„Sonderangebot = Ramsch?“

Sonderangebote für Fleisch haben oft einen schalen Nachgeschmack: Je billiger das Fleisch, desto grausamer die Haltungsbedingungen. So will es zumindest der Mainstream. Tierärztin und leidenschaftliche Schweinehalterin Nadine Henke von den Brokser Sauen hat die Zusammenhänge mal in einem Blogpost auseinandergeklamüsert. Auslöser für die kleine, aber feine Analyse war Edeka: Bei unfassbaren 0,15 Euro je 100 g Hähnchenschenkel sorgte die Rabattaktion des Supermarktes bundesweit für Empörung sowie einiges Rauschen im Blätterwald.

Screenshot Edeka-Beilage
Die Übeltäterin: der Edeka-Montagsknüller

Am Ende kam es, wie es oft kommt, wenn mal genau hinschaut: Wieder einmal segnete eine heilige Kuh das Zeitliche.  Nadine Henke hat mir erlaubt, ihren Beitrag bei BlogAgrar online zu stellen. Also

Vorhang auf für: „Sonderangebot = Ramsch?“

Jedes Wochenende kommt die Sonntagszeitung mit jeder Menge Beilagen des Lebensmitteleinzelhandels. Mit Sprüchen wie „jetzt sparen“, „der Montagsknüller“, „der Super Framstag“, „reduzieren Sie selber“usw. lockt der LEH die Kunden. Nur gerade die Sonderangebote für Lebensmittel stehen hier in der Kritik. Gerade letzte Woche sorgte EDEKA mit seinem „Montags-Knüller“ für Diskussion im Netz: 100g Hähnchenschenkel, von Betrieben, die an der Initiative Tierwohl teilnehmen, für 0,15€.

Viele Fragen, die wir uns stellen…

  1. Wie kommt dieser Preis zu Stande?
  2. Wie ist die Qualität dieses Produktes?
  3. Was erhält der Landwirt?
  4. Wieviel Tierwohl ist bei diesem Preis zu erwarten?

Fakt 1: der Preis ist eine Mischkalkulation

Es wird ein Tier geschlachtet. Dieses kann nun wahlweise als komplettes Tier vermarktet werden oder in Teilstücken. Bei einer Vermarktung in Teilstücken, gibt es Teilstücke, die sehr beliebt sind (z.B. beim Hähnchen die Brust) und weniger beliebte Teilstücke (wir z.B. die Hähnchenschenkel). Wenn nun ein Tier in Teilstücken vermarktet wird, muss der Erlös alller Teilstücke die Erzeugung und die Schlachtkosten decken. Das ist eine sogenannte „Mischkalkulation“. Wenn nun zu viele Hähnchenschenkel auf dem Markt sind, die nicht abgerufen werden, kann es durchaus sinnvoll sein, diese zu „verramschen“, denn die Alternative wäre sie wegzuwerfen.

Fakt 2: die Qualität bleibt gut

Tiere, die in Deutschland geboren, gemästet und geschlachtet sind, sind von guter Qualität. Nur weil ein Teil des Hähnchens günstig abgegeben wird, heißt das nicht, dass das Produkt eine schlechte Qualität hat, sondern nur, dass gerade zu viel dieses Teilstückes auf dem markt ist.

Fakt 3: der Preis des Landwirts bleibt

Der Landwirt erhält einen Schlachtpreis. Dieser wird pro kg Schlachtgewicht ausgezahlt und steht zunächst nicht in einer Korrelation mit dem Schlachtpreis. Wenn jedoch gewisse Teilstücke gar nicht abzusetzen sind, verändert sich die Mischkalkulation des gesamten Tieres (s.o.), so dass sich dann auch der Erzeugerpreis verändert.

Fakt 4: trotz Angebot geht Geld in den ITW Topf

Bei der Initiative Tierwohl zahlen Betriebe des Lebensmitteleinzelhandels pro verkauftem Kilogramm Schweine- und Geflügelfleisch und -wurst 6,25 Cent an die Initiative. Mit diesem Geld werden Tierhalter für die Umsetzung von Tierwohlmaßnahmen honoriert. Auch für jedes verkaufte kg Hähnchenschenkel aus dem „Montagsknüller“ zahlt EDEKA 6,25 Cent an die Initiative.

Manchmal ist Marktwirtschaft doch ein Arschloch

Auch wenn es uns nicht passt, und wir aus tiefster Überzeugung wissen, dass unsere Produkte „mehr wert“ sind, so regelt dennoch Angebot und Nachfrage den Preis. Und ganz nüchtern betrachtet ist dann ein Kaufen zum billigen Preis besser, als das Produkt im Regal liegen zu lassen. Also, scheut Euch nicht – greift ruhig zu – denn auch mit dem Kauf dieser Hähnchenschenkel unterstützt Ihr ein Mehr an Tierwohl.

