unberechtigte Kritik an Agrarscouts

Ich sitze gerade im Zug und fahre nach Berlin. Zur Zeit findet dort die Internationale Grüne Woche statt. Eine Messe, die eine sehr große Vielfalt an Lebensmitteln aus Deutschland und sehr vielen Ländern interessierten Besuchern zeigt. Zum festen Bestandteil dieser Ausstellung gehört auch, dass auf einem sogenannten Erlebnisbauernhof den Verbrauchern die Arbeit auf den Höfen etwas näher gebracht und erklärt werden soll.
fml-Logo-10-100-1000-RZIn diesem Jahr werden keine Funktionäre oder irgendwelche Angelernte die Führungen auf dem Erlebnisbauernhof übernehmen, sondern echte Bäuerinnen und Bauern. Das Projekt dazu heißt „zehn100tausend“ und wurde vom Netzwerk „Forum Moderne Landwirtschaft“ (FORUM) initiiert und gefördert. Mitglieder des FORUMs sind neben dem deutschen Bauernverband und Raiffeisenverband auch viele Unternehmen des vor- und nachgelagertem Bereichs. Für viele also die böse Agrarindustrie.
Nun denn- dieses Projekt stößt auf viel Zustimmung, aber auch auf Skepsis und Ablehnung. Das negative Feedback ist vorwiegend aus den Kreisen der Bioverbände zu vernehmen, die selber nicht Mitglied im FORUM sind und wohl auch nicht sein wollen.

Foto von bauerwilli.com
Foto von bauerwilli.com

So sagt der Vorsitzende des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Felix Prinz zu Löwenstein:

„Es zieht sich als roter Faden durch die Äußerungen der landwirtschaftlichen Standesvertreter im deutschen Bauernverband: „Es gibt keine Probleme!“. Nicht mit dem Wasser: „alles falsch gemessen“. Nicht bei der Biodiversität: „Wenn, dann ist die zunehmende Versiegelung schuld“. Nicht bei den Böden: „Die sind so gut dran, wie noch nie“. Nicht beim Tierwohl: „Wer so gut wächst, dem fehlt nichts“. Und die verwendeten Pestizide sind so harmlos wie Kochsalz. Wenn das alles so ist, dann bleibt tatsächlich nur ein Problem: Wie erklären wir der Bevölkerung, dass es keine Probleme gibt? Und hier haben wir die Antwort: Indem wir aus den Bauern Kommunikatoren machen. Kommunikatoren, die wissen, wie man unangenehmen Fragen ausweicht.“Was nicht zu akzeptieren sei, werde es auch nicht durch bessere Kommunikation, gibt Löwenstein zu bedenken. Und fügt hinzu: „Transparenz ist nur dann hilfreich, wenn man die Problemsituation benennt und sich der Diskussion stellt, wie man aus ihr herausfindet.“

Ich bin selber einer dieser 100 Agrarscouts, die den Besuchern der Grünen Woche die praktische Landwirtschaft näher bringen wollen und dafür eine Menge Zeit opfern. Anscheinend werde ich mit meinen Kollegen und Kolleginnen vom AbL für ziemlich dämlich gehalten, wenn ich folgende Äußerungen lese:

Es müsse daher „in der Tat sehr intensiv „geschult“ werden, wenn die 100 „Vertreter“ das kommunizieren sollen, was die Träger des Forums unter „moderner Landwirtschaft“ verstehen, erklärte die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Laut dem Verband sind es jedoch die „Bäuerinnen und Bauern mit eigenen Meinungen und Interessen“, die den „dringend notwendigen gesellschaftliche Dialog zur Zukunft einer bäuerlichen Landwirtschaft“ tragen.

Ich und meine Scout-Kollegen sind also des selbstständigen Denkens nicht mächtig? Eine ziemlich dreiste und unverschämte Anmaßung, finde ich.

Da begreifen die Landwirte und Verbände endlich, dass es nötig ist, sich mehr und mehr zu öffnen, und investieren für ihre Aufklärungsarbeit viel Zeit und auch nicht wenig Geld, da werden sie von vornherein für ihr Vorhaben kritisiert.

