Archiv für den Monat: Mai 2017

Das Antibiotikaschnitzel von Aldi, das keines ist. Und anderer Unfug über Deutschlands „Fürsten der Finsternis“

Die Fürsten der Finsternis

Seit einigen Tagen sorgt der Facebook-Post des Wütenden Verbrauchers* für Aufsehen in der Öffentlichkeit. Der Mann beschwerte sich bitter bei Aldi Süd über preiswerte Schweinenackensteaks. 1,99 Euro für ein Steak. Das sei

„einfach nur billigster Dreck, für dessen Produktion alles und jeder bis zum Anschlag ausgebeutet wurde – am meisten die, die sich am wenigsten wehren können: die Tiere.“

Gegen Ende verabschiedet sich der Wütende Verbraucher mit dem frommen Wunsch, dass

„Ihr (gemeint ist Aldi) vom Verzehr dieser Antibiotika-Schnitzel“

einen…, äh, nein, eine böse Krankheit davontragt mit unangenehmen Begleiterscheinungen. Der Wütende Verbraucher ist mit seiner Ausdrucksweise Meilen unter die Gürtellinie gegangen. Ich verzichte hier auf weitere O-Töne. Zu ekelig.

Das Antibiotikaschnitzel – ein Griff in die Klischeekiste

Viele Menschen haben auf den Post reagiert, zahlreiche Medien dito. Natürlich wurde der Wutausbruch kaum hinterfragt. Wieso denn auch? Schließlich wird in dem Post bloß ein in der Öffentlichkeit geländegängiges Klischee nach dem anderen geklopft. bento, ein Online-Format von Spiegel Online von jungen Leuten für junge Leute, lag mit seinem Beitrag vom 30. Mai voll im Trend. Wie heißt es da so schön:

„Weil die Preise sinken, halten die Bauern wieder mehr Tiere oder sie halten sie unter schlechteren Bedingungen— nur so können sie Gewinne einfahren. Und der Handel wird überschwemmt vom Billigfleisch.“

Als „Expertenstimme“ darf Katrin Wenz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Agrarpolitik der Nichtregierungsorganisation BUND für Umwelt und Naturschutz, ihren Senf dazugeben. Dieser stammt aus der geländegängigen Phrasendreschmaschine der NGO:

„So kann es nicht weitergehen“. (…). Überdüngte Böden, Klimawandel und die Verarmung der Bauern sind nur ein paar Folgen der Überproduktion.“

Prima Quellenwahl!

Ich halte fest: Das Wort wird einer Aktivistin aus dem Bereich Umweltschutz erteilt. Vertreter des Bauernverbandes, von Aldi Süd oder Landwirte bzw. sonstige Experten vom Fach müssen draußen bleiben. Die andere Seite wird völlig stumpf nicht gehört. Dass Medien hierzulande Aktivisten-Töne Expertenstimmen vorziehen, ist nicht ungewöhnlich. Es verwundert daher wenig, dass diese Routine an den Journalistennachwuchs weitergegeben wird. Leider bleibt ein ausgewogener Journalismus dabei auf der Strecke.

Das Thema massenmediale Berichterstattung über die konventionelle Nutztierhaltung ist ein weites Feld. Ich möchte es daher an dieser Stelle verlassen.

Allerdings nicht ohne einen flotten Hinweis an den Wütenden Verbraucher durchzureichen: Vor Schlachtung ihrer Tiere müssen Landwirte eine Karenzzeit einhalten. Dies wird streng überprüft. Ihr Antibiotikaschnitzel ist also keines. Sorry, wenn ich Ihnen ein Klischee klauen muss.

1,99 Euro? 199,00 Euro? Egal!

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Live- Ticker vom Zukunfsdialog

Heute (30. Mai) findet in Berlin der 4. Zukunftsdialog Agrar & Ernährung statt. Ich werde ab 10 Uhr über meinen Twitteraccount (@blogagrar) berichten.

