Agrarblogger Bernhard Barkmann vor der Tür des Bullenstalles, die mit einem großen Regenbogen verziert ist

Ansprache zur Bäuerinnen-Ausstellung

Zur Eröffnung der Ausstellung „Bäuerinnen in Messingen“ am 17.1.2016 hielt Dr. Andreas Eiynck aus Lingen und Leiter des Emslandmuseums folgende Ansprache:

Dr. Andreas Eiynck
Dr. Andreas Eiynck

Als ich vor etlichen Jahren aus der Universitätsstadt Münster nach Lingen ging, war dies ganz klar auch eine Entscheidung für den Ländlichen Raum. Ein Leben lang in einer Großstadt zu leben konnte ich mir nicht vorstellen.

Und als klar wurde, dass unser neues Museum nicht nur ein Stadtmuseum für Lingen, sondern ein Museum für alle Gemeinden im südlichen Emsland werden würde, da war für mich die Sache rasch klar.

Viele Dörfer, Bauerschaften und Bauernhöfe, zunächst im Münsterland, später auch in der Grafschaft Bentheim und im Emsland habe ich im Laufe der Jahre kennengelernt und fand das Thema Bauernhöfe und Leben auf einem Bauernhof schon immer spannend. Sie sind ja quasi die Keimzellen des ländlichen Raumes.

Auch unsere Familie stammt ja ursprünglich von einem ganz alten Bauernhof im Münsterland. Nur dass der schöne Ort, wo meine Vorfahren einst am malerischen Ufer der Berkel ihre Äcker bestellten und ihr Vieh weideten, schon vor Jahrzehnten unter dem Wohngebiet Coesfeld-West und unter der örtlichen Großkläranlage verschwunden ist.

Landwirtschaft ist schon seit Generationen für unsere Familie nur noch Geschichte und wir verstehen davon heute auch gar nichts mehr. Bei einem großen Familientreffen im letzten Oktober, bei dem wir auch die früheren Hofstellen besichtigt haben, wurde über alles und jedes geredet, nur nicht mehr über Agrar.

Und so ist die Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten in den meisten Familien selbst auf dem Lande nicht mehr Bestandteil des eigenen Lebens. In den Städten, selbst im überschaubaren Lingen, ist das Landlehen ohnehin kein Thema. Und über die Agrarproduktion wird nur dann gesprochen, wenn gerade wieder irgendein Lebensmittel- oder Tierschutzskandal durch die Medien rauscht.

Man ekelt sich dann kurz und echauffiert sich über „die Bauern“, um dann anschließend genussvoll in die Bratwurst oder das Schnitzel zu beißen. So ist das heute.

Das liegt auch daran, dass die meisten Leute heute überhaupt keinen Einblick mehr haben in die Agrarproduktion, selbst in ihrer Nachbarschaft auf dem Lande.

Als ich in den 80er Jahren viele Bauernhöfe im Münsterland und seit 1988 dann auch im Emsland besuchte, führte der Weg in das Haus meistens über die große Diele. Links und rechts standen dort oft noch die Milchkühe, die stolz präsentiert wurden. Waren der Bauer oder die Bäuerin im Schweinestall, so wurden sie dort besucht. Die Türen waren nie abgeschlossen, Zäune und Zugangssperren gab es nicht.

Das geht heute nicht mehr so einfach. Nicht nur, weil viele der damals besuchten Betriebe heute ohnehin keine aktive Landwirtschaft mehr betreiben. Auf den verbleibenden Höfen wurden die Ställe immer größer und immer moderner, die Stallhygiene erlaubt den Besuch durch Außenstehende nur noch im Ausnahmefall. Schade, denn so entstehen Missverständnisse und Gerüchte über das, was darinnen angeblich vor sich geht.

Ich selber habe jede Gelegenheit genutzt, wenn wir z.B. im Museum mal Schülerpraktikanten vom Bauernhof hatten, um mir deren elterliche Betriebe zeigen zu lassen. So kam ich z.B. auch mal in den Schweinestall bei Familie Menger hier in Messingen oder in den Kuhstall bei Familie Pott in Gersten. Auch über die Heimatvereine ergab sich hier und mal die Gelegenheit, neue Hähnchenställe, Boxenlaufställe usw. kennen zu lernen. Aber so spontan und normal wie früher ist ein Besuch im Stall heute einfach nicht mehr möglich. Und hinzu kommt noch eines – die Tierhalter werden ja auch immer weniger.

