Ode an das böse Bäuerlein*

Liebe Anita,

in dem hier verlinkten offenen Brief bzw. dem dazugehörigen Video behauptest Du, Ihr Landwirte seid Menschen.

Fast drei Jahre bin ich jetzt zum Thema konventionelle Landwirtschaft auf Sendung, bei Facebook, SPON, der SZ, der ARD; bei Greenpeace und dem BUND. Und wie sie alle heißen.

Liebe Anita,
werte Landwirte,

stellt Euch endlich den Tatsachen: Ihr seid Brunnenvergifter, Tierquäler und Umweltsünder. 80 Millionen Stadtbewohner, Stadtrandbewohner, SUV-Fahrer und Umweltschutz-Aktivisten sowie zahlreiche Politiker und viele Journalisten können einfach nicht irren.

Nanana, höre ich Protest? Müsst Ihr immer so kleinkariert Verbraucher- und Journalisten- und NGO- und Politikeraussagen zerpflücken? Und dann auch noch was von Ausbildung, Berufserfahrung und so hüsteln? Meinung und Haltung schlagen Expertise, Meinung und Haltung schlagen Tatsache, aber mit Schmackes. Isso. Dann Eure Proteste gegen die Bauernregel-Plakataktion von Ministerin Barbara Hendricks aus dem Bundesumweltministerium. Wie konntet Ihr nur so frech sein und Euch bis ins Mark verletzt fühlen? Landwirte haben keine Gefühle.

Man kann doch nicht vom aufgeklärten Deutschen Michel, der die Google-Universität mit Einsplusmitsternchen absolviert hat, erwarten, dass er Eure Expertise anerkennt, Euch Emotionen zugesteht. Ich bitte Euch. Weiß doch jedes Kind, dass man nichts über Landwirtschaft bzw. Landwirte wissen braucht und trotzdem mitreden kann. Dass ein Gespräch mit Euch finsteren und empathiebefreiten Gesellen ja wohl gar nicht geht. Eine Agrarwende macht man besser ohne Euch.

Wie jetzt. Bin ich gemein? Typisch. Ihr Jammerlappen. Ihr könnt nichts anderes als rumjaulen. Sich gegen Kränkungen oder ungerechtfertigte Behauptungen zu Wehr setzen, das ist dem Rest der Republik vorbehalten. Da ist Meinungsstärke vornehme Bürgerpflicht. Euer Fall ist anders gelagert, Ihr seid getroffene Hunde, die bellen! Ihr seid hysterisch. Erinnert Euch an die vielen Facebook-Kommentatoren beim Umweltministerium, die Feuer spuckten, weil Ihr es gewagt hattet, Eure Klappen weit aufzureißen. Eure massenhaften Proteste haben bloß Eure Schuld bewiesen. An allem. Erwischt!

Tierquäler!

Ihr jault ständig. Wenn Mitglieder von Tierrechtsorganisationen bei Euch bzw. Euren Kollegen einsteigen, seid Ihr am jaulen. Was ist schon so schlimm daran, wenn fiese Bilder aus den Ställen über den Äther gehen? Meine Güte, da wird man halt mal eine Weile massenmedial fertig gemacht. Immerhin könnt Ihr Eurer Zunft zugutehalten, dass es unsere Qualitätsmedien sind, die Euch an die Wand klatschen. Die ein Bild von Tierquälerei als Alltag zeichnen, obwohl es Ausnahmen von einer unspektakulär anzusehenden Regel sind. Darauf kann man schon stolz sein. Ihr wart im Fernsehen. Oder in der Zeit. Heho!

Die Gerichte sprechen viele von Euch frei bzw. Verfahren werden eingestellt, weil sich Material als manipuliert erwiesen hat bzw. keine Beweise für Missstände erbracht werden konnten. Reicht doch. Oder etwa nicht? Einen Ruf habt Ihr schließlich nicht zu verlieren. Ihr seid Landwirte, Ihr habt keinen, Ihr seid per se hysterisch. Wie, schon wieder Mecker? Meine Güte, wenn die Öffentlichkeit meint, sie wisse Bescheid, dann ist das halt so. Dazu braucht man doch keinen Stall von innen gesehen haben.