Ich bin schon voller Vorfreude, denn das Programm ist in diesem Jahr wirklich gut und die Podien hochkarätig besetzt. Unter anderem sind

  • Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt
  • Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks
  • stellvertrender Bundesvorsitzender der FDP Wolfgang Kubicki
  • Bauernpräsident Joachim Rukwied
  • Dr. Felix Prinz zu Löwenstein (BÖLW)
  • Philosoph Richard David Precht

dabei. Weiter bin ich natürlich auch gespannt, wen ich von meinen Bekannten dort in der Kalkscheune (dem Veranstaltungsort) treffen werde.

Also bis gleich, ab 10 Uhr gibt es den Live-Ticker auf Twitter. Hashtag ist #zdae17

Anton Hofreiter oder: Wenn grüne Unschärfen beim Thema Intensivtierhaltung Tradition haben

Geht es um die Intensivtierhaltung oder allgemein die konventionelle Landwirtschaft, sind die Grünen schnell mit Vorwürfen zur Hand – selten sachlich, selten fachlich kompetent, viel zu oft faktenbefreit. Geschossen wird in Berlin genauso wie in Hannover, Düsseldorf und im Rest der Republik – aber inhaltlich selten richtig scharf.

Traditionen wollen gewahrt sein, hat Anton Hofreiter wohl gedacht – und in seinem Facebook-Account heute die üblichen grünen Unschärfen zum Thema serviert.

Klimawandel

Als da wäre der Klimawandel. Ich bin wahrlich keine Klimaexpertin. Anton Hofreiter allerdings auch nicht. Was den Vorsitzenden der grünen Bundestagsfraktion nicht daran hindert, zu klagen:

„Fast ein Drittel der weltweiten Treibhausgase stammen aus der Landwirtschaft. Besonders klimaschädlich ist die industrielle Massentierhaltung.“

Ich habe ihn (bzw. Team/Toni) bei Facebook einige Male nach Belegen für die Behauptung gefragt. Keine Antwort. Was mich selbstverständlich nicht gewundert hat. Bis auf wenige lobenswerte Ausnahmen erhält man nämlich keine grünen Antworten.

Was den Klimawandel betrifft, so ist dieses Thema eine ungemein komplexe Materie. Persönlich ziehe ich es daher vor, mich ihr nur auf Zehenspitzen zu nähern, indem ich den IPCC zitiere. In die Berichte des Weltklimarates der Vereinten Nationen fließt die Expertise fast aller namhafter Klimawissenschaftler des Globus ein. Anton Hofreiter oder: Wenn grüne Unschärfen beim Thema Intensivtierhaltung Tradition haben weiterlesen

Barbara trifft Barbara

Und noch ein toller Zeitungsartikel über eine richtig gute Dialogveranstaltung:

Umweltministerin Barbara Hendricks besucht einen modernen Milchviehbetrieb (von Michael und Anita Lucassen) und trifft dabei die älteste Kuh des Betriebes, die zufällig auch den namen Barbara trägt.

(c) nwz, Hans Passmann

Anita Lucassen ist eine der Protagonist(inn)en von der Videoplattform MyKuhTube und hatte die Ministerin mit diesem Video zum Besuch und zum Dialog aufgerufen: Klasse! 🙂 Barbara trifft Barbara weiterlesen

zum Insekten- & Vogelsterben

Frank Nagel (frankshalbwissen.de) beschäftigt sich in seinem aktuellsten Artikel über das von den Grünen oft postulierte Insekten- bzw. Vogelsterben. Ist das nun ein reales Problem, oder doch nur wieder die übliche grüne Panikmache?

Diese Analyse ist lang, aber die viertel Stunde, die für die gründliche Lektüre nötig ist, ist sehr gut investiert:

(c) frankshalbwissen.de

 

„Sprecht den Bauern Mut zu!“

„Donnerschlag“, dürfte sich vorgestern mancher Landwirt ungläubig bei der Lektüre von „Ehrlicher Bauer, dummer Bauer?“ gewundert haben. Denn was sich den Abonnenten der NWZ mit Einzugsgebiet niedersächsisches Oldenburg und später digital vielen Kollegen im Rest der Republik darbot, war eine Analyse der konventionellen Nutztierhaltung bzw. des Bauernstandes frei von abwertenden Bemerkungen.

Schließlich ist Kritik an Haltungsform und Tierhaltern Alltag. Bei sachlichen Argumenten geht es los und endet vor allem in den Sozialen Medien schnell bei der pauschalen Unterstellung, Landwirte quälen ihre Tiere.

