#FridaysForFuture

Gestern demonstrierten weltweit Schülerinnen und Schüler für mehr Klimaschutz. Besonders erfolgreich sind diese Proteste aber wohl in Deutschland und hier eher in den größeren Städten. Vorbild für die vielen tausend Schüler ist die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die mit ihrem Schulstreik an Freitagen bereits im letzen Jahr begonnen hat und damit die Bewegung #FridaysForFuture angestoßen hat.

Wie sind die Schülerproteste zu bewerten?

Ich habe zu der ganzen medialen Aufmerksamkeit, zu dem ganzen Drumherum, der Greta-Verehrung etc. einen kritischen Blick, habe aber noch keine endgültige Meinung gebildet. Ich möchte unbedingt anerkennen, dass diese Schülerproteste und auch die Organisation dahinter eine unglaubliche Wucht erzeugen.
Vermutlich bin ich mit der Suche nach einer umfänglichen Bewertung nicht alleine und will mich mal etwas herantasten:

Berechtigte Sorgen, offene Fragen

Die Sorgen und Forderungen der Schüler müssen wir Eltern und Großeltern ernst nehmen. Na klar! Aber ich finde auch, dass einige Fragen berechtigt sind:

  1. Hätte #FridaysForFuture auch nach Schulschluss oder an Wochenenden auch so viel Zuspruch?
  2. Wie gehen wir (Eltern schulpflichtiger Kinder, Lehrer, Schulleitung, Kultusministerium) mit dem Schulschwänzen um?
  3. Würde bei weniger populären Demos, auch die Schulpflicht als nicht so wichtig erachtet?

Schulstreik lockt Mitläufer und überschreitet Grenzen

Ich glaube, dass die Beteiligung an den Protesten nicht so groß wäre, würden die Schüler nach Schulschluss ihren Protest ausdrücken. Einmal weil auch Mitläufer dabei sind, die wenig Lust auf Schule haben und bei diesem Happening mitmachen wollen.
Aber sicherlich hilft es auch, wenn die Schule geschwänzt wird, um mehr Aufmerksamkeit zu erregen. Die Schüler brechen heraus aus ihrem vorgeschriebenen Trott und begehen einen Regelverstoß, eine Grenzüberschreitung. Nicht einer, sondern tausendfach! Jede Woche.

Hilflosigkeit im Umgang mit „Schulschwänzen für den Klimaschutz“

Auszug aus WhatsApp. Schüler fragt nach Erlaubnis, zur Demo gehen zu dürfen. Nicht sehr überzeugend... ;)
aus einem Chatverlauf

Aber wie gehen wir mit diesen x-fachen Grenzüberschreitungen um? Sanktionen? Wer soll sie durchsetzen?
Die Schüler ernten mit ihrem freitäglichem Protest viel Zuneigung und Sympathie in der Bevölkerung- und damit auch zum Teil bei Eltern und Lehrern. Von den Politikern gibt es auch weit überwiegend mehr oder weniger deutliche Lobesworte, kaum jemand, der sich klar gegen diese Demos zu Unterrichtszeiten ausspricht.
Dennoch gibt es die Schulpflicht! Sollen Leher, Schulleitung oder Kultusministerien eine Absolution erteilen? Geht das rechtlich so einfach? Wer bekommt in diesem Fall den „schwarzen Peter“?
Oder lässt man es einfach weiterlaufen, ohne Konsequenzen?
Das hätte dann die Gefahr, dass Schüler sich auf #FridaysForFuture und die Klimaschutzproteste berufen, wenn sie für ein ganz anderes (möglicherweise weniger populäres) Anliegen auf die Straße gehen wollen- während der Schulzeit versteht sich…
Was wäre, wenn eine Gruppe von Schülern gegen Zuwanderung protestieren würde? Oder für eine freies Palästina? Oder gegen die von den Grünen propagierte Agrarwende?

Apropos „Agrarwende“. Das war doch noch was.

Ich erinnere mich noch sehr gut an das Jahr 2015. In Niedersachsen war der Bündnisgrüne Christian Meyer Landwirtschaftsminister und denkbar unbeliebt bei den meisten Bauern, dafür aber Liebling der Massen, die seine einfachen Parolen glaubten.

Gegen die Agrarpolitik von Rot/Grün und Christian Meyer versammelten sich im September über 4000 Landwirte in Hannover. Soweit ich mich erinnere auch an einem Freitagvormittag. Und auch dort wollten viele landwirtschaftliche Berufsschüler mitmachen, dabei sein.