Soweit der Blogpost „Sonderangebot = Ramsch?“ von Nadine Henke.

Fazit

Zum Schluss ist es mir ein Anliegen, auf  einen Leserbrief an die Brokser Sauen hinzuweisen. Ich habe ihn unten eingefügt. Grund?

Preiswerte Nahrungsmittel sind auch im reichen Deutschland für viele Menschen ein Segen. Weil sie mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Ein Faktum, das meines Erachtens viel zu oft untergeht. Leider.

Screenshot Leserbrief
Preiswerte Lebensmittel sind ein Segen.

18 Gedanken zu „„Sonderangebot = Ramsch?“

  1. Nur zwei Fragen:
    Was ist, wenn die Hähnchenschenkel aus den Tierwohl- teilnehmenden Betrieben aufgebraucht sind ?
    Welche Instanz kontrolliert eigentlich ob die Hähnchen auch tatsächlich aus Tierwohl-
    teilnehmenden Betrieben stammt.

    1. Bei der Initiative Tierwohl werden die Tiere, die geschlachtet werden, beim Schlachthof angemeldet, so dass die wissen, welche Tiere aus ITW Betrieben stammen. Der Mäster bekommt auch nur für die Tiere, die geschlachtet wurden, das Tierwohlgeld. Die ITW Betriebe werden von unabhängigen Kontrolleuren auditiert – die auditierten Betriebe sind dann natürlich auch gelistet, so dass ein Abgleich zwischen Schlachthof und ITW möglich ist. Beim Geflügel ist das Ganze noch einfacher als beim Schwein, weil hier normalerweise stallweise die Tiere zum Schlachthof gefahren werden. Wenn diese Hähnchenschenkel „aufgebraucht“ sein sollten, sollte EDEKA und auch andere LEHs andere Schenkel auch nicht als ITW bewerben.

    2. Antwort an Herrn Richard
      1.: Dann endet das Somderangebot (War eh nur in wenigen Läden).
      2.: Das würden die NGOs sofort aufdecken und im TV käme ein Skandalbericht. Kein Vertrauen?

  2. Es kann nicht sein, dass in Deutschland Sozialpolitik auf Kosten der Landwirtschaft gemacht wird! Gute Lebensmittel haben ihren Preis, und ich kann KollegInnen nicht verstehen, die auch noch stolz darauf sind, billig zu produzieren. Ich habe noch nie einen Vertreter einer anderen Branche gehört mit der Aussage „Gut, dass unsere Produkte/Dienstleistungen so billig sind, dass arme Menschen sie sich leisten können.“ Alles was billig ist, wird automatisch nicht wertgeschätzt. Wenn die Regelsätze oder die Minirenten nicht ausreichen, um sich davon zu angemessenen Preisen zu ernähren, dann sich sie schlicht zu niedrig und müssen angehoben werden.

    1. Naja, dann erleben Sie hier die erste, die das sagt – ich bin stolz darauf, dass wir qualitativ hochwertige Nahrungsmittel produzieren können, die sich auch jeder leisten kann. Und wir Landwirte sollten wenigstens ehrlich bleiben – in wie vielen Landwirtschaftshaushalten steht denn die „gut & günstig“ Ware anstatt das Markenprodukt? Wie viele Landwirtsfamilien gehen denn ebenfalls zum Discounter einkaufen? Sind wir denn diejenigen, die nur bei Kollegen im Hofladen kaufen? Wer sich hier zu 100% freisprechen kann, der werfe doch bitte den ersten Stein.

      1. Die Produktqualität der billigen Massenware mag ja in Ordnung sein, liebe Nadine Henke, aber die Qualität des Produktionsprozesses wird immer weniger akzeptiert. Das viele Verbraucher und auch viele Landwirtsfamilien trotzdem billig kaufen, liegt in der menschlichen Natur. Gäbe es das Billigprodukt gar nicht, würden Lebensmittel nach den Wünschen der Gesellschaft erzeugt und wären im Laden generell etwas teurer, würde sich kein Mensch beschweren. Leider sind es viele Landwirte selbst und ihre „Interessenvertreter“, die der Billigproduktion oder netter ausgedrückt Kostenführerschaft das Wort reden, da sind Sie leider keineswegs die erste oder einzige. Außerhalb der Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft gibt es keine andere Branche, die so argumentiert.

