. Zudem verlangen auch Herzensangelegenheiten und gerade diese fair dem Anderen gegenüber zu bleiben. Diese Fairness unterbleibt, wenn sie Meinungen statt Fakten verbreiten.
zu 2. Informationen sollten auf einer sorgfältigen Faktenrecherche beruhen und nicht auf Meinungen
zu 3+4+5. Unwissenheit zu solch einer Thematik und Panikmache führen momentan angesichts der aktuellen Medienhetze gegen konv. Landwirtschaft leicht zu solchen Ergebnissen. Aufgabe der Politik ist solch einem Sturm zu widerstehen und Fakten Geltung zu verschaffen. Wo liegen denn die Nachteile für die Bevölkerung?

Angesichts der Reportage gestern abend, sollten sie nicht vergessen, dass es Strohfeuer sind und letztlich der Geldbeutel wieder die Entscheidung zu günstigerem Fleisch fällt. Nur wird es dann nicht mehr unter kontrollierten Bedingungen ohne Hormone aus Deutschland kommen, sondern vielleicht aus den USA oder Brasilien ohne vor Ort-Kontrolle. Vernünftig wäre, sich nicht über die Zahl der Schweine zu unterhalten, sondern über deren Haltungsbedingungen (Googeln sie bitte Pigpoort oder Nürtinger Ferkelbetten) oder über deren Auswirkung auf die Umwelt (z.B. Luftwäscher). Das wäre Fairness: Sich gemeinsam über einen möglichen Weg zu unterhalten und die Emotionen aus diesem Thema zu nehmen.In einer zweiten Mail werde ich verschiedene Belege meiner Fakten hinterher schicken.Herr Andresen ich hoffe sie suchen den Weg der Diskussion und des Ausgleichs und versuchen das Ganze auf einer sachlichen Ebene zu lösen.

Mit freundlichen Grüßen,

Matthias Everinghoff

Weiterhin versendete Everinghoff eine Mail mit ausführichen Informationen zu den Falschinformationen des CDU-Fraktionsvorsitzenden in Hoisdorf. Diese ist hier einsehbar.
Daraufhin antwortet Andresen:

Betreff: AW: Fakten
Datum: Sat, 11 Oct 2014 14:28:10 +0200
Von: Wolfgang Andresen <wolfgang-andresen@xx.de>
An: Matthias Everinghoff

Moin Herr Everinghoff, ich habe alle Ihre Fakten sorgfältig gelesen, komme ziehe meine Quellen jedoch vor. Es handelt sich um die „Die Zeit“ „Der Spiegel“ „Focus“ „Die Welt“ und den NDR.

Ich werde mich bei allen Verhandlungen nur auf die Zuwegung konzentrieren. Hier ist die Rechtslage offensichtlich eindeutig. Die Straße an dem die Mastanlage gebaut werden soll, ist ein landwirtschaftlicher Weg, teilweise sogar nur Wassergebunden. Über diesen Weg sollen 9000 Schweine transportiert werden, 1100 Tonnen Kraftfutter, 4200 Tonnen Gülle, sowie ab jetzt 127 ha mit schwerem Gerät bewirtschaftet werden. Ohne einen kostspieligen Ausbau geht das wohl wirklich nicht.

Gruß

Wolfgang Andresen

An dieser Stelle endet die mir vorliegende Konversation. Faktenresistenz scheint nicht nur bei „grünen“ Politikern verbreitet zu sein.
Fest steht: Der auf Meinungen und Stimmungen basierende grüne Mainstream breitet sich immer weiter aus. Das ist zur Zeit für die klassische Landwirtschaft ein riesen Problem. Wenn da nicht langsam andere gesellschaftliche Gruppen und auch Parteien Widerstand leisten, wird die grüne Propaganda und Regulierungswut nicht bei der Landwirtschaft enden!
Aussitzen oder gar Mitschwimmen kann nicht die richtige Lösung sein!

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