Photo: Webseite "Massentierhaltung aufgedeckt"
In Liegekesseln können die Sauen ausruhen. Entspannung pur.*

Der Artikel  überraschte in vielerlei Hinsicht. So stand dort unter anderem, dass

„immer mehr Tiere in immer gewaltigeren Ställen leben, buchstäblich aus den Dörfern gedrängt von immer strengeren Bau-, Umwelt- und Seuchenschutzvorschriften“.

Auf den ersten Blick ein banaler Satz. Was ihn ungewöhnlich macht ist die Tatsache, dass die Auswirkungen der Gesetzgebung in der Öffentlichkeit überhaupt Erwähnung findet. Und dann gar in einer Zeitung!

Fakt ist: Zahlreiche Vorschriften, die der Gesetzgeber nicht zuletzt aus Tierschutz- und Verbraucherschutzgründen erlassen hat, haben dazu geführt, dass ein Großteil der Nutztiere ganzjährig in Ställen außerhalb der Dörfer leben, oft hinter Schloss und Riegel.

Tatsache ist aber auch: Für die Öffentlichkeit ist dies ein dunkelrotes Tuch. Die großen, geschlossenen Ställe haben zur heute weit verbreiteten Meinung geführt, Landwirte würden aus purer Profitgier ihre Tiere quälen. Warum sonst lässt sie man sie nicht draußen herumlaufen, sondern schließt sie massenweise weg? Da geht doch was nicht mit rechten Dingen zu?!

Erläutern Landwirte die Hintergründe, weisen sie ferner darauf hin, dass das Gesetz verbiete, eine beliebige Anzahl von Tieren in ein Gebäude zu pferchen und dass die Tierschutzgesetzgebung unabhängig von der Stall- und Bestandsgröße Anwendung findet, verhallen die Argumente meist ungehört. Man hört es schließlich nirgends, liest es kaum in der Zeitung, und Tierquälern glaubt man nicht.

Frag zur Abwechslung mal den Landwirt!

A propos Tierquäler. Da wären diese Videos mit den Tierquälereien. Was es dort zu sehen gibt, wird oftmals als Alltag in der konventionellen Nutztierhaltung wahrgenommen. Klar, man kann in die Ställe nicht hineinschauen. Bloß:

„Was wir heute über moderne Landwirtschaft wissen oder zu wissen meinen, wissen wir zumeist aus den Medien. Es ist ein Landwirtschafts-Bild aus zweiter Hand: gezeichnet durch Riesenställe auf der grünen Wiese, durch Youtube-Videos von Tierrechtsorganisationen, durch (Hass-) Kommentare bei Facebook. Viele Menschen, die persönlich keinen Bauern kennen, halten Bauern heute für Tierquäler.“

Ja, so ist es. Die wenigsten Menschen kommen hierzulande noch auf Höfe oder schauen sich Ställe an, geschweige denn, dass sie mit einem Bauern reden. Sie wissen daher nicht, dass Tierrechtler die Nutztierhaltung kompromisslos abschaffen wollen und für den Veganismus eintreten. Wie ist es daher um die Glaubwürdigkeit dieser Filme bestellt? Kann man der Behauptung der Aktivisten Glauben schenken, so sehe der Alltag in deutschen Ställen aus?

Der Journalist Karsten Krogmann hat in seiner Analyse einiges angesprochen, was Landwirte heute umtreibt, unter Druck setzt und immer öfter regelrecht fertigmacht.

„Sprecht den Bauern Mut zu“

ist das Fazit seiner Analyse.

Es ist selten geworden, Landwirte und ihre Arbeit ausgewogen und fair darzustellen. Daran muss man sich erst gewöhnen!

Der Artikel: Analyse zur Agrar-Branche – Ehrlicher Bauer, dummer Bauer? Von Karsten Krogmann

Bild Dir Deine Meinung aus erster Hand – frag doch mal den Landwirt. Zum Bauernwiki bitte hier entlang!

* Bildnachweis: Webseite Massentierhaltung aufgedeckt, 17. Mai 2017

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Moinsen!