Und an die Adresse von Herrn Löwenstein: ich rede nicht alles gut! Es ist bestimmt nicht alles in Ordnung in der Landwirtschaft. Ich bin nicht perfekt. Aber vielleicht ist sogar nicht alles perfekt im Ökolandbau? Das ist jetzt aber nicht mein Thema.
Ja, wir Landwirte haben eine große Verantwortung für Boden, Wasser und die Tiere. Ich bin am vergangenen Wochenende in Meppen und Berlin für „Wir machen Euch satt“ aktiv gewesen, weil ich mich dafür einsetze, dass die Skandalisierung der Landwirtschaft ein Ende haben muss! Weil gegenseitige Schuldzuweisungen einer sachlichen Debatte nicht förderlich sind und eben auch nicht zielführend sind. Weil wir uns nicht von Ideologie sondern von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lassen sollten!
Wir sind vielleicht ein Teil des Problems, aber auch immer Teil der Lösung. Ich für meinen Teil setze mich dafür ein, diese Debatte zu führen und nach vernünftigen Lösungen zu suchen.
Ich finde dieses ständige negative Campaigning gegen über der konventionellen Landwirtschaft furchtbar. Ich finde, wir haben in Deutschland eine vielfältige Landwirtschaft- groß, klein, Öko, Konventionell, genossenschaftlich organisiert oder solidarisch finanziert- alles ist dabei. Und alles hat sicherlich seinen Sinn bzw. seine Berechtigung.

Nur- wenn ich so aggressive aussagen lesen muss, wie

„Mit Blick auf die gewaltigen Herausforderungen sieht es der neue BÖLW-Vorstand als essentielle Aufgabe an, die ökologische Lebensmittelwirtschaft als Leitbild nachhaltigen Wirtschaftens durchzusetzen. (PM BÖLW)“

dann muss ich das für mich als Kampfansage interpretieren. Ich gebe zur Antwort, dass ich nicht gegen die Ökologische Landwirtschaft kämpfen werde, wohl aber gegen Verleumdung und Fehlinformation!

Ich bin also einer der 100 Agrarscouts auf der Grünen Woche. Man kann mich am Mittwoch in der Halle besuchen und mit mir direkt reden und diskutieren. Dazu lade ich jeden ein, der Lust und Zeit mitbringt. Ich bin da und sehr gespannt, auf wen ich treffen werde.

Ich bin zum Dialog bereit! Und mit mir 99 weitere Agrarscouts und unzählige Landwirte in der Fläche. Eine Landkarte, wo diese Dialog-bereiten Landwirte zu finden sind, müsste angestrebt werden.

Monologe bringen uns nicht weiter.

9 thoughts on “unberechtigte Kritik an Agrarscouts

  1. Hallo Bernhard
    habe den Link eben an Felix zu Löwenstein weitergeleitet. Mit der Frage, ob er den Menschen, die sich zur Verfügung stellen, nicht Unrecht tut. Mal sehen, ob und was er antwortet.

  2. Lieber Herr Barkmann,

    ich bekomme es gerade nicht sortiert – aber ich glaube, wir haben uns schon kennen gelernt und einen intensiven Austauschtag in der Nähe von Osnabrück verbracht. Stimmt das?

    Es tut mir leid, wenn ich hier nur in ein paar Worten reagiere, weil ich gerade in zeitlichem Druck bin. Nur so viel: die Haltung: „Wir haben keine Probleme, ausser zu kommunzieren, dass wir keine haben“ begegnet mir tatsächlich unentwegt. Offizielle Reden auf der IGW haben das geradezu als Leitthema.
    Ich sehe die Wirklichkeit ganz anders. Wir haben massive Probleme – von Biodiversität bis Bodenfruchtbarkeit, von als Einbahnstrasse organisierten Nährstoffströmen bis Klimawandel. Und nicht zuletzt, was die gesellschaftliche Akzeptanz betrifft. Und ohne die ist weder wirtschaftlich Zukunft möglich – jedenfalls, wenn es stimmt, das die Gesellschaft die Summe unserer Kunden ist. Und ohne die ist es auch schwierig, Freude an der Arbeit zu haben.
    Deshalb halte ich es für unabdingbar, zu definieren und auch öffentlich darzustellen, wo die Probleme und folglich die Verbesserungsnotwendigkeiten liegen. Und dann mit der Gesellschaft die erforderlichen Pfade zu entwickeln.
    Das wird nicht verhindern, dass es unterschiedliche Sichtweisen und Einschätzungen gibt. Aber es ist die einzige Möglichkeit, Vertrauen aufzubauen.

    Was ökologische und konventionelle Landwirtschaft betrifft: vielleicht sollten wir immer an den Stellen zusammen beginnen, an denen wir gleiche Probleme haben. Zum Beispiel durch zu schwere Technik auf unseren Böden.
    Wenn dann in der „Grünbuch-Veranstaltung“ auf Nennung dieses Themas hin gleich die Antwort kommt: „So ein Blödsinn. Da gibt es keine Probleme, wir haben doch Breitreifen“ – eine Situation die ich am selben Abend in einer Diskussion mit jungen Landwirten in einem privaten Rahmen hatte – dann zeigt das, wie wenig selbstverständlich das ist.

