Glyphosat-Berichterstattung im NDR sorgt für Unmut

„Glyphosat: Wundermittel oder Gift?“ Am 26. Februar 2018 berichtete der NDR um 19:30 Uhr in  Nordmagazin über das Pflanzenschutzmittel Glyphosat. Bei Facebook macht Landwirt und Pflanzenbauexperte Daniel Bohl auf gravierende Mängel in dem Beitrag aufmerksam. Der Vize-Vorstandsvorsitzende der Wariner Pflanzenbau eG mit Sitz in Trams hat BlogAgrar die Erlaubnis erteilt, seinen Beitrag an dieser Stelle online zu stellen. 

Lohnt sich für den NDR das sauber Recherchieren nicht mehr?

Gestern Abend berichtete der NDR Mecklenburg-Vorpommern im regionalen Nordmagazin mal wieder über den Wirkstoff Glyphosat.

Als Landwirt fand ich es erschreckend, wie nachlässig für den Beitrag recherchiert wurde, dabei ist das Thema seit Monaten Bestandteil der Berichterstattung in den Medien.

Graphik Abgabemengen 2012-2016
Abgabemengen Organophosphor-Herbizide (Bildnachweise: Die Deutschen Bauern)

So wurde der Glyphosat Einsatz in Deutschland mit jährlich 6.000 t angegeben. Diese Zahl ist sechs Jahre (!) alt. Die aktuellen Menge liegt um über 35 % niedriger, bei weniger als 3.800 t im Jahr. Das herauszubekommen, sollte keine große journalistische Rechercheleistung sein.

Ausführlich kommt in dem Beitrag Frau Prof. Krüger zu Wort, die dem Wirkstoff Glyphosat ablehnend gegenübersteht. Mit keinem Wort wird allerdings erwähnt, dass Frau Prof. Krüger mit ihren Thesen was die Wirkung von Glyphosat auf die landwirtschaftlichen Nutztiere allein auf weiter Flur steht. In Teilen wurden ihre Thesen sogar von der Tierärztlichen Hochschule in Hannover widerlegt. Auch diese zu erwähnen hätte zur journalistischen Sorgfalt gehört, um den Zuschauer das ganze Bild zu übermitteln.

Maßlos habe ich mich allerdings darüber geärgert, dass Frau Prof. Krüger, als Beleg für die Gefährlichkeit von Glyphosat, Vergleiche mit Südamerika heranziehen konnte, die im Bericht weder eingeordnet noch kommentiert wurden. Ich selber habe auf mehreren Reisen nach Südamerika sehen können, wie dort Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden. Das hat mit dem bei uns nichts zu tun.

keine Agrarflieger in Mecklenburg-Vorpommern

Das Ausbringen des Wirkstoffes mit dem Flugzeug und die Abdrift, die über den Dörfern niedergeht, kritisierte Frau Prof. Kürger zurecht. Aber wo werden so in Mecklenburg-Vorpommern noch Pflanzenschutzmittel ausgebracht? Eine ganz schwache Kür für den Beitrag in einer lokalen Nachrichtensendung. In Mecklenburg-Vorpommern, bringen Landwirte keine Pflanzenschutzmitteln mit dem Flugzeug aus.

Aber das Bild vom Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln mit dem Flugzeug in den Köpfen der Menschen unterzubringen, passt wohl besser in die Dramaturgie, als das einer TÜV geprüften Pflanzenschutzmittelspritze mit abdriftmindernden Düsen und automatischer Abschaltung am Feldrand.

Und am Schluss wird es noch peinlich für die Redakteure des Beitrags. Jeder Landwirt konnte in dem Beitrag sehen, dass Dr. Goltermann durch das Bild lief. Dr. Goltermann ist Stellvertretender Leiter des Pflanzenschutzdienstes beim Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern in Rostock. Ja, warum ließ der NDR ihn nicht zu Wort kommen, wenn sie ihn schon vor der Kamera hatten? Er als Fachmann vor Ort hätte die Voraussetzungen in Mecklenburg-Vorpommern gut erläutern können. Ist das von einem Journalisten wirklich zu viel verlangt, einen Experten aus unserem Bundesland zu Wort kommen zu lassen, wenn man ihn schon vor der Kamera hat?