Bernhard Barkmann hat mich eingeladen, als Redakteurin in seinem BlogAgrar aktiv zu werden. Über dieses Vertrauen habe ich mich sehr gefreut –
vielen Dank, Bernhard!

Rotes Quadrat. Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen, 1915. Kasimir Malewitsch

Zu meiner Person: Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe dort kräftig mitgearbeitet. Viel Spaß hat mir das seinerzeit nicht gemacht, wenn ich ehrlich sein soll. Dementsprechend sieht meine Ausbildung aus: Ich bin Fremdsprachenkorrespondentin für Russisch und Französisch und habe an der FU Berlin was mit Medien und Osteuropa studiert. Eine Zeitlang habe ich im europäischen Ausland gelebt, mehrere Jahre in Franken und ziemlich viele Jahre in Berlin.

Zur Landwirtschaft zurückgefunden habe ich an der Uni über meine Arbeiten zur Privatisierung landwirtschaftlicher Nutzflächen in Rumänien und Russland. Darüber hinaus bin ich seit zehn Jahren als Online Redakteurin in einem der Landwirtschaft vorgelagerten Familienunternehmen tätig. Vom Landei zur Großstadtpflanze zum Landei. Ich wundere mich immer noch, wie das alles so kommen konnte.

Facebook ist schuld! 😉

Warum ich jetzt über landwirtschaftliche Themen blogge, ist leicht erklärt: Vor etwa drei Jahren habe ich bei Facebook angefangen, mich mit anderen, mir wildfremden  Menschen über die Nutztierhaltung bzw. konventionelle Landwirtschaft auszutauschen. Auslöser war, dass ich als Kind vom Hof und aufgrund von Erfahrungen, die ich in meinem Job gesammelt habe, feststellen musste, wie viel Unfug in der bundesdeutschen Berichterstattung über die Landwirtschaft kursiert. In Kombination mit meiner studienbedingten Sensibilisierung für das gedruckte Wort habe ich begonnen, Dinge klarzustellen.

Na ja, sagen wir mal so: Ich versuche es.  Man stellt nämlich schnell fest, dass 80 Mio. Deutsche an der Google-Universität studiert haben. Und die können einfach nicht irren. Natürlich ist das überspitzt formuliert, aber im Kern ein weit verbreitetes Phänomen, auch jenseits landwirtschaftlicher Themen. Mir hat mein Hintergrund geholfen, diese Falle zu weiträumig zu umgehen. Ich brauche nur mal eine halbe Stunde meinem Vater zuhören, wenn er etwas Fachspezifisches zum Besten gibt, und dann weiß ich, dass ich – leider – viel zu wenig über die Landwirtschaft weiß. Es ist eine ungemein komplexe Materie, so wie beispielsweise die Medizin, die Physiotherapie und der Maschinenbau. Allerdings hat sich das noch nicht rumgesprochen. Im Gegenteil. Das Motto der Gesellschaft scheint zu sein: Ich google und esse, also weiß ich.

Kurz nachdem ich begonnen hatte, mich bei Facebook intensiver mit wildfremden Menschen auszutauschen, habe ich aus privater Rücksichtnahme meinen Nachnamen durch meinen zweiten Vornamen ausgetauscht. Der Schritt ist mir seinerzeit schwer gefallen. Wer es allerdings hierzulande wagt, sich pro konventionelle Landwirtschaft bzw. Nutztierhaltung zu äußern, lernt in einem halben Jahr Fatzebook mehr unangenehme Gesellen kennen als in seinem ganzen Leben zuvor….

ProVieh ist ContraBauern

von Sönke Hauschild, Bauernverband Schleswig-Holstein

Gestern postete der Nutztierschutzverein Provieh einen Meinungsartikel aus dem Weserkurier:

Autorin ist die in Bremen tätige Ärztin Imke Lührs vom Verein „Ärzte gegen Massentierhaltung“.

Sie fährt fort: „Wegen spezieller Züchtungen, drangvoller Enge, schlechter Luft und unnatürlicher Lebensweise sind die Tiere besonders anfällig. Eine industrielle Tierhaltung ist ohne diese Medikamente nicht denkbar. Viele tierische Lebensmittel sind deshalb, wenn sie in den Handel kommen, mit resistenten Erregern behaftet, die so vom Menschen aufgenommen werden. Bei schlechter Abwehrlage oder bei Einnahme von Antibiotika vermehren sich diese Keime rasant und können dann nicht mehr behandelt werden.