    Dass ich die ökologische Landwirtschaft als Leitbild für die Entwicklung der Landwirtschaft für nötig halte, trifft zu. Würde ich sie lediglich als Marktnische für besser zahlende Kunden und verschrobene Erzeuger halten, dann würde ich mich keine Sekunde lang politisch dafür engagieren, sondern gemütlich zu Hause sitzen bleiben.

    Oh je – jetzt ist doch ein langer Text draus geworden.
    Sie kennen meine Telefonnummer – sonst fragen Sie Herrn Schilling. Wir können ja im direkten Kontakt versuchen, weiter zu kommen.

    Ihr
    Felix Löwenstein

    1. Herr zu Löwenstein, vielen Dank für den Kommentar!
      Ja es ist richtig, wir sind uns bereits im Emsland (Misereor-Diskussion) und in Oesede (nahe Osnabrück) begegnet.
      Ich setze mich dafür ein, dass die Diskussion fachlich und sachlich geführt wird. Die Baustelle „schwere Maschinen“ ist für mich jetzt neu und ich wundere mich gerade, dass diesem Thema eine so große Bedeutung zu gemessen wird.
      Weiter werbe ich dafür, dass die unterschiedlichen Produktionsvarianten sich gegenseitig respektieren und akzeptieren. Die Debatte darum wird mit viel zu viel Ideologie aufgeladen. Das habe ich auch gerade in einem Gespräch mit Tierschutzbund bzw Neuland vorgebracht.
      Nun, danke für ihr Angebot des Dialogs. Ich kann mir gut vorstellen, zum Telefonhörer zu greifen.
      Vielleicht werde ich morgen noch etwas ausführlicher antworten, für mich steht nun der Niedersachsenabend auf dem Programm. Ich werde viele Wegbegleiter treffen. Ich freue mich auf viele spannende Gespräche.

    2. Die ökologische Bewegung hat genügend echte Probleme (gemeinsam mit den konventionellen) – Pestizide ,Düngung und Stukturwandel zu immer größeren Einheit, bei denen die Kleinen auf der Strecke bleiben. Schwere Maschnen richtig benutzt, stellen wohl keine Gefahr dar. Nichtsdestotrotz wird aber der ökologische Landbau langfristig die Richtung vorgeben .

  3. Werter Herr zu Löwenstein,

    Ihr Ziel ist es also, Biolandwirtschaft flächendeckend in Deutschland politisch durchzusetzen? Was anderes soll Ihre Aussage „Leitbild für die Entwicklung der Landwirtschaft“ sonst bedeuten?
    Für die Durchsetzung von politischen Zielen wurde schon immer mit harten Bandagen gekämpft – die „Wahrheit“ blieb dabei leider oft auf der Strecke.

    Sie machen hier den Fehler, Landwirten wie Herrn Barkmann zu unterstellen, er und andere Kommunikatoren würden die Kritikpunkte relativieren und Fragen ausweichen. Das tut er nicht. Jedem, der versucht, eine Halbwahrheit zurechtzurücken oder gar Unwahrheiten zu widerlegen, wird man aber vorwerfen zu relativieren. Wie soll man denn sonst antworten?

    Auch die Teilnehmer der Demo Wir-machen-Euch-satt wollten nicht die Problemfelder kaschieren, sondern nur darauf hinweisen, dass der Streit um die „richtigen“ Leitbilder eskaliert ist weil Halbwahrheiten, Verzerrungen und Übertreibungen die „Wissensbasis“ der Verbraucher geworden ist.

    Haben Sie sich die Reden auf http://www.stallbesuch.de/wir-machen-euch-satt-2-0/ angesehen? Es wird gefordert, die Problemfelder auf einer wissenschaftlichen Basis zu diskutieren und nicht auf Basis von Halb- und Unwahrheiten, die über viele Medien gestreut wurden. Leider ist Wissenschaft inzwischen etwas beliebig geworden: Als Studie wird selbst das bezeichnet, was eine Parteifraktion im Do-It-Yourself-Laborauftrag macht, siehe „Glyphosat in der Muttermilch“.

    Ich versuche immer beide Seiten der Medaille zu betrachten und daher lese ich auch die Veröffentlichungen von Statistiker Georg Keckl (www.keckl.de), dem ich bisher keine fremdgesteuerten Interessen zuordnen könnte und seine Ausführungen sehr faktengetrieben sind. Was halten Sie davon? Sie können als Vertreter der Biolandwirtschaft ja immer von einer für Sie positiven Berichterstattung in unseren Medien ausgehen, und wenn eine Halbwahrheit mehrfach in den Medien zitierfähig ist, wird sie für den fachfremden Leser zur Wahrheit.

