Agrarblogger Bernhard Barkmann vor der Tür des Bullenstalles, die mit einem großen Regenbogen verziert ist

Causa Schulze Föcking: Kommentar zur Stellungnahme von Dr. Ophelia Nick

Blick in eine Großbucht der Mastschweinehaltung von Christina Schulze Föcking
Mastschweine im Stall von Schulze Föcking, Juni 2017

Am 12. Juli war es wieder mal soweit – eine um das Wohl von Nutztieren rege besorgte Nichtregierungsorganisation hatte “skandalöse” Zustände in der Schweinehaltung aufgedeckt. Dieses Mal bei der frisch gebackenen Landwirtschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, Christina Schulze Föcking. Bei #sternTV zeigte man sich sehr betroffen. Wen wundert’s angesichts der Nachrichtenwertkombi #Ministerin und
#Tiere. RTL war daher sehr gerne auch kurzfristig bereit, das über drei (!) Monate entstandene Filmmaterial auszustrahlen.

Im Anschluss an die Sendung traf man sich zur Live-Diskussion. Mit von der Partie war Dr. Ophelia Nick, die Direktkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen für Mettmann bei der Bundestagswahl im kommenden Herbst.

Ihre Motivation, für die Grünen zu kandidieren, begründet Dr. Nick auf ihrer Webseite  wie folgt:

GRÜN bedeutet für mich Mitmenschlichkeit, Freiheit, der Schutz unsere Lebensraumes und Achtung der Tiere als fühlende Wesen.

Achtung der Tiere als fühlende Wesen. Angesichts der Vita der grünen Bundestagsaspirantin  erscheint dieser Aspekt als eine nachvollziehbare Antriebskraft für ihr Engagement. Schließlich hat sie eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert und ist promovierte Tierärztin.

Im Nachgang zur Ausstrahlung der angeblichen Missstände auf dem Betrieb Schulze Föcking hat Dr. Nick gestern auf ihrer Facebookseite ein Statement abgegeben. Hier ein kurzer Ausschnitt:

„Man muss nicht Tierärztin sein, um Leid und Krankheit in diesem Ausmaß zu erkennen. Man muss nicht in der Landwirtschaft arbeiten, um ein Mindestmaß an Sauberkeit, Stallklima und Wohlbefinden von Tieren beurteilen zu können. Und wichtig ist, keine Unwahrheiten zu verbreiten.“

Ich habe mich gewundert. Wie ich mich jedes Mal generell wundere über Redakteure und Tierärzte, die nachts gefilmte Missstände erkennen und einordnen können, ohne jemals einen betroffenen Stall betreten zu haben. Oftmals sogar ohne überhaupt Ahnung von Landwirtschaft zu haben. Die sich zwar angesichts von Leid und Krankheit (ob real oder herbeimanipuliert sei dahingestellt) bei Tieren sehr betroffen zeigen –

sich aber zeitgleich über ein ganz wesentliches Detail NICHT wundern. Daher habe mich heute bei Dr. Nick zu Wort gemeldet.

Causa Schulze Föcking: Mein Facebook-Post:

Was sagt denn die Tierärztin dazu, dass sogenannte Tierschützer über mehrere Monate hinweg mutmaßliche Missstände gefilmt haben, statt unverzüglich eine Anzeige zu erstatten? Ich weiß von einem Bekannten, dass innerhalb eines halben Tages die entsprechenden Kontrollstellen in den Ställen geprüft haben. Soll ich da wirklich glauben, es gehe um die Tiere?

Ferner: Frau Schulze Föcking wird Landwirtschaftsministerin, und schwupps, erhalten die Tiere nächtlichen Besuch. Und, schwupps, geht das Ganze geht bei sternTV auf Sendung. Da soll ich nicht misstrauisch werden?

Ferner erfahre ich als Unbeteiligte dies: “Auf konkrete Nachfrage des „stern TV“-Moderators Steffen Hallaschka erklärte Brundiers (Kreisveterinär), dass der Betrieb 2013, 2014 und 2017 amtstierärztlich überprüft worden sei. Diese Kontrollintervalle seien üblich. In der Zwischenzeit habe es darüber hinaus noch weitere anlassbezogene Kontrollen aus anderen Gründen gegeben. Brundiers nannte beispielhaft das Arzneimittelrecht. Immer hätten die Kontrollen keine nennenswerten Beanstandungen ergeben.” Siehe Link.