Ursula Kottebernds mit Bernhard Barkmann
Ursula Kottebernds mit Bernhard Barkmann

Als Ulla Kottebernds mir vor etwa einem Jahr von ihrer Ausstellungsidee „Bäuerinnen in Messingen“ erzählte, war ich daher sofort total begeistert. Als sie dann berichtete, dass sie nur noch einen entsprechenden Fotografen suche, witterte ich meine Chance. Ulla meinte noch, ich hätte ja sonst auch viel um die Ohren, und wollte mir noch Bedenkzeit gegen. Aber die brauchte ich gar nicht.

Denn dass die Bäuerinnen gerade auf den Familienbetrieben im Emsland eine wichtige Rolle spielen, weiß eigentlich jeder. Nur in den derzeitigen Medienkampagnen von Landvolk und Bauernverband zur modernen Landwirtschaft kommt dieser Aspekt eindeutig zu kurz. Wo dort Fachkompetenz dargestellt werden soll, erscheint in der Regel der erfahrene Landwirt oder der dynamische Jungbauer. Die attraktive Jungbäuerin steht in den Werbeanzeigen geschminkt im Stall und ist nur Agrarmodell, streichelt gerade liebevoll Ferkel und Küken. Landlust pur! Aber ein realistisches Bild heutiger Agrarproduktion vermittelt man mit solchen Bildern nicht und der Rolle der Bäuerin werden solche Aufnahmen schon gar nicht gerecht.

Silvia Langenhorst
Silvia Langenhorst

So war es auch eine gute Entscheidung des Heimatvereins Messingen, für diese Ausstellung solche Bäuerinnen zu gewinnen, die nicht nur ihren Bauern unterstützen, sondern die selber die Hosen im Stall anhaben. Gestandene Landfrauen, die in der Landwirtschaft ihren Mann stehen.

Silvia Langenhorst, die erst durch ihre Heirat mit Leo Langenhorst an die Landwirtschaft und in das Emsland kam. Nach der geglückten Hofübergabe an ihren Sohn und dem frühen Tod ihres Mannes übernahm sie den Bereich Eierverpackung im Familienbetrieb mit Legehennen-Freilandhaltung.

Mechthild Exler
Mechthild Exler

Mechthild Exler lebt mit ihrem Ehemann Klaus Schröder aus Beesten und vier Töchter auf dem elterlichen Bauernhof und betreibt dort Milchviehhaltung im Nebenerwerb.

Marlies Wobbe
Marlies Wobbe

Marlies Wobbe wohnt mit ihrem Ehemann Rudi Brinkers aus Andervenne und drei Töchter sowie ihren Eltern auf dem Bauernhof Wobbe und kümmert sich dort um die Ferkelabteilung in der Sauenhaltung.

Elisabeth Kottebernds
Elisabeth Kottebernds

Elisabeth Kottebernds, Tochter von Ursula und Helmut Kottebernds, kennt die Landwirtschaft aus ihrem Elternhaus. Sie machte eine landwirtschaftliche Ausbildung auf den Lehrbetrieben von Beate Eilers in Lengerich (Hähnchenmast) und Ludger Robel in Emsbüren-Berge (Sauenhaltung). Mittlerweile studiert sie Landwirtschaft.

Bei den Besuchen auf den Höfen ging es natürlich nicht nur um die Arbeit im Stall, sondern unsere Bäuerinnen sind ja gleichzeitig auch Ehefrau, Mutter, Hausfrau, sie versorgen Eltern und Verwandte, die mit im Haus leben, haben Hobbys, sind in Vereinen und Verbänden organisiert und engagiert, sie tragen Verantwortung im Dorf und natürlich haben sie auch gerne mal Feierabend und Freizeit.

Meine Absicht war es jedenfalls, die vier Messinger Bäuerinnen umfassend in ihrer beruflichen wie in ihrer privaten Lebenssituation darzustellen. Ob mir das gelungen ist, kann ich selber natürlich am wenigsten beurteilen. Ich habe mich jedenfalls bemüht und alles gegeben.

Dafür musste ich den Damen und ihren Familien natürlich ganz schön neugierig über die Schulter schauen und ihnen auf die Pelle rücken. Viel fragen, auch mal nachfragen, hin und wieder provokant etwas in den Raum stellen, gespannt die Reaktionen abwarten und immer mit wachen Augen möglichst viele Eindrücke wahrnehmen. Das ist halt mein Beruf als Ethnologe.

Vielleicht war das manchmal lästig oder mitunter sogar aufdringlich und mit einem halben Stündchen „knipsen im Stall“ war es dann ja auch nicht getan. Aber so ist das nun mal, wenn Fremde auf den Hof kommen.

Was waren meine wichtigsten Eindrücke?

Alle vier Bäuerinnen leben auf traditionellen Familienbetrieben, mit mindestens drei Generationen unter einem Dach oder zumindest auf einem Hof. Man könnte sich vorstellen, dass da hin und wieder auch einmal, na ja, muss nicht, aber es könnte ja sein…