Brunnenvergifter!

Anita, jetzt mal im Ernst: Natürlich weiß jedes Kind, dass Ihr den Leuten ihr Trinkwasser mit Nitrat vergiftet. Dass Ihr es seid, die Umwelt und das Klima unangespitzt in die Tonne tretet. Weil Ihr so geldgeil seid. Was ist das bloß für eine Sauerei? Na klar, jetzt kommen wieder diese kleinkarierten Einwände. Messmethoden und Anzahl der Messbrunnen sind nicht repräsentativ? Gülle ist bei weitem nicht die einzige Nitratquelle? Pah. Stellt Euch nicht so an. Und überhaupt, das Nitratthema steckt so voll von komplexen Wenns und Abers, wer hat heute noch die Zeit, das mal aufzudröseln? Kaum einer. Also! Daher könnt Ihr doch nicht einfach hingehen und Journalisten vorwerfen, ihre Arbeit nicht sorgfältig gemacht zu haben!

Screenshot Beitrag Raether

„Always look on the bright side of life… If life seems jolly rotten, there’s something you’ve forgotten! And that’s to laugh and smile and dance and sing (…) Schon das Alte Testament empfahl munteren Gesang gegen die Absurditäten des Lebens. Und absurd ist der völlig recherchebefreite Auszug aus dem Beitrag „Blut und Wasser“, Die Zeit, 13. Juni 2017.**

Oder wenn der grüne Landwirtschaftsminister Christian Meyer auf Basis einer Studie des Umweltbundesamtes, die er nicht gelesen hat und deren Aussagen er nicht kennt, faktenbefreit in die Weltgeschichte hinaustwittert, Trinkwasser werde teurer – meine Güte, wer wollte da wohl auf Wahrhaftigkeit beharren? Nur Ihr, die ewig unzufriedenen Bäuerlein. Parteigrün schlägt grüne Berufe. Fakt!

Minister Christian Meyer macht aus einem Szenario einen Fakt

Umweltsünder!

Dass sich die Deutschen in 25 Jahren massenmedialer Aufklärung über den menschengemachten Klimawandel einen feuchten Kehrricht fürs Klima interessiert haben – issdochlogisch, dass geldgeil den billigsten Flieger nach Malle besteigen total in Ordnung geht. Jetzt erst recht. Pro Woche auf zwei Stücke Fleisch verzichten, dann gehen neben Ballermann & Friends auch der SUV sowie der Australientripp der Sprösslinge doch völlig in Ordnung. Und wer wollte sich darüber aufregen, dass für den Hofreiter Toni andere Regeln gelten? Anderen Leuten Klimaschutz predigen, aber selber in die Arktis fliegen, obwohl die dort eingeholten Infos eine S-Bahnfahrt weiter zu haben gewesen wären? Alle Menschen sind gleich, nur manche gleicher.

Dass viele Deutsche Michel ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen können, dass sie schön an die Autobahn angebunden bei Ikea und Obi und im Media Markt shoppen können und außerdem jede Menge Jobs in Gewerbegebieten finden – wer will es ihnen missgönnen? Ihr natürlich! Ihr seid so unverschämt und hebt anklagend den Finger, wenn es darum geht, dass der Landwirtschaft zum fünf Millionsten Mal die Schuld in die Schuhe geschoben wird für den Verlust an Biodiversität. Und weist darauf hin, dass jeden Tag 70 Hektar Ackerland aus der Bewirtschaftung genommen werden. Auf dem Altar des Allgemeinwohls geopfert. So ein schöner Tod! Dass sich das negativ auf die Biodiversität auswirken könnte. Schwamm drüber. Einfach mal die Klappe halten!

Könnt Ihr das noch immer nicht verstehen? Das sollte doch allmählich mal in den Köpfen angekommen sein. Differenzierungen sind gerade Mangelware, Pauschalisierungen in. Eine landwirtschaftsferne Öffentlichkeit, vom Verbraucher über Parteien und Medien bis hin zu Nichtregierungsorganisationen haben die Deutungshoheit über die Landwirtschaft. Und der Deutsche braucht nun mal seinen Sündenbock. Zum Henker, was soll daran so schlimm sein?