Bemerkenswert, dass eine Ärztin fachlich derart „unbeleckt“ scheint, dass sie die wahren Zusammenhänge nicht kennt. Denn 97,5 % der multiresistenten Keime stammen aus Krankenhäusern und Pflegeheimen. Haushunde sind viermal häufiger mit resistenten Keimen besiedelt als Hähnchen. Die Geflügelhaltung steht (ebenso wie die Schweinehaltung) in keinem Zusammenhang mit der Zahl der MRSA-Fälle beim Menschen. Es sind Fakten des Bundesinstitutes für Risikobewertung.

Wir meinen: Frau Lührs kennt diese Zahlen!
Wir meinen: Auch Provieh kennt diese Zahlen!

Und es ist unredlich, gar gefährlich, dieses Problem zu verneinen, um der Landwirtschaft „einen mitzugeben“. Bauern-Bashing der feinsten Sorte, die aber von der wahren Gefahr ablenkt: Der Humanmedizin. Frau Lührs weiß das. Was sie macht, ist fahrlässig. So bekommen wir das Problem mit den resistenten Keimen nie in den Griff! ProVieh ist ContraBauern weiterlesen

Jäger, Landwirte, Angler und Imker in einem Boot

Emotionale Worte einer Jägerin, die anonym bleiben möchte:

Wow. Da sind sie wieder, die aktuellen Diskussionen, die jeder Jäger und vermutlich auch jeder Landwirt, jeder Angler oder Imker kennt. Da wird aufs übelste beschimpft, beleidigt, provoziert. Sicherlich im Endeffekt von beiden Seiten.

Aber woher kommt er, dieser abgrundtiefe Hass gegenüber uns?

Leuten, die meiner Ansicht nach noch mit und in der Natur leben, agieren und versuchen, ihre Zusammenhänge zu verstehen? Warum ist es „nur in seiner Natur“, wenn ein Prädator ein Wildtier erbeutet, wenn er es eben nicht sofort schnell und schmerzlos tötet, wenn es gar leidet oder viel mehr Tiere gerissen werden, als für eine Mahlzeit notwendig wäre?Warum ist es nicht „in der Natur“, dass wir Nutztiere halten oder eben Wildtiere erlegen, um sie zu essen?

Wären wir seit zigtausende von Jahren tatsächlich reine Pflanzenfresser, dann hätten wir einen um mehrere Meter längeren Darm, keinen verkümmerten Blinddarm und ein völlig anderes Gebiss. Warum haben unsere Vorfahren die Gefahren und Strapazen der Jagd auf sich genommen, wo Löwenzahn, Brennnesseln und Beeren doch vermutlich vor der Nase wuchsen? Warum wird als Argument immer gleich die „Lust“ am Töten vorgerufen? Fehlt mir da ein Körperteil, als Frau? Oder macht Fleisch essen einfach satt und ist somit befriedigend?

Ich jage auch. Aber eben nicht nur. So wie der Landwirt viele Stunden an Arbeit hat und auch nicht nur tötet. Empfinden Angler Lust? Ich muss doch mal einen fragen. Ich dachte eher, es ist noch eine Form des Jagdtriebs. Beute machen zu wollen. Nahrung zu haben. Vielleicht ist das doch noch ein Fitzelchen aus jahrtausendelanger Entwicklung. Übrig geblieben wie unser kurzer Darm oder unser Allesesser-Gebiss.

Und dann stolpere ich wieder über Kommentare von Leuten, bei denen mir die Haare zu Berge stehen und meine Augenbrauen vor Erstaunen sich nicht weiter nach oben ziehen können. Ich sehe mir deren Profile an, während ich Sachen wie „Karma regelt das bei euch, zur Not im Krankenhaus„, „Psychopathen„, „erschießt euch selber“ und so weiter lese. Auf den Profilen sehe ich aber Leute, die Tiere lieben. Die sich um verletzte und kranke Tiere kümmern. So wie wir das tun. Leute, die meistens doch auch einem normalen Job nachgehen.