Ich bin maßlos enttäuscht von dieser schlampigen Berichterstattung im Regionalmagazin für Mecklenburg-Vorpommern. Ich als Landwirt kann die Bilder einordnen. Viele Zuschauer ohne landwirtschaftlichen Hintergrund können das nicht und werden durch solch schlecht recherchierten Beiträge einfach nur schlecht informiert. Eine ordentliche und objektive Berichterstattung über die Geschehnisse in unserem Land in 30 Minuten, stelle ich mir anders vor, als der NDR in diesem Beitrag abgeliefert hat.

Daniel Bohl


Weiterführende Links zum Thema Glyphosat:

Exzellent in die Tiefe und Breite recherchiert sind die zahlreichen Beiträge zum Thema der Bloggerin Schillipaeppa: Ein Blog in der Brandung.  Dort äußert sie sich ferner in einem Leserbrief an den Spiegel ausführlich zu Professor Krüger und belegt ihre Aussagen mit Quellenverweisen:

(…)  Prof. Dr. Monika Krüger stellt die Vermutung auf, dass Glyphosat für das Krankheitsbild des sogenannten Chronischen Botulismus bei Rindern verantwortlich ist. Sie steht mit dieser Vermutung in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft allein da. Eine große öffentlich finanzierte Studie über Botulismus konnte den Zusammenhang nicht bestätigen: https://ibei.tiho-hannover.de/botulismus/dokumente/Abstracts_Abschluss-Symposium_12.09.2014.pdf.

Die Hypothese erklärt auch nicht, dass sich die Botulismus-Fälle in Niedersachsen und Schleswig-Holstein häufen. Denn Futtermittel, die pflanzliche Produkte enthalten, die irgendwann mit Glyphosat in Kontakt gekommen sind, werden bundesweit gleichermaßen gefüttert.

Auch wird nicht klar, warum ausgerechnet Glyphosat für die Gesundheitsprobleme bei den Kühen verantwortlich sein soll. Wenn man sich ansieht, auf wie viele Stoffe die Futtermittel in Deutschland amtlich untersucht werden (http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Tier/Futtermittel/Futtermittel-Jahresueberwachung-2013-Lang.pdf?__blob=publicationFile) (Anmerkung: Link defekt), findet man Dutzende anderer Chemikalien, die grundsätzlich auch als Übeltäter in Frage kommen.

Einer Studie von Frau Prof. Dr. Krüger über Milchkühe in Dänemark werden zudem methodische Mängel nachgesagt. Hierzu gibt es eine Stellungnahme vom Bundesamt für Risikobewertung (BfR): http://www.bfr.bund.de/cm/343/erste-einschaetzung-von-glyphosatfunden-im-urin-von-milchkuehen.pdf.

Gerne zitiert sie auch Namen wie Huber, Séralini, Carrasco und Paganelli. Das sind alles erklärte Glyphosat-Gegner, die mit einer Studie nach der anderen scheinbar endgültig die Schädlichkeit des Wirkstoffs beweisen wollen. Ihnen stehen allerdings Tausende von Arbeiten gegenüber, die ihren Generalverdacht nicht bestätigen können.

Das BfR hat jetzt für die Neubewertung im Auftrag der EU mehr als 1.000 Studien ausgewertet und konnte keine Gesundheitsgefährdung für Mensch und Tier feststellen. Unter http://www.scilogs.de/detritus/faktencheck-bund-glyphosat/ finden Sie einen Faktencheck, den ein Wissenschaftsjournalist anlässlich der “BUND-Studie” verfasst hat, bei der Glyphosat in menschlichem Urin gefunden wurde.

18 Gedanken zu „Glyphosat-Berichterstattung im NDR sorgt für Unmut

  1. Eine offizielle Untersuchung hat ergeben ,daß in mindestens der Häfte von 300 Kontrollen die Pestizidanwendung nicht ordnungsgemäß erfolgte, wohlgemerkt in Deutschland.
    Nach meinen Beobachtungengen ist die Dunkelziffer noch erheblich höher.

    1. Ich gedauere, dass Sie so lange auf einen neuen Glyphosat-Beitrag warten mussten, Herr Ilchmann. Aber Sie verstehen sicher, dass auch Blogautoren Wert darauf legen, ausschließlich Themen mit einem vernünftigen Nachrichtenwert zu behandeln. Und Glyphosat ist und bleibt ein Dauerbrenner.