        1. Würden Lebensmitteln nach den Wünschen erzeugt, die in den Verbrauchern durch Grünen-Politiker, NGOs und Medien geweckt wurden, hätten wir noch einen Selbstversorgungsgrad von unter 50%. Aber egal, wie hoch er tatsächlich wäre.. das Ausland springt in die Lücke. Mit Produkten, die NICHT nach unseren jetzt schon hohen Standards erzeugt wurden. Aber billig sind.

          1. Man kann Standards natürlich auch setzen und verbindlich machen, Herr Böhrer. Wenn man denn ein Interesse an Qualitätsproduktion und kostendeckenden Preisen für seine Kollegen hat…

        2. Wo redet Frau Henke der Billigproduktion das Wort? Sie hat von Marktwirtschaft gesprochen. Davon, dass Angebot und Nachfrage den Preis regeln. Womit sie bloß eine Tatsache festgestellt hat. Aus dem Grund sind preiswerte Lebensmittel auch kein Instrument der Sozialpolitik.

          Persönlich bin ich immer wieder verwundert über die bundesweite Empörung über preiswerte Lebensmittel. Die Menschen wollen preiswert kaufen, es liegt in unserer Natur, das Geld zusammen zu halten. Das treffen Sie doch überall an. Selbst bei Premiumware vergleichen wir bzw. versuchen gerne, etwas vom Preis herunterzuhandeln.

          Ein weiterer Punkt ist, dass Deutschland Discounterland ist. Wir (bzw. natürlich die Brüder Albrecht) haben das Geschäftsmodell in den Nachkriegszeiten aus der Taufe gehoben. Zwei bis drei Generationen sind damit groß geworden, dass Lebensmittel nicht viel kosten. Gewohnheiten sterben schwer, erst recht, wenn sie unsere täglichen Ausgaben betreffen.

          1. Selbst die Gewerkschaft NGG haben wir auf unserer Seite, Frau Anneliese:

            https://www.topagrar.com/news/Home-top-News-2-19-Euro-fuer-600-Gramm-Nackensteak-9404318.html

            Ich finde das bemerkenswert. Um so befremdlicher, dass auf diesem Blog Landwirte bzw. solche, die deren Sachwalter sein wollen, mit aller Macht dem Discountersystem und der Billigproduktion das Wort reden. Solche Verhältnisse sind doch nicht gottgegeben, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen miserablen Interessenvertretung. Jetzt hätten wir die Chance, im Schulterschluss mit der Gesellschaft eine Wende zu vollziehen. Wir müssen es nur wollen!

          2. Natürlich ist das Discountersystem nicht gottgegeben. Es ist das Resultat des verlorenen Krieges. Bis weit in die 1960-iger, teils darüber hinaus mussten die Menschen ihre Gürtel enger schnallen. Gewohnheiten, zudem wenn sie finanziell vorteilhafter Natur sind, sterben schwer.

            Ich rede auch nicht den Discountern das Wort. Ich sehe bloß die vielen Zwänge, die es m.E. utopisch machen, dass die Menschen in der Breite freiwillig mehr Geld ausgeben. Und ich sehe die Vorteile, die preiswerte Lebensmittel haben. Ich sehe den Markt.

            Ich bin übrigens immer ganz irritiert, dass preiswerte Lebensmittel bzw. preiswertes Fleisch so ungleich moralisch aufgeladener sind als die Klamotten von Primark oder H & M.

        3. „Die Produktqualität der billigen Massenware mag ja in Ordnung sein, liebe Nadine Henke, aber die Qualität des Produktionsprozesses wird immer weniger akzeptiert“ – ist das denn wirklich so? Ich kann mich daran erinnern, dass im letzten Jahr Milch und Milchprodukte für sehr niedrige Preise verkauft wurden, inkl. Biomilch. Trifft Dein Satz da auch so zu? Oder gilt das nun ausschließlich für intensive Geflügel- und Schweinehaltung? Ich finde es schade, dass gerade unter den Landwirte dieses auch immer wieder und immer weiter angetrieben wird. Denn ich muss sagen, ich habe ganz andere Erfahrungen gemacht – wir bewirtschaften unseren Betrieb definitiv intensiv – nur jeder, der bislang bei uns war, hat das akzeptiert. Wir sind nur deswegen in die Direktvermarktung eingestiegen – weil viele unserer Besucher gefragt haben, wo sie denn nun unser Fleisch kaufen könnten. Einer hat uns allen Ernstes gefragt, warum wir denn nicht unsere Produkte als „Bio“ vermarkten. Also, ich kann dem nicht zustimmen.

