„Zwischen Bullerbü und Tierfabrik“ gehört unter den Weihnachtsbaum!

Buchcover falsch herum
Mal genau hinschauen.

Geschafft! Zwischen Bullerbü und Tierfabrik. Warum wir einen anderen Blick auf die Landwirtschaft brauchen: Seit Veröffentlichung ist das Buch auf meinem Radar, endlich habe ich die Zeit gefunden, es zu lesen. Fazit: Ich habe das Grundproblem der urbanisierten Wohlstandsgesellschaft mit ihrer Lebensmittelerzeugung noch nirgends so krass, aber zutreffend gelesen wie in dem Buch von Andreas Möller. Was das Buch so wertvoll macht? In den flott zu lesenden 227 Seiten steht vieles, was sich im verengten öffentlichen Diskurs nicht wiederfindet.

Warum ich behaupte, die öffentliche Debatte sei verengt? Weil ich mich seit Jahren in den Sozialen Medien für die moderne Landwirtschaft einsetze und daher weiß, dass das Thema mehr von Emotionen getrieben ist denn von Faktizität. Plus: Wer wie ich versucht, Fakten zu vermitteln, muss verbal ganz schön was bei Facebook und Twitter einstecken. Fakten haben keine Konjunktur.

Wie der Autor bin ich landwirtschaftlicher Außenseiter mit Berliner Verwurzelung, obwohl ich mittlerweile wieder auf dem Lande lebe und arbeite. Ich habe mich in diverse landwirtschaftliche Themen eingefuchst, bin mit starker landwirtschaftlicher Expertise vernetzt und blogge hin und wieder unter anderem zu Glyphosat, „Massentierhaltung“, Antibiotikaeinsatz in der Intensivtierhaltung.

Fakten-Fakten-Fakten!

Vieles, was Andreas Möller anspricht, ist mir daher geläufig. Der Mann arbeitet mit Fakten (was Kritik nicht ausschließt!). Als Social Media-Geschädigte kann ich dazu nur sagen: Ist das herrlich! Wunderbar! Ein Träumchen! Plus: Vieles wusste ich noch gar nicht bzw. das Buch hat mir neue Perspektiven eröffnet – dafür ein Dank an den Autor! Hier sei u.a. die Analyse erwähnt des Bruchs zwischen einer urban geprägten Gesellschaft und den sich zunehmend abgehängt erlebenden ländlichen Regionen:

Auf dem Land werde umgesetzt, was den Städtern ein moralisch integres Leben ermögliche

zitiert Möller den ZEIT-Journalisten Henning Süßebach (was immer moralisch integer ist – aber das ist ein anderes, sehr weites Feld).

Erhellend fand ich ferner das Kapitel „Lobbyismus im Namen der Bauern“. In der öffentlichen Diskussion gehört es zum guten Ton, dem Bauernverband geradezu magische Kräfte in der Beeinflussung der Politik anzudichten, wobei der Bauernvertretung i.d.R. finstere Absichten und reine Profitgier unterstellt werden. Andreas Möller zweifelt dies an und begründet es nachvollziehbar.

Musik in meinen Ohren: Mich hat das Verbandsbashing immer schon bass erstaunt. Ich verstehe es nicht. Spiegelt doch die bundesdeutsche Gesetzgebung der letzten Jahre  in Punkto Landwirtschaft nämlich etwas ganz anderes wider: Ob Tierschutznutztierverordnung, Düngeverordnung, Antibiotikadatenbank und mehr: Vieles, was die Öffentlichkeit in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten umgetrieben hat, hat längst in Gesetzestexten ihren Widerhall gefunden.

Kann es einen neuen Blick auf die Landwirtschaft geben?

Buchcover richtig herum
Augen auf, Bahn frei für für mal genauer Hinkieken!

Bloß weiß die Mehrheit dies nicht – womit ich bei einem Grundsatzproblem angelangt bin, das ich sehe, allerdings weniger bei dem Buch, sondern der Intention des Autors. Andreas Möller regt einen neuen Blick auf die Landwirtschaft an.