    Besonders die aus der grünen Ecke geschaffenen Schlagworte „Agrarindustrie“ und „Massentierhalter“ erschweren eine vernünftige Diskussion, da sie geschaffen wurden, um Feindbilder in den Köpfen aufzubauen. Wer nicht Biobauer ist wird dadurch stigmatisiert bis die Kinder sogar die Schule wechseln müssen. Gut ist Bio – schlecht ist konventionell.

    Das größte Verbrechen, welches die Ökobewegung samt der grünen Partei begangen hat ist:
    Dass ein gesamter Berufsstand mit diesen Worten diffamiert wird. Und das ist ja Teil der Rhetorik der Grünen, dass nicht Individuen kritisiert werden für etwas das sie tun, sondern es wird ein Kollektiv benannt, und das wird mit einem polemischen, populistischen ekelhaften Etikett versehen. Über die konventionelle Landwirtschaft ist ein pauschales Urteil gefällt, sie muss abgeschafft werden.

    Nun müssen die Individuen (die Landwirte) selbst versuchen zu kommunizieren, weil erstens die Verbandsspitzen selbst nicht mehr miteinander vernünftig reden können (das haben Sie ja angemerkt) und zweitens weil diese Diffamierungsstrategie mittlerweile eine Eigendynamik erreicht hat, die selbst eine Millionenschwere Werbekampagne der Agrarbranche nicht mehr aufhalten kann.

    Sie können sich also glücklich schätzen und sogar gemütlich zu Hause sitzen bleiben: Die mediale Macht haben Sie gewonnen, der Preis ist u.a. eine weitere ausgedünnte Generation von Hofnachfolgern und Nachfolgerinnen, die sich dieser Art von gesellschaftlichen „Diskussion“ nicht mehr aussetzen wollen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Friedrich K. aus N.

    1. Haben sie schon mal versucht, die Vorteile des Bio-System zu nutzen und zu sehen ? Ich könnte Ihnen sehr erfolgreiche Umsteller auf Bio im Emsland zeigen.

      1. Herr Meyer, haben Sie meinen Kommentar überhaupt gelesen, oder sind Sie nur „in höherer Mission“ hier unterwegs? Warum sollte ich auf Bio umstellen? Wissen Sie überhaupt, wie riskant und aufwendig das ist?
        Der Bio-Landbau hat heute schon das Problem, dass die durchschnittlichen Landwirte nicht davon profitieren würden. In den Discountern liegen Produkte z.B. von KTG Agrar, die in Osteurope auf Zigtausenden von Hektaren EU-Biolandwirtschaft betreibt („Künast sei Dank“) !
        Selbst wenn alle Bauern umstellen würden, würde der Lebensmittelhandel dafür sorgen, dass die Preise für Bioprodukte billig sind. Bei Bodenhaltungseiern hat es ja auch nicht geklappt: Hier wurde auch zuerst der Standard Käfigeier gekennzeichnet, dann praktisch verboten. Nun ist der nächst höhere Standard sogar noch billiger als vormals die Käfigeier. Das steht dem Biolandbau noch bevor, wenn dieser „durchgesetzt“ wird.
        Bio muss ein höherpreisiges Marktsegment für die kaufwilligen „Gutmenschen“ bleiben, sonst geht auch dieses Leitbild vor die Hunde, bzw. wird „agrarindustriell“ hergestellt.

        1. Hallo Herr K.
          obschon ich meinen Lebensunterhalt seit sehr langer Zeit in der Ökolandwirtschaft verdiene, bin ich sicherlich nicht in dessen Sinne, geschweige denn in dessen Auftrag missionarisch tätig. Mich treibt eher der Umwelt- und Heimatgedanke. Daher sehe ich zunächst erbebliche Vorteile im Öko-System. Richtig ist ,daß die Gefahr besteht, Bio wird billig und austauschbar.
          Aber für das schlechte Image der Landwirte können Sie wohl schwerlich die Verbrechen der Ökoszene und Frau Künast verantwortlich machen , die Grundlagen dafür stammen aus der aktuellen Landwirtschaft . Ich gehe mal davon aus, daß sie wenig Erfahrung im Umgang mit Konsumenten haben. Da draußen ist meines Erachtens ein riesiges Potential von Verbrauchern die für echten Mehrwert gutes Geld zahlen wollen und können.

    2. Hallo Herr k.
      Anscheinend fühlen Sie sich von Medien benachteilig. Sie sehen gar nicht , daß mediale Mächte ,wie z. B. die NOZ der Landwirtschaft sehr sehr wohlwollend gegenüberstehen. Mit ein wenig Reformwillen und ein wenig Selbstkritik stehen Ihnen da ungeahnte Möglichkeiten zur Verfügung , Ihr Image zu verbessern.

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