          1. Milch und Milchprodukte waren 2015/16 sehr billig, weil es durch Produktionssteigerung einiger Kollegen infolge des Quotenendes ein strukturelles Überangebot gab. Das ist auf dem Schweinefleischsektor ja leider ein Dauerzustand. Biomilch ist aber in diesem Zeitraum keineswegs billiger geworden, ganz im Gegenteil, die Biomilchpreise sind entgegen dem konventionellen Trend sogar noch gestiegen. Das lag daran, dass Biomilch einerseits knapp war und andererseits eine hohe Bereitschaft der Kunden bestand, die angemessenen Preise für die erwünschte Produktionsform zu zahlen, egal, wie billig die No-Name-Ware im Supermarkt angeboten wurde.
            Wie jemand auf die Idee kommen kann, eure Produkte als Bio zu vermarkten, erschließt sich mir nicht.

    2. Natürlich wollen Bauern gute (sprich: hohe) Preise für ihre Erzeugnisse erlösen. Und ich stimme mit Dir darüber ein, dass gute Lebensmittel ihren Preis haben sollen.
      Aber es ist auch eine (oft vergessene) gesellschaftliche Leistung, dass auch Einkommen-schwache Schichten sich qualitativ einwandfreie Lebensmittel leisten können.
      Natürlich üben die Discounter ordentlich Druck auf die Marktpartner der Landwirte aus, die wiederum gerne den Druck nach unten weitergeben- auch dass muss man kritisieren.
      Aber wie in diesem besprochenen Fall muss man auch hier differenzieren. Es handelt sich bei den Schenkeln um ein weniger nachgefragtes Produkt. Das Brustfilet beim Hähnchen ist sehr begehrt und hier wird die größte Wertschöpfung erzielt. Aber es fallen mit jedem Hähnchen auch Schenkel und Flügel an, die der Verbraucher in Deutschland -aus welchem Grund auch immer – nicht gerne einkauft. Bevor diese in Auslandsmärkten vermarktet werden, ist es doch nicht verkehrt, diese in Deutschland an den Verbraucher zu bringen. Und das geht nun mal mit einem Lockangebot am Besten. Am Ende ist es eine Mischkalkulation.
      Und ganz wichtig: Es ist eben NICHT so, dass niedrige Preise automatisch schlechte Haltungsbedingungen bedeuten- auch das will uns der Artikel von Nadine Henke sagen!
      Ich denke, wir sind uns einig darin, dass wir in Deutschland wieder die ganze Verwertung des Tieres anstreben sollten. Die “ from Nose to Tail“ – Initiative finde ich jedenfalls sehr gut. Dafür braucht es Aufklärung und Information. Und natürlich etwas mehr Kochkunst. 😉

      1. Sehr ausgewogen geantwortet, Bernhard.
        Ich gebe aber eines zu bedenken: Niedrige Preise bzw. das Rattenrennen um Kostensenkung, Wachstum und Intensivierung haben uns genau die Akzeptanzprobleme eingebrockt, unter denen wir jetzt leiden. Gerade im Emsland sind diese mit Händen zu greifen. Da muss eine echte Umkehr stattfinden, hin zu einer gesellschaftlich wieder akzeptierten Wirtschaftsweise mit deutlich besseren Erzeugerpreisen. Ich denke, das ist dir letztlich auch bewusst. Im Rennen um den günstigsten Preis werden wir deutschen Bauern unseren weltweiten Konkurrenten unterliegen.

    3. @Herrn Ilchmann. Was an „weniger beliebte Teilstücke“ waren Sie nicht in der Lage, zu verstehen? Soll man die Leute zwingen, diese Teile mit der Brust zusammen zu kaufen (wonach die dann zuhause weggeschmissen würden) ? Oder soll man sie gleich selber wegschmeißen? Oder nach Afrika schicken?

      1. Mein lieber Böhrer, ich fände einen höflicheren Ton angemessen, aber das nur nebenbei. Seit wann gehören denn Hähnchenschenkel zu den unbeliebtesten Teilstücken? Da geht es doch wohl eher um Hälse, Innereien, Füße u.ä. Diese Teile werdene ja in der Tat zum Teil nach Afrika geschickt.

        1. Da hat der Jochen jedoch recht. Ich durfte vor gar nicht allzu langer Zeit eine größere Hähnchenschlachterei besuchen. Dort wurde uns ebenfalls gesagt, dass Hähnchenschenkel äußerst schwer zu guten Preisen zu vermarkten seien. Sie würden für 1kg Hühnerfüße mehr Geld erlösen als für 1kg Schenkel. Das fand ich auch äußerst verwunderlich, muss ich gestehen.

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