Woher kommt dieser Hass? Bei vielen Kommentaren frage ich mich, wie dieselben Personen täglich im Job und Alltag argumentieren. Ob sie da am Schreibtisch oder der Supermarktkasse ausflippen, und dem Kollegen mit dem Leberwurstbrot einen qualvollen Tod, oder dem Käufer von Hackfleisch mit dem Aufstechen der Autoreifen drohen? Da sind alle völlig unscheinbar.

Also doch nur die Anonymität auf Facebook, die kleine heile Welt im Computer? Ich frage mich jedesmal, was deren Chef dazu sagen würde, wenn er sowas lesen könnte. Woher kommen diese Menschen verachtenden Aggressionen? Was passieren würde, wenn man sie mit Steinen und ähnlichem bewaffnet in die Realität entlassen würde. Was ist das? Frust? Langeweile? Verzweiflung?

Wie oft sitze ich auf meinen Händen, denke mir „schreib nichts! Schreib dazu bloß nichts!“ Mich lässt das, wie man sieht, auch nicht völlig unberührt.
Ich denke, dass viele viele Leute einfach nicht genügend informiert sind, aber durchaus interessiert an der Natur und ihrer Umwelt. Diese Leute gilt es abzuholen und mitzunehmen. Bei 500 und mehr Hasstiraden in einzelnen Beiträgen stellt man schnell fest, dass der Großteil der Wut- und Fehlinformationen von einzelnen wenigen Personen gepostet wird. Damit aber deren laute Meinung nachher nicht aussieht, als wäre sie die einzige, sollte man aber vielleicht doch immer wieder sachlich mitargumentieren. Auch wenn es schwer fällt. Verdammt schwer, in dem Moment, in dem man sich doch am liebsten auf das selbe Niveau hinablassen würde und mit „Herr, schmeiß Hirn vom Himmel“ antworten möchte.

Die festgefahrene Meinung und die Einstellung einzelner Personen lässt sicher niemals eine sachliche Diskussion zu. Wichtig sind doch die, die das lesen und sich nur denken „was ist denn bitte da los?“. Mit denjenigen möchte ich reden.

Da geht es nicht um das Rechthaben. Da geht es um zeigen, fühlen und empfinden unserer Umwelt, eine Meinung kann sich jeder selber bilden.

Für alle, die Fragen haben, zur Jagd (die ich sicher auch nicht alle beantworten kann, ich bin ja nicht allwissend) zum „warum“, für all jene habe ich ein offenes Ohr. Und Zeit. All jene lade ich ein, einfach mal mitzukommen. Vor der Mahd durch regennasse Wiesen zu laufen, pitschnass zu werden und am Ende ein kleines Rehkitz zu finden und es an einem sicheren Bereich abzusetzen. Am Sonntag statt auszuschlafen um 03.30 Uhr aufzustehen, über Stunden still auf einer Holzbank zu sitzen und die Natur beim Erwachen zu beobachten. Mit einer Hacke ‚bewaffnet‘ zwei-drei Stunden dabei zu helfen, Wildschweinschäden in einer fremden Wiese wieder einzuebnen. Eimerweise Steine zu entfernen, um einen brachliegenden Wegrandbereich in eine Wildwiese zu verwandeln… Gemeinsam Jagd -und auch das ist ein kleiner Teil davon, zu erleben. Da freue ich mich drauf. Und bei dem Gedanken daran sind sie auch schon weg, diese ganzen Frustrationen. Ganz ohne Beleidigungen. Geht doch. Mitkommen. Mitmachen.


Dieser Text steht bei einer Jägerin in ihrem Facebookprofil. Das Angebot hat sie ihren Facebookfreunden gemacht. Aus Sorge vor Anschlägen wie Hochsitz-Ansägen etc. möchte sie hier aber anonym bleiben.
Sollten einige Leser das Dialogangebot der Jägerin annehmen wollen, kann ich je nach Region sicherlich helfen, einen Jäger(in) zu vermitteln.

Auf einem Austausch würden sich auch die jungen Jäger aus Bonn freuen: https://twitter.com/JungeJaeger