Landwärts

Für wen ist der ländliche Raum da?

Ich war gestern beim traditionellen „Tag der Landwirtschaft“ in Oesede zu Gast. Motto war „landwärts“ und die Referenten trugen vor, warum sie landwärts schauen. Am Anfang habe ich etwas über das Grußwort von Meta Janssen-Kucs (Vize-Präsidentin des niedersächsischen Landtags und ehemalige Landesvorsitzende der Grünen) geärgert.

Der Tag der Landwirtschaft war gut besucht

Im wesentlichen zählte Sie dabei ein paar Allgemeinplätze auf, mit denen eigentlich alle Anwesenden mitgehen können:

  • Herausforderungen des Strukturwandels annehmen
  • gemeinsamer Dialog
  • Vielfältigkeit des ländlichen Raumes
  • hohe Dichte an zwischenmenschlichen Beziehungen, sozialer Kitt

Aber Sie sprach auch über die Bedeutung des ländlichen Raumes. Der ländliche Raum sei nicht nur Produktionsstätte, sondern biete Siedlungsflächen und sei auch wichtig für Ausgleichsflächen und Ruheräume. Der ländliche Raum sei also auch wichtig für die Menschen in der Stadt!

Der ländliche Raum ist zuerst für die Menschen auf dem Land da!

Ich meine, der ländliche Raum ist in erster Linie für die Landbevölkerung da!
Es ist „Tag der Landwirtschaft„, und kein Wort über die Landwirtschaft, dem sehr wichtigen Standbein des ländlichen Raumes in Weser-Ems.
Vielleicht das ein Grund dafür, dass die Grünen unterdurchschnittlich auf dem Lande gewählt werden. Sie haben wohl nicht so sehr den Blick auf die Menschen, die auf dem Lande leben gerichtet. Wichtig sind da eher die Ausgleichsflächen und Ruheräume für den gestressten Städter?

Der ländliche Raum benötigt auch Wertschöpfung. Ohne Wertschöpfung, keine Wirtschaft die attraktive Arbeitsplätze vorhält. Ohne Arbeit ist der ländliche Raum unattraktiv- gerade für die gut-ausgebildeten jungen Leute.  Der ländliche Raum darf nicht zu einer WünschDirWas-Projektionsfläche von elitären Stadtbewohnern werden.
Ich glaube, anhand dieses kurzen Grußwortes, das in freundlichen Worten daher kam, aber inhaltlich nichts Handfestes für die Landbevölkerung geboten hat, kann man schon eindeutig ableiten, warum die Grünen in der Stadt ihre Wählerschaft findet, aber weniger im ländlichen Raum.

Wähler der Grünen wohnen in den Städten

Von der geringen Akzeptanz innerhalb der Landwirtschaft nicht zu sprechen… hier haben gerade die niedersächsischen Grünen jüngst nur 1% Zustimmung erhalten. Liegt vielleicht auch daran, dass im Wort „Landwirtschaft“ auch die „Wirtschaft“ enthalten ist. Vielleicht sollten die Grünen mal mehr den Menschen (auf dem Land) in den Blick nehmen, wenn sie Politik fürs Land machen wollen.

Nachtrag:

In einer persönlichen Diskussion mit Frau Jannsen-Kusc fühlte sie sich bei einem ersten Tweet von mir (s.o.) missverstanden. Sie wies darauf hin, dass ihr Auftrag war, ein Grußwort ohne größere inhaltliche Tiefe zu sprechen. Außerdem sei sie als Vize-Landtagspräsidentin der Neutralität verpflichtet. Sie sei auf einem Bauernhof groß geworden und wisse natürlich auch, dass auch die Wirtschaft für das Land wichtig sei.

Weihbischof Theising

Richtig gut, fand ich hingegen die Worte von Wilfried Theising, bischöflicher Offizial und Weihbischof im Offizialatbezirks Oldenburg:

Er referierte darüber, wie die Kirche auf das Land schaut. Theising, der selber auch auf einem Bauernhof groß geworden ist, sagte, dass man die Schöpfung am Besten auf dem Land sehen und entdecken könne.