Argusaugen von Meyer und AbL auf Demo

Das jedoch missfiel der AbL, die am Vortag noch demonstrativ mit einer kleinen Gruppe und vergleichsweise großer medialer Berichterstattung seitens des NDR hinter Meyer stellte. Hier glühten die Drähte zwischen Berufsschulen, Kultusministerium und Landwirtschaftsministerium. Auch hier ging es um die Frage, was mit der Schulpflicht sei und ob für Schüler, die nicht nach Hannover fuhren, auch ein regulärer Unterricht gewährleistet wäre. (Gegendarstellung von Niemann)

Parallelität der Ereignisse sollte zum Nachdenken anregen

Es gibt also durchaus Parallelen zwischen der einmaligen Aktion von vor 3,5 Jahren und den heutigen Demonstrationen. Nur werden vermutlich die Bewertungen unterschiedlich ausfallen. Ich finde, man darf da ruhig mal drüber nachdenken.

Wie bereits oben im Text beschrieben- ich selber habe meine abschließende Meinung noch nicht gefunden. Ich bin auf Eure Einschätzungen und Positionen gespannt. Schreibt diese gerne in die Kommentare!

P.S.:
In diesem Zusammenhang ist das DLF-Radiointerview mit Anton Hofreiter von gestern morgen sehr hörenswert und aufschlussreich.

13 thoughts on “#FridaysForFuture

  1. Gelungener Beitrag! Die Geschichte aus 2015 hatte ich schon vergessen.

    Was #FridaysForFuture betrifft, finde ich zwei Sachen in Ordnung:

    1.) Dass die Kinder demonstrieren. Es ist ihr gutes Recht, v.a. angesichts dessen, was sie aus den Medien erfahren. Ob die Apokalypsenreiterei seitens vieler Medien, NGO, der Grünen und teils auch von Wissenschaftlern in Ordnung ist? Ich finde: nein. Um nicht zu sagen: verantwortungslos. Die Salonkolumnisten haben unter anderem diesen Aspekt in einem tollen Beitrag augegriffen: https://www.salonkolumnisten.com/genug-diskutiert-zeit-zu-handeln/

    Ich weiß, Alarmismus, Polemik, Zuspitzung, all dies ist modern. Man trifft den Zeitgeist in der taz an, in der Zeit oder in der Öffentlich-Rechtlichen. Laut muss es zugehen, drastisch soll es sein. In der Öffentlichkeit verwendete Sprache hat die Balance verloren. Maß halten ist out. Ich habe mich selbst auch schon dabei ertappt. So mancher meiner BlogPosts hat danach an Schärfe verloren. Und das war auch gut so.

    2.) Wenn Opel-Arbeiter, Flugbegleiter oder medizinisches Personal in den Ausstand treten, tun sie dies nicht in der Freizeit. Das würde einem Streik jeglichen Wumms nehmen. Insofern ist es logisch, dass die Kinder die Schule schwänzen. Ob ich es gut finde? Jein. Irgendwann muss ein Ausstand beendet werden.

    1. Derzeit haben wir einen Anstieg der globalen Jahresdurchschnittstemperatur von etwa 1 Grad Celsius seit 1850-1900. Wenn nichts unternommen wird, kann der Wert um 4 Grad steigen. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Menschheit, sogar in Westeuropa, auch weil die Veränderungen nicht linear verlaufen (s. Kippmomente). (Der Geologe von den Salonkolumnisten gibt da den Stand der Wissenschaft nicht wieder. Auch wenn einem der Stand der Wissenschaft nicht gefällt, sollte man ihn selbst in einem Meinungsbeitrag zutreffend umreißen, jedenfalls nicht den Eindruck erwecken, als gebe es einen solchen gar nicht.)

      Deswegen finde ich gut, dass Schüler für Maßnahmen zur Reduzierung des anthropogenen Treibhausgasausstoßes demonstrieren.

      Dessen ungeachtet muss natürlich für die Durchsetzung der Schulpflicht gesorgt werden. Das machen ja wohl auch einige Schulen, mehr oder weniger beharrlich.