Des weiteren veröffentlich Herr Schulze Föcking eine Dokumentation, die zeigt, dass es Probleme gegeben hat, die bekannt waren und angegangen wurden.

Das alles hat nicht interessiert. Soweit sich mir die Fakten präsentieren, handelt es sich bei dem Vorfall um eine Hetzkampagne. Nichts Neues unter der Sonne.

Resultat: Betroffene Landwirte und ihre Familien werden massenmedial fertig gemacht, und wenn sich hinterher rausstellt, war alles ganz anders – es geht keiner hin und rehabilitiert diese Menschen.

#wirstehenhinterchristina

So geht es auf den Höfen weiter. Ein Betroffener schildert sein Leben nach dem Besuch. 

Ende meines Facebook-Posts.

Monatelang mit der Kamera angebliche Tierquälereien filmen hat nichts, aber auch rein gar nichts mit Tierschutz zu tun, geschweige denn, dass es um Tiere geht. Es geht um ganz anderes, um Betroffenheit, um Spenden, um Aufmerksamkeit, um Stimmen. Es ist Wahlkampf, und die Agrarwende inklusive der Abschaffung der Massentierhaltung ist ein zentrales Anliegen der Grünen. Gleichzeitig hatte sich bereits in der Sendung herauskristallisiert, dass es sich um eine Vorverurteilung handelt.

Achtung der Tiere als fühlende Wesen? Mitmenschlichkeit? Sind das nur Lippenbekenntnisse, Dr. Nick? Oder warum lassen Sie sich vor diesen Karren spannen?

Links:

Dr. Ludger Schulz Pals von top agrar online analysiert die Vorwürfe von Stern TV

“Besuche” bleiben nicht ohne Konsequenzen für die betroffenen Familien. Ein Betroffener meldet sich zu Wort.

Dass #sternTV sich kaum für das Wohl von Tieren zu interessieren scheint, kam bei anderer Gelegenheit auch schon zum Ausdruck:

„Wir lügen nicht – wir sind schlampig, denkfaul und ein bisschen propagandistisch.“

Anmerkungen Stern TV

Christina Annelies

Christina Annelies ist das jüngste Mitglied im Team von blogagrar.de

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71 Comments

  1. Ophelia Nick hat eine sehr umfassende und ausgewogene Stellungnahme zu dem Thema verfasst. Ich zitiere hier nur den letzen Absatz: “Auf Podiumsdiskussionen mit Bauernverbänden geht es immer handfest her. Auch wenn ich den Austausch schätze, gehen wir oft ohne Annäherung auseinander. Da stehen die Landwirte auf der einen und die Tierschützer auf der anderen Seite und der Graben dazwischen scheint unüberwindbar. Da müssen beide aufeinander zugehen. Ich bin dazu bereit. Wir alle müssen uns entwickeln und versuchen die beste Lösung zu finden. Aufeinander schimpfen ist dabei destruktiv und auch nicht im Sinne der vielen Landwirte, die eine zukunftsfähige Landwirtschaft wollen. Wieso nicht zusammensetzen und ernsthaft und offen diskutieren? Wir können voneinander lernen und die Landwirtschaft in Deutschland weiterentwickeln. Ich stelle mich der Diskussion und will auch zuzuhören. Ansprechen, einladen, reden, handeln – nur so kommen wir weiter.” Der von Nick angebotene Dialog über die tatsächlichen Ursachen der immer wieder auftretenden Probleme und mögliche Lösungsmöglichkeiten wird natürlich von Christian Annelies nicht angenommen. Weiterhin werden Feindbilder gepflegt und die Wagenburg wird ausgebaut. Schade! Hier die gesamte Stellungnahme von Nick:
    http://ophelia-nick.de/aktuell/der-stall-der-nrw-ministerin-meine-stellungnahme-nach-der-sendung-sterntv/

    • Ich habe an der Stelle aufgehört zu lesen, an der Sie schreiben: Da stehen die Landwirte auf der einen und die Tierschützer auf der anderen Seite.
      Damit rufen Sie den Eindruck hervor, dass Landwirte sich nicht um das Wohl der Tiere sorgen! Die Tiere sind das Kapital der Landwirte, damit werden sie mit Sicherheit nicht schlecht umgehen. Vielmehr gibt es genügend sogenannte “Tierschützer”, die im Leben noch kein Schwein oder eine Kuh gehalten haben. Und mit Halbwissen oder gar Unwissen auf hart arbeitende Menschen einprügeln. Sorry. Das geht gar nicht.