Er betonte (im Gegensatz zur Vize-Landtagspräsidentin) die große Bedeutung des ländlichen Raumes für die Menschen im Land! Wörtlich sagte er:

„Wenn das Land den Leuten nicht das geben kann, was sie für ihre Existenz brauchen, wäre das eine Katastrophe!“

Auf dem Land sei vieles nicht selbstverständlich, was in den Städten völlig normal sei. Dieser Nachteil würde aber durch einen besseren Zusammenhalt ausgeglichen.

Und dann widmete er sich der Rolle der Kirche im Land zu:

„Die Kirche muss im Dorf bleiben!“

Die Kirche dürfe sich nicht aus den ländlichen Gebieten verabschieden! Es gebe positive Beispiele bei der Landjugend, die auch heutzutage noch Neugründungen in einigen Ortschaften feiern dürfen.

Saisonarbeiter, osteuropäische Arbeitskräfte

Auf dem Land leben auch viele Saisonarbeiter für die Landwirtschaft und Arbeiter für die Schlachtbranche. Diese Menschen müssten auch unbedingt im Focus der Kirche sein. Die Kirche hat (auch durch die geleistete Vorarbeit von Peter Kossen) im Offiliatsbezork Oldenburg Beratungsangebote für diese Bevölkerungsgruppe geschaffen.

Mit Blick auf die Landwirtschaft wies Theising die Pauschalkritik an die Landwirte zurück. Er betonte, dass die Lebensmittel heute gesund seien und man auch Fortschritte bei Tierwohl benennen dürfe. Für die Lebensqualität im Dorf leisten die Landwirte einen einen wesentlichen Beitrag.

Verantwortung tragen

Gegen Ende seiner Ausführungen ging er auf die Verantwortung ein. Wenn Landwirte eine verantwortliche Betriebsentwicklung vornehmen, verantwortlich mit den Tieren umgehen, aber sich auch für die Menschen im Umfeld verantwortlich zeigten, dann hat der ländliche Raum nicht nur Perspektive, sondern wird ein Raum sein, der beneidet wird.

meine Bewertung

Ich fand den Vortrag von Theising wirklich gut! Er hatte viel Lob mitgebracht für die Landwirte, aber Problemfelder nicht ausgeblendet. Er hat eine Basis geschaffen, auf dem ein Dialog aufgebaut werden könnte. Denn natürlich gibt es viele Stellen, an denen wir besser werden müssen!
Mit ewiger undifferenzierter Kritik wird man keinen fruchtbaren Boden schaffen, gemeinsame und von möglichst vielen Bauern getragene Kompromisse zu erarbeiten und umzusetzen.

Einen kleinen Wehrmutstropfen habe ich allerdings auch an dieser Stelle: Theising forderte, die Kirche dürfe sich nicht von ländlichen Gebieten verabschieden. Ich merkte in der Diskussion an, dass viele Landwirte zumindest irritiert sind, angesichts des Radiowortes des Berliner Bischofs zur IGW 2107, angesichts einiger Kampagnen von Misereor. Theising stimmte meiner Sicht im Wesentlichen zu. Auch innerhalb der Kirche -hinter den Kulissen- werde über das Land diskutiert. Und dabei seinen einige kritischen Stimmen auch schon schlauer geworden. 😉

2 Gedanken zu „Landwärts

  1. Dieses Thema ist wirklich hochbrisant und es beschäftigt mich immer wieder (obwohl ich nicht am Land lebe). Was mir fehlt, sind statt Lippenbekenntnissen innovative Ideen, wie das Land für seine Bevölkerung in Zukunft attraktiver wird. Vielleicht gibt es diese konkreten Ideen ja, sind nur noch nicht durchgedrungen.

  2. Wir dürfen gespannt sein , ob kritische Kirche sich auch weiterhin mit Tierethik und Ökologie in den allseits bekannten und nicht zu ubersehenden Spannungsfeldern auf den Dörfern beschäftigen wird.
    Oder ob diese Kräfte vom Bischof und anderen “ schlauer “ gemacht werden und wohl nur der Mensch als Krone der Schöpfung in den Focus gestellt wird.
    Veranstaltungen von kirchlichen VHs zu Saisonarbeitern oder anderen sozialen Themen sind erste Anzeichen einer Ablenkungs -und Vermeidungsdiskussion in der Kirche.
    Leider war Kirche in der Vergangenheit oft zu feige ,um die Ursachen und Effekte einer rücksichtslosen Politik und Wirtschaft deutlich zu benennen.

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