      Sollte es neue Erkenntnisse zum Thema Bauernkindermobbing geben, werden Sie dazu an dieser Stelle lesen. Wir greifen schließlich auf, was relevant ist, viele bewegt und leider viel zu viele betrifft. Und da Sie als treuer Begleiter und Kritiker von BlogAgrar quasi stets auf Sendung sind, wird es nicht an Ihnen vorbeigehen!

      1. Da bin ich ja beruhigt, nicht, dass ich bei diesen beiden mit Abstand für den Fortbestand der deutschen, ja weltweiten Landwirtschaft wichtigsten Themen den Anschluss verliere!

        1. Bei BlogAgrar sind Sie stets am Puls der Zeit, Herr Ilchmann. Alleine die Tatsache, dass Sie fast jeden Blogpost intensiv begleiten, spricht dafür, dass Sie dies auch so sehen. Das ist fein!

          Ich empfehle übrigens die ergänzende Lektüre vom ‚Blog in der Brandung‘. Die Autorin Schillipaeppa ist einer wenigen Menschen in Deutschland, die wirklich Ahnung vom Thema Glyphosat hat. Und auch andere Landwirtschaftsthemen so kenntnisreich behandelt, dass sie sich in Fachkreisen sowie bei Journalisten den Ruf einer kompetenten Ansprechpartnerin erworben hat!

          Vielleicht möchten Sie Ihren Horizont erweitern?

          http://www.schillipaeppa.net

          1. Man darf sich auch nicht zu viel zumuten, hier ist´s ja wenigstens manchmal noch unfreiwillig ein bisschen komisch! Außerdem gehört Bernhard ja noch fast zur erweiterten Nachbarschaft.

    2. Herr Ilchman, Sie können sich die Wartezeit auf den so sehnsüchtig erhofften Beitrag verkürzen, indem Sie sich mit den Vorkommnissen einer Abl-Partnerorganisation beschäftigen. Ich frage mich ob das, was die Aktivisten von Oxfam Menschen in allergrösster Not angetan haben, auch unter dem Aufruf „mit allen Mitteln!“ einzuordnen ist?

  2. Ich bin auch treuer Begleiter und verpasse hier nichts! Ebenfalls nerve ich mein Umfeld mit dem Thema Glyphosat, Glyphosat ist ja mittlerweile mein Lieblingsphosphonat. Ich finde konkrete Medienkritik gut und wichtig –
    konkrete Medienkritik und nicht so ein Stuss wie der Beitrag eines „Bauern Fritz“ gestern auf der Seite von Bauer Willi („Der Narrenfreiheit ein Ende setzen“), um mal ein Gegenbeispiel zu nennen.

    Ich glaube, Schillipeppa und Christina Annelies sind von einem echten Wahrheitsdrang getragen (wenn sie denn nicht gekauft sind 😉 ). Ich finde das gut.

    Schwieriger wird es beim Thema Bauernkindmobbing und der Verantwortung dafür. Aber Christina Annelies fasst auch das Thema an mit ihrem gewohnten Furor. Dann schnappt sie eben in die Luft, schnapp schnapp…

    1. Ich bedanke mich vielmals für die Blumen! Die werden an dieser Stelle nachweislich nur selten verteilt, daher schnappe ich schnapp-schnapp gerne danach.

      Natürlich sind wir alle gekauft. Zumindest wenn man diesem Video Glauben schenken darf: http://www.stallbesuch.de/du-wirst-wohl-von-monsanto-bezahlt/

      Es freut mich, dass auch Sie Ihr Lieblingsphosphonat haben. So hilfreich! Wenn beispielsweise die Gäste abends zuviel Sitzfleisch haben, hilft dies in Richtung schneller Aufbruch durchaus weiter. Schnapp!

  3. Kürzlich auf einer Verantstaltung in Stapelfeld meinte der Herr Wilking vom Landvolk Vechta die Strategie der polemischen Bagatellisierung und Diffamierung der Glyphosatgegner weiter durchziehen zu müssen und die Kritiker ins Lächerliche verzerren zu können.
    Der Großteil des ländlichen Publikums fand das auch amüsant.
    Nur es waren auch Leute vom NDR Fernsehen privat anwesend ,die fanden diese Vorstellung des Wilking gar nicht gut.
    Und das waren auch keine Provokationen im Sinne eines Dialogfortschrittes ,sondern entspricht einer Grundhaltung und der Weigerung dringende Verbesserungen einzuleiten.
    Bei Ihnen geht mir das genau so.

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