    • “Schaut man auf die Entwicklung der Landwirtschaft und Tierhaltung der letzten Jahrzente zurück, dann hat die Landwirtschaft sich rasant entwickelt, ist produktiver geworden, aber das Wohl der Tiere ist dabei definitiv zu wenig beachtet worden. Immer mehr Tiere müssen auf immer weniger Raum, mehr Leistung bringen.” Soll auf der Basis dieser Aussage von Nick ein seriöser Dialog statt finden? Bestehen Lösungsmöglichkeiten darin, dass man Kälberdurchfälle mit Hilfe von Flex und Berührungsmöglichkeiten wegzaubert? Solange man sich krampfhaft der Realität verweigert, ist einb sachlicher Dialog aussichtslos und vertane Zeit.

      • richtig Mark, “immer mehr Tier auf immer weniger Raum”- wenn das die Diskussionsgrundlage ist, ja was erwarten denn die Gegner der modernen Landwirtschaft? Dass die normalen Bauern dieser falschen Behauptung zustimmen?
        Der Dialog mit Grünen und vielen anderen Kritikern ist aber grundsätzlich möglich. Falsche Behauptungen, sehr flache Begründungen und viele Halbwahrheiten gehören aber auch weiterhin zum Handwerkzeug der Kritiker an die herkömmliche Landwirtschaft. Diese versuche ich aufzuzeigen. Dass daraus eine Verweigerung zum Dialog wird, zeigt mir, dass da von anderer Seite vielleicht (auch?) kein ehrlicher Dialog gewünscht wird.

    • Ottmar, zuerst abkanzeln und pauschal verurteilen und später Dialog anbieten und behaupten für die Bauern zu agieren. Dieses Muster findet sich seit Jahren immer wieder und sorgt tatsächlich dafür, dass wir uns nur schwer annähern.

      • Herr Barkmann, ich gehöre zu keiner Partei oder Gruppe und betrachte gleichsam aus der Ferne eines Beobachters,daß die gesamte bäuerliche Landwirtschaft aus mangelder Solidarität ,Neid und Gier geopfert wird.
        Ihr Muster ist allen ,die aus Sicht der Verbraucher schreiben -und hier im Blog waren schon herausragende Beiträge-völlig klar.
        Sie sind ein Befürworter des Status quo und allen Kritikern begegnen Sie mit einer” emsländischen Sturheit”

  2. Wenn ich lese, dass Schwanzbeißerei ein Indikator für schlechte Haltungsbedingung ist, dann Frage ich mich, wo der Kommentator solche Informationen her hat. Ich bin konventioneller Schweinehalter und ich gebe zu, auch ich habe zeitweise Erfahrungen mit Schwanzbeißerei gemacht. Zum Glück immer im überschaubaren Rahmen. Auf unserem Betrieb war immer die Ferkelgenetik der wichtigste Faktor. ich versuche meine Mastställe möglichst nur mit Ferkeln einer Herkunft zu belegen. Bei einer Herkunft, die ich vor einige Jahren im Stall hatte, kam es immer wieder zu einzelnen Fälle von Schwanzbeißerei. Wir habe das ganze Programm abgespuhlt: Mehr Beschäftigungsmaterial, Mineralfutter mit Baldrian, Schwanzbehandlung mit Buchenholzteer, Reduzierung der Tierzahl pro Bucht usw. Nichts hat wirklich geholfen. Dann habe ich mich entschlossen andere Ferkel einzustallen und der Spuk war sofort vorbei. Ich kann die Aussage von Schulze-Föking mit der neuen Eberherkunft durchaus unterstützen. Schwanzbeißerrei kommt in allen Haltungsformen vor. Konventionelle, Bio, Freiland, Strohhaltung und sogar Wildschweine zeigen Symptome. Wer das nicht glaubt, darf gerne diesen Artikel aus dem Spiegel von 2013 lesen: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/schweinemast-vergleich-der-konventionellen-mit-bio-haltung-a-882816.html