Bloß: Wo soll der herkommen? Dazu ein Zitat:

Und in Ulrich Raulffs lesenswerter Geschichte des Verschwindens der Pferde aus dem Erscheinungsbild der Dörfer und Städte kommt der Kunsthistoriker Jean Clair zu Wort, geboren 1940 als Sohn einer Bauernfamilie. „Ich gehöre zu einem verschwundenen Volk. Bei meiner Geburt machte es noch 60 Prozent der französischen Bevölkerung aus. Heute sind es keine 2 Prozent mehr. Eines Tages wird man anerkennen, dass das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts nicht der Aufstieg des Proletariats war, sondern das Verschwinden des Bauerntums.

Meiner Meinung nach ist dies eine ungemein wichtige Aussage. Wie in Frankreich sind in Deutschland weniger als 2 % der Menschen in der Landwirtschaft tätig, Tendenz: weiter sinkend. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer begraben. Das Wissen um die Lebensmittelerzeugung ab Urproduktion ist bereits größtenteils verschwunden. Und es dünnt weiter aus.

Können Medien einen neuen Blick vermitteln?

Damit stehen wir vor einem Problem: der Medienberichterstattung über die moderne Landwirtschaft. Von der Antibiotikagabe in der Intensivtierhaltung über Glyphosat und „Massentierhaltung“ bis hin zu Nitrat, um nur einige Beispiele zu nennen: das, was in der Zeitung steht und im Fernsehen kommt, wird der Komplexität des Themas nicht annähernd gerecht.

Wobei ich vorab klarstellen möchte: Ich deute hier keine Lügenpresse an. Das ist verschwörungstheoretischer Unfug! Ich rede von einer Branche, die (übrigens ähnlich wie die Landwirtschaft!) in einem tiefgreifenden Transformationsprozess mit ungewissem Ausgang steckt.

Will sagen: Von zahlreichen, großartigen Ausnahmen abgesehen habe ich leider in der Mehrheit so viele schlecht recherchierte und voreingenommene Beiträge gelesen bzw. gesehen, dass ich mich frage: Werden die Menschen jemals erfahren, dass ihr Fleisch nicht antibiotikaverseucht ist, dass kein Gift im Essen ist, dass Glyphosat nicht krebserregend ist und Deutschlands Tierhalter ihre Schweine nicht tagein-tagaus zentimeterhoch in Gülle stehen lassen?

Ist die Öffentlichkeit bereit für einen neuen Blick?

Mittlerweile sind sehr viele Landwirte in den Sozialen Medien unterwegs, berichten ungeschminkt von Feld und Stall, zeigen ihre Höfe her. Aber ob die paar Männeken gegen die 80 Mio. Menschen ankommt, die meinen, sie seien sachverständig, da sie ausreichend Zeitung lesen, Fernsehen schauen UND zudem ein Diplom an der Google–Universität erworben haben?

Womit wir bei weiteren Problemen angelangt sind: Die Selbstüberschätzung vieler Menschen, was landwirtschaftliche Kenntnisse betrifft, eine fast schon faszinierend anmutende Faktenresistenz UND, was ich ganz schlimm finde, die Geringschätzung echter, in Ausbildung und Studium erworbener landwirtschaftlicher Expertise – da kommt einiges zusammen. Eine gewichtige Rolle spielen ferner landwirtschaftskritische Nichtregierungsorganisationen mit ihren oft sehr kurzen Drähten in die Redaktionen.

Die wenigen Landwirte, die wir noch haben, sind einem sehr rauen Wind ausgesetzt. Wie hoch sind da die Chancen, die Öffentlichkeit auf ihrer Reise in Richtung eines neuen Blickes mitzunehmen? Können 1,7 Prozent den Rest überzeugen, ihnen zu folgen?

Ich gebe zu, ich bin pessimistisch. Ich treibe mich schon zu lange mit meinen Social Media-Aktivitäten gleich an mehreren Frontabschnitten rum, um es zugespitzt zu formulieren.

ABER: Vielleicht sind es ja gerade Bücher wie das von Andreas Möller, die ein Scherflein dazu beitragen, dass Menschen vermeintliche Gewissheiten in Frage stellen?

Herr Möller, ick wünsche Ihnan von janzen Herzen, dit Ihre Wünsche in Erfüllung jen. Eisern!

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