Macht einfach Eure Arbeit. Die anderen 80 Mio sorgen für die Meinung und den ganzen Rest.

*Sarkasmusmodus aus.*

Liebe Anita,
werte Landwirte,

Ihr tut mir von Herzen leid.

Jeder erwartet, dass Ihr auf die Verbraucher zugeht. Ihnen erklärt, was Ihr macht. Dass Ihr dialogbereit seid. Bereit für Veränderungen. Und für wen das alles? Für die Verbraucher, die viel einfordern, selbst aber kaum bereit sind, Eure Anliegen und Eure Expertise ernst zu nehmen, noch konziliant auf Euch zuzugehen. Denen die vielen Anstrengungen, die Ihr unternommen habt, komplett am Popo vorbei gehen. Über die auch kaum ein Medium berichtet.

Die aber jeden Tag Eure Arbeit mit den Füßen unterstützen beim Einkauf. Alle. Vom Fruktarier über den Veganer und Vegetarier sowie Flexitarier bis hin zum leidenschaftlichen Fleischesser. Schimpfen – ja, mal ein Dankeschön – nein!

Obwohl – das ist unfair gegenüber den Verbrauchern. Laut Experten ist es schließlich nur eine kleine, meinungsstarke Elite, die in den Soziale Medien oder generell in den öffentlichen Debatten den Ton angeben. Die Euch fertig machen. Die stumme Mehrheit im Lande freut sich über preiswerte Lebensmittel, darüber, dass sie sich so vieles leisten können. Ist schließlich auch eine soziale Errungenschaft. Und viele sagen dankeschön! Einfach mal so.

Die kleine, sozial-desintegrierte bürgerlich-intellektuelle Elite werdet Ihr nie zufriedenstellen können. Die wollen die Zwangsökologisierung der deutschen Landwirtschaft ohne Rücksicht auf Verluste – sie können es sich schließlich leisten. Was für ein arrogantes, elitäres Pack! Und dann die grässlichen Medien. Die so viel Unfug verbreiten, dass es fast weh tut. Die damit eine Stimmung im Land erzeugen gegen Euren Berufsstand, die nur noch schwer auszuhalten ist.

Das Leben ist komplex mit vielen Graustufen!

Obwohl. Auch das kann man so nicht stehen lassen. Ganz im Gegenteil. Also Schluss mit dem pauschalen Abgewatsche. Fakt ist doch: Es gibt solche und solche. Die schwarz-weiße Brille taugt nullkommanüscht.

Außer dass es das Leben angenehmer macht. Sich mit Fakten, mit anderen Perspektiven auseinandersetzen und das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit verkomplizieren das Leben ganz schön. Andererseits: Wenn man sich das alles erspart und noch moralisch auf der richtigen Seite wähnt – da geht aber die Luzie richtig ab. Macht Spaß, dieses Rumgeschipfe. So befreiend. Ich habe jetzt eine leichte Ahnung. 😉

Sorry. Ist wieder so entsetzlich lang geworden. Eigentlich wollte ich nur ein Video teilen. Und dann ist mir die Maus ausgerutscht!

Noch zwei Sätze und eine Runde „Galgen“humor zum Schluss:

Ihr bösen Bäuerlein, wenn es Euch Sündenböcke für alle Fälle nicht gäbe – man müsste Euch glatt erfinden! Aber wie sagte mal ein kluger Mensch: Always look on the bright side of life! 😉

Zu Anita:
Anita Lucassen (so heißt sie mit Nachname) ist eine „kuhle“ Landwirtin und stellt mit ihrer Familie und ihren verbeinigen Damen richtig was auf die Beine. Das ist natürlich an BlogAgrar nicht unbemerkt vorbeigegangen: Barbara trifft Barbara!