      Was man nicht tun kann: die Demonstranten einkesseln und auf eventuelle Schulpflichtverstöße kontrollieren. Das würde das Demonstrationsrecht (Kombination aus Versammlungs- und Meinungsäußerungsfreiheit) unterminieren, zumal auf den Demos auch Schüler sein dürften, die Freistunden nutzen, und Studierende. Man sieht auf den Bildern ja auch Ältere.

      Dass Demos zur Erhaltung der Lebensgrundlagen, auch von Lehrern, anders gesehen, kommentiert und behandelt werden als rassistische Demos – nämlich wohlwollender – beruhigt mich eher. Das Demonstrationsrecht haben auch Rechtsextreme. Einen Anspruch auf gleich wohlwollende Behandlung bei Rechtsverstößen wie gegen die Schulpflicht hat aber niemand, egal wie der Wind in der Gesellschaft weht. Die Rechtsordnung kennt eben keinen Anspruch darauf, dass jemand vom Gesetzesvollzug verschont bleibt, nur weil ein anderer verschont wurde („Der durfte aber auch!“ – egal!). Nennt sich auch: „Keine Gleichheit im Unrecht“. So hart ist das Leben manchmal, und solange es so ist wie derzeit, ist es doch gut. 🙂

      1. Man sollte den Verbrauch jeglicher fossiler Energie minimieren, wo immer es nur geht. Das sollte unabhängig eines globalen Temperaturanstiegs geschehen, und dazu bedarf es Maßnahmen auch von Schülern.
        Hätte sich ein Schüler auch nur eine Viertelstunde dem Thema gewidmet, wüsste er, dass die Politik derzeit einen völlig falschen Weg beschreitet.

        Beispielsweise mit der Verteufelung des Dieselmotors, der im Verbrauch fossiler Energie der Eletromobilität und dem Benziner haushoch überlegen ist.
        Oder mit dem Thema Fleischkonsum – einem jahrmillionenalten ökologischen Kreislauf, der schon tausende Klimawandel überstanden hat, ohne einen zu beeinflussen. Man kann sich gerne über die Energie-Effizienz in der Landwirt Landwirtschaft unterhalten, und auch über die Notwendigkeit der Landwirtschaft insgesamt. Man sollte sich möglicherweise erst über Urlaubsflüge und Kreuzfahrten, Fußballspiele und andere Großveranstaltungen unterhalten. Aber was passiert mit Bio, wenn die Energieeffzizienz in der Landwirtschaft zur Diskussion steht?
        Auch hier ist die Politik völlig auf dem falschen Dampfer.
        Und wofür die Politik keinen müden Cent investiert, oder gar dagegen ankämpft, sind Anpassungsstrategien.
        Wir leisten uns zudem als fast einziges Land der Welt ein Bundesumweltministerium mit negativer ökologischer Wertigkeit.
        Hätten sich die Kinder eine Viertelstunde Zeit genommen, wüssten sie, dass eine falsche Politik nicht auch noch durch öffentlichen Druck beschleunigt werden sollte.

        1. Welche falsche Politik fordern die Schüler zu beschleunigen ?Phantom- oder Strohmannargument?

          Und wer spricht davon, dass Dieseltechnik verteufelt wird und Benziner besser wegkommen? Die Stickstoffdioxid-Debatte ist ein anderes Thema (Stadtklima und kürzere Lebenserwartung), auch wenn hier von Komikern wie Dieter Nuhr und denen von der AfD vermengt wird.

          Elektromobilität ist nur so gut wie die Stromerzeugung. Und hier liegt doch der Ansatzpunkt. Wind- und Solarenergie müssten vielmehr gefördert werden, auch Speichertechnologie wie Power-to-Gas, Redox-Flow und flexibilisierte Biogasanlagen.

          Persönlich würde ich es bevorzugen, wenn Mais vor allem zur Energiegewinnung und nicht als Futter angebaut wird. Tierhaltung ist, Logistik und Mineraldüngerherstellung außen vor gelassen, CO2-neutral, führt aber zu Methan- und Lachgasausstoß.

          Hauptfeld ist aber der Energie-/Verkehrssektor. Weitere Baustellen sind da Kerosinsteuer und Verbesserung des ÖPNV und Radnetz einschl. Anreize zu deren Nutzung.

  2. „Greta-Verehrung“ – auch so ein Framing, das suggeriert, die Demonstranten seien von Greta Thunberg erweckt worden und laufen ihr nun wie Lemninge hinterher.