    • Ich habe seit Kindheit mit Schweinen zu tun, bin Landwirtschaftmeister und unterhalte mich gerne mit anderen komnventionellen Bauern und deswegen erlaube ich mir eine Meinung.
      Haben Ihre Ferkel kupierte Schwänze?

  3. Ich finde es so scheinheilig – es ist natürlich einfach, sich darüber zu echauffieren, dass in einem Betrieb Schwanzbeißen aufgetreten ist. Und zudem so zu tun, als ob
    a) niemand zum Dialog bereit sei
    b) kein konventioneller Landwirt ein Interesse daran hat, die Schwänze unkupiert zu lassen
    c) nicht schon unheimlich viele Betriebe, Berater, Landwirte, deren Mitarbeiter und Tierärzte in x-Projekten an der Lösung mit Hochdruck arbeiten.

    Nur es ist halt nicht so einfach, wie es sich oft gemacht wird – haltet die Tiere anders, und schon ist alles tipptopp.

    Und wenn dann solche Klugscheißereien um die Ecke kommen, reagiert man als Landwirt und ich auch als Tierärztin manchmal etwas ungehalten, weil einfach nicht gesehen wird, was wir schon an Zeit und Energie aufgewendet haben, und auch schon riesige Fortschritte gemacht haben, nur wir sind immer noch bei der Ursachenforschung. Wir möchten das Problem an der Wurzel packen, und eben nicht nur symptomatisch. Wir brauchen noch Zeit!

    Und es hilft weder den Tieren noch der deutschen Schweinehaltung, den Druck immer noch weiter zu erhöhen und irgendetwas übers Knie zu brechen.

    • @Nadine Henke: Leider sind wir hier nicht bei Fatzebook, daher so: Like!

      Vermutlich habt Ihr die Zeit nicht. Der Druck wird m.E. zunehmen dank der Tierrechtler, ihrer Aktionen und der überbordenden Bereitschaft unserer Medien, sich vor deren Karren spannen zu lassen.

      Tierrechtler haben null Interesse an einer Ursachenforschung in Sachen: viel Schwanz beißen – wenig Schwanz beißen – gar kein Schwanz beißen. Diese Organisationen wollen die Nutztierhaltung abschaffen. Alle, ob konventionell oder ökologisch wirtschaftende. Artgerecht ist halt NUR die Freiheit. Sie werden auch nicht vor dem Pferdesport halt machen oder vor Blindenhunden.

      Dr. Nick ist, wenn ich ihre Vita richtig dahingehend interpretiere, dass sie landwirtschaftlich nicht mehr tätig ist (Biohof), aus der Gefahrenzone raus. Sonst würde ich ihr im Fall eines Einzugs in den Bundestag dringend empfehlen, sich gegen nächtliche Besucher zu wappnen.

      Die Geister, die ich rief….

      • Ist das eine Drohung?
        Kommt irgendwann von euch noch mal ein konstruktiver Beitrag zum Thema Schwanzbeißen? Oder bleibt´s beim Gejammer über die bösen Tierrechtler und dem Verschieben von Lösungen auf den St.-Nimmerleins-Tag?

        • Frau Henkes Beitrag war konstruktiv: Sie bietet um mehr Zeit für die Ursachenforschung, die im Gange ist, und erläutert die Gründe. Entweder haben Sie diesen Punkt überlesen oder Sie haben kein wirkliches Interesse an einem Dialog. Ich habe gesagt, die Zeit haben die Landwirte nicht und meine Gründe genannt. Sie dagegen nölen bloß rum. Das ist das Gegenteil von konstruktiv.

          • Landwirte in öffentlichen Positionen müssen alle mit Besuch rechnen, ob konvi oder öko. Erst recht, wenn sie über ihre Tierhaltung reden. Ist eigentlich naheliegend, oder?