*Die Ode an das böse Bäuerlein habe ich verfasst, kurz nachdem die „neuen Bauernregeln“ des Bundesumweltministeriums online gegangen waren. Die Grüne Woche hatte gerade erst ihre Pforten geschlossen. Es war eine Zeit, in der mit der Branche so hart ins Gericht gegangen wurde, wie ich es zuvor noch nicht erlebt hatte. Meine „Schimpfkanonade“ war eine Reaktion auf diese Wochen. Geplant war, sie bei Facebook hochzubeamen. Das ist irgendwie untergegangen.Gestern galoppierte sie mir zufälligerweise über den Weg. Wir befinden wir uns zwar im Juli, an der Intensität, mit der auf die Landwirtschaft eingedroschen wird, hat sich allerdings nichts geändert. Daher geht das Stückchen jetzt online. Leider ist es sehr lang geworden – mir ist die Maus ausgerutscht. 😉

**Die Verfasserin des Zeit-Beitrages „Blut und Wasser“  vom 13. Juni 2017 hat die Studie des Umweltbundesamtes eindeutig nicht gelesen. Trotzdem schlägt sie einen sehr harten Ton an und watscht mal eben so im Vorbeigehen eine ganze Branche ab. Das passiert leider öfter. Was es mit der UBA-Studie auf sich hat, erläutert Schillipaeppa in ihrer Geschichte einer Meldung.

7 Gedanken zu „Ode an das böse Bäuerlein*

  1. Es ist nicht nur die kleine elitäre Gutmenschelfraktion, die in den Medien den Ton gegen die Landwirte angibt. Es sind auch Prolle, Thumber Mob und Assis. Durch ihren lautstarken Auftritt suggerieren sie eine Mehrheit. Diese ist aber faktisch nicht vorhanden. Es ist eine kleine Minderheit. Der stille Mitleser ist zumeist auf der Seite der Landwirte. Eigentlich könnte man sich beruhigt zurücklehnen und den Hass an sich abprallen lassen. Aber da die Medien die Hetze von NGOs und Grünen immer gierig aufsaugen und weiterverbreiten, muß man sich wehren. Ansonsten wirkt der mediale Dauerbeschuß auf die Zweifler und steigert deren Anzahl. Nichts zu tun und auszusitzen wird als Schuldeingeständnis interpretiert, sich zu wehren wird mit dem dümmlichen „Getroffene Hunde“ – Spruch gekontert. Mit diesem Spruch wird jedes Recht auf Verteidigung ad absurdum geführt.. wenn das den stillen Mitlesern klar wird, hat man gute Chancen, die Mehrheit auf seiner Seite zu halten.

    1. Was für Kämpfe kämpfen Sie eigentlich, und gegen welchen Popanz? Ihre obigen Gedanken sind strukturiert wie die eines Salafisten. Auch diese Weinerlichkeit der besagten Anita und ihr zur Schau gestelltes Persönlichnehmen der Thematisierung negativer Auswirkungen bestimmter Bewirtschaftungsweisen – wer soll damit erreicht werden? Erwartet man wirklich Mitleid von Außenstehenden? Das kommt rüber wie das Jammern und „Bitte bitte“ einer auf dem Boden sitzenden Bettel(mafia)frau. Es ist einfach unwürdig, völlig egal was irgendwelche NGOs und Presseleute angeblich veranstalten. Warum argumentieren Sie nicht einfach, wie jeder zivilisierte Mensch?

      1. Man muss auch mal den Frust rauslassen. Ich glaube nicht, dass andere Berufe gelassener auf solchen Gegenwind reagieren würden.

      2. @AdT In der Schule wie im Journalismus wie in der Literatur gibt es unterschiedliche Stilformen, etwas auszudrücken. Ich hätte Ihnen allen auch ein dadaistisches Gesicht liefern können. Oder ein verbales Gemälde à la Jackson Pollock. Habe ich nicht. Meine Entscheidung. Ihre Meinung. Und alles wird gut!

  2. Der stille Mitleser registiert sehr wohl, das Ihr Weltbild dem eines typischen Funktionärs des Landvolkverbandes entspricht, nämlich aus Gutmenschen und Assis auf der einen und rechtschaffenden Landwirten auf der anderen Seite.
    Diese Durchhalteparolen sind doch längst überfällig,wenn Sie wirklich etwas für Ihren Berufsstand bewirken wollen.
    Die stillen Mitleser haben doch schon lange Zweifel an Ihrer Führungsstrategie und Kompetenz, weil immer mehr Höfe“ verrecken“, die mit einer anderen Politik noch eine Chance hätten.

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