Agrarblogger Bernhard Barkmann vor der Tür des Bullenstalles, die mit einem großen Regenbogen verziert ist

Wie sind Stickstoff-Überschüsse zu bewerten?

In der FAZ vom 1.Oktober 2015 erschienen acht Artikel über Landwirtschaft und Ernährung. Georg Keckl macht sich ein paar Gedanken zu den Berichten und Artikeln. Dieses ist fünfte Teil der kleinen Serie:

1.05 Überschüsse, die gar keine sind

„Der Entwurf für die Düngeverordnung sieht vor, dass Landwirte 60 Kilogramm Stickstoff je Hektar und Jahr ausbringen dürfen. Laut Venohr entspricht dieser Wert dem wissenschaftlichen Konsens. Die 120 Kilogramm, von denen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder in Nordrhein-Westfalen aber teils die Rede ist, seien jedoch „definitiv zu viel”, sagt er.“ ZITAT FAZ

So einen Begrenzung gibt es nicht und die ist auch nicht vorgesehen! Im Prinzip darf der Landwirt so viel Stickstoff ausbringen, wie er für die Kultur für richtig hält (fachliche Praxis). Der Dünger kostet Geld, wird also kaum verschwendet, und bei zu viel Stickstoff kippt oft der Ertrag. Nur bei dem „organischen Düngern“ gibt es eine Begrenzung, denn da sind die „Entsorgungskosten“ schon in der Vergangenheit so hoch geworden, dass stellenweise auf hofnahen oder Eigenflächen grob überdüngt wurde und deshalb der Gesetzgeber reagiert hat. Deshalb gibt es da schon lange Begrenzungen. Die sollen es jetzt auch für Biogassubstrat gelten. Der Stickstoffzufluss aus Gülle, Mist, Kompost und Biogassubstrat darf die Summe von 170 kg Stickstoff pro Hektar nicht mehr überschreiten. Die 60 kg Stickstoff pro Hektar beziehen sich auf die „erlaubten Stickstoffüberschüsse“ pro Hektar, also was mehr gestreut wird als die Pflanzen aufnehmen können. Daraus machen dann Scharlatane: „diese Überschüsse gehen alle in Grundwasser“ – völlig falsch. Dieser „erlaubte Stickstoffüberschuß“ ist ein weiterer völlig theoretischer Wert, errechnet als Saldo aus unzähligen Annahmen über die Stickstoffgehalte jedes organischen und anorganischen Düngers auf der einen und seiner N-Verluste, der Pflanzenaufnahme etc auf der anderen Seite (*).

Hier wurde mal geguckt, was aus dem verabreichten Dünger wurde.
Hier wurde mal geguckt, was aus dem verabreichten Dünger wurde.

Was mit dem „Stickstoffüberschüssen“, also dem Dung oder dem Kunstdünger, passiert, der über den Bedarf der Pflanzen gedüngt wird, ist überall anders. Den Stickstoff „fressen“ doch nicht nur die Pflanzen! Man kann nicht selektiv zuteilen! Nitrat-Salz ist so löslich wie Kochsalz. Wenn die Bodenbakterien gut denitrifizieren, wird das im Wasser gelöste Nitrat es mit den Regenüberschüssen nicht bis ins Grundwasser schaffen, bzw. dort weiter abgebaut – aber das gilt nicht für die Geologie aller Böden. Ziel muss es sein, pro Tonne Erntegut mit möglichst wenig Stickstoff auszukommen. Das ist ökologisch, nicht ein Berechnungsfetisch mit einem Wust von Annahmen oder nichtssagenden Absolutwerten oder „Papier-Zielen“, das kann das Ziel kippen.

nitratkonzentration_sickerwasserMit der Wahl des Probezeitpunktes kann der Nitratgehalt im Oberflächengrundwasser jederzeit manipuliert werden. Nur im tieferen Grundwasser gleichen sich die Zeiten/Werte aus. Veröffentlicht werden fast nur Werte aus dem oberflächennahen Grundwassern. Das Nitrat baut sich in der Tiefe ab.

nitrat_grundwasser_wechselhaftKein Messnetz ist bei so stark differierenden Werten auf engem Raum eng genug, um statistisch verwertbare Durchschnitte zu bringen.

(*)  http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Ministerium/Beiraete/Duengungsfragen/Stickstoff.pdf?__blob=publicationFile

Die Ausgabe der FAZ vom 1.10.2015 ist als e-Paper hier erhältlich: http://e-kiosk.faz.net/faz-2015-10-01-pdf.html

Georg Keckl

ist Agrarstatistiker, hat eine Kolumne bei der Fachzeitschrift DLZ (http://dlz.agrarheute.com/klargelegt) und ist Co-Autor von <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3777624160/ref=as_li_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=3777624160&linkCode=as2&tag=blog0c57-21">Don't Go Veggie!: 75 Fakten zum vegetarischen Wahn</a>

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5 Comments

  1. Sehr geehrter Herr Keckel, so ganz passen Ihre Meinung und die des Nitratdienstes NRW aber nicht zusammen, siehe Landwirtschaftliches Wochenblatt 42/2015. Jetzt folgt eine Kopie aus dem Artikel: Teilweise ist der neu gebildete und auch der vorher bereits
    vorhandene Stickstoff mit der Bildung von Sickerwasser
    ausgewaschenworden.
    Auffällig ist auch, das hohe Vorwinterwerte nach dem Winter mit Niederschlägen auf gleichen Flächen sehr niedrigen Werten gewichen sind. Und da im Winter bei niedrigen Bodentemperaturen und Vegetationsruhe weder ein Humusaufbau noch ein Nutzung durch die Pflanzen erfolgen kann, bleibt eigentlich nur die Versickerung? Sehr schön läßt sich das immer ablesen beim Vergleich vom letzten Ergebnis vor Winter mit dem ersten Ergebnis nach dem Winter.http://tinyurl.com/p3qnbju, Link zum Wochenblatt
    Mit freundlichen Grüßen
    R. Th. Kramer

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