    Ist es auch möglich, dass die Schüler die Thematik kraft ihres Wissens für dringlich halten? Ich denke schon. Anders als bei den Älteren, die irgendwelche Relativierungen aus Medien aufschnappen (CO2 ist ja nur ein Spurengas, Klimawandel hat es schon immer gegeben und den unlogischen Schlüssen daraus) haben die jungen Schüler die Thematik im Physik-, Chemie- und Erdkundeunterricht durchgenommen und können sich auf systematisch erarbeitetes Wissen stützen – Ausnahmen mögen die Regel bestätigen.

    Bei vielen Ältere besteht das Klima-„Wissen“ nur nur aus wechselseitigen Politikeräußerungen in den Nachrichten und Wohlfühl-Confirmation- Meinungsgewäsch wie oben bei den Salonkolumnisten. Das ist zu wenig, um sich zum Klimawandel zu äußern. Das ist, wie wenn sich jemand, der etwas von dem Zulassungsgezerre auf Bundes- und EU-Ebene gehört hat, zu Glyophosat äußert und vor der „bösen Chemielobby“ warnt (analog zur „linksgrünen Klimalobby“).

  3. „Deswegen finde ich gut, dass Schüler für Maßnahmen zur Reduzierung des anthropogenen Treibhausgasausstoßes demonstrieren.“
    Werter AdT, für welche konkrete Massnahmen demonstrieren denn die Kids? Was sind denn deren Aussagen?? „Fuck the CO2“ habe ich auf den Transparenten gelesen, abschalten haben sie ihrem Vorschreier nachgeschrieen, das wars dann auch schon. In Interviews und Diskussionsveranstaltungen erschrickt man, wie wenig Sachkenntnis vorhanden ist, „man muss irgendwas machen“,“wir lassen uns unseren Planeten nicht von den Alten kaputt machen, wir haben nur einen blabla“…
    Dass diese initiierte Kinderbewegung zur ultimativen Weltenrettung hochstilisert wird ist Ausdruck einer dümmlichen Infantilisierung der Gesellschaft – mehr nicht.

    1. Ich dachte bisher, für deutlich intensivere Nutzung erneuerbarer Energie. Oder wofür sonst? Konzepte gibt es ja, für Deutschland s. z.B. Volker Quaschnig, Siemens.

      Auch hätte ich jetzt mindestens 66 % der Teilnehmer zugetraut, dass sie nicht denken, das geht ohne Veränderung der Landschaft. Oder sind es nur 33 %? Und von den über 16jährigen?

      Welche Zahlen würdest Du ansetzen, lieber Mark? 100 % ferngesteuert? Von wem konkret? Wie hoch schätzt Du die Wahrscheinlichkeit ein, 100 %? Wie hoch die Beweischancen?

      Und wer hat eigentlich Interesse an „Zitterstrom“-Panik-Verbreitung? Ich will Euch in „Zitterstrom“-Panik versetzen! 😉

  4. @ AdT
    Dachte ich bisher auch. Aber Windkraft? Nein! Wasserkraft? Auch nein! Biogas? Vermaisung, erst recht nein! Das wollen wir alles nicht, und schon gar kein CO2, übrigens hat Rahmsdorf (führender Klimawandelwissenschaftler in Dtl. PIK) CO2 mit Zyankali verglichen, na wenn das kein Grund für eine Demo ist….
    Übrigens hat selbiger vollstes Verständis dafür, dass die KIDS mit dem Flugzeug in die Ferien fliegen, also KIDS haben nicht mit Einschränkungen zu rechnen, schließlich haben ja die Alten den Planeten zerstört. Und die Alten verneigen sich vor den KIDS in Demut und Reue. Na so lässt sich gut demonstrieren…

    1. Ja, den Eindruck hatte ich bei vielen Demonstranten am Hambacher-Forst. Da haben sich offensichtlich viele bräsige Baumliebhaber*_:Innen unter Klimaaktivisten gemischt, für die so ein kleiner Hambi doch viel konkreter ist als Klima- und Energiefragen. Solche Ökologisten gibt es überall. Die kann man immer aus den Reformhäusern und Homöopathenpraxen locken.

      Lass mich doch einfach hoffen, dass die FfF-Teilnehmer einfach wissenschaftsaffiner sind als die entsprechenden Alterskohorten insgesamt. Du kannst ja gern das Gegenteil glauben. Macht ja auch keinen Unterschied. 🙂

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