Unheilige Allianz von Politik und NGOs

Da spricht mir jemand aus der Seele! Ich zitiere nun eine Rede vom Vizepräsidenten des deutschen Bauernverbandes Werner Schwarz aus Schleswig-Holstein, die er am vergangenen Mittwoch in Wesel, NRW, anlässlich des dortigen Agrar-Forums gehalten hat:

Werner Schwarz
Werner Schwarz

„In den letzten Jahren hat sich die Landwirtschaft als ein neues Betätigungsfeld vieler gesellschaftlicher Gruppen erwiesen, sehr zur Verwunderung der Bauern. Landwirte hatten ihren Versorgungsauftrag im Auge. Und in der Tat: Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit waren wir in der Lage, derartig vielfältige, gesunde, günstige Lebensmittel für die gesamte Bevölkerung bereit zu stellen.

Aus welchem Hinterhalt kommt dann also dieser Angriff? Es ist kein Hinterhalt. Es ist der Fluch der guten Tat. Wir haben eine hohe Lebenssicherheit hergestellt. Diese Sicherheit führt nun dazu, dass man die Lebensmittelerzeuger in Frage stellt. Eine moralische Diskussion um Essen und Tierhaltung, Bodenschutz Artenvielfalt ist vor allem ein Wohlstandsphänomen.
Denn

– wir haben viele Tierkrankheiten ausgemerzt,
– die Ackerfrüchte bringen Erträge, von denen wir früher und andere heute noch träumen,
– das Wasser hat Trinkwasser-Qualität, die Luft ist sauber, der Boden fruchtbarer denn je.

Doch NGOs und Politik treten in eine unheilige Allianz der Betroffenheit und kehren scheinbar basisdemokratisch das System der Landwirtschaft um. Die Diskussion über die Nutztierhaltung ist an medialen Falschaussagen schwerlich zu übertreffen. Ein Dr. Hofreiter ist nicht in der Lage, die grüne Agrarwende ohne Schlagworte wie Massentierhaltung, Pestizide, Agroindustrie, Grundwasserverseuchung oder südamerikanische Todesschwadronen zu beschreiben. Behörden lehnen Stallbauten im Ablehnungsbescheid schon mal mit der Begründung ab, dieses sei „Massentierhaltung“ und damit nicht genehmigungsfähig.

Am Ende jedes vermeintlichen oder echten Skandals stehen weitere Gesetze, Kontrollen und Kosten. Und wie diese Kosten uns an den Rand der wirtschaftlichen Existenz führen, zeigt die gegenwärtige Marktkrise. Es ist am Ende nicht nur eine Preis-, sondern auch eine Kostenkrise, die politisch befeuert wird.

Können wir es uns leisten, solche Entwicklungen zu ignorieren? Ich denke nicht. Wir benötigen eine gesellschaftliche „Licence to Produce“, eine neue Akzeptanz. Zwar haben wir diese Akzeptanz immer gebraucht. Nur machte sie sich in der Vergangenheit an anderen Punkten fest – der wichtigste: Hochwertige, günstige Lebensmittel zu erzeugen. Diese Lizenz ist abgelaufen. Sie ist logisch betrachtet von einer hinreichenden zu einer notwendigen Bedingung geworden, zu einer unter vielen Bedingungen. Deshalb brauchen wir eine neue Lizenz.

Dazu müssen wir kampagnenfähig werden. Wie tun wir das? Fest steht, dass nicht der gewinnt, der in Ruhe verharrt, bis der Gegner seine Stellungen bezogen hat. Nur wer in Bewegung bleibt, hat Chancen. Das Gute daran: Diese Strategie kennen wir Landwirte als Unternehmer vom eigenen Betrieb. Damit können wir umgehen.

Campaigning (Agitieren) ist ein Beruf mit Zukunft. Vor allem die zahlreichen Organisationen zum Schutz der Umwelt, der Tiere, des Klimas, zu Land, Wasser und der Luft stützen ihre Organisation auf diesen Pfeiler. Der Beruf des Campaigners ist beliebt, denn das, wofür man eintritt, ist moralisch anständig. Bei dem „wie“ darf man deshalb offenbar ruhig über die rechtlichen Stränge schlagen. Dabei scheint mir die Wirkung oft wichtiger zu sein als das Ergebnis.

Das „Kulleraugen-Prinzip“ nennen Campaigner eines ihrer Erfolgsmodelle. Proteste gegen das Robbenschlachten gehörten zu den wichtigsten Aktivitäten von Greenpeace. Ab 1983 war der Markt für die Felle tot. Was wirkte beim Robben-Thema? Emotionalität, das Kindchen-Schema des unschuldigen Tieres mit den schwarzen Knopfaugen.

Ein weiteres Erfolgs-Prinzip ist das vom heldenhaften David gegen einen übermächtigen Goliath. Wenn der Umwelt-David gewinnt, erscheint es fast als Wunder. Spätestens seit der Brent Spar-Kampagne sind die NGOs in den Medien der wahre Goliath und werden von der Politik entsprechend wahr- und wichtig genommen.

Ein drittes Erfolgskonzept lautet: Bange machen gilt! Ob BSE, Genfood, Antibiotika, Glyphosat – das Prinzip Angst hilft zuverlässig und entfaltet regelmäßig seine gesellschaftsverändernde Wirkung.

„Negative Campaigning“ – Schmutzkampagne, nennt man diese Art der öffentlichen Darstellung, bei der versucht wird, den Gegner in ein schlechtes Licht zu rücken, um das eigene Ansehen zu befördern. Negative Campaigning ersetzt die sachliche Argumentation durch die persönliche Auseinandersetzung. Auf dieser Ebene lässt sich trefflich moralisch argumentieren. Ich erschrecke mich jedes Mal, wenn ich bemerke, dass Gruppen mit einem hohen moralischen Anspruch offenbar nach Herzenslust mit Dreck werfen dürfen. Aber es ist eine Tatsache: Sie dürfen das.

Wir plädieren für ein „Disarming Campaigning“, entwaffnende Kampagnen.
Wir sprechen von den vier Säulen unserer Öffentlichkeitsarbeit:
Glaubwürdigkeit, Transparenz, Echtheit und Ehrlichkeit.
Offenheit ist entwaffnend, Ehrlichkeit erst recht. Rüsten wir also ab, wo auf negative Stimmungsmache gegen uns gesetzt wird. Gehen wir ehrlich mit der Gesellschaft um!

Wir werfen keinem Bürger vor, dass er zu einfachen Erklärungsmustern greift. Auch dass er die günstigsten Produkte kauft, machen wir niemandem zum Vorwurf. Wir machen lieber Angebote. Die Initiative Tierwohl ist so eine Zusage. Das System ist weltweit einmalig und angestoßen vom Tierschutz. Ich bin überglücklich, dass die Schweinehalter das System regelrecht überrannt haben. Vereinbarungen zum Verzicht auf das Schwänzekupieren, zu tragenden Schlachtkühen und zur Enthornung sind ebensolche Angebote an den Bürger. Der deutsche Bauernverband hat im November ein entsprechendes Positionspapier verabschiedet. Zu unserem Leitbild gehören die Verantwortung gegenüber Markt, Gesellschaft und Verbrauchern sowie die Bereitschaft zu Veränderung.

Wer heute noch als Landwirt „da“ ist, der hat bis heute alles richtig gemacht. Sonst wäre er nicht mehr da. Er hat seine Tiere ordentlich gehalten, die Bodenfruchtbarkeit erhalten, seine Finanzmittel im Blick und die Familie steht hinter dahinter. Respekt vor jedem, der das bis heute geschafft hat! Es gibt einen Platz für die heimische Landwirtschaft in der Gesellschaft. Sie ist ein Kompromiss und wird es bleiben. Aber es ist ein Kompromiss, in den viele wissenschaftliche Erkenntnisse zum Wohle der Tiere, des Bodens, des Wassers und nicht zuletzt des Menschen einfließen. Das sollte uns genug Selbstbewusstsein geben, die Zukunft trotz vieler Herausforderungen anzupacken.

Machen wir weiter, gewinnen wir die Bürger zurück! Dazu brauchen wir die Mitarbeit möglichst vieler Landwirte.

Diese Rede wurde zuerst auf der Facebookseite des Bauernverbandes Schleswig-Holstein veröffentlicht. Es lohnt sich, diese Seite